Adishakti

Site:  R. L. Sanatanas Berlin 2017   |   Alle Rechte © an Text und Bild beim Autor

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Den Namen hatte Petra von ihrem Yogameister, einem fetten, indischen Guru, dessen breit lächelndes Hamstergesicht sie sich eingerahmt hatte.

„Adishakti bedeutet ‚Die ursprüngliche Energie’“, dozierte Petra. Sie erklärte es mir nicht zum ersten Mal, und wie immer hatte sie diesen gewissen, bedrohlichen Unterton in ihre Erläuterung gelegt.

„Ursprung hin, Ursprung her“, erwiderte ich nicht sehr intelligent, „Zwischen Uhrsprung und: Jemandem auf den Wecker fallen, sehe ich bei dir nur selten einen Unterschied.“

Petra lachte fröhlich. „Der Swami hat mich einfach nur tief angeschaut, und dann kam dieser Name für mich aus ihm heraus“, erklärte sie. „Mir gefällt er ausgesprochen gut. Was machst du da?“

 

Ungeniert wühlte sie in den Papieren auf meinem Schreibtisch herum, sozusagen mit ursprünglicher Energie. Ich wollte zu einer höflichen Erklärung ansetzen; doch sie hatte sich bereits einen Zettel gefischt, dessen Text sie mir belustigt vorlas: „’Wie es Leute gibt - Charles Bukowski nennt sie ‚Tote Hunde in langen Mänteln’ - die sich als Leichen im Leben eingerichtet haben, so gibt es sicher auch Lebende im Tod, und wahrscheinlich machen sie da drüben einen genauso unangenehmen Eindruck wie hier diese Leichen.’ Das finde ich spannend, was ist das?“ Adishakti zerrte an mir herum. „Los, rede, ich will, dass du mich unterhältst! Was ist das? Von wem?“

„Es ist von mir“, murmelte ich mit einem Anflug von Scham, über den ich mich ärgerte. Wie ich mich erinnerte, war mir der Satz gestern, als ich ihn aufgeschrieben hatte, noch sehr großartig vorgekommen. Nun, aus dem hübschen, großen Mund des Mädchens da, klang er mir eher mittelmäßig.

„Das ist großartig!“, freute sich Adishakti, „Es erinnert mich an die Alte Oberin!“

„Die Alte Oberin!“

Adishakti setzte sich auf die Schreibtischkante. Lächelnd schlug sie die Schenkel übereinander und ließ durch diesen Anblick etwas von ihrer ursprünglichen Energie in das Repräsentanzorgan meiner ursprünglichen Energie übergehen. Aufgeräumt erklärte sie mir, dass sie bis vor kurzem Hebamme gewesen sei, und die Alte Oberin sei eine der Schwestern gewesen, bei der sie gelernt habe

„Eine grauenvolle Person!“, rief Adishakti. „Stell dir vor, wie die Lebenden sich fürchten, dass sie dem Tod begegnen müssen. Und mindestens genauso fürchten sich die, die wiedergeboren werden, davor, als erstes der Alten Oberin zu begegnen! Und? Kannst du dir nun vorstellen, wie sie aussieht?!“

Schallend lachte ich. Dann fragte ich lächelnd: „Das ist dir wegen meines Zettels eingefallen? Ich finde das sehr ermutigend. Ein einziger schlechter Satz von mir macht eine ganze hübsche Geschichte von dir.“ Adishakti erwiderte, dass mein Satz für sie gar nicht schlecht gewesen sei, gesetzt der Fall aber, es wäre doch so, und seine Folge wäre eine gute Geschichte, dann könne ich das doch einfach kultivieren. Ich fragte sie, wie sie sich das vorstellen würde, und sie fuhr fort: „Du schreibst meine Geschichte auf. Dann irgendwann kommt die nächste Adishakti oder eine andere, die kramt in deinen Papieren, sie liest die Geschichte und eine noch bessere fällt ihr dazu ein. Sie erzählt sie, du schreibst sie auf, dann irgendwann kommt wieder die nächste und immer so weiter. Am Ende steht die wunderbarste Erzählung, die es je im Universum gegeben hat…“

„Ja“, sagte ich, „Nur - wer schreibt sie auf?“

Adishakti stutzte kurz. „Na du doch!“, äußerte sie überzeugt.

„Fein“, versetzte ich, „Und wenn dann am Ende nicht wieder eine nächste Adishakti sich auf meiner Tischkante räkelt, sondern der mit der Kapuze und der Sense?“

„Gut!“, rief sie, und sie sprang vom Tisch und baute sich vor mir auf. „Die Menschen bauen sich heute kleine Scheiben mit ihren Lieblingsliedern zusammen, oder mit den schönsten Fotos, oder mit den besten Ausschnitten von Filmen - und weshalb sollte es nicht auch so etwas als ganze Leben geben, 'The Best Of' - Leben, weißt du, solche, in denen sich das Schönste aus vielen, verschiedenen Existenzen aneinanderreiht, in sanften Übergängen gut abgemischt? das ist, was ich meine, das du machen sollst, für mich!“

Ich lachte und streichelte Adishaktis Ohr. Ich stellte mir ein 'The Miesest Of'- Dasein vor.

Adishakti rückte näher zu mir heran. Sie beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte mit duftendem Atem: „Dann sage ich dir eben noch ein Geheimnis: Der Tod und die Alte Oberin - die beiden haben ganz sicher ein Verhältnis miteinander…“ Vorsichtig biss sie mir in den Rand meines Ohres und rückte dann wieder von mir fort, um weiter auf der Tischkante zu schaukeln. „Fang einfach an“, sagte sie, „Schreib: Adishakti bedeutet…!“ „…die ursprüngliche Energie“, ergänzten wir gleichzeitig. Wir lachten und sahen uns in die Augen. Seltsamerweise hatten ihre hellblauen Augen jetzt einen harten, fast unnachgiebigen Blick. „Versprichst du mir, die Geschichte aufzuschreiben?“, fragte sie mich ernst. Ich versprach es ihr.

 

Vor sechzehn Jahren war das. Eine weitere Pointe, als dass ich mein Versprechen nun eingelöst habe, kann ich hier nicht anbieten. Etwas anderes könnte ich anbieten - die Kante eines Schreibtisches.

 

 

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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