Ein Rustikal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An einem sonnigen Herbstabend zu der Zeit, als große Teile der Welt in Trümmern und Blut versinken, steigt der Rieper-Sepp frohen Herzens den Berg hinab. Auf des Sepps breiter Schulter wippt die Fichtenbohle, die er sich beim Tromm-Huber hat schreinern lassen, das Brett für über der Türe vom zukünftigen, eigenen Haus.

In das Brett hat ihm der Tromm-Huber „Gott schlägt nieder - hülfft auch wieder!“ eingebrannt, mit verschnörkelten, alten Buchstaben und ringsherum noch ein schön geschwungenes Ziermuster aus Rosen mit langen Dornen, alles für einen guten Preis. Manchmal bleibt Sepp stehen, er atmet tief ein und blinzelt hinauf zu den weißen Wolken mit den dünnen, violetten Rändern am hohen Himmel.

 

Der Maultrommelwettbewerb würde dem Rieper-Sepp zu seinem Lebensglück verhelfen. Sein Lebensglück, das ist schon seit Monaten die Wilzinger-Annamarie. An die denkt der junge Rieper jetzt mit einem versonnenen Lächeln im gebräunten Gesicht; er sieht sie schon genau vor sich, wenn er sie vors fertige Haus am Hang führt, zu genau. Sepp hält es wieder nicht aus. Er verflucht sich ein bisschen, dann setzt er sich seufzend auf einen Stein am Wegrand. Vorsichtig lässt er das Brett neben sich nieder; er knöpft sich die wildlederne Hosenklappe auf und masturbiert heftig und unwillig, wobei er sich die vollen, roten Lippen der Annamarie vorstellt. Dann sieht er eine Weile kopfschüttelnd dabei zu, wie seine enorme Herausgabe im Moos vor seinen Schuhen versickert, und schließlich erhebt er sich rasch, und er schaut, eine seiner Fäuste wild nach oben schüttelnd, zum Himmel auf.

„Selber das größte Sündenpack gewest, und jetzt an mir eure Moral aufputzen woll‘n, euch werd ich was helfen werd ich euch was!“, brüllt mit einer steilen Zornfalte auf seiner Stirn der Rieper-Sepp, dass es von den hohen Bäumen her echot. Das ist ein durchaus erstaunlicher Satz für Hirschmooser Verhältnisse, fast eine Weisheit ist das. Sepp Rieper ruft noch ein lautes, klagendes: „Ach, ihr Scheißgesindel! Dreckige Sparschweine allesamt!“ hinterdrein, dabei in eine unbestimmte Gegend hin abwinkend. Darauf wischt er sich die Hand ausführlich im Blattwerk eines Preiselbeerbusches sauber; er packt erneut seine Oberschwelle, deren Gleichgewicht er sorgsam auf der Schulter austariert, und dann steigt er weiter ab ins Tal, wo im Schein des Abendlichtes warm die Dächer von Hirschmoos leuchten.

 

Eigentlich bräuchten wir uns den Sohn vom alten Rieper so genau gar nicht zu betrachten; wir werden nämlich bald genug sehen, dass er in der Geschichte, die hier erzählt werden soll, nur die Rolle eines Verlierers spielt, und Verlierer sind ja doch immer die, die wir am wenigsten uns gern für lange ins Gedächtnis prägen wollen. Warum wir uns aber jetzt trotzdem des Rieper-Sepps deutlicher als eines gewöhnlichen Komparsen annehmen müssen, das ist, weil er neben seinem Brett noch dieses andere, relativ winzige Detail mit sich trägt, ein wichtiges Requisit in unserem Stück. Sepp Rieper hält dieses zierliche Ding aus Metall gerade mit einer seiner starken Hände in der Hosentasche seiner Hirschledernen umklammert, ganz nahe an seinem mächtigen Glied, und es ist eine Trümpi. Und eine Trümpi, das ist eine Maultrommel.

 

Sebastian Rieper, während er sich seinem Heimatdorf nähert, freut sich still. Schon am Sonntag über die Woche nämlich würden sie alle nach Hirschmoos kommen, aus sämtlichen umliegenden Ortschaften würden sie herbeiströmen, denn dann war endlich der Maultrommelwettbewerb. Es blieb ihm bis dahin nicht mehr viel Zeit zum Üben. Lassen wir den Sepp also vorerst in Ruhe und sehen wir stattdessen nach der Annamarie.

 

Zur Annamarie können wir schon genauer hinschauen, sie gehört zu unseren Hauptgestalten. Sie hat weizenblonde, zu einem hübschen Kranz gesteckte Zöpfe aus dickem, gesundem Haar. Sie hat wiesengrüne, sanftmütige Augen. Eine Natur, die zum fröhlichen, blitzenden Necken neigt, wohnt behaglich in der schönen Annamarie, und sie lässt diese Neigung oft genug über ihre junge Zunge hinaus - in die Natur oder hinein in die Ohren ihrer Freundin Grete,  dass die Grete Entsetzen spielen und: „Also Annamarie, nein wirklich! Wenn das der Sepp hören tät!“, rufen muss.

 

Annamarie Wilzinger will den Rieper-Sepp nicht. Schon, der junge Rieper ist so schlecht nicht anzuschauen, immer freundlich ist er, ein großer, gerader Bursche von einem lebhaften, starken Wesen, und sein Vater, der alte Holzmacher-Rieper, gehört zu den angesehensten Leuten in Hirschmoos und ist nebenher auch noch einer der Reichsten im ganzen Tal. Aber irgendwas Dumpfiges ist da immer am Sepp, das ihn für die Annamarie abstoßend macht, und auch etwas Kasperlpuppenhaftes, so etwas Hölzernes, und als wenn seine Stirn und seine Backen nur apfelrot bemalt wären und nicht wirklich frisch und lebendig durchblutet. Zwar, die Annamarie hat mit aller Mühe versucht, das zu vergessen. Immer wieder aber, sobald der Sepp nur dichter kommt, wird ihr auf eine unsaubere Weise heiß am ganzen Körper; es spreizen sich der Annamarie die Finger weit auseinander vor Abscheu, so dass sie die Hände hinter ihrem Rücken verbergen muss, und das tut ihr ja auch leid, doch sie kann nichts tun dagegen. Und die Pfültzner-Gretel hat es auch gesagt, dass so ein Abspreizen ein natürliches Zeichen wär, eines, wogegen man nicht angrübeln sollt, und sie hat die Annamarie besorgt gefragt, ob sich ihr wohl manchmal gar auch die Zehen spreizen würden, was noch viel schlimmer sein würd, geradezu biologisch wär das dann.

 

***

 

Sebastian Rieper war an einem Abend im letzten Winter am Wilzingerhaus vorgefahren, mit einem extra mit frischem Tannengrün und Girlanden verschönten Landwagen, an dem jeder Gurt glänzte und jede Schnalle blitzte. Zwei dampfende Schwarze mit Puscheln und Zaumzeugzier hatte er vor dem Wagen gehabt, die sich die funkelnden Flocken aus den Mähnen schüttelten, wie der Sepp die Zügel scharf angezogen hatte und in seinen schweren Stiefeln abgesprungen war, dass der Schnee stiebte, und er sich die Pelzkappe grüßend vom Kopf gerissen hatte.

 

An diesem Adventsabend hatte der Rieper-Sepp in voller Tracht bei Vater und Mutter Wilzinger so formvollendet um die Hand der Annamarie angehalten, dass der Wilzingermutter heiß die Tränen in die alten Augen geschossen waren, und Annamarie selbst war auch beeindruckt gewesen. Doch wieder war sie die ganze Zeit das böse Gefühl nicht losgeworden, da stünde nur eine große Puppe vor ihr in der elterlichen Stube, eine Marionette, die an unsichtbaren Schnüren zappeln und ihre Aufwartung aus einem angemalten Holzmund sprechen würde. Und in der Nacht hatte sie entschlossen zum Vater gesagt: „Nein, Papa, ich kann nimmer eine Kasperlepuppe zum Manne haben, lieber häng ich mich an den Dachsparren hin!“

Der gütige, alte Wilzinger hatte aber, als alles gute Zureden zu seiner widersetzlichen Tochter nichts geholfen hatte, listig den Maultrommel-Wettbewerb mit dem greisen Vater Rieper verabredet, und bekannt gemacht, dass er demjenigen die Hand seiner Tochter geben würde, der die Maultrommel am Überzeugendsten ertönen lassen könne. Laut geheult hat da die Annamarie und wild getrampelt, aber am Ende ist sie doch still geworden, und der alte Wilzinger hatte das für Einsicht gehalten.

Viel Geschick war für den Wilzinger-Vater nötig gewesen, das Maultrommelfest zu organisieren, Geduld, und wohl auch einiges an Geld, wie es inzwischen durch Hirschmoos rumorte. Denn der Maultrommelwettbewerb würde in der ganzen Umgegend ganz sicher wie eine Revolution angesehen werden, eine, deren Brandlohe vielleicht sogar bis in die Stadt leuchtete. Immerhin war es überall in der Gegend seit Jahrzehnten ernstlich - und sogar Kraft einer gesetzlichen Verordnung - verboten, die Maultrommel ertönen zu lassen, weil es sich doch wissenschaftlich herausgestellt hatte, dass diese einen nicht sittlichen Klang von sich gab, dem die Frauen nirgendwo lange zu widerstehen vermochten. Nun wollte der Bürgermeister von Hirschmoos ohne jede Debatte mit dieser alten Klausel brechen, und das machte schon ein unerhörtes Ereignis aus.

 

***

 

„Und dann brauchst noch kleine, violette Blumerln fürs Stirnteil von deinem Kranzel“, freut sich Grete, die ihrer Freundin Annamarie gerade ausführlich deren Aufzug für das bevorstehende Fest beschreibt.

„Ach, Gretel, was ich viel mehr bräucht’, das wär ein Wunder!“, hat Annamarie da geseufzt, die, einen Flechtkorb voller Brombeeren am Arm, neben ihrer Freundin ins Tal hinabstieg, „Ich sag‘s dir, es müsste mindestens so viel wie ein Wunder sein, Gretele, und weniger gar nicht. Denn wenn ich mich erst dreinschicken tät und sagte Ja zum Rieper-Sohn, dann wär‘s vorbei mit dem Mädchensein, und neben dem Sepp, das weiß ich in meinem Herzen genau, da werd ich nimmer alt. Ein Weihnachtswunder, das wär das einzige. Bisher hat mir die Weihnachtszeit immer das meiste Glück beschert.“ Und ganz leise fügt sie noch hinzu: „Ich möcht‘ ja niemandem ein Unglück wünschen, Gretele, aber weißt, manchmal denk ich: Wenn der Sepp vielleicht verlieren würd‘, beim Maultrommelfest, da wär ich wenigstens fürs Erste gerettet!“

„Geh, bis zum Weihnachten, da musst aber noch an bisserl warten, Annerl!“, hat da die Grete da geantwortet, und gelacht hat sie dabei, dass ihre schönen Zähne weiß geblitzt haben in der eben zur Dunkelheit werdenden Dämmerung.

 

Grete Pfültzner hat ganz Recht. Es ist erst September, der Abend des zwölften September Neunzehnhundertachtzehn genauer gesagt. Die Annamarie wird zwar ebenfalls Recht behalten, es wird auch eine Art Weihnachtswunder geben, in diesem Jahr. Weihnachten wird nämlich wieder Frieden sein auf der Welt, aber davon wissen Grete und Annamarie gerade nicht viel, das liegt weit hinter den Bergen. Und von dorther rast nun, völlig unvermittelt von schräg oben aus dem Himmel stürzend, dröhnend und dunkel, etwas Riesiges heran. Ein gewaltiger Schatten ist es, viel schwärzer noch als das Schwarzblau der Tannen und die Schatten der sanft herabsinkenden Nacht, und es hat einen langen Feuerstrahl hinter sich und fetten, düsteren Qualm. Das heult über die Köpfe der Mädels hinweg und verschwindet hinter dem nahen Bergkamm, von wo es rot und schwarz und gelb aufblitzt. Noch ein einzelner, knallend berstender Donnerschlag, ein brodelndes Krachen. Dann ist wieder Stille, nur der Eichelhäher schimpft heiser.

Laut verkünden die beiden Fräuleins der Umgebung ihre konfessionelle Individualität, indem die eine laut: „Jessas!“, ruft, und die andere selbzeitig: „Heilige Mutter Gottes!“ Dann schauen sie sich mit weit aufgerissenen Augen und Mündern gegenseitig an und wagen nicht, sich zu bewegen, etwas zu sagen oder auch nur nach woanders hinzuschauen, besonders nicht, weil da nun ein dumpfes Brechen und Knacken im Dickicht ist, das rasch lauter wird und darauf hindeutet, dass da was durch den Tann kommt und direkt auf sie zu. „Geh, hörscht des, Gretel?!“, hat Annamarie dann doch tonlos gewispert, aber der Pfültzner-Gretel dabei vorsichtshalber immer weiter in die Augen gestarrt. Und die hat genickt und ihrerseits weiter der Annamarie in die Augen gestarrt.

„Annamarie!“, hat Grete Pfültzner mit einer gewissen wissenschaftlichen Nüchternheit vorsichtig weitergeflüstert, „Das war aber jetzt grad ein Himmelskörper, sag ich dir! Du mit deinen Wünschen!“

 

Und dann ist ein fluchender schwarzer Mann qualmend zwischen den Fichten hervorgestolpert, vor die beiden Mädels ins Moos hingestürzt ist er und hat weitergedampft und sich nicht mehr geregt und auch nicht mehr weitergeflucht.

 

Die Annamarie hat ihre Brombeeren über die rauchende Gestalt verschüttet, und weitere laute „Jessas!“- und „Heiligemariamuttergottes!“- Rufe ausbringend, sind die beiden Mädels die Hälse über die Köpfe ins Dorf gerannt. Während des ganzen Weges hinab bis zu den Häusern bekam die Annamarie das Bild nicht aus dem Kopf, wie ihre ausgeschütteten Brombeeren auf dem schwarzen Gesicht des Mannes farblich da so gut hingepasst hatten, und sie hat sich wegen dieses Einfalls so sehr geschämt, dass sie darüber ganz ihren Schrecken vergaß.

Bald darauf standen die Männer aus dem Dorf um den bewegungslos daliegenden, riesigen Mann herum.

„Das ist ein Negerpilot aus einem Flugzeug!“, hat der Pfültzner nach mehreren Umkreisungen mit hochgehaltener, fauchender Laterne endlich gesagt, „Und er kommt direkt aus dem Krieg. Und er ist noch lebendig. Also los, hoch mit ihm!“

 

Die Männer, allen vornweg der Rieper-Sepp, haben rasch eine Trage gemacht, aus den Stämmen von jungen Fichten, sie haben den Piloten, der sich nun manchmal doch leise regte und dabei herzzerreißend stöhnte, hinunter ins Dorf und in des Pfültzners Haus getragen. Die alte Pfültznerin hat sich den Mann angesehen, ihm den Puls gefühlt und an ihm gerochen. Auf der Annamarie furchtsame Frage: „Wird er sterben, Pfültznerin?“, hat sie nur „Ech!“ geantwortet und eine wegwerfende Handbewegung vollführt. Dann hat sie den beiden Mädels aufgetragen, in der Küche eine starke Hühnersuppe zu bereiten, und sie selbst ist kopfschüttelnd und „Jessas, nein“ murmelnd nach dem Doktor gelaufen.

Mit seiner blutigen Faust, die am kraftlosen, schwarzen Arm vom Sofa in der großen Stube des Pfültznerhauses herabhängt, umklammert Jonathan Beusy die Maultrommel von Timothy Lane.

 

***

 

Sie hatten ihnen fest versprochen, nach fünfundzwanzig Feindflügen Heimaturlaub zu bekommen, doch ganz plötzlich über Nacht war die Zahl der zu absolvierenden Starts auf achtundzwanzig heraufgesetzt worden, und jetzt fluchte die ganze Kompanie. An der Sache waren natürlich die verfluchten Briten schuld, vor denen sich die Amerikaner keine Blöße geben wollten. Die Idioten von Heathrow machten ohne zu murren dreißig Starts.

 

Master-Lieutenant Beusy hatte schon gepackt, als sie ihn aufs Feld zurückholten, wo die Techniker um die warmlaufenden Maschinen wimmelten. Sehr zornig war Beusy da geworden. Er hatte sich schwer betrunken und lauthals gewettert. Dass die statistische Lebenserwartung eines Luftkampfpiloten beim britischen „Royal Flying Corps“ während der letzten drei Monate von zweihundertfünfundneunzig auf nur noch einundneunzig Stunden gefallen war, rechneten sie „Fucking Göring“ zu, der jetzt die legendäre „Königlich-Preußische Jagdstaffel Nummer Eins“, den „Fliegenden Zirkus“, kommandierte. Trotzdem machten die vertrottelten Engländer widerspruchslos dreißig Starts bis zum Heimaturlaub, und jetzt sollten die Amerikaner auch noch mitziehen. Das ganze Gequatsche von Heldentum und Ruhm und Ehre, verdammt, es war Jonathan Beusy völlig klar: Die Amerikaner hatten Angst vor der britischen Statistik.

 

Am zwölften September Neunzehnhundertachtzehn starten die Amerikaner ihre Sopwith-Maschinen zum Luftkampf über der kleinen Stadt Saint-Mihiel. Saint-Mihiel liegt in der Lorraine, im Departement Meuse in Lothringen. Die Deutschen werden ihnen in nagelneuen „Fokker D VIII“- Eindeckern begegnen, gegen welche die „Sopwith F1“, die man wegen ihrer buckligen Verkleidungen auch Camels nennt, ihre Mühe haben werden. In so einer Camel sitzt jetzt auch Jonathan Beusy, Johnboy genannt, die Vorfahren Sklaven, der Vater Landarbeiter in St. Petersburg am Mississippi.

 

Ein Tankflugzeug vorausgeschickt hatten sie, einen umgebauten Bomber. Wenn diese langsame Kiste, leichte Beute für jeden deutschen Jagdflieger, tatsächlich bis nach Cernay durchgekommen war, würde Beusys Staffel, die aus elf Jägern bestand, dort auf einem Feld aufgetankt werden und hatte den auf Saint-Mihiel anfliegenden Deutschen zu Sonnenaufgang völlig überraschend in die Flanke zu fallen. Im Grunde war das sogar ein guter Plan, denkt Beusy wütend, es hing nur alles daran, ob es der Tanker geschafft hatte, unentdeckt zu bleiben. Jonathan Beusy nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche und brüllt das alles zu seinem Bordschützen nach hinten; der versteht im Motorenlärm kein Wort und ruft zurück, dass er die Engländer auch hassen würde.

Master-Lieutenant Beusy, die Lederkappe tief in die Stirn gezogen, eine verkratzte Brille mit rotem Schaumgummirand vor den übermüdeten Augen, wild auf einem längst geschmacklosen Kaugummi herumbeißend, starrt über den dröhnenden Propeller hinweg angestrengt nach vorn. Im Waffensitz hinter ihm macht sich der kleine Timothy Lane Mut. Lane ist ein fadendünnes, käsebleiches Jüngelchen von irgendwo bei New Jersey, Söhnchen reicher, jüdischer Eltern. Er spielt vor Aufregung Maultrommel.

„Jetzt pack deine Judenharfe weg, Timmy!“, schimpft Beusy zärtlich, „Wir kriegen gleich Besuch!“

 

Es sind viele Besucher, die da kommen. Es ist alles, was die Deutschen in diesem Krieg noch haben, fast einhundertundsiebzig Flugzeuge. Als Lane die Menge der schwarzen Schatten sieht, die in makelloser V-Formation auf sie zurast, lässt er vor Schreck die stählerne Bügelfeder der Maultrommel an seine obere Zahnreihe schlagen, dass es schmerzt.

„Kein Duell, Lieutenant!“, ruft er flehend, „Bitte, heute kein Duell!“

„Sehe ich denn wirklich so bescheuert aus?!“, brüllt Beusy zurück nach hinten, „Ich will auch mal wieder nach Hause, Timmy!“

 

Was Private Timothy Lane meint, der jetzt tapfer die Hände an den Abzugsbügeln hält und die Stirn am ledergepolsterten Visierrahmen der Zieleinrichtung, war wirklich nicht jedes Piloten Sache. Die meisten Flieger fürchteten Duelle in der Luft mindestens so sehr wie unten am Boden ein Infanterist den Nahkampf mit aufgepflanztem Bajonett. Luftkampfduelle funktionierten so, dass ein wagemutiger Pilot zunächst einmal versuchte, eine einzelne Maschine des Gegners durch geschickte Attacken aus ihrer Formation zu lösen. Dann täuschte er eine Flucht vor, gewann durch rasantes Manövrieren in Loopings und Zickzackkurven den Abstand, der für eine scharfe Wende nötig war, und flog schließlich direkt auf die Feindmaschine zu - so lange, bis einer der beiden Piloten die Nerven verlor und seine eigene Maschine, direkt vor dem Zusammenprall mit der heranrasenden anderen, hochriss. Das war der Moment, wo es dem Bordschützen des Beherrschteren meistens gelang, eine vernichtende Salve Stahl in den aus Gewichtsgründen nur sehr wenig gepanzerten Bauch der Feindmaschine zu jagen.

 

Jonathan Beusy muss niemanden zum Duellieren aussuchen, er wird ausgesucht. Der Deutsche, der bald schon aus der stur nach Saint-Mihiel weiterfliegenden Formation seiner Leute ausschert und sich an Beusy heranmacht, ist unglaublich geschickt. Beusy denkt sich, dass es der Staffelführer sein muss, ja, wahrscheinlich ist es Fucking Göring selbst. In seiner knallrot angestrichenen Maschine mit den schwarzen Balkenkreuzen auf den kurzen Flügeln hat er Beusys aschgraue Camel vor die Abendsonne gelockt.

„Lane! Wir haben den Zirkusdirektor am Arsch!“, ruft Beusy nach hinten zu seinem Schützen. Lästerlich flucht er weiter, während Lane, winzige, clevere Feuerstöße aus seinem „Isabella 19“-Zwillingsrohr-MG abgebend, immer wieder brüllt, dass er verdammt noch mal nichts sehen kann.

 

Beusy kurvt, so geschickt er nur kann, aber für einige kurze Augenblicke war der Deutsche vor dem dunkel orange glühenden   Ball der Sonne plötzlich nicht mehr auszumachen gewesen. Und zu spät merkt nun Beusy, dass der andere ihn nicht nur vom amerikanischen Geschwader weglocken wollte, sondern dass er es auf einen Zweikampf abgesehen hat. Auf einmal ist der Rote wieder da, direkt von vorn, und er wird rasend schnell größer. Timothy Lane heult vor Entsetzen das Geräusch des aufjaulenden Triebwerks mit und ballert nun ohne Unterlass. In gleicher Augenhöhe rasen die beiden Flugzeuge aufeinander zu.

 

***

 

Master-Lieutenant Jonathan Beusy ist es, der die Nerven verliert. Der Pilot ihm gegenüber indes hat sogar so viele davon, dass er sich mit einer seiner Hände die achtförmige Fliegerbrille vom Gesicht reißt, um direkt in die Augen seines Feindes starren zu können. Beusy sieht sein geringschätziges Grinsen in dem Moment, als er selbst das Steuer seines eigenen Flugzeugs mit aller Gewalt zu sich zerrt und brutal in die Gurte gepresst wird. Die Maschine heult auf. Lane schreit von hinten ein Wort, ein einzelnes Wort, das in seiner Mitte abrupt abreißt und zu einem matschigen, laut klatschenden Geräusch wird. Etwas Warmes spritzt in Beusys Nacken, er weiß sofort, was das ist: Das Gehirn von Lane ist es, dem der andere Schütze drüben mit dem Anfang einer langen Salve aus seinen zwei großkalibrigen MG den Kopf weggeschossen hat. Das Ende derselben Salve perforiert jetzt trocken knatternd den unteren Rumpf von Beusys Maschine. Jonathan Beusy versucht einen wahnwitzigen Überschlag nach rückwärts; in der steilen Aufwärtskurve nimmt er mit angehaltenem Atem flüchtig und mit heißer Dankbarkeit wahr, wie ihm zwei Engländer aus seiner Staffel in grünen Kittyhawk- Doppeldeckern zu Hilfe kommen und die Maschine seines Feindes in Beschlag zu nehmen versuchen. Mit hasserfüllter Bewunderung sieht Beusy, wie leicht und geschickt der Deutsche die beiden Engländer ausmanövriert, aber immerhin haben ihm die Kittyhawks doch Luft verschafft.

 

In gerader Linie zieht Beusy jetzt nach Südwesten davon, nirgendwo ein Verfolger, Lane, vielleicht war es das. Aber aus dem durchlöcherten Bauch seines Flugzeuges flattert inzwischen ein - zunächst nur dünnes - weißgraues Rauchfähnchen. Beusy wagt es nicht, sich umzudrehen. Hinter sich, in die Gurte geschnallt, weiß er den kopflosen Lane sitzen, dessen Maultrommel, an der Gelbliches klebt, Beusy aus irgendeinem Grunde in den Schoß geflogen ist. Nein, Beusy wendet jetzt nicht mehr, nicht den Kopf und nicht die Maschine. Beusy fliegt und fliegt. Er will nie mehr zurück. „Ich gehe jetzt weg von euch, ganz weit weg und komme nie mehr wieder!“, das kennt er noch aus seiner Kindheit, das hat bei den Großen immer gewirkt. Ja, Beusy fliegt jetzt nach Hause, nach dahin, wo er noch ganz klein ist. Direkt hinter den Bergen dort vorn wird bald der Ozean kommen, und dann liegt unter ihm auch schon gleich St. Petersburg, Illinois. Man kann auf einem Maisfeld niedergehen, die Abendsonne im Rücken, und den Rest der Wegstrecke bis zum Haus läuft man eben zu Fuß, ein schöner Weg über die herbstlichen Felder.

 

„Er hat uns eine Chance gegeben, Lane!“ sagt oder denkt, schreit oder flüstert Beusy, „Hätte er den Finger länger am Abzug gehalten, wären wir längst explodiert. Eine Chance, Lane, warum hat er das getan?! Egal, wir fliegen jetzt nach Hause, Lane, hörst Du! Nach Hause! Du bleibst ein paar Tage bei mir und meinen Eltern auf der Farm, oh, meine Schwester brät dir ein Steak, wie du noch nie im Leben zuvor eines gegessen hast, das kann ich dir aber sagen! Ich zeige dir, wie man eine Maiskolbenpfeife schnitzt und was Pelzhummeln sind, und du kannst dann irgendwann mit dem Zug in dein verdammtes New Jersey fahren, sollst mal sehen, Timmy, sollst mal sehen, nach Hause, gleich sind wir überm Meer, und dann ist es nur noch ein kleines Stück! Was ist schon so eine Pfütze, was, Lane? So ein lächerlicher Ozean, so ein Meerchen! Sollst mal sehen, wie ich das schaukle, komm schon, Lane, spiel uns den ‚Saint James Infirmary‘…“

 

Das Meer liegt in einer anderen Richtung, Jonathan Beusy, und Timothy Lane kann keinen Blues mehr spielen, nie wieder. Beusy weint laut. Wenn es eine Chance war, dann ist sie nur klein. Denn dicker geworden ist unterdessen das Rauchfähnchen, das aus dem Rumpf hochknattert, und da flattert jetzt auch noch ein zweites, vorn am Triebwerk, das ist schon längst nicht mehr nur von harmlosem Weißgrau. Der Motor der Camel beginnt zu stottern, die Nadeln auf den Uhren vor Beusys Augen sinken zitternd auf Null, ein gellendes, ununterbrochenes Fiepen dringt aus dem Armaturenkasten. Dort vorn, bei der plötzlich vor ihm aufgetauchten steilen Bergkette, wird er nichts zum Landen finden. Beusy heult vor Wut und Verzweiflung, weil er nicht versteht, weshalb er das weiß und dennoch nicht abdreht. Er redet weiter mit dem Rumpf des toten Lane hinter ihm, er macht Witze, sagt, das sei doch alles kein Grund, gleich den Kopf zu verlieren. „Los, Timmy, mach schon! Spiel uns ein bisschen was auf deiner gottverdammten Judenharfe!“, ruft Lieutenant Beusy und lacht grell. Der Propeller setzt aus und springt noch einmal an. Dann bleibt er endgültig stehen. Schwarzblau ist der donnernde Rauch inzwischen und mit spitzzungigen Flammenfetzen durchsetzt, die zu beiden Seiten außen an der Kabinenverkleidung hochschlagen.

„Lane! Bordschütze Lane! Es geht nach Hause! Nach Hause! Gleich sind wir da! Sollst mal sehen!“, brüllt Jonathan Beusy. Das Dunkle da schräg unten, ist das etwa ein Wald? Es muss ein Wald sein, vielleicht ist da sogar eine Lichtung, verdammt, Lane, wir kommen zu steil rein…

Jonathan Beusy schließt die Augen und nimmt sinnlos grinsend die Hände vom Steuer.

 

***

 

Am Abend - es war der Abend vor dem Wettbewerb - hatte der alte Wilzinger es listig so eingerichtet, dass er den Sepp Rieper am Rand des Dorfes treffen konnte, wie der allein ging. Er hatte ihn beiseite genommen und die Hand ausgestreckt: „Gib schon her deine Trümpi, Sepp!“

Erstaunt hatte der Rieper-Sepp seine Maultrommel hervorgeholt und sie dem Wilzingervater mit fragendem Blick in die Hand gelegt. Und der hatte sich erst verstohlen in alle Richtungen umgeschaut und ihm dann dafür eine andere, eine ganz alt aussehende Maultrommel in die Hand gedrückt. Des Sepps Finger darum gelegt hatte der alte Wilzinger, und sie mit seinen beiden Händen rasch zur Faust geschlossen.

„Siebenunddreißig Frau‘n hat sie zugrundgerichtet, junger Rieper-Sohn, siebenunddreißig Frau‘n…“, hatte er dabei gemurmelt und war daraufhin rasch davongetappt. Und der Sepp, der ist erst lange ohne Bewegung dagestanden und hat diese andere Maultrommel verblüfft angestarrt. Noch in derselben Nacht aber ist er dann hoch zur Wetterwand, dort hat er sich auf seinen Baumstumpf gesetzt und auf dieser alten Maultrommel zu spielen versucht, und schon nach ein paar Minuten war ein breites Grinsen über sein Gesicht gekrochen. Nein, er konnte nicht mehr verlieren.

 

Nun aber lauscht Rieper-Sepp entsetzt in den frühen, klaren Morgen. Denn so zärtliche Maultrommeltöne wehen vom Pfültznerhaus zu ihm herüber, dass ihm etwas Schweres, Düsteres ins Herz sinkt. Es ist der Flieger, der da spielt, der Schwarze, den sie aus dem Wald gebracht hatten. Dieser riesige Neger, diese schwarze Kampfmaschine, war als Sepps Unglück aus dem Himmel gefallen. Er hatte sich dessen Instrument nur nachlässig betrachtet, mit einem geringschätzigen Schürzen seiner breiten Mohrenlippen, wie es dem Rieper-Sepp geschienen hatte, und an diesem Morgen sitzt er plötzlich mit seinen weiß leuchtenden Gipsbeinen, die hölzernen Krücken neben sich, auf der Bank vor dem Haus, wo er nun mit verklärtem Gesicht auf einer eigenen Maultrommel spielt. Und er kann es so gut, dass sich des Rieper-Sepps Herz zusammenkrampft.

 

Der vermaledeite Schwarze ist ein Naturtalent. „A beautiful little machine!“, lächelt er zu dem Samtbeutelchen an Sepp Riepers Hose hinübernickend, in welchem er dessen Instrument weiß, gleichgültig genug, dass den Riepersohn ein jäher, dumpfer Zorn zu schütteln beginnt. Der Schwarze legt seine Maultrommel, ohne sie vorher zurück in das lederne Täschchen zu betten, neben sich auf die Holzbank; er zeigt auf die weiß leuchtenden Berggipfel und auf den Himmel und fügt lächelnd und sich streckend hinzu: „Oh, whadda morning! D’you love music? Oh, I love music! Music is my second life!“

‚Siebenunddreißig!‘, denkt der  Rieper-Sepp, ‚Warte nur, du plattnasiger Affe, warte nur…‘

 

***

 

Dann ist der Festabend heran, und tatsächlich, sie sind nicht nur aus den umliegenden Dörfern gekommen, sondern auch eine Menge Burschen und Mädchen aus Filzbach. Erst singen die Mädels ein paar Ständchen und es ist eine Weile Tanz, und dann schließlich tritt der Holzmacher-Wilzinger auf das mit frischen Kränzen behängte und mit Waldgrün umwundene Bretterpodium neben die Blaskapelle und verkündet die Bedingungen des Wettstreits mit der Maultrommel, und auch, dass hier etwas ganz und gar Verruchtes geschähe, wozu sie alle laut jauchzen und Beifall klatschen. Die Annamarie muss hoch aufs Podium neben ihren Vater, da steht sie mit gesenktem Kopf, das Gesicht gerötet, und sie sieht so frisch und schön aus, in ihrem kornblumenblauen Kleid, dass dem Sepp das Wasser in die Augen schießt.

 

In einer Reihe kommen die Burschen zum Wilzinger und dessen Tochter hinauf. Acht sind es, die antreten, Annamarie sieht den Sepp als den Dritten, und der Siebente ist Johnboy, der schwarze Pilot Jonathan Beusy, dem sie erst gestern die Gipse wieder abgeschlagen haben. Zwischen den prächtigen Trachten der Dorfburschen nimmt er sich in dem dunklen Anzug, den ihm die Wilzingerin herausgesucht und umgeändert hat, zwar schmucklos aus, aber das macht er durch seine Größe und Statur wieder wett, na, und sowieso weil er so schwarz ist, und weil er so federnde Schritte tut und Bewegungen macht, ganz das Gegenteil von einem Holzkasperl. Da flüstert die Wilzingerin, dass es nicht recht sei, die Annamarie so verscherbeln zu wollen: „Nein, es ist nicht recht. Hab ich vielleicht eine Ware aus meinem Leib geboren?“

 

Die Burschen schwenken ihre Instrumente an den ausgestreckt hochgehaltenen Armen, dass es eine Lust ist, ihnen zuzusehen. Die frisch gebürsteten Hirschpinsel an ihren Hüten leuchten.

Sepp Rieper spielt als Vierter. Eine wunderschöne, tragische Weise spielt er an, dass der ganze Tanzsaal seltsam zu leuchten und zu glimmen scheint davon, und sie stehen alle starr und mit blanken Augen. Doch es hat der Rieper-Sepp mit einem Male ganz deutlich eine grässliche Stimme in seinem Kopf, ganz laut; die Stimme von einem alten Weib scheint es zu sein. Und es giftet diese Stimme und hallt mit einem Echo im Kopf von Sepp: „Das sollst nun haben, Rieper, von deinem Selbermachen und von deinem Alles- im-Sande-verlaufen-Lassen, dass du dich verspielst und keinen sauberen Ton mehr hinter den Zähnen vorholen kannst, aus diesem verfluchten Instrument! Im Badezuber ersäufen hätten sie dich soll‘n, als es noch Zeit dafür war, du Natursau, im Badezuber!“

Wie ein Donner fährt es da durch des Rieper-Sepps ganzen Körper, und es ist ihm, als würde ein schwarzer, böser Schlamm in seinen Gliedern aufwärts kriechen. Was er nun auch noch zu spielen versucht, es klingt entsetzlich. Erst gucken und staunen sie bloß da unten im Saal, dann fangen einige an zu lachen, und schließlich pfeifen sie höhnisch und rufen groben Spott. Ab geht Sepp Rieper da vom Podium, noch vor dem Ende seines Liedes, kopfschüttelnd und ohne einen Blick zu wagen, auf Annamarie da in der ersten Stuhlreihe. Und wie der Wilzinger auch versucht, mit Reden und Scherzen Rieper-Sepp doch noch den Sieg zu verschaffen: Bei der Abstimmung johlen und überschreien sie ihn. Alle wollen den Neger als Sieger, keiner kann es erklären, aber alle wollen es, sogar mit den Füßen stampfen sie. Wieder auf die Bühne muss die Annamarie, dem Schwarzen, der da strahlt und sich freut einen Kuss muss sie geben, was sie sichtlich gern tut, und es denkt sich ihr Vater, dass es wohl gehörig etwas kosten wird, sich mit dem Neger zu einigen, damit er auf das Annerl verzichtet.

„Jetzt ist die verdammte, neue Zeit zu uns ins Tal gekommen, und ich alter Narr hab sie selbst hergebeten!“, murmelt der Wilzingervater im Bett zu seiner Frau hinüber, aber die alte Bäuerin schnarcht schon leise.

 

***

 

An einem Abend kurz vor Ostern holen sie dann den Jonathan Beusy ab. Es sind seine Leute, die mit staubigen Jeeps ins mit Birkengrün geschmückte Hirschmoos kommen, fröhliche, sauber gekleidete Amerikaner; nach München bringen sie ihn, endlich kann er von England aus zurück nach Amerika. Gleich als er in München ankommt, geht eine Militärmaschine nach London, das würde gut passen, aber Beusy bittet, noch eine Woche in Deutschland bleiben zu dürfen, wegen einer wichtigen Erledigung, was man ihm auch gestattet. Als er dann endlich glücklich im Flugzeug sitzt, hat wie üblich sein Bordschütze Lane den Platz hinter ihm.

„Es geht nach Hause, Timothy, sieh nur, da ist schon das Meer…“, murmelt Beusy ein letztes Mal leise, und wieder wagt er es nicht, sich umzuwenden, zu dem Aluminiumtopf in der leeren Sesselreihe hinter ihm, in dem sie die Asche von Lanes Überresten mit über den Ozean nehmen. Nein, er dreht sich nicht um, zur Seite schaut er stattdessen, zu dem Platz neben seinem, und er lächelt froh.

Ja, ihr Weihnachtswunder ist geschehen. Sie ist aus Hirschmoos verschwunden, die Annamarie, da sitzt sie neben ihrem Maultrommelneger und ihr Gesicht leuchtet vor Glück. Obwohl sie es alle wissen, will es im Dorf niemand glauben, bis die bunte Postkarte aus den Vereinigten Staaten eintrifft. Und auch dann nicht recht, weil St. Petersburg doch in Russland liegt.

 

***

 

Gleich nach diesen Ereignissen wird in Hirschmoos die Grete Pfültzner schwanger, natürlich vom Sepp, wie überall im Dorf gehört wird, und Sepp Rieper wird - so ist auch überall zu hören, und mit Wohlgefallen - selbstverständlich die Konsequenzen nicht scheuen und die Pfültzner-Grete noch vor dem Herbst zur Kirche führen. Das tut der Sepp Rieper auch, und wieder etwas später, an einem wunderbar sonnigen Tag, dringen gesunde Schreie aus dem Pfültznerhaus. Erst kommen sie nur von der Grete, die sich etwas schwer tut, mit ihrer Niederkunft, und dann erschallen sie auch aus ihrem Sohn, dem es gar nicht hilft, dass gleich nach seiner Geburt ein paar alte Hirschmooser Weiblein ein durchaus verzagt klingendes: „Ganz der Vater!“ am kalkweißen Rieper-Sepp versuchen. Denn es bekommt der winzige Knabe, den die Grete soeben hervorgebracht hat, bereits nach wenigen Lebensstunden eine dermaßen kakaofarbene Haut, dass der Rieper-Sepp noch in derselben Nacht aus der seinigen fährt: Am Efeugestänge klettert er die Hauswand hoch und hinein in ein halb offen stehendes Fenster des Pfültznerhauses. Jene kurzstielige Axt trägt er dabei hinter die Hosenträger geklemmt, die Grete dann tief im Schädel haben wird, als man sie am nächsten Morgen findet.

 

Mit sechs Mann Gendarmen sind sie aus Filzbach gekommen, aus Vorsicht, wegen der Kraft des Rieper-Sepp. Wo sie ihn endlich finden, das ist oben an der Moosgrotte, bei den Drei Tannen, da hockt er auf seinem Baumstumpen  und entlockt der Maultrommel klagende Tonfolgen.

„Sebastian Rieper!“, spricht der Anführer der Gendarmen laut, „Es ist wider dich der Verdacht, dass du einen Menschen erschlagen hast! Steh nunmehr also auf und geh mit!“

Zuerst gibt der Sepp gar keine Antwort, auch aufschauen tut er nicht, und als er es endlich doch tut, da scheint er niemanden zu erkennen; er spielt nur immer weiter, bis ihm einer der Gendarmen die Maultrommel aus der Hand schlägt. Hoch springt da der Sepp, und es dauert lange und es kostet Zähne und ist ein gehöriges Gemenge, bis sie ihn am Boden und endlich auch an der Kette haben. Wenn sie ihn unten im Dorf in den Wagen stecken, wird er den zusammengelaufenen Hirschmoosern noch wild in deren verschreckte Gesichter brüllen, er bereue nur dieses eine: Dass er den verdammten, schwarzen Teufel nicht gleich mit erschlagen habe.

 

Fünfeinhalb Monate darauf hängen sie den Sepp im morgengrauen, verregneten München an den Strick. Der Kriminalarzt erzählt später, noch nie habe er jemanden so lange und so wütend zucken und zappeln sehen wie diesen hartnäckigen Sebastian Rieper, ganze zwölfeinhalb Minuten habe es gedauert, bis er endlich Ruhe gegeben und stille gehangen habe und ihm blau und dick die Zunge herausgekommen sei.

 

***

 

Die Annamarie Wilzinger vermeldet, kaum atmet sie die warme, klare Luft am Mississippi, ihrem Johnboy gleichfalls Prägnanz. Dass der winzige Bursche, welcher einige Monate später das Licht über der hübschen Farm von Beusys Eltern in St. Petersburg erblickt, so gänzlich hellrosa gefärbt ist und gar keine Beusy’sche Pigmentierung aufweist, versetzt in St. Petersburg niemanden in Aufruhr und es lässt Jonathan Beusy auch nicht zur Spaltaxt greifen. Die Sache ist ihm im Grunde nicht der Rede wert, seine Auffassungen von Naturvorgängen sind ganz anders, als sie im Sepp Rieper das Blut überkochen ließen. Beusy wird dem kleinen Kerl - vom Presbyterianerpfarrer des beschaulichen Städtchens auf die Namen Jeremias Nabob getauft und von Jonathan und Annamarie herzlich Jimbob gerufen - ein zärtlicher Vater sein. Wenn Jimbob fünf ist, wird er zum ersten Male die Maultrommel von Timothy Lane in den Händen halten.

 

Beusy steht vor dem kleinen, duftenden Bettchen, an dessen Gitter bunte Holzspielsachen baumeln.

„Gute Nacht, Jimbob!“, flüstert Jonathan Beusy seinem kleinen, schon schlafenden Sohn ins Ohr und legt sich zu Bett.

„Gute Nacht, Johnboy!“, seufzt Mary-Ann, schon schlaftrunken neben ihm.

Jonathan Beusy lächelt. „Gute Nacht, Mary-Ann“, erwidert er zärtlich. Er löscht die Lampe aus. Drüben an der Wand sieht er den kleinen Schimmer der dort von ihm aufgehängten, im Licht des vollen Mondes glänzenden, echten „Trümpi“.

 

Jonathan Beusy fühlt sich ein bisschen einsam. Eine Sternschnuppe verglüht schweigend am Nachthimmel über dem Haus der Beusys.

 

***

 

Master-Lieutenant Beusy hat man für seine Fliegerei zwei Orden und ein Verwundetenabzeichen nachgereicht. Er bleibt beim Militär, denn weil er von der Annamarie bald ein ausgezeichnetes Deutsch in Wort und auch in Schrift gelernt hat, bieten sie ihm dort interessante Posten an, in der Spionageabwehr, beim Dechiffrieren. Beusy kann seine Familie gut ernähren und das Haus bleibt in Schuss. Dann geht auch der nächste Krieg drüben zu Ende, und eines Morgens, genau zu Jimbobs sechsundzwanzigsten Geburtstag, fährt ein offener Wagen mit einem Major darin vor dem Haus der Familie Beusy vor, und der Major sagt: „Beusy, alter Freund, wollen Sie nicht noch einmal hinüber zu den Krauts? Diesmal garantieren wir Ihnen, dass Sie auch unversehrt zurück nach Hause kommen, und außergewöhnlich gut bezahlt wird es auch. Na, und vorher machen wir - Achtung, Madame Beusy, jetzt kommt’s - Ihren Mann noch rasch zum Major! Na, was sagen Sie jetzt?! Und was meinst denn du dazu, Private?“

Der weißhaarige Major schmunzelt den hoch und gerade gewachsenen Jimbob an, der schmuck aussieht, in seiner Ausgehuniform, ganz wie damals sein Vater. Freundlich lädt Jimbob den Major zu Kaffee und Geburtstagstorte ein.

 

***

 

Major Beusy hatte sich seinen Aufenthalt in Nürnberg so eigentlich überhaupt nicht vorgestellt. Er ist, was die Kriegsereignisse oder gar politische oder wirtschaftliche Zusammenhänge betrifft, längst nicht so gebildet, wie man das von ihm erwartet hat, doch während der Vernehmungen der Kriegsverbrecher, denen er als Dolmetscher und als Beobachter beisitzt, lernt er schnell und viel. Der Prozess zieht sich so sehr in die Länge, dass aus den vier Monaten seines Aufenthalts, von denen anfangs die Rede gewesen war, inzwischen acht geworden sind, und noch immer ist kein Ende abzusehen. Außerdem kommt Beusy beinahe nie heraus aus dem Komplex des alten Justizpalastes; er fühlt sich inzwischen selbst fast ebenso als Gefangener wie die immer weiter anwachsende Zahl der hier eingelieferten Kriegsverbrecher, die man zu bewachen und zu befragen hat.

 

Warum er eines Tages im Häftlingsblock auf den stählernen Galerien spazieren geht und durch die Zellenspione schaut, weiß er eigentlich selbst nicht so genau. Immer wieder hebt er die nach frischer Ölfarbe duftenden Klappen vor den Gucklöchern in den schweren Türbrettern mit den mächtigen Riegeln, und plötzlich starren ihm aus einer Zelle dieselben hellen Augen entgegen, die er vor Jahrzehnten, damals in der Camel, schon einmal gesehen hat. Wie oft während der vielen vergangenen Jahre hatte Jonathan Beusy das Gesicht dieses deutschen Piloten vor sich gesehen, dieses siegesgewisse Grinsen ohne Furcht, in dem Moment, bevor er selbst seine Maschine vor dem anderen hochzog.

 

Ebenso wie damals greift nach Beusy auch jetzt wieder eine panische Angst, und er sagt sich, dass er der Verlierer ist. Die Sache mit Jimbob, nein, das war ein anderes Verlieren, damit konnte er umgehen, aber diese immer noch so furchtlosen Augen dort… In Beusys Magen beginnt ein scharfes Ziehen, das sich genau so anfühlt wie bei einem Überschlag mit einer Camel nach oben rückwärts. Und Beusy denkt: ‚Das da ist der Mann, der mir zu meinem Lebensglück verholfen hat. Ohne ihn hätte ich meine Mary-Ann niemals treffen können. Ohne ihn gäbe es unseren Jimbob nicht…‘

In gewisser Weise gäbe es ohne den Mann in der Zelle Nullnullacht im zweiten Stockwerk des schwer bewachten Innenhoftraktes im Justizpalast Nürnberg auch jemanden anderen nicht.

 

***

 

Ganz nahe bei jenem anderen Justizgebäude, in München, wo im Keller der gekachelte Raum mit dem Stahlhaken in der Decke ist, an dem man den Rieper-Sepp aufgehängt hat, steht ein Waisenheim. Dorthinein hatte man den kleinen, braunhäutigen Pfültzner gebracht, weil seine Mutter ja tot war und sich die alten Wilzingers in Abscheu von dieser Fehlfarbgeburt abgewendet hatten. Einen Vornamen hatten ihm die Hirschmooser noch mitgegeben, Anton. So wächst ein milchkaffeefarbiger Anton Pfültzner in München auf. Als er nach seinen Eltern zu fragen beginnt, sagt man ihm, sein Vater wäre im Krieg gefallen und seine Mutter sei bei seiner Geburt gestorben. Früh beginnt der kleine Anton das Malen und das Schreiben zu lieben; er wird ein sehr guter Schüler und kann wunderbar Maultrommel spielen. Nur kurz ziehen sie ihn an die Front ein; ganze zwei Nächte hockt er bei Kursk im Graben, dann verpasst ihm der Iwan einen Lungendurchschuss, dessen langwieriger Heilungsprozess Anton Pfültzner den Rest des Zweiten Weltkrieges erspart. Er kommt auch zwischen all den Bomben heil hindurch und stellt sich gleich nach seiner Genesung, die mit dem Kriegsende zusammenfällt, beim „Rosenheimer Tagkurier“ vor, wo er auf Probe als Berichterstatter eingestellt wird.

 

Vielleicht wegen seines gehenkten Vaters und seiner schädelgespaltenen Mutter, von deren wirklichem Schicksal er erst spät erfuhr, ist der junge Anton Pfültzner seltsam fasziniert von allem, was mit Morden und Hinrichtungen zu tun hat. Stundenlang hockt er bewegungslos vor undeutlichen Fotografien von der Ostfront, auf denen zu sehen ist, wie sie gerade Partisanen aufknüpfen oder Rotgardisten erschießen.Bis zur völligen Bewegungslosigkeit erstarrt sitzt er oft an seinem Schreibtisch, mit den gerade überall erscheinenden Bildern aus den Lagern in den Händen - und eines Abends eben dann auch vor jenem Foto, das in diesen Tagen um die Welt geht: das die Leichen derer zeigt, die man gerade in Nürnberg hingerichtet hat. Anton Pfültzner hat sich das schwarzweiße Foto mit den zwölf auf Bahren liegenden Leichen, die noch die Henkerstricke um die Hälse haben, an die Wand über dem Schreibtisch gezweckt, da hängt es, bis er irgendwann in einem Park auf einer Bank sitzt, und unter der Bank liegt, von wer weiß wem vergessen oder weggeworfen, ein altes Leseglas.

 

Sein Fund bringt Anton Pfültzner auf die Idee, sich das Bild der Nürnberger Leichen unter dieser recht guten Lupe anzusehen, und er entdeckt, dass außer Hermann Göring, den sie nur danebengelegt hatten, alle anderen an den Nasen oder an den Stirnen oder am Kinn kleine, dunkle Flecken oder Risse aufweisen. Noch in derselben Nacht fährt Anton Pfültzner in die Redaktion vom „Rosenheimer Tagkurier“, wo er die Fotografie noch weiter vergrößern lassen kann.

Eine Theorie beschäftigt sein Gehirn, dass nämlich bei der Hinrichtung unglaublich nachlässig verfahren worden sein müsse. Die hölzernen Falltüren unter den Galgen, denkt sich Anton Pfültzner, müssen viel zu klein gewesen sein. Beim Sturz mit dem Strick um den Hals sind alle mit Nase, Kinn oder Stirn gegen den Rand der Falltüren geschlagen; das muss ihren Sturz gebremst haben, und so sind sie alle wahrscheinlich nicht schnell, mit durchgebrochenem Genick, gestorben, sondern elendiglich und langsam erstickt.

Viel später wird sich erweisen, dass er Recht hatte. Jetzt aber erzählt Pfültzner das alles erst einmal aufgeregt seinem Abteilungsleiter, und der spottet zwar zunächst gutmütig, dass den Schwarzen Anton wohl wieder einmal die Pampelmuse geküsst habe; er findet die Geschichte aber bald selbst spannend, und er genehmigt Anton Pfültzner, angesteckt am Ende von dessen aufgeregtem Vortrag, Zeit und Geld für weitere Recherchen. Pfültzner treibt die Sache so weit fort, bis er den Namen und den jetzigen Wohnort eines der Assistenten des damaligen Henkers ausfindig machen kann.

 

Anton Pfültzners Chef unterschreibt ihm schließlich auch einen Dienstreiseauftrag in die USA, in eine kleine Stadt im Bundesstaat Illinois, damit sein junger Redakteur dort mit einem Major der U.S.- Army a. D. namens Jonathan Beusy ein Interview führen kann. Pfültzner glaubt inzwischen, noch mehr zu wissen. Er ist überzeugt davon, dass es dieser Beihenker Beusy gewesen sein muss, der Göring das Zyankali in die Zelle schmuggelte, mit dem der Reichsmarschall sich vor der Erniedrigung des Galgens rettete. Er glaubt, dass sich Beusy selbst so davor gerettet hat, Göring das Seil um den Hals legen und ihm, bevor er ihm den schwarzen Sack über den Kopf gestülpt hätte, in die Augen sehen zu müssen. Anton Pfültzner glaubt auch, dass die Fotos von den Leichen der Erhängten, die nie in der Öffentlichkeit hatten erscheinen sollen, von keinem anderen als von diesem Major Beusy damals gegen ein horrendes Honorar an die Presse lanciert wurden…

 

***

 

Ab dem Abend vor den Hinrichtungen steht neben jeder Zellentür der Verurteilten ein GI mit weißem Helm. Fünf Uhr morgens, die Verurteilten selbst würden es erst eine halbe Stunde vorher erfahren.  Langsam geht Jonathan Beusy den Zellenflur entlang bis zur Zelle Nullnullacht.

„Wissen Sie, wer ich bin, Lieutenant?“

„Sir, ja, Sir!“

„Öffnen Sie. Ich möchte mir einen Eindruck von dem Gefangenen machen.“

Der GI schlägt mit dem Schlüssel gegen die Essensklappe in der grüngrau lackierten Tür aus Eichenbohlen.

„Der Gefangene tritt in den Hintergrund der Zelle zurück!“, ruft er, blickt aufmerksam durch den Spion und öffnet die Tür.

Nach vier Schritten steht Jonathan Beusy dicht vor dem Mann, den seine graue Häftlingskluft umschlottert. ‚Wir sind beide ganz genau gleich groß!‘, denkt er.

„Behandelt man Sie korrekt, Gefangener?“

„Man behandelt mich - den Umständen entsprechend.“

Die beiden Männer mustern sich schweigend. Draußen hustet der junge Wächter.

„Haben Sie gesundheitliche Beschwerden?“

„Meine Gesundheit ist - den Umständen entsprechend.“

„Dann --- ja, dann also noch einen guten Abend!“

 

Jonathan Beusy hält seinem Gegenüber die Hand hin. Ganz kurz nur stutz der Gefangene, dann ergreift er die dunkelbraunen Finger, zieht daraufhin seine Hand wieder zurück und ballt sie dabei mit gerunzelter Stirn zur Faust.

In den Moment hinein fragt Jonathan Beusy: „Was ist? Sie schauen so. Kennen Sie mich?“

„Es ist nichts. Auch Ihnen noch einen schönen Abend, Major.“

Beusy wendet dem Gefangenen seinen Rücken zu und verlässt den engen Quader der Zelle.

„Ach Major?“, hört er hinter sich dessen Stimme, und er verhält im Gehen, ohne sich noch einmal umzuwenden.

„Haben Sie vielleicht früher einmal eine Brille getragen?“

 

Jonathan Beusy dreht sich weiterhin nicht um. Sein Lächeln schickt er als ein vieldeutiges Grinsen zu dem jungen GI neben der Tür. Dieser schmunzelt vorsichtig zurück.

„Sie können die Tür wieder verriegeln, Lieutenant“, sagt Beusy, und er läuft über die Stahlroste des Laufsteges auf die Wendeltreppe zu, hinter sich das Krachen zweier Riegel und die Stimme des Wächters: „Abgeschlossen, Sir!“

„Das will ich hoffen…“, murmelt Major a. D. Jonathan Beusy. Auf der Treppe wischt er sich kopfschüttelnd die Gegend um seine Augen, wo er ganz deutlich das Kratzen des groben, roten Schaumgummis seiner alten Fliegerbrille zu verspüren meinte.

„Abgeschlossen? Wann diese Angelegenheit abgeschlossen ist, das bestimme jetzt ich, alter Knabe!“, knurrt Anton Pfültzner im Flugzeug über dem Meer. Ja, so ähnlich muss es gewesen sein, und Du wirst es mir bestätigen müssen, Jonathan Beusy, in wenigen Stunden schon. Das wird eine Geschichte.

 

***

 

Als der Journalist in der verschneiten, kleinen Stadt aus dem Zug steigt, dämmert in St. Petersburg der Heilige Abend. Zur selben Zeit steigt, sieben Busstationen und einige zwanzig Schritte entfernt, Major a. D. Jonathan Beusy gerade im weitläufigen Familienwohnzimmer auf eine hölzerne Stehleiter. Am Nachmittag hat er die Weihnachtsbaumbeleuchtung installiert, dabei hat es einen Kurzschluss gegeben und die Deckenglühlampe ist erloschen. Das will Major a. D. Beusy nun, kurz bevor er sich für die Nachbarskinder in Santa Claus verwandelt, dem sanften, diesbezüglichen Befehl seiner Frau Mary-Ann gehorchend, noch rasch in Ordnung bringen. Und da gerät Beusy mit zwei Fingern seiner Hand in die Lampenfassung, ein elektrischer Schlag durchfährt ihn, so hart, dass er nicht einmal aufschreien kann, dass es ihm die Zähne aufeinanderschlägt.

Von der Stehleiter stürzt er, und da liegt er nun, wie gerade an der Verandatür Anton Pfültzner klingelt, mit durchgebrochenem Genick und weit aufgerissenen Augen, die nichts mehr sehen, auf seinem Wohnzimmerteppich, und überall ringsher ist es Weihnachten, und es ruft von oben Mary-Ann, zwei Haarnadeln zwischen den immer noch wunderbar weißen Zähnen, in schönstem Hirschmooser Dialekt: „Geh Johnboy, kannst amal rasch nach vorn an die Türe? Ich bin noch nit so weit!“

 

Jonathan Beusy hört ja nichts mehr, aber Jimbob, der ist unten in der Küche, der geht jetzt von hinten durchs Haus zur Veranda, dabei den „Chattanooga-Choo-Choo“ pfeifend. Und auch Annamarie selbst kommt nun von oben. Sie sieht sehr hübsch aus, in ihrem einfachen, langen Kleid. Von ihrem Zimmer im ersten Stockwerk nimmt sie ebenfalls einen kürzeren Weg als den durch das Wohnzimmer. So wird es noch ein paar Sekunden dauern, bis sie das Aktuellste erfährt.

 

***

 

Nicht so weit weg vom Bergdorf Hirschmoos, oben am Fuß der hohen Wetterwand, bei der Moosgrotte, da fault und wittert der uralte Baumstumpf, wo der Rieper-Sepp so oft darauf gesessen war. An dieser Stelle, ein Stück hinunter ins harte Wurzelwerk gerutscht und von Gras und kleinen, lila Veilchen dicht überwuchert, liegt noch die alte, ganz verrostete „Trümpi“, deren Klang so betörend gewesen sein soll, dass man ihr Ertönen gesetzlich verbieten lassen musste. Das Alphorn tutet und die Kühe brüllen, es meckern die Gamsböcke nach ihrer Weise, der Uhu ruft, und manchmal heult in den Vollmondnächten in der Schlucht ein Wolf. Doch die Maultrommel, die hört man dort nimmermehr.

 

© Text: Robert L. Sanatanas 2017

 

 

Weil kein Mädchen

dem auf unsittliche Weise erotisch stimmenden Liebeszauber

ihrer Klänge lange zu widerstehen vermochte,

wurde ab der Mitte des 17. Jahrhunderts

in der gesamten Gegend um das Salzkammergut

das Ertönenlassen jedweder Maultrommel

mehrfach auf das Strengste behördlich verboten …

Die Maultrommelsaga

Die Maultrommelsaga

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