Mit ihrer Ruine von Hund stand die Alte im steinernen Hof und erteilte ihm ihre kleinen Befehle: "Horschte! Sitz mal still! Horschte! Gehste da wech!" Der Hund ächzte. Irgendwo da oben hinter dem Licht der gnadenlos schmorenden, kleinen Sonne gab es alte Göttinnen, die ganze Galaxien dirigierten, Mütter von Göttern. Die hier unten hatte einen Sohn, der war Säufer, und er würde es nicht mehr lange machen. Vor ein paar Tagen hatte sie mir das leutselig berichtet, als ich aus der alten Tür zum Seitenflügel getreten war. „Da ohm soll jetzt ein Penner schlafen“, sagte sie heute nach meinem Gruß zu mir, „Det hat mir nämlich der Mann von der Putzkolonne erzählt, wat meen Schwara is!“

 

Der Penner war ich, da ohm war der Treppenabsatz, auf dem ich schlief, und der Schwara musste Schwager bedeuten. Streng und forschend schaute mich die Alte an. Aber ihr Misstrauen hielt sich nicht lange. Ihre halbblinde Musterung meines Aufzuges ließ es bald schon völlig unmöglich erscheinen, dass der gutangezogene junge Mann, der da so nett lächelnd vor ihr stand, auf einem Treppenabsatz übernachtete. „Oh! Ein Penner!“, erwiderte ich besorgt. „Na, ich werde es mal bei nächster Gelegenheit dem Herrn Architekten sagen! Der wird dann schon für Ordnung sorgen, der Herr Doktor Hil-de-brandt!“ Auf einem der Briefkastenschilder hatte ich: „Dr. Wolfgang Hildebrandt, Architekt“, gelesen.

 

„Ach so, beim Herrn Doktor sind Sie zu Gast!“, sagte die winzige Alte, nun vollends beruhigt und durchdrungen von Hochachtung. „Jawohl, beim Herrn Doktor“, sprach ich, und ich beugte gepflegt ein Knie und hielt dem maroden Hund eine meiner Hände hin. Das arme Vieh stolperte beim Versuch, Pfötchen zu geben; mühsam richtete es sich wieder auf alle Viere und sah mich verzweifelt und um Verzeihung heischend an. Die Alte entschuldigte sich an seiner Stelle wortreich mit dem Lebenslauf dieses Restes von einem Hund und wollte anschließend ihre eigene Lebensgeschichte durch den Hof verbreiten. Dadurch erfuhr ich noch mehr von ihrem Sohn, dem unglücklichen Quartalssäufer, der es auch durchaus hätte bis zum Architekten bringen können, womöglich bis zum Diplomarchitekten sogar, wenn da nicht diese Frau gewesen wäre. Die Alte begann, mir genau den Typus Frau zu erläutern, vor dem ich mich unbedingt in Acht zu nehmen hätte, wenn ich es jemals zu etwas bringen wollte. Irgendwann begann ich unruhig zu werden, ich sorgte, dass der Herr Doktor in den Hof treten könnte. Formvollendet verabschiedete ich mich. „Sind Sie auch ein Doktor?“, krächzte mir die Alte hinterher. „Nun, gewissermaßen“, rief ich zurück. „Ich bin ein Professor!“ Seit eineinhalb Jahren war ich jetzt obdachlos. Ich hatte weder Papiere noch Lust darauf. Vielleicht, wenn die Papiere wieder Lust auf mich haben würden, sagte ich den Göttinnen, vielleicht dann. Von mir gab es in dieser Stadt mehr als dreißigtausend. Die wenigsten wollten sich kennen lernen. Nicht gegenseitig und nicht sich selbst.

 

Vor dem großen Eingangsportal des alten Mietshauses in der Linienstraße stieg der ungewaschene Professor auf sein staubverkrustetes Fahrrad und radelte, eng umgeben von dieser völlig unzumutbaren Stadt, bartstoppelig in seinen nächsten Tag hinein. Hinter mir starben das Überbleibsel einer ehemaligen Frau und ein Hundewrack weiter, und die, denen ich entgegenfuhr, sie sahen auch nicht aus, als wenn eine Göttin wohlmeinend ihr Schicksal steuern würde.

 

Wo ich nun schon einmal Professor war, konnte ich auch zur Universität fahren, möglich immerhin, dass ich dort einen wichtigen Vortrag zu halten und es nur vergessen hatte – schließlich war ich ein sehr zerstreuter Professor. Zerstreut, das bedeutete für mich ein Gehirn, welches aus zwei Handvoll Körnern besteht, und irgendein launiger Windstoß des Schicksals oder die galaxienordnenden Göttinnen hatten… Oder eine Nymphe vielleicht. Über die Art des Gekörns war ich mir auf der Höhe des Alexanderplatzes noch unklar. Sand oder Saatgut? Der letztere Fall ließ hoffen. Hochaufgerichtet, leutselig nach den Seiten winkend, strampelte ich professorenhaft genug dahin, dass einige von mir mit einem Gruß beglückte Passanten durchaus achtungsvoll zurücknickten. Mit einem angemessenen Professorengehalt würde Professorsein wahrscheinlich etwas länger Freude machen. Meine Freude reichte nur bis zur Kreuzung Spandauer Straße. Dort fuhr ich in eine auf der Straße liegende Brötchentüte von Bäcker WITTE, die aus unerfindlichem Grunde Tellerscherben statt Semmeln enthielt. Das Vorderrad zischte laut und ich fluchte leise.

 

Der Herr Professor trug einen kleinen Schraubenschlüssel und ein Flickzeug in seiner Überlebenstasche voller letzter Habseligkeiten auf dieser Welt. Nach dem Vorgang schaute er seufzend auf seine öligen Hände, dann blickte er auf und sah direkt mitten hinein in dieses pechschwarze Plakat, das sie in einem riesigen, an die Hauswand geschraubten Stahlrahmen für Großbildwerbung aufgehängt hatten. Inmitten von all dem Plakatfarbenschwarz stand nur eine einzige kalkweiße Schriftzeile: „Wir müssen miteinander reden.“ Rechts darunter, in denselben Schrifttypen, aber kursiv nach rechts geneigt: „Gott.“ Und links ganz klein: www.gott.net. Kein Gott für Leute, die nur ein Telefon hatten. Mein nächster Blick fiel auf Fahrräder in einem Ständer. Eines hatte eine Luftpumpe. Ich griff danach, und sofort ertönte in meinem Rücken eine scharfe Stimme: „Was tun Sie da?!“

„Ich stehle eine Luftpumpe“, sagte ich, dann erst drehte ich mich um. Es blieb immer noch die Hoffnung, dass gerade die Wahrheit nicht geglaubt wird.

„Hängen Sie sie wieder dran. Bitte.“ Der kleine Mann lächelte.

„Fünf haben sie mir schon geklaut“, sagte ich einfallslos, „Heute will ich eine wiederhaben. Ich brauche sie nötig. Ist das etwa Ihr Rad?“

„Nein“, erwiderte der kleine Mann. „Aber man soll nicht Gleiches mit Gleichem vergelten!“

Ich lachte. „Wer sagt das?“

„Der Herr.“

„Welcher Herr?“

„Unser aller Herr.“ Er nickte zu dem düsteren Plakat hinüber.

„Liebe nicht mit Liebe zu vergelten ist ziemlich enttäuschend, finden Sie nicht?“, meinte ich.

„So hat der Herr das nicht gemeint! Er hat damit gemeint…“

„Und mit was soll man Dankbarkeit vergelten? Und was mit Leben?“

„Der Herr hat…“

„Hängen Sie sich Ihren Herrn über die Schulter und gehen Sie.“

„Och! Wissen Sie, was Sie sind?!“

„Vorsicht! Nicht Gleiches mit Gleichem vergelten!“ Ich hob die schwarze Pumpe ein wenig an.

„Der Herr liebt auch Sie!“, schrie er tapfer über die Schulter zu mir zurück.

„Das will ich ihm auch geraten haben!“, brüllte ich ihm hinterdrein.

Er rief noch etwas und ich rief noch etwas, und dann wieder er, und dann hörten wir uns gegenseitig nicht mehr. Zwei zeternde Männlein, aus der Sicht des Herrn, deren Abstand zueinander sich stetig vergrößerte. Dann verschaffte ich mir Luft durch ein inbrünstiges Stöhnen, meinem Reifen durch wutentbranntes Pumpen, und dann hängte ich das Knüppelchen wieder an. „War doch insgesamt ein nettes Gespräch!“, sprach ich in die Gegend des schwarzen Plakates, warf einen Blick nach oben und fuhr davon.

 

Ein uralter Spruch lautet: "Hast du etwas vor, wende dich nach Südwesten. Hast du nichts vor, so ist der Nordosten gut für dich." Denken wir - man kann es der zeitlosen, fernöstlichen Weisheit wohl zutrauen - der Spruch gelte nicht nur von China aus. Meinte dies, Italien sei gut für die Verwirklichung von Projekten, und in Finnland sein Leben zu beschließen, das würde ganz und gar wundervoll? Und vielleicht ging es ja auch weniger um die Weite des Weges, den man zurückzulegen hatte, sondern viel mehr um eine Ausrichtung der Bewusstseinshaltung ins Südwestliche oder ins Nordöstliche?

Ich erwog meine ganz konkreten derzeitigen Möglichkeiten, suchte mir auf einem Untergrundbahnstadtplan einen südwestlichen Punkt Berlins aus und radelte los. Zunächst überlegte ich, dass Nordwesten und Südosten fehlten, in der Weisheit. Ich dachte mir, der Südosten mochte vielleicht gut sein, Vorhaben gut zu beenden, hingegen konnte der Nordwesten sich eignen, in stiller Weisheit über den Sinn von etwas nachzudenken, das man zu verwirklichen trachtete. Nun gab es schon vier Punkte in dieser Stadt, dich ich für mich mit Sinn und Bedeutung aufgeladen hatte. Eine ziemlich manifeste Kindheitserinnerung war es bei mir gewesen, dass Norden immer vorn und oben sein müsse, Süden hingegen stets hinten und unten. Osten war rechts und ein bisschen oben und nach Westen ging es links und ganz leicht hinab. Egal wie, plötzlich fing es schrecklich zu gießen an, da war ich gerade an der Siegessäule.

 

Ein roter Kleinwagen leuchtete in der Sonne nach dem kurzen, heftigen Regen. Neben ihm leuchtete das Gesicht eines lächelnden jungen Mannes, und in dessen einer Hand leuchtete ein rotes Fläschchen, in der anderen ein feines Pinselchen mit einer roten Spitze. Entzückt blieb ich stehen und beobachtete, wie der Mann einen winzigen Lackschaden an seinem Heiligtum ausbesserte. Er hatte seine Zunge zwischen die Zähne geklemmt und pinselte garantiert ästhetischer über den kleinen Kratzer, als eine wirkliche Lady sich die Lippenränder nachglossieren kann. „Jetzt noch ein wenig Lidschatten auf die Scheinwerfer“, sagte ich leise, „und sie pfeifen dir an jeder Kreuzung hinterher…“ Der Mann fuhr herum. Er lächelte. Aber da stand auch sogleich ein Rest eifersüchtigen Misstrauens in seinem Lächeln. „Ist ja gut“, lachte ich, „Ich will ja nicht den Auspuff sehen.“ Da freuten wir uns beide. Leider endete die Situation recht peinlich, denn er musste mir, als ich davonfahre, noch rasch ein unsägliches: „Ihr Fahrrad ist aber auch ganz schön!“ hinterherrufen. Hätte ich doch den Mund gehalten.

 

Auf dem nach Parfüm und nach gebratenem Fleisch riechenden Kurfürstendamm hielt ich inne, weil mir die Musik so sehr gefiel. Manche von ihnen heulten wie schwer betrunken, aber die meisten sangen einfach wunderbar. Ich kettete das Fahrrad an und lief ein Stückchen mit.

„Drüben in den Staaten nennt man sie die ‚bright-shining-faces’“, erläuterte mir verbindlich der gutangezogene Mann mit dem grauen Dealergesicht. Gleich mir und anderen war er stehen geblieben, wir schauten zu der langen Wagenkolonne auf der Straße hinüber. „Es liegt unter anderem an ihrer gesunden Ernährungsweise, dass ihre Gesichter so leuchten – Vitamin B und Vertrauen in Gott und den Lehrer...“

 

Sie waren von Hare Krsna, und es waren sehr viele. Sie zogen blumenübersäte Wagen langsam an der Kaiser–Wilhelm-Gedächtniskirche vorüber. Auf einem der vorderen Wagen des farbigen Zuges gestikulierte jetzt heftig ein hochgewachsener, junger Glatzkopf in einem orangenen Gewand und begann, in einen scheppernden Handlautsprecher zu brüllen.

„Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, Ihnen allen meine große Freude drüber zu Ausdrucke bringen, dass man es uns zu die erste Mal, endlich, erlaubt hat, hier bei diese herrliche Sonnenschein öffentlich in unseren Wagen heute über die Kurfürstendamm zu ziehen. Der Verkehr hält an, viele freundliche Menschen halten an, alles für Krsna! Sogar die Polizei ist nun im Dienste Gottes beschäftigt und hält für uns, die armseligsten der Untertanen des Herrn die Straße frei – ist dies nicht wirklich wunderbar?!“

Misstrauisch witterte ich, dass der Kerl vielleicht keinen wirklichen Dialekt sprach, sondern sich den Anschein eines Amerikaners gab, so gut dies ein deutscher Lügner eben vermochte. Ich schaute zu meinem Nachbarn mit den kantigen Zügen und sah, dass er angespannt lauschte.

„Mit die Chanten von Hare Krsna ist es eine sehr, sehr einfache Sache, keine komplizierte. Krsna ist einfach der Name Gottes.“, sang er weiter. „Wenn Sie zum Beispiel chanten würden: Angela Merkel, Angela Merkel, Merkel, Merkel, Angela, Angela, dann erhalten sie nach kurze Zeit die Bundesverdienstkreuz (Schade für die Geschichte, wenn demnächst ein Kanzlerwechsel sich vollzöge). Chanten sie hingegen Coca-Cola, Coca-Cola, Cola Cola, Coca Coca, dann kommen Sie nach noch viel kürzere Zeit in eine Irrenanstalt. Aber wenn sie den heiligen Namen chanten - Hare Krsna, Hare Krsna, Krsna Krsna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare, so bekommen sie einen sauberen, intelligenten Geist angefüllt mit wirkliches Wissen. Und außerdem, sie tun etwas für alle Menschen, etwas sehr Wirkungsvolles. Ja,  und glauben Sie mir ruhig, auch ihre Brieftasche wird bald auf wunderbare Weise sehr viel dicker sein! Das ist Fortschritt! Geistig und materiell!“

 

„Er hat einen Stich!“, vermutete ich hilflos. Der verlebt aussehende Mann, welcher mich bereits mehrmals verbindlich angelächelt und auch einige freundschaftliche Sätze gesprochen hatte, hörte mir gerade nicht zu. Neben der geschmückten Wagenkolonne liefen junge Mädchen in bunten Saris entlang; lächelnd verteilten sie Gebäck und Süßigkeiten, und der Mann drängte sich in seltsamer Gier eilig zu einem von ihnen hin. Als er eben auf eines der Tabletts langen wollte, starrte ihm das Mädchen gerade in die Augen und rief in mir völlig echt erscheinendem Entsetzen: „Hii, der Dämon! Der Dämon wieder!“ Zwei junge Männer aus der Prozession waren sofort heran. Sie stießen meinen Gesprächspartner grob, stumm und ernst mit ihren kräftigen Oberkörpern zurück, Schritt für Schritt rückten sie ihm nach. Es sah sehr professionell und sehr gefährlich aus, und es fiel fast überhaupt nicht auf im Sommerwochenendgedränge der Touristen, Einkäufer und Schaulustigen.

 

„Warum hat sie dich einen Dämon genannt?“, fragte ich ihn, als er, bleich vor Erregung, Wut und Enttäuschung wieder meine Nähe suchte. „Kennen die dich? Hast du mal zu denen gehört?“

Er war wirklich todkalkig im Gesicht, und als er resigniert abwinkte schien er das mit einer Knochenhand zu tun. „Wer nicht für sie ist, ist gegen sie“, murmelte er, „und wer kein Gottgeweihter mehr sein darf, der ist eben dann ein Dämon. Dabei ist das alles nicht so einfach!“

 

„Es ist so einfach!“, sang der junge Redner von seinem Wagen her ins Megaphon, „so unvergleichlich einfach: Sie werfen nur Ihre Arme hoch, so, und fangen damit an, Hare Krsna zu chanten! Nichts weiter gehört dazu, einfach nur die Heilige Name der Höchsten Persönlichkeit Gottes! Kommen Sie, meine Damen und Herren, probieren Sie es einfach, hier und jetzt, ja, mitten auf diese prächtige, sonnige Kurfürstendamm! Es reinigt so enorm die Seele, es ist ekstatisch! Sie werfen erst die eine Arm hoch - darin haben sie als Deutsche ja viel Übung - und dann werfen Sie dazu noch die andere Arm hoch, und dann...“

„Sei doch froh, dass Du da weg bist“, sagte ich zu dem Mann.

„Es ist schwer, irgendwo fortzumüssen und nichts anderes zu haben!“, antwortete der Mann einfach und traurig. Es berührte mich kaum. ‚Er sieht aus wie ein Zuhälter’, dachte ich, und dass ich sehr gern ein ganz normales, ein wohnhaftes Leben führen würde. ‚Www.gott.net.’, dachte ich. Bald verabschiedete ich mich flüchtig von dem Mann; ich kettete das Fahrrad an eine Laterne, schulterte meine Tasche und lief, spazierte durch den Tiergarten, durch das Brandenburger Tor, über die Linden.

 

Vor dem „Albert’s“ feierten sie Polterabend. Das „Albert’s“ steht ganz in der Nähe der Stalin-Twin-Towers am Strausberger Platz, sein Logo ist das Gesicht von Einstein mit herausgestreckter Zunge. Die Poltergesellschaft hatte, da sich der scherbenreichste Teil ihrer Party auf öffentlicher Straße abspielte, einen Winkel aus Holzbrettern aufgestellt. In diese Ecke warfen sie ihr Geschirr; die Bretterecke sah aus wie eine Hinrichtungswand für fliegende Untertassen. Die größten Stücke bekam die Braut. Mit verzerrtem Gesicht zerscherbelte sie geblümte Dorfkannen, Suppenteller, Platten für kalten Braten und Blumenvasen; die Gäste juchzten. Aus dem Himmel über dem „Albert’s“ tauchte langsam die große Sonnenscheibe hinter die Stalintowers. Ganz leer war dieser Himmel, ganz hellblau, und die zwei Krähen, die still in ihm vorüberzogen, wirkten überflüssig. Ich war stehen geblieben und beobachtete die kreischende Szenerie. Immer wieder schaute ich hinauf zu diesem völlig ausgeleerten, glatt mit Pastellblau ausgestrichenen Himmel und dann wieder zurück nach unten in den Scherbenwinkel. Plötzlich hielt ich eine liebe, kleine Kaffeekanne in den Händen, jemand hatte sie mir gegeben, ein dicker, rotgesichtiger Mann, vielleicht der Onkel der Braut. Er nickte mir aus einer schwitzenden Fratze aufmunternd zu. Ich verliebte mich sofort in die blau geblümte Kanne, hielt sie fest an mich gedrückt und lief rasch davon, verfolgt für Sekunden vom kollektiven Buhgeschrei der Hochzeitsgesellschaft.

 

Im letzten Blutorangenschein der nun versinkenden Sonne saß ich wieder auf einer Bank und betrachtete einen Brunnen. Auf seinem Gipfel schmollte das bärtige Grünspangesicht jener Skulptur des Gottes Neptun, vor welcher sich eine Kaisertochter, wenn sie aus ihrem Schlafzimmerfenster schaute, einst so sehr gefürchtet hatte, dass sie ihren Vater überreden musste, den ganzen Brunnen samt Skulpturengruppe umdrehen zu lassen.

Keine dreihundert Meter weiter blitzte im letzten Tagesschein dieses Domkreuz. Ich brauchte meine Kopfhaltung nicht zu verändern, um das vergoldete Kreuz scharf sehen zu können, nur meine Pupillen musste ich von Nah- auf Fernblick umzustellen, ein winziger Willensakt. Wer seine Sache mit denen da drüben, mit denen vom Kreuze machte, der hatte Einen Einzigen Ewigen Höchsten Einen zu akzeptieren. Zwischen Nahblick und Fernblick lag ein riesiges Paradox. Denn wenn der hier vorn dafür stand, dass jeder einmal damit an der Reihe sein würde, Gott zu sein, jener da hinten jedoch in Ewigkeit Gott sein würde, dann würde Letzterer jedem anderen schließlich auch irgendwann seinen Platz fortnehmen. Und da sich beides ganz offensichtlich nicht bekämpfte - außer für Sekunden in meinem Gehirn - schien es mir schließlich als einzige Lösung zu gelten, dass es entweder die Neptunskulptur oder den Christendom überhaupt nicht wirklich gab.

 

Erschrocken schüttelte ich den Kopf, das ging, fand ich, bereits sehr nahe an der Irrenanstalt vorbei, und als ich daraufhin zur Seite schaute und sehen musste, dass an einem nahen Hausdach soeben eine große Coca-Cola-Werbung in bestätigenden Intervallen rot zu leuchten begonnen hatte: Coca-Cola, Coca-Cola, Cola Cola, Coca Coca…, da traten mir Tränen in die Augen, keine erleichternden Tränen, einfach nur bitteres Salzwasser.

 

Drüben am Horizont drehten sich demonstrativ beleuchtete, hohe, schlanke Baukräne. Dort zogen sie die Ministerien für die Bundestagsabgeordneten hoch. Angela Merkel, Angela Merkel, Merkel, Merkel… Hinter mir wusste ich diesen schlanken Fernsehturm, der wesentlichen Anteil hatte an der Verbreitung der aktuellen, zeitgenössischen Fernsehprogramme zu dieser Stunde - zu ihm drehte ich mich erst gar nicht um. In den Rosenhecken neben meiner Steinbank huschten inzwischen fette Ratten, und drüben an den Büschen hatte sich soeben eine betrunkene Frau vollgepisst und war fluchend dabei, den Saum ihres Rockes auszuwringen.

 

Um angestrengte Konzentration bemüht, schaute ich den Japanern zu. Sie fotografierten ständig mit äußerster Geschmacklosigkeit ausgesuchte Motive, in deren Mitte ein oder mehrere andere Japaner platziert waren. Wenn sie sahen, dass ich lächelte, lächelten sie. Nach einer Weile glaubte ich nicht mehr, dass man ohne Absicht so dämliche Fotos machen könne und hielt mich für das Opfer einer Verschwörung.

 

Als ich endlich etwas Beruhigendes für meine Blicke gefunden zu haben glaubte, das kupfern schimmernde Zifferblatt der Uhr am Turm des Rathauses, erbaut aus roten Ziegeln, in diesem Moment begannen plötzlich beide Zeiger vier oder fünf Mal über das Zifferblatt zu rasen, worauf sie – ich verglich es mit der Zeit auf meinem Taschentelefon – mit der präzisen, aktuellen Winkelstellung wieder anhielten. Ich schüttelte den Kopf und suchte nach jemandem in der Nähe, zu dem man: „Haben Sie das eben gesehen?!“ sagen konnte. Aber da war niemand, und es geschah an Erschreckendem nichts mehr weiter.

Still saß ich nun, sanft sank sommerliche Dunkelheit auf mich nieder, und eben vermochte ich wieder die Düfte des Abends wahrnehmen, als sich ein älterer Mann in blauer Arbeitskluft aufseufzend neben mich setzte, mich um Feuer für seine Zigarre bat und sofort leutselig damit begann, mir seinen schäbigen Lebenslauf zu erzählen.

 

Hatte ich den Mann nicht schon einmal gesehen? Richtig, es war der Moralapostel von heute morgen, der mit der Luftpumpenmoral. Er hingegen schien mich nicht wiederzuerkennen. Gequält stöhnte ich auf.

„Wenn es nicht interessant für Sie ist, dann gehen Sie doch!“, beschwerte der Mann sich enttäuscht. Was hätte ich sagen sollen: „Das ist meine Bank“?

’Es ist nicht einfach, irgendwo fortzugehen, wenn man nichts anderes hat’, hatte der Dämon auf dem Kurfürstendamm gemurmelt. Vielleicht hätte ich das sagen sollen, oder: „Ich habe wirklich keine Zeit mehr.“ Stünde bloß mein Rad nicht am Kurfürstendamm.

„Seit kurzem drehen sich die Uhren schneller für mich, als für alle anderen!“, hörte ich mich sprechen. Ich wies mit einer belanglosen, kreiselnden Handbewegung auf die Rathausuhr.

„Ach das!“ Der Alte, ärgerlich, dass ich ihn unterbrochen hatte, deutete seinerseits auf  die alte, schwarze Tasche aus vertrocknetem Leder zwischen seinen Schuhen. Er grinste. „Na, das kann ich Ihnen leicht erklären. Ich bin Uhrmacher, Kirchenuhren und Turmuhren sind mein Spezielles. Das war ungefähr vor einer Viertelstunde, ja? Das war ich. Hören Sie doch besser zu, sie junger Spund, das mit meiner Lehrlingszeit und so weiter, das kommt gleich. Unser Herr hat Sie wohl nicht gerade mit Geduld gesegnet, was?“ Hässlich lachte er auf und fuhr dann fort in seiner öden Lebensgeschichte, wobei er verklärt in die Weite schaute. In fassungslosem Entsetzen saß ich immer weiter stumm dicht neben ihm. Jetzt wurde es Nacht. Sommernacht auf der Welt Erde, in der Stadt Berlin.

 

Um die Neptunskulptur herum sitzen nackte, grünspanüberzogene Nymphen aus Bronze. Einer von ihnen reichte es endlich. Langsam erhob sie sich langsam vom Brunnenrand, streckte sich leise stöhnend auf beachtliche dreieinhalb Meter, schüttelte entschlossen das metallene Haupt und kam mit gewaltigen Schritten zu mir herüber.

„Es ist genug, findest Du nicht auch?“, dröhnte sie. „Komm, wir gehen hinüber zum Hackeschen Markt, einen Kaffee trinken.“ Ihre gewaltigen, grünen Knie waren dicht vor meinen Augen. Ich schaute auf zu ihrem Gesicht. Ich sah ihre feuchten Lippen. Sie roch nach fauligem Wasser und duftete nach nassem Frauenhaar. Ernst zwinkerte sie und verspritzte dabei mit ihren Bronzewimpern eine Kaskade winziger Wassertröpfchen. Dann nahm sie vorsichtig meine Hand zwischen ihre großen Finger, und wir gingen davon. Ich schwenkte meine kleine Kaffeekanne. Hinter uns rief laut der enttäuschte Uhrmacher irgend einen sehr bedeutenden Satz über die Zeit. Über seine Zeit.

 

 

 

 

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© Robert L. Sanatanas 2017

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