Rote Abendsonne kitzelte durch die weit geöffneten Fenster in das Café hinein. Ich schrieb vor mich hin, und der Kerl vom Nebentisch, einen großen Cremetortenkrümel am Mundwinkel, sagte tatsächlich: „Wenn ich ihnen so zuschaue.“

Was sollte ich erwidern? Ich erwiderte: „Ja. Wenn sie mir so zuschauen.“

Darauf er: „Wenn ich ihnen so zuschaue, dann frage ich mich.“ Und ungeduldig wartete er, wann ich mich zu fragen anfangen würde, was er sich wohl fragen könnte.

„Also gut“, gab ich nach einer langen, peinlichen Weile auf, „Was fragen sie sich?“

„Ich frage mich“, fragte der Kerl,  „Was wohl eher da war - die Liebe oder der Hass?“

„Sie haben da einen ekelerregenden Kuchenkrümel an der Backe kleben!“, versetzte ich nicht ohne Verblüffung.

„Wange heißt das“, sagte der Kerl, und er wischte.

„Ja“, meinte ich, „Bei manchen fällt einem ‚Wange‘ ein. Bei ihnen ist mir ‚Backe‘ eingefallen.“

„Sie wollen nicht etwa beleidigend werden?“, fragte der Kerl erfreut.

„Oh nein“, versicherte ich, „Ich bin nur wegen ihrer intelligenten Frage ein wenig aus der Fassung geraten.“

„Wegen meiner Frage?“, fragte der Kerl.

„Ja“, erwiderte ich, „Erinnern sie sich denn nicht mehr? Soeben fragten sie mich, was eher dagewesen sein mochte, die ...“

„...Liebe oder der Hass, ich weiß. Aber sie haben nicht richtig zugehört! Denn ich habe gesagt: ‚frage ich mich‘, und nicht: ‚frage ich sie‘. ‚Mich‘, nicht: ‚sie‘!“

„Und doch“, gab ich mit erhobenem Zeigefinger zu bedenken, „haben sie sich das einzig deswegen gefragt, weil sie 'mir so zuschauten’. Der Anlass ihrer Frage war, 'mir so zuzuschauen’. Sie haben eingeleitet, mit: ‚Wenn ich ihnen so zuschaue!’“

„Na, also ich glaube ja, es war der Hass!“, knurrte der Kerl und betrachtete mich geringschätzig.

„Ach, und warum? Warum soll nicht die Liebe zuerst dagewesen sein?“

„Das“, erwiderte der Kerl, „ist mir egal. Ich glaube, der Hass war eher da. Ich glaube es einfach. Weshalb soll ich darüber nachdenken, warum ich etwas glaube? Es war der Hass, fertig. Als Erstes war der Hass da. Punkt. Der Hass.“

„Wenn ich ihnen so zuhöre“, sagte ich.

„Dann was?“, fragte der Mann.

„Dann frage ich mich:“, fuhr ich fort, „Was ist: ‚Da‘?“

„Da?“

„Ja. Da.“

„Wo?“

„Nun - dieses gewisse 'da', wo entweder die Liebe und der Hass zuerst gewesen sein sollen.“

„Bitte Hass zuerst, so weit ist das ja wohl jetzt schon klar“, sagte der Kerl.

„Gut. Aber etwas, das ‚da’ ist, egal, ob es zuerst da ist, oder später: Wo ist für dasjenige: ‚Da’?“

„Ah, einen Ort also meinen sie“, murmelte der Kerl.

„Sie waren zuerst hier“, nickte ich beiläufig.

„Wollen sie damit andeuten, ich sei der Hass?!“, rief der Kerl beeindruckt aus.

„Immerhin“, rief ich zurück, „hatten sie einen Kuchenkrümel an der Backe!“

„Und?“, rief der Kerl noch etwas lauter, „Was bedeutet das schon?! So ein lächerlicher Krümel! Das sagt noch gar nichts!“

„Oho!“, erwiderte ich noch etwas lauter, „Gerade die winzigen Kleinigkeiten! Gerade die! Ich kam, sah sie da sitzen, und ich dachte sofort: Möglicherweise ein Zeichen.“

„Ein Zeichen?“

„Jawohl. Sie saßen da, hatten diesen widerwärtigen Krümel und schrieben so seltsam in ihr Heft. Überhaupt: Zeigen sie doch mal her, was schreiben sie da eigentlich? Geben sie doch mal das Heft her!“

„Nein!“, rief der Mann erschrocken, „Ich zeige es Ihnen nicht!“ Und er presste sein Heft an die Brust.

„Los, haben sie sich nicht so!“, verlangte ich.

„Doch!“, rief der Mann, „Ich habe mich so. Ich habe nämlich sonst nichts. Nur mich. Also habe ich mich! Und zwar so!“

„Na, also, ich finde ja“, äußerte ich verächtlich, „Unser Gespräch nimmt eine unangenehm persönliche Wendung.“

„So etwas“, rief der Mann, „ahnte ich bereits, als sie hier hereinkamen!“ Er zeigte ein zutiefst enttäuschtes Gesicht.

„Ja, dann hätten sie doch einfach nichts zu mir gesagt!“

„Kann ich etwa nicht sagen, was ich will?“, rief der Mann, „Ich kann sagen, was ich will!“

„Ich ebenfalls!“, rief ich.

„Dann ist ja alles in Ordnung“, erwiderte er.

Wir schwiegen.

Ich holte mein Heft wieder aus der Tasche und schrieb eine Zeile. Der Mann schaute misstrauisch. „Dieses Heft ähnelt sehr dem meinen...“, sagte er nach einer Weile.

„Vielleicht“, versetzte ich, „Aber die Inhalte dürften sich doch wohl sehr unterscheiden.“

Der Mann winkte ab. Wir schwiegen wieder.

„Sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig…“, flüsterte der Mann und tippte mit seinem Kugelschreiber auf verschiedene Worte in seinem Heft.

„Dreihundertvier, siebenundsiebzig, fünfundzwanzig, Pi, dreizehn, Quatsch mit Soße, neunkommaeins, Wurzel aus acht…“, murmelte ich hörbar.

„Verdammt!“, rief der Mann. „Wegen ihnen habe ich mich jetzt verzählt!“

„Ja, verdammt!“, rief ich zurück, „Von wegen sie sich wegen mir! Ich mich wegen ihnen!“

„Wie sie lügen!“, sagte der Mann anerkennend.

„Und wie wenig sie es beweisen können!“, gab ich hinzu.

„Sie haben gar keine Wörter gezählt, nicht wahr?“, fragte der Mann traurig.

„Gar-keine-nicht-wahr…“, wiederholte ich mit mitleidigem Gesicht, „Sie scheinen der menschlichen Sprache nur rudimentär mächtig zu sein...“

„Hoho! Das war nicht schlecht!“, äußerte der Mann anerkennend. Dann sagte er bedauernd: „Es tut mir leid, ich muss jetzt trotzdem Kuchen essen.“

„Vierhundertdrei, neunhundertvierundzwanzigkommaelf“, murmelte ich.

„Stellen sie sich einmal vor“, sagte der Mann, „Sie hätten einen Krümel an der Lippe, und ich würde es ihnen bloß nicht sagen.“

„So einer sind sie also“, sagte ich.

„Nein, so einer bin ich nicht. Aber stellen sie es sich doch einmal vor.“

„Wie käme ich denn dazu? Was hätte ich davon?“ Entrüstet blickte ich ihn an.

Auch der Mann schaute streng. „Vielleicht hätte ich ja etwas davon!“, rief er.

„Und warum sollte ich mich verpflichtet fühlen, etwas zu tun, wovon sie etwas haben?“, fragte ich schroff.

„Mein Leben war nicht schön“, seufzte der Mann.

„Möglicherweise achten sie ja zu wenig auf sich“, gab ich zu bedenken. „Möglicherweise hatten sie schon ziemlich oft Krümel an der ---“

„Na?“, fragte der Mann.

„Wange“, vollendete ich sanft.

„Bestimmt nicht oft“, sagte der Mann. „Ich hasse Kuchen.“

„Schon immer?“

„Nein“, erwiderte der Mann, „Als Kind nicht.“ Sinnierend hob er den Blick und wiederholte dann träumerisch: „Als Kind nicht.“

„Also war die Liebe zuerst da“, sagte ich.

„Nein, der Hass“, beharrte der Mann. „Da hilft ihnen der Kuchen gar nichts. Mein Leben war nicht schön.“

„Ich glaube, meines ist es auch gerade nicht“, knurrte ich.

„Haben sie eigentlich eine Freundin?“, fragte der Mann mit plötzlich unangenehm teigig gewordenem Gesichtsausdruck. Ich verneinte.

„Sie müssen einfach an Gott glauben!“, riet der Mann. „Wenn sie an Gott glauben, locken sie Frauen an. Glauben sie indes an Frauen, locken sie Gott an. Was ist ihnen lieber?“

Ich fragte: „Und wenn die angelockten Frauen schließlich da sind - muss ich dann immer weiter an Gott glauben?“

„Natürlich!“, rief der Mann überzeugt. „Sonst locken sie ja Gott an! Und Gott will immer, was sie wollen, also auch dieselben Frauen! Traurig, nicht wahr?“

Ich schüttelte den Kopf und schwieg.

„Aha! Sie verachten mich?!“, rief der Mann empört.

„Oh nein“, erwiderte ich. „Ich verachte sie nicht nur einfach, ich gebe sie auf.“

Er stutzte, dann lachte er. „Versuchen können sie’s ja“, winkte er ab.

„Schon geschehen“, antwortete ich. „Der Rest ist ganz alleine ihre Anstrengung.“

„Verstehe“, knurrte der Mann zurück. Er winkte dem Kellner, bedeutete ihm, sich zu ihm herunterzubücken, er flüsterte ihm etwas zu und begann daraufhin wieder in sein Heft zu schreiben. Ich schrieb in meines. Der Kellner stellte ein vertrocknetes Stück Kuchen vor mich hin.

„Von dem Herrn dort“, murmelte er verlegen.

„Das müssen sie nicht so verlegen sagen!“, rief der Mann.

„Da brauchen sie nicht so verschämt zu grummeln!“, rief ich.

„Oh, pardon“, nuschelte der Kellner errötend.

„Und klirren sie nicht so mit der Gabel beim Servieren!“, tadelte der Mann. Der Kellner nickte und ging.

„Für mich?“, fragte ich den Mann.

„Für wen denn sonst?“, antwortete der Mann.

Ich kostete. „Wunderbarer Kuchen“, log ich.

„Ich weiß“, gab der Mann zurück.

Wir schrieben in unsere Hefte.

„Hass“, ließ sich der Mann wieder vernehmen, „Hass ist um einen Buchstaben kürzer als Liebe.“

„Ich verstehe.“

„Über Hass schreiben spart im Vergleich zu über Liebe schreiben pro Erwähnung einen Buchstaben“, sagte der Mann. „Folglich stiehlt Liebe Zeit. Hassen ist Sparen.“

Ich nickte. „Im Himmel ist Jahrmarkt“, erwiderte ich.

„Essen sie mal lieber ihren Kuchen!“, ordnete der Mann an. Eine Weile sah er mir zu, wie ich abwechselnd zur Gabel und zum Stift griff.

„Ich glaube“, meinte der Mann schließlich sehr ernsthaft, „Sie werden einmal ein gutes Buch schreiben. Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das ein gutes Buch wird.“

„Das kann ich mir für sie auch sehr gut vorstellen“, erwiderte ich.

 

Und dann saßen wir da, wo hinter den alten, grauen Häusern die rote Sonne versank, wir atmeten Abendluft, und wir stellten uns jeweils für den anderen ein sehr gutes Buch vor.

 

 

***

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Sein Leben war nicht schon

Zurück zu den Leseproben

Site:  R. L. Sanatanas Berlin 2017   |   Alle Rechte © an Text und Bild beim Autor