Ein Western

 

 

 

 

Die Stadt, in der Barlow wohnte, war groß und trocken und krachend arm. Sie war wie eine Westernstadt, deren bereits unsinnig gewordene Verkommenheit in jedem Kameraaufzug entsprechender Filme mit den tiefsten Cellotönen kommentiert wird.

 

Alle nannten sie Barlow. Sie bekam damit jene Achtung und Vertraulichkeit, welche in der Nennung des Vornamens liegt, und gleichzeitig auch das Verächtliche, das derjenige erfährt, den man mit bloßem Nachnamen anruft. Barlow war bleich, sie hatte wunderbar dichtes, blondes Haar und einen gut durchbluteten Puppenmund. Von schmutzigen, starken Männern war sie leicht zu haben, in Hauseingängen, auf Kellertreppen, hinter Vorhängen. Es war immer eine unsägliche Lust, und immer vergaß sie es wieder fast vollständig, denn sie wollte keine Hure sein, und dazu gehörte es für Barlow, unreinen Dingen keine Erinnerung zu gestatten.

 

In dieser Stadt, einem Geschwür auf einer Welt, die aus allen Poren nach Gott brüllte und die jeden Engel, der sich sehen ließ, sofort hinschlachtete, wartete Barlow auf ihre Liebe. Sie verdiente sich ein wenig Geld als Zimmermädchen, und sie dachte, dass ihre Liebe ganz gewiss kommen würde, denn sie hatte wunderschöne, bleiche Füße. Gewiss, ihre großen Zehen kamen ihr manchmal nach längerer Betrachtung etwas charakterlos vor, aber das würde sie ihn nicht merken lassen.

 

Sie traf ihn, als sie aushilfsweise servierte. Allein saß er an einem Holztisch und trank Whisky. Er trug einen gelbgrauen Anzug, hatte einen kleinen Hut und war unrasiert. Es war leer im Saloon, er zog ihr einen Stuhl heran und redete mit ihr. Sie wusste sofort, dass er es war, und sie wusste, dass er es wusste; es war egal, was er sagte, mit seiner tiefen Stimme. Barlow war glücklich.

 

Er nahm sie überall hin mit, er achtete auf sie, er streichelte ihren Mund, die Ränder ihrer kleinen Ohren und ihre Fesseln. Wenn er mit anderen Männern wortarme, karge Geschäfte besprach, saß sie mit dabei und fühlte sich seltsam heilig, ihre kleine Handtasche auf den runden Knien. Nachts leckte er ihre Füße, bis es ihr kam, und sie verachtete ihn ein wenig, weil er nicht bemerkte, dass ihre großen Zehen etwas charakterlos waren.

 

Dann gab es diese Schwierigkeiten, kurz, bevor sie wirklich reich geworden wären. Er und Barlow standen hinter einer Häuserecke und waren arg unter Beschuss. Er verlangte ihren Schminkspiegel aus der Handtasche, er wollte ihn um die Ecke schieben, aus der pfeifende Kugeln Putz herausbrachen, um zu sehen, wie viele es waren, und wo sie standen. Zum ersten Mal verweigerte ihm Barlow etwas, und sie war seltsam gespannt, ob er sie schlagen würde. Er schlug sie nicht, er bog das Handgelenk um die Ecke und schoss ein paar Mal, um Zeit zu gewinnen, und er ließ sich von ihr geduldig die Geschichte erzählen, von dem Cheyrokeemädchen, das ihren Spiegel an eine Freundin verborgte, kurz, bevor das Dorf überfallen wurde. Ein Pfeil zerschlug den Spiegel und der Geliebte des Cheyrokeemädchen wurde von den Kriegern tot ins Dorf zurückgebracht, drei Pfeile im Herzen.

„Geschichten“, lächelte er. „Komm, Barlow, gib mir jetzt bitte den Spiegel.“ Sie weinte und nickte. Während sie in ihrer Tasche kramte, trat sie einen kleinen Schritt vor, und sie schossen ihr einen Absatz weg. Da mussten sie beide lachen. Er schob den Spiegel vorsichtig um die Ecke, eine Kugel schlug ihm das Glas sofort aus der Hand, und es zerspellte auf dem Straßenpflaster „Siehst du!“, flüsterte Barlow, und sie zitterte.

 

Sie entkamen, aber fortan verfolgte sie das Unglück. Es endete einen Monat später an einem der alten Kais, auf einem halb verfaulten Schiff, in einer warmen Vollmondnacht. Er erledigte viele. Dann lagen sie beide hinter toten Männerkörpern, die scharf nach Rasierwasser dufteten und in die dumpf patschend die Kugeln einschlugen, und sie bettelte ihn an, sich zu ergeben. Sie dachte sich, dass er im Gefängnis an ihre Füße denken könnte, und dass es ihm dann gut gehen würde. „Ergib dich“, sagte sie, „Meine Liebe wird nie enden.“ Barlow lud den dritten und vierten Colt nach. Er sah sie an. „Da war mal eine Frau, Barlow“, sagte er, und er schoss aus beiden Händen. „Sie war nicht wie du, es ist lange her.“

 

Barlow zog aufmerksam den Kopf ein, wegen einer Kugel, die vorübergejammert war, dann schaute sie nach, ob er lächelte. „Es sind ziemlich große Kugeln, glaube ich“, sagte sie. Er nickte. „Aus Polizistenrevolvern. Weißt du, sie hatte ein Kind, Barlow, so ein Kleines.“

„Hast du sie geliebt?“

„Sie hat, kommt doch, ihr Dreckschweine, sie hat mich geliebt. Und irgendwann hat sie zu mir gesagt: ‚Fahr zur Hölle!’ ‚Warum?’, habe ich gefragt. ‚Damit der Junge an etwas glauben kann!’ Weißt du - ich habe lange überlegt, ob ich’s tun sollte.“

„Aber nun weißt du es?“

Freundlich sah er sie an, mit genau demselben Lächeln in den Augenwinkeln, das Barlow bemerkt hatte, als sie ihn im Saloon zum ersten Male sah. Dann erhob er sich, und einer der Cops erschoss ihn. Der Polizeichef selbst war anwesend, er trat an den Sterbenden heran und sah ihm ehrlich in die Augen.

„Die Party ist aus“, sagte er leise. „Aber wenn es dir da drüben weiterhilft: Ich habe dich geachtet.“ Sein Kopf sank in Barlows Schoß.

 

Barlow schaute auf. Sie sah die schmalen Handfesseln am Gürtel des Polizeichefs. Irgendwie hätte sie es gerne gehabt, wenn er ihr den Stahl um ihre schmalen Handgelenke gelegt hätte. Barlow sah sehr schön aus, wie sie da saß, inmitten der riesenhaft aufragenden Polizisten, inmitten der Leichen, auf einem alten Schiff, im stinkenden Hafen dieser verrotteten Stadt am Rande des Universums.

 

 

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© Robert L. Sanatanas 2017

Barlow

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