Der Pfau

„Der Yogi stellt Gold her,

indem er Quecksilber trinkt

und auf Glockenmetall uriniert.“

                                                      Srila Dvaipayana Vyasadeva,

Srimad-Bhagavatam

 

„Junge! Legst Du wohl gleich

das Fieberthermometer weg!

Du hast keine Ahnung,

wie giftig Quecksilber ist!“

Meine Großmutter

 

Ich kann des alten Mannes letzten Satz nicht vergessen. So viele Jahre schon ist es nun her, dass er diesen Satz zu mir sprach, so viele Jahre. Wie viel sich geändert hat auf der Welt, in dieser langen Zeit.

Manchmal würde ich wirklich sehr gern darüber reden. Über alles. Mit jemandem, der mich meinethalben auch nur ansatzweise versteht. Ganz früher habe ich das auch versucht, doch die Nachwirkungen solcher leichtfertigen Experimente wurden bald immer schwerer erträglich. Und so wurde es mir inzwischen Angewohnheit, in der Nähe von Menschen zu schweigen. Ohnehin glaube ich, dass meistens überall nur immer Dasselbe geschieht. Wir sind, was wir waren - so zu denken, das beschützt mich vor Selbstmordideen; schließlich würde ja eh nur wieder das Nämliche daraus werden, und man kann sich dergleichen Versuche wohl schon deswegen einfach sparen. Auch im Danach siegt wahrscheinlich immer die trockene Prosa. Die farblose Tristesse, sie hört nach dem Tod nicht auf.

 

Aber heute, ja, genau heute hat trotz des langen, ausweglosen Einerleis in meinem Leben dennoch ein besonderer Tag für mich begonnen - ich habe mich nämlich wieder einmal entschlossen, alles aufzuschreiben. Ob mir dies in meinem gegenwärtigen Zustand gelingt, und ob gar irgendwann jemand lesen wird, was ich zu berichten haben werde, daran muss ich allerdings bereits zweifeln, bevor ich erneut den Stift ergreife: Manchmal nämlich verschwinden die Schrift oder das Papier oder beides vor meinen Augen, und manchmal verändert sich alles um mich herum auf das Fremdartigste, und ich muss wieder von vorn beginnen. Wie lange versuche ich eigentlich schon, diesen Bericht zu vollenden? Wie viele Male habe ich ihn bereits neu zu schreiben angefangen? Ich weiß es nicht mehr. Wenn ich jemandem die Schuld geben könnte, an all dem, was mir seit einer gefühlten Ewigkeit an allen Tagen und in jeder Nacht widerfährt, wenn ich auf jemand mit dem Finger weisen, gegen jemanden die Faust schütteln könnte, es wäre natürlich dieser verfluchte Alte, nur - wen würde ich wirklich damit meinen? Doch ich versuche es lieber noch einmal der Reihe nach…

 

***

 

„Schau nur! Schau nur mal, dort! Da steht er schon wieder!“, flüstert mein Banknachbar Peter. Aufgeregt zeigt er aus dem Fenster. Draußen strotzt ein majestätischer Sommer; blühende Büsche duften aus dem gepflegten Park vor dem Schulgebäude zu uns hinauf und hinein in die weit geöffneten Klassenfenster. Chemiestunde haben wir gerade; es geht bereits auf Mittag zu, und wir sind wohl in der siebenten, nein, in der achten Klasse, Peter hat ja bereits Pubertätspickel im freundlichen, sommersprossigen Gesicht. Ja, in die achte Klasse gehe ich, und der, auf den Peter mich eben hinweist, das ist wieder dieser zerlumpte, hässliche alte Mann. Seit Wochen bereits streicht der abgerissene Kerl an den exzellent beschnittenen Parkhecken und Ginsterbüschen herum, die unser modernes Schulgebäude zur stillen Allee hin abgrenzen.

 

Der Alte steht immer nur da und starrt, glotzt bewegungslos hinauf zu unseren Fenstern; das tut er, seit wir ihn zum ersten Mal bemerkt haben, an fast jedem Tag. Noch nie hatte ich vor einem Gesicht so viel Angst, wie vor diesem, obwohl da eigentlich nichts besonders Abstoßendes ist. Nur eben diese merkwürdige Ähnlichkeit mit mir selbst, über welche Peter grinsend zu mir gesagt hat: „Weißt du, ich finde, der sieht ganz genau so aus, wie du aussehen würdest, wenn du dein ganzes Leben lang alles falsch gemacht hättest…“

Heiß aufwallend hatte mich da das Gefühl überschwemmt, Peter sei eigentlich noch viel zu jung dazu, solche Sätze sagen zu können. Doch wenn nicht auch mit mir etwas nicht stimmte - woher kam dann dieses Empfinden bei mir? Die Situation war mir plötzlich unwirklich und sehr bedrohlich vorgekommen, und hektisch hatte ich über einen lächerlichen Kinofilm zu reden begonnen, bis der Lehrer uns zum Schweigen ermahnte.

 

 Jene phantastischen Streifen, die in den Kinos unserer Stadt gezeigt wurden, und von denen Peter und ich uns sehr viele ansahen, sie wurden damals bereits mit jener bewussten Banalität produziert, deren System darin bestand, den Zuschauer in jedem Moment davon zu überzeugen, dass alles, was er auf der Leinwand sah, draußen vor dem Theater garantiert niemals wirklich funktionieren konnte. Die überlichtschnellen Raumschiffe mussten immer einen leicht ausmachbaren Fehler aufweisen, mit der Zeitmaschine musste, auch für jemanden, der erst so alt war wie wir, stets ganz deutlich etwas nicht stimmen. Viele dieser Fehler hätten durchaus bereits beim Schreiben der Drehbücher sehr leicht vermieden werden können - allerdings wären dadurch, wie Peter mir immer wieder empört während unserer Kinobesuche zuflüsterte, die dargestellten Angelegenheiten alsbald näher an den Bereich des wirklich Machbaren gerückt, und der Kinobesucher wäre vielleicht neidisch geworden, oder gar wütend auf sich selbst, und auf die konkreten Umstände, die ihm all ihrer Härte wieder begegneten, sobald das Lichtspiel endete, und er das Theater wieder verließ, zurück in das hinein, was man Realität nannte. Es ging um Brot und Spiele, und darum, dass man nicht auf die Idee kam, den Bäcker oder gar das Spielfeld wechseln zu wollen.

Ich hätte das damals wohl nicht so zu formulieren gewusst, doch immer, wenn wir aus dem „Lichtspielhaus zum Blauen Stern“ kamen, rief Peter mit Inbrunst: „Ich verfluche diesen Planeten! Oh, wie ich diese Welt hasse! Sie ist von allen möglichen Möglichkeiten die restlos Allerletzte!“ Ich mochte ihn dafür und verstand ihn sehr gut, ohne recht sagen zu können, warum.

 

Peter war damals vom Phänomen der Unsichtbarkeit hellauf begeistert, und bald hatte er mich angesteckt. Eine Unmenge schlechter Filme zu diesem Thema sahen wir uns im „Blauen Stern“ an; in den Schulstunden schoben wir uns kleine Zettel zu, mit witzigen Bemerkungen. „Wenn ich unsichtbar wäre, dann…“ - damit hatte, so war unsere Vereinbarung, der Text stets zu beginnen.

„Wenn ich unsichtbar wäre, und die Rademacher würde plötzlich vorn an der Tafel zusammenzucken, die Augen verdrehen und leise aufstöhnen…“

 

Fräulein Rademacher, das war die noch sehr junge, auf uns heftig Pubertierende äußerst attraktiv wirkende Chemielehrerin. Plötzlich stand sie neben unserer Bank und ließ fordernd ihre hübsche Hand auf- und zuschnappen. Sie wollte natürlich den Zettel. Peters Gesicht lief dunkelrot an; er ließ das Papierchen rasch aus dem Fenster hinunter in den Park segeln. Dort muss sich der Alte den Schnipsel geholt haben, das war für mich, später, nach langem Grübeln, die einzige Erklärung für seine Frage an mich, eine Frage, mit rostiger, heiserer Stimme hervorgebracht, eher ein Ächzen: „So, so. Du möchtest also einmal unsichtbar werden, Jüngelchen?“

Gleich nach Unterrichtsschluss war es gewesen. Zusammen mit Peter war ich in das warme Wetter hinausgelaufen; wir hatten harmlos mit einander gescherzt, und da hatte der Alte unvermittelt ganz dicht vor uns gestanden. Sein unangenehmer Geruch drang ernsthaft auf mich ein, etwas wie das Aroma von Bittermandel… Erschrocken starrte ich in dieses verwüstete, ehemalige Gesicht. ‚Der da, so, wie der da, so wirst Du sein, wenn Du Dein Leben lang alles falsch gemacht hast…!’, dachte ich verstört.

 

„Lassen sie uns in Ruhe!“, rief Peter. Er packte mich am Arm und wollte mich weiterziehen, doch da lächelte der alte Mann unerwartet freundlich und sanft, und er knarrte mild: „Gewiss doch, gleich, gleich lasse ich euch in Ruhe, Jungens, oh, da habt nur keine Sorge. Wisst ihr, ich dachte mir nur: Wenn man sich etwas so sehnlich wünscht wie ihr, nicht wahr, dann sollte man doch auch irgendwann eine Chance bekommen, dass sich der Wunsch auch erfüllt - wenigstens das, oder? Nun, diese Sache mit der Unsichtbarkeit also…“

„Jetzt komm schon!“, zischte Peter, und er zerrte an meinem Ärmel, doch ich erwiderte:

„Nein, warte.“

 

Erneut zeigte der Alte etwas wie den Versuch eines Lächelns; er nickte mir mit einem mir peinlichen Wohlwollen zu und fuhr fort: „Also, das Unsichtbar werden, es ist sehr viel leichter zu bewerkstelligen, als man gemeinhin annimmt. Es gibt da nämlich so ein Buch, man kann es überall bekommen, jede Bibliothek hat es. Das Buch heißt ‚Kamasutra’…“

„‚Kamasutra‘?! Hören sie bloß auf!“, winkte Peter höhnisch ab, „Das ‚Kamasutra‘ besitzen meine Eltern auch! Es liegt bei meinem Vater im Nachtschrank. Nichts als indischer Sex ist da drin.“

Ich hörte mich hell auflachen, und eher unfreiwillig hatte auch Peter mitgelacht. Der Alte hingegen war ernst geblieben.

„Nein“, erwiderte er, „Im ‚Kamasutra‘ geht es längst nicht nur um Sexualität, mein Freund. Und du, Peter, schau deinem Vater doch noch einmal in den Nachtkasten. Seht euch beide besonders den hinteren Teil des Buches an, das letzte Fünftel! Das, was ich meine, ihr findet es fast am Ende. Dort gibt es eine äußerst präzise Anweisung zum Erreichen der Unsichtbarkeit. Nur wenige Seiten Text sind es, und die Anleitung ist ganz einfach und leicht nachzuvollziehen. Sehr wenig nur wird dafür gebraucht.“

„Also, wenn es so einfach ist“, fragte Peter höhnisch, „Warum machen sie es denn dann nicht selbst?“

„Ja, eben!“, rief ich, „Dann sieht sie immerhin keiner mehr, wenn sie zu uns hinauf ins Klassenfenster glotzen!“

Wieder nickte der Alte.

„Eine kluge Frage, mein naseweiser Junge“, erwiderte er blinzelnd, „Nun, ich bin sicher, ihr - du wirst die Antwort darauf schon sehr bald selbst herausfinden. Na, ich wünsche den jungen Herren jedenfalls noch einen recht schönen Tag! So ein Wetterchen, was?“

Nach diesen Worten drehte das alte Wrack sich um und hinkte langsam die Straße hinunter.

„Und woher wissen sie denn eigentlich meinen Namen?“, schimpfte Peter ihm hinterdrein.

„Komm schon, lass uns das Buch holen“, sagte ich zu ihm.

„Ach was, der alte Penner spinnt doch!“, versetzte Peter, „In dem Ding steht wirklich nur Fickerei drin. Mann, dieses ‚Kamasutra‘ ist überall auf der ganzen Welt in riesigen Auflagen verbreitet. Man hat es bestimmt in mehr als hundert Sprachen übersetzt! Wenn das stimmen würde, was der alte Knochen gekrächzt hat: Warum wimmelt es denn dann hier nicht von Unsichtbaren?!“

„Äh - vielleicht, weil wir sie nicht sehen können?“, lachte ich, und Peter knuffte freundlich meine Schulter.

 

***

 

Noch am selben Nachmittag hatten wir es uns gemeinsam auf dem breiten Ehebett im Schlafzimmer seiner Eltern bequem gemacht.

In dem Buch entdeckten wir zwar tatsächlich viel über Erotik, fanden jedoch kein einziges Wort über die Erlangung von Unsichtbarkeit.

„Das war doch wohl klar!“, meinte Peter, „Und das wird uns der alte Stinker noch büßen, das kann ich dir sagen! Guck mal, da!“ Und lachend wies er auf den Schlafzimmerspiegel, hinter dessen Glas wir beide zu sehen waren, wie wir mit einem ‚Kamasutra‘ und ziemlich dummen Gesichtern dicht nebeneinander auf einem Bett saßen.

 

Hinter diesem großen Ankleidespiegel steckten drei Pfauenfedern. Eine vierte, das entdeckten wir jetzt, musste irgendwann einmal hinter den Spiegelrahmen gerutscht sein. Sie klemmte zwischen Kommodenrücken und Wand. Peter zog sie hervor, er staubte sie ab und schenkte sie mir, zum Trost, wie er sagte - und weil ich nun mein Leben lang sichtbar bleiben müsse.

Den Federkopf mit dem dunkel schillernden Auge trug ich am Jackenaufschlag, bis ihn meine Großmutter entdeckte und mir dies kategorisch verbot.

„Das bringt ganz böses Unglück!“, erklärte sie, „Das Unglück, das auf die Eitelkeit folgt! Man zieht es mit Pfauenfedern an. Aber heutzutage bringt man ja den Kindern in der Schule nicht einmal mehr die einfachsten Sachen bei!“ Und sie warf die Feder in den Abfalleimer, wobei sie sich drei Mal ohne Speichel über die linke Schulter spie.

 

Am darauffolgenden Morgen in der Schule tauschten Peter und ich, sobald die Gestalt des Alten zwischen den Ginsterbüschen sichtbar wurde, unsere Plätze. Peter hatte ein kleines Katapult mitgebracht, es bestand aus einer Astgabel, starkem Gummiband und einer Lederschlaufe. Mit seinem Lineal kratzte er Kot vom Fensterbrett, den die vielen Tauben auf dem Schuldach täglich auf die Fenstergesimse kleckerten. Dann wickelte er das ekle Häufchen in ein Stück Löschpapier, und als der Physiklehrer uns seinen breiten Rücken zukehrte, um mit quietschender Kreide „V ist gleich s geteilt durch t“ an die Wandtafel zu schreiben, schoss Peter die Ladung dem Alten zielsicher auf eine seiner Wangen.

Ich konnte sehen, wie der Alte heftig zusammenzuckte. Er griff nach seinem Gesicht, versuchte ungeschickt, sich mit dem Handrücken den Taubendreck abzuwischen und starrte daraufhin lange schweigend hinauf zu unserem Fenster. Endlich nickte er, winkte müde ab und hinkte mit tief gesenktem Kopf langsam davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Von da ab sahen wir ihn nicht mehr. Eine Zeitlang noch zogen Peter und ich uns gegenseitig mit unserer Gier nach der Unsichtbarkeit auf, dann geriet die Sache allmählich in Vergessenheit.

 

***

 

Viele Jahre später - meine Wege hatten sich von denen meines Schulkameraden längst getrennt - musste ich eine Arbeit in einer anderen Stadt erledigen. Es hatte sich ergeben, dass mir eine dort lebende Freundin, die selbst gerade eine längere Urlaubsreise unternahm, für den betreffenden Zeitraum ihr Haus zur Verfügung stellte. So bezog ich neugierig eine geräumige, alte Bürgervilla. In ihr fand ich neben anderen Annehmlichkeiten eine umfangreiche Bibliothek vor, in deren ausgesuchten Beständen ich an meinen freien Abenden geruhsam blätterte, und zum ersten Mal nach langer Zeit hielt ich wieder ein ‚Kamasutra‘ in den Händen.

 

In der wiederauflebenden Erinnerung nachsichtig und auch ein wenig wehmütig schmunzelnd, hatte ich das Buch aus dem Regal gezogen und nachlässig darin geblättert, wohl nur, um das Papier zu fühlen. Plötzlich jedoch stutzte ich, und Erstaunen überkam mich. Ganz offensichtlich handelte es sich um eine andere, eine viel ausführlichere Ausgabe, als die Taschenbuchversion von damals, in der Wohnung von Peters Eltern. Verblüfft, ja geradezu erschrocken, entdeckte ich im hinteren Teil des hübschen, in dunkles, genarbtes Leder eingebundenen Bändchens, ein Kapitel, das mit: ‚Vom Erlangen fremder Ehefrauen‘ überschrieben war. Ich setzte mich auf die offene Veranda des Hauses in die warme Nacht und las aufgeregt. Zwischen den Buchseiten und meinen Augen schwamm plötzlich das längst vergessene Kopfschütteln des heruntergekommenen Alten.

 

Tatsächlich entdeckte ich bald die in trockenem, sachlichen Ton gehaltene Anleitung zur relativ einfachen Herstellung einer liquiden Tinktur, jener Salbe, deren Anwendung alsbald Unsichtbarkeit hervorrufen sollte. Man hatte dazu bestimmte Teile dreier Pflanzen zu zermörsern, sollte das so entstehende Pulver einen männlichen Pfau zu fressen geben und sich daraufhin die gesamte Körperhaut mit dessen Kot einreiben. Durch das Auftragen einer solchen Paste - ein Vorgang, der in dem alten Text der ‚Puta- Puta- Trick‘ geheißen wurde - könne man, ‚alsbald ohne Gestalt und auch ohne verräterischen Schatten wandelnd‘, sehr leicht jede begehrte, aber möglicherweise streng kontrollierte, fremde Ehefrau erreichen, und so zu einem unübertrefflich erfolgreichen Liebhaber werden.

 

Im Grunde fand ich die Herstellungs- und Gebrauchsanweisung lächerlich, und je öfter ich in der folgenden Zeit darüber nachsann, desto kläglicher erschien mir die ganze Angelegenheit. So war es vielleicht nur wegen der launigen Bemerkung meiner Freundin und Hausgönnerin am Telefon: „Jedes auch noch so kluge Vorhaben wird zu purem Blödsinn, mein Lieber, wenn du nur lange genug darüber nachdenkst!“, die mir als belästigend wahr im Gedächtnis hängengeblieben war, dass ich, kaum war ich in meine Heimatstadt zurückgekehrt, schließlich doch nach dem Telefon langte und die Auskunft anrief.

In der nahezu gewissen Annahme, dass es heute, in der Gegenwart, unmöglich sein würde, an die nötigen drei - in der Übersetzung des uralten Textes mit ihren lateinischen Bezeichnungen aufgeführten - Pflanzen zu gelangen, ließ ich mir die Nummern von verschiedenen Baumschulen, Blumenläden und Samenhandlungen geben und fragte dort ohne viel Hoffnung nach. Erstaunlicherweise geriet bereits mein zweiter Anruf zu einem vollen Erfolg.

 

„Oh, aber nein!“, sprach die Frauenstimme freundlich aus dem Hörer, „Das ist alles gar nicht schwer zu bekommen! Lotossamen erhält man überall, die ‚Himmelblaue Trichterwinde‘ ist ja durchaus ein einheimisches Gewächs und auch ganz leicht zu haben, und die ‚Morinda citrifolia‘ werde ich ihnen ebenfalls gern mit Erfolg bestellen können. Wenn es sie sehr damit eilt, könnte die Sendung bereits bis zum Anfang der nächsten Woche hier im Geschäft eingetroffen sein. Längst ausgestorben, sagten sie? Ach, aber was denken sie! Die ‚Morinda‘ ist nur bei uns in Deutschland nicht so verbreitet in den Gärten - weil sie eben viel Pflege braucht, und ein bisschen mehr Licht, als wir hier im Jahresmittel bekommen. Haben sie es schön sonnig bei sich, ja? Das wird die Pflanze ihnen danken.“

Verblüfft bedankte ich mich bei der Verkäuferin. Ich hörte mich mit mir seltsam fremd anmutender Stimme gehörige Mengen der Pflanzen ordern, dann legte ich langsam den Hörer auf, schimpfte ich mich zärtlich einen Idioten und wartete ungeduldig.

 

Nicht einmal vierzehn Tage später besaß ich fast alles, was ich angeblich benötigen würde, um die Salbe herzustellen. In einer klaren Neumondnacht setzte ich mich an einen Tisch vor dem geöffneten Fenster; ich stellte durch sorgfältiges Zerreiben der getrockneten Pflanzensamen, -blätter und -stiele vorschriftsmäßig das benötigte Pulver her, vermischte es mit geklärtem Hanföl und erhielt am Ende des Vorganges - während dessen Vollzug ich mir die größte Mühe gab, mir sowohl sehr mystisch vorzukommen und auch mitleidig über mich selbst zu schmunzeln - so viel Paste, dass ich damit einen Pfauen bestimmt eine Woche lang gut ernähren konnte.

 

Der Protagonist der abstrusen Angelegenheit allerdings fehlte mir noch. Einen alten Fotoapparat umgehängt, auf dem Kopf ein blödes Tirolerhütchen mit Hirschpinsel zur Tarnung, spazierte ich am Wochenende durch den Tierpark. Es war einfach lächerlich, und dass es wiederum ein Spruch meiner inzwischen lange verstorbenen Großmutter war, der mich die Groteske immer weitertreiben ließ, mochte mir auch nicht gerade zu mehr Ehre verhelfen: „Ich nenne dir drei Dinge: Was du gewollt, vollbringe. Was du vollbracht, bereu es nicht. Was du bereut, erneu es nicht.“

 

Stundenlang beobachtete ich die im Park frei umherstakenden Pfauenmännchen auf das Genaueste. Bis die Herbstsonne versank saß ich auf einer steinernen Bank und wartete, was die Zoowärter wohl mit den Pfauen anstellen würden, wenn der Park schloss. Sie taten gar nichts. Das Pfauenhaus blieb offen, und die Tiere würden dort zur Nacht wohl selbst Unterschlupf suchen.

Als es dunkel geworden war, kletterte ich über eine hohe Mauer zurück in den menschenleeren Tierpark und schlich zum Pfauenhaus, wo ich versuchte, mit Würmern und Weißbrotteig die zahmen Tiere anzulocken. Bald schon schritt einer der schimmernden Vögel hoffnungsfroh herbei, seine lange Federschleppe mit leisem Rauschen hinter sich herziehend. Nach einer langen Weile, während der er Erwartung und Vorsicht gegeneinander abgewogen hatte, und immer wieder gravitätisch vor meiner Hand und meinen debilen Lockrufen zurückgewichen war, kam der Pfau endlich dicht genug heran. In Heftigkeit und Ungeschick stürzte ich mich auf ihn, stopfte das entsetzt aufquäkende und schrill kreischende Vieh in die von mir mitgebrachte Reisetasche; ich rannte durch den Park, schaffte es über die Mauer und warf die Tasche auf den Rücksitz des gemieteten Autos.

 

Was ich alles erdulden musste, und was besonders der arme Pfau zu ertragen hatte, bis ich ihn in meiner Wohnung - nach einer Darmspülung mit warmem Kamillentee - dazu brachte, die Pflanzenpaste zu schlucken, davon zu berichten will ich mir hier aus mehreren Gründen ersparen. Nachdem ich jedoch den bald nur noch völlig deprimiert dahockenden Vogel drei und einen halben Tag lang mit der Pflanzenessenz zwangsernährt hatte, lieferte er endlich seinen ersten Kot ab. Ich fütterte ihn noch eine ganze Woche lang weiter, in deren Verlauf ich sorgsam alles einsammelte, was er hinterließ. Der Pfau drückte sich inzwischen nur noch in eine Zimmerecke. Schweigend, mit trüben, kleinen Augen schaute er mich an, auf eine sehr menschliche Weise verständnislos.

Am Abend des elften Tages seiner Haft chauffierte ich meinen Gefangenen zurück in den Zoo. Verpacken musste ich ihn nicht mehr; er war inzwischen nur noch ein gequältes Bündel Bekümmerung und hockte ganz still. Vorsichtig erklomm ich die Parkmauer und warf den Vogel hinab in seine gewohnte Umgebung.

„Erhol dich gut, und - verzeih mir!“, rief ich dem Pfau leise hinterdrein. Das Echo dieses Wunsches hatte sicher auch seinen Ohren etwas unsäglich Zynisches.

 

***

 

In derselben Nacht noch badete ich ausführlich und rasierte mir anschließend sorgfältig sämtliche Haare vom Körper, auch die Wimpern entfernte ich. Dann frottierte ich mich gründlich, stellte mich in die Badewanne und begann, mich sparsam, von den Füßen aufwärts, einzusalben. Vorsichtig von mir angerührt, war aus dem Exkrementenbrei eine graugrüne Creme entstanden, die weder abstoßend aussah noch etwa widerwärtig roch. Eher wirkte die zähe Masse wie eine Art feiner Fensterkitt, und das einzige Aroma, das sie verströmte, war ein leichter, herber Duft, der an eine seltsame Mischung aus den Gerüchen von frischem Beton und würzigen Pfifferlingen erinnerte.

Erst hatte ich mich vor einem Spiegel einreiben wollen, um zu sehen, ob ich langsam von unten her verschwinden würde; dann aber hatte ich mir überlegt, dass ich so ein Verschwinden ja auch direkt beobachten würde, immer an jenen Körperstellen, wo ich gerade die Paste auftrug. Ich salbte und salbte und es geschah - gar nichts.

 

Hin- und hergerissen zwischen spöttischer Selbstverachtung wegen der von mir inzwischen so weit vorangetriebenen, blöden Idee, den dreisten Behauptungen eines uralten Schundromans Bedeutung zu verleihen, und der Annahme, dass ich entweder zu dünn aufgetragen hätte oder dass meine Unsichtbarkeitsmischung vielleicht eine bestimmte Einwirkungszeit benötigen würde, gab ich mir noch einen zweiten Anstrich, doch die rasch spurlos einziehende Salbe bewirkte auch jetzt nicht das Geringste. Enttäuscht entstieg ich der Badewanne und wollte zurück in meinen Wohnraum laufen. Ich war auf mein tröstliches Ziel, ein Zigarillo, fixiert und entdeckte daher, als ich am Garderobenspiegel im Korridor vorüberkam, gewissermaßen eher nebenbei, dass es dort kein anderes Spiegelbild gab, als die dem Spiegelquadrat gegenüberliegende Wand.

 

Einen Aufschrei unterdrückend griff ich nach dem Spiegelglas. Dass diese rasche Berührung mich zwar das kühle Glas ganz deutlich spüren ließ, jedoch keinerlei optisches Feedback hergab, entsetzte mich. Nicht einmal ein Umriss oder eine Silhouette von meiner Gestalt waren zu erkennen - dennoch nahm ich eindeutig wahr, wie die geringen Abdrücke von der Feuchtigkeit meiner Fingerspitzen rasch wieder auf dem Glas verdunsteten. Dieser Effekt laugte meine Sinne blitzschnell aus, die Anstrengung, mich sehen zu wollen, war enorm und blieb dennoch völlig ohne Ergebnis. Ich erlitt eine Art plötzlichen Schwächeanfall, wurde innerhalb von Sekunden elend müde, und schaffte es gerade noch, mich auf dem Sofa unter einer Decke zusammenzurollen. Dann schlief ich tief ein.

 

***

 

Wie soll ich das jetzt am Verständlichsten beschreiben? „Ich erwachte und war unsichtbar“? Genau so banal war es - der Morgen graute, ich fuhr aus einem bleischweren, traumlosen Schlaf auf und war unsichtbar.

Mich selbst sah ich, jedenfalls zunächst, ganz wie zuvor. Erst hatte ich angenommen, dass ich - da ich mir ja nichts von der Salbe in die Augen gerieben hatte - nun im Spiegel zwei glotzende Augen in der Höhe von etwa eindreiviertel Metern erblicken würde, aber da war nichts. Und weder schwächte sich mein entsetzlicher Zustand höchster Verwirrung über diese Tatsache in den folgenden Stunden wieder ab, noch gab es irgendwelche Anzeichen für ein Nachlassen der Salbenwirkung.

 

Mit höchstens einer halben Stunde hatte ich gerechnet, nun war es bereits ein ganzer Tag. Von den grotesken Möglichkeiten, die sich jemandem eröffnen würden, wenn er einmal unsichtbar wäre, sind unzählige, spekulationshungrige Geister, gute und böse, in wohl allen Zeiten opulent genährt worden. Auch Peter und ich hatten ja damals Monate mit schwärenden Diskussionen zu diesem Thema verbracht. Man mag mir glauben oder nicht, ich nahm fast keine davon jemals in Anspruch, und das lag zuerst daran, dass ich alle diese Möglichkeiten einfach vergaß, als ich feststellte, wie groß meine Probleme plötzlich waren.

 

Mein Zustand war eine einfache Unsichtbarkeit. Sie umfasste offenbar nicht allein alles von der Salbe Bedeckte, sondern zudem auch noch ein ‚Ausdünstungsgebiet‘ - was allerdings mehr mit einer psychologischen Wirksamkeitsaura zu tun hatte, als mit einem physikalisch messbaren Umfeld. Und die Weite des ‚Ausdünstungsgebietes‘ - so versuchte ich mir die schmale Zone rings um meine Körpergrenzen zu bezeichnen, in der die Unsichtbarkeit ebenfalls zu wirken schien - war offensichtlich klimaabhängig. Manchmal nämlich vermeinte ich, im Spiegel einen Schimmer meiner Kleidung zu sehen. Das war keine Sinnestäuschung - alle meine Sinne funktionierten wie ehedem, eher besser, geschärft durch die außergewöhnliche, neue Situation, mit der ich mich nun sei bereits dreißig Stunden zu arrangieren versuchte. Und weil ich auch alles genau so wie zuvor fühlte, war ich folglich geneigt, meinen Zustand eher eine Tarnung zu nennen.

 

Eine ganz besonders beunruhigende Merkwürdigkeit war mir bereits von Anfang an bemerkbar geworden: Was immer ich auch verursachte, schien kein Geräusch mehr zu erzeugen, oder jedenfalls keines, das irgendjemand außer mir zu hören vermochte. Rasch bekam ich aber heraus, dass es sich noch etwas anders verhielt: Das Geräusch gab es durchaus weiterhin, es trat nur immer erst mit einer kurzen Verzögerung ein. Gerade so war es, als hielte das Gefüge der Welt stets erst einen Augenblick lang inne, wie um nachzudenken, ob sich ein Geräusch auch lohnen würde, wo doch kein Verursacher zu sehen war. Und bei diesem Nachdenken schien die Natur - oder Gott, oder was auch immer - zu ganz verschiedenen Schlüssen zu gelangen, kurz: Manchmal warf ich eine Flasche um, und es war ein Klirren zu hören, manchmal kam das Klirren zu spät, und dann wieder blieb es völlig aus. In alledem war für mich keine Regel zu entdecken, und sie zu suchen, das blieb auch nur eine sehr kurze Zeit lang spannend. Nach wenigen Minuten unter Menschen fühlte ich mich viel beobachteter als ein Sichtbarer, ausgesetzt den willkürlich wechselnden Urteilen einer Macht, die mir noch wesentlich unsichtbarer schien, als ich selbst den Anderen.

 

Um es vorauszuschicken: Ich traf keinen einzigen wie mich. Bis heute weiß ich nicht, ob sich Unsichtbare gegenseitig sehen können. Und weil ich mit der Geister- oder Gespensterwelt wohl ebenso wenig gemeinsam hatte, wie mit möglichen anderen Unsichtbaren, fand ich mich völlig allein. Bald schon verzehrten anfallartige, überwältigende Empfindungen von Einsamkeit nahezu alle Kräfte, die ich besaß. Ich war das einzige Wesen meiner Art, vielleicht im gesamten Universum. Diese immer wieder neu auf mich einstürzende Erkenntnis lähmte meinen Verstand.

 

Ich weiß, wir alle müssen das allzu Fremde verdammen, um uns lieb gewordenes, Vertrautes zu schützen. Beim Auffinden von Fehlern in fremden Systemen schwingt sich das grässliche Liebesleben unseres Geistes und unserer Intelligenz zu idiotischen Höchstleistungen auf. Beobachten Sie nur einmal, was ihr Geist, während sie dies hier lesen, mit Ihnen anstellt, nur, damit sie nicht etwa anfangen, mir zu glauben, sich für meine Geschichte wirklich zu interessieren…

 

Nach einigen Wochen schließlich wollte es mir scheinen, als hätte sogar das Licht kein Interesse mehr an mir, dem von der Salbe bedeckten Objekt: Es wich dem Zusammentreffen mit meinem Körper geschickt aus, und umso mehr das Licht mich umfloss, statt sich an mir zu reflektieren oder in mich einzudringen, desto weniger davon gelangte auch in meine Augen. Man kennt jenen Lebensstil, der mit „Sehen und gesehen werden“ bezeichnet wird. Vielleicht liegt ebenso viel Wahrheit in der Umkehrung - wird man nicht gesehen, sieht man auch nichts. Auch ob mich noch irgendwer hörte - ich weiß es nicht mehr. Ganz im Sinne jenes buddhistischen Weisheitskoans, der die Frage aufwarf, ob denn ein trockener Zweig im Wald, der ohne Zeugen von seinem Ast brach, denn auch unbedingt hörbar knacken müsse, mochte es sein, dass die grausame Ökonomie der mich umgebenden Natur allen meinen verzweifelten Rufen jeden Klang kleinlich ersparte

Etwas, das ich ‚blinde Flecken‘ nannte, trat nun immer häufiger auf, Zonen ohne Geruch, Dinge, die nach nichts schmeckten, temperaturlose Orte, und dann wieder schien es völlig unvermittelt auch keine Zeit mehr zu geben. Zwar erkannte ich dann beispielsweise einen Vogel durchaus im Fluge, doch er wirkte dabei wie in eine Folie eingeschweißt, und sein Schweben bestand für meine Wahrnehmung gewissermaßen aus den unzähligen Bildern der einzelnen Momente seiner Bewegungen. Am schlimmsten waren aber nicht die grässliche Einsamkeit oder dieses partielle Verschwinden von Sinneseindrücken, sondern, dass dafür niemals etwas Neues auftauchte. Es gab keinen Ersatz, nirgendwo. Eine fortschreitende, unkontrollierbare Subtraktion schien sich rings um mich her zu vollziehen, und es dauerte nicht mehr lange, bis ich ernstlich zu befürchten begann, dass auch mein Geist demnächst betroffen sein würde.

 

Manche Tiere schienen mich noch zu sehen, das tröstete mich ein wenig. Bei Katzen zum Beispiel war ich mir dessen eine Zeitlang fast sicher. Wie erfreut war ich gewesen, als ich in den Hinterhof eines alten Hauses getreten und mir dort maunzend ein kleiner Kater entgegengekommen war, die sich an meinem Bein gerieben hatte. Doch all das hat fast unmerklich nachgelassen. Auch der Kater erkennt mich längst nicht mehr. Die Pflanzen verließen mich, dann die Steine, und dann war auch das vorbei. Was mir an Empfindlichkeit geblieben war, ließ mich nun das Leid eines zerbrochenen Stuhls auf einem Müllhaufen viel deutlicher spüren, als den Jammer eines verletzten Menschen.

 

Glauben sie mir: Wir haben es nur gelernt, sie zu ignorieren, die scheußlichen Leiden des Unpersönlichen. Hat sich jemand geschnitten und er klagt, geht man davon aus, dass er leidet, man entwickelt möglicherweise Mitgefühl und holt ihm ein Pflaster. Aber ein Tisch, auf den man mit der Faust schlägt, eine Wand, in die man einen Nagel klopft, gelten für tot und unempfindlich. Wir haben ja keine Ahnung! Dabei ist es so logisch und so naheliegend! Pflanzen zum Beispiel, Pflanzen sehen wir jeden Tag, und bei ihnen verläuft so viel umgekehrt. Warum sollte es nicht Naturen geben, deren Aufgabe es eben ist, eine Million Mal länger aus sich selbst heraus zu leuchten als es Aufgabe dieser Welt zu sein scheint, ein dunkler Klumpen Erde zu sein? Jenes sei gut, sagen wir, und dieses sei schlecht. Was, wenn wir dabei stets nur die zwei Hälften des Schlechten meinen und das Gute ganz aussparen würden? Warum wir das tun sollten? Nun, um das Grausame in uns selbst nicht zugeben zu müssen, zum Beispiel. Um des Elends unserer Geschmacklosigkeiten wegen, die uns so teuer sind.

 

Einmal stand ich in einem Restaurant, hinter einem alten Narren, der ein Buch zu schreiben versuchte. Eine lange Weile las ich gerührt die plumpe Liebesgeschichte mit, die er sich abrang, dann nahm ich ihm seinen Federhalter aus der Hand und schrieb eilig auf den obersten Rand seines Manuskripts: „Guten Tag, ich bin unsichtbar. Können sie mir bitte helfen?“ Decken wir den Schleier der Nächstenliebe über das, was folgte.

 

Spätestens an dieser Stelle meines Berichtes müsste ich damit beginnen, auf Binsenweisheiten und Sinnsprüche zurückgreifen, um überhaupt verständlich zu bleiben, doch selbst dann würde einem Leser dieser Zeilen wahrscheinlich nichts - oder zumindest nur sehr wenig von dem, was ich zu erzählen habe - auch nur einigermaßen sinnreich erscheinen. Das soll mir recht sein, habe ich doch am Allerwenigsten vor, irgendjemandem die wirkliche Möglichkeit des Unsichtbarwerdens zu beweisen, oder sie ihm gar zu empfehlen. Nein, das genaue Gegenteil ist ja der Fall: Ich möchte wieder da sein! Hauptsächlich diesem Zweck dient doch der neuerliche Versuch meiner Niederschrift. Wird nicht jeder noch so kleine Zweifel des Lesers an der Unsichtbarkeit im Allgemeinen auch zu einem Zweifel an meiner eigenen Unsichtbarkeit werden? Das ist es, worauf ich zu hoffen versuche, wann immer ich abermals zu schreiben ansetze. Und weil man wissen soll, dass es mich gibt, mich, jemanden, der ganz leicht Schicksale verändern könnte - wenn er noch Gründe finden würde, so etwas zu wollen.

 

Ich, der traurige Narr Gott, den es wirklich gibt, der gerade jetzt, direkt neben ihnen, dem arglosen Leser, stehen könnte, biete kein Drama an. Keine Geschichten, die sich auf Flughäfen und in Banken abgespielt haben, nichts Prickelndes aus fremden Schlafzimmern, nicht einmal frivole Beobachtungen. Leider auch keine Erklärungsversuche, weshalb so eine nur ein einziges Mal aufgetragene Salbe nicht mehr zu wirken aufhört, obwohl sich doch angeblich nach spätestens sieben Jahren sämtliche Zellen des menschlichen Körpers durch andere ersetzt haben sollen. Wenn sich einst dieses Fragment und irgendein Interesse daran treffen werden: Hier wird man keinen Versuch der Rettung oder der Rechtfertigung finden, nur diese eindringliche, tonlose Warnung vor der Verwendung uralter Rezepturen.

 

***

 

In einer Buchhandlung habe ich mir ein Exemplar des ‚Kamasutra‘ besorgt. Ein junges Mädchen hatte es gekauft, zum Geburtstag ihres Verlobten, wie sie der Dame hinter der Ladentheke strahlend mitteilte. Ich stahl ihr den Band auf der Straße aus ihrer Tasche, obwohl ich bereits wusste, dass selbst winzige Handlungen meinerseits Lawinen von Veränderungen im mich umgebenden Kontinuum hervorriefen, doch die vage Idee, mit meinem kleinen Diebstahl eventuell Schlimmeres für ein junges Paar verhindert zu haben, beruhigte mich ein wenig. In der Hoffnung, dass ich die Beschreibung eines Gegenmittels zu der verfluchten Salbe finden würde, las ich das gesamte Buch wieder und wieder sorgfältig durch. Da ich keinen noch so winzigen Hinweis zu erforschen vermochte, begann ich, nach anderen Auflagen, nach Kopien der alten Originaltexte zu forschen und kam bereits nach wenigen Tagen verzweifelnd auf über zweihundert unterschiedliche Interpretationen. Nirgendwo entdeckte ich eine Zeile, die mich weitergebracht hätte. Ohnehin fehlt in den meisten, moderneren Ausgaben des ‚Kamasutra‘ das betreffende Kapitel überhaupt - weshalb, darüber ließ sich manche Vermutung anstellen, von Nutzen wurde mir keine davon.

 

Zu dieser Zeit war meine Situation bereits so weit eskaliert, dass es sich als am Günstigsten für mich erwiesen hatte, ständig in Bewegung zu bleiben. Ich las im Gehen, auf einem breiten, sonnigen Fußgängerboulevard, vielleicht wollte ich nicht die Illusion verlieren, in gewisser Weise unter Meinesgleichen zu sein. Doch neben den vielen, realen Menschen, die hier spazierten, tauchten bereits Schemen aus anderen Zeiten auf.

 

Wieder und wieder blätterte ich in den Texten, und irgendwann, als ich gerade auf diese Kapitelüberschrift starrte: ‚Vom Erlangen fremder Ehefrauen‘, da hörte ich unvermittelt neben mir die Stimme eines alten Weibes, die sprach: „…und ich, ich finde diese schöne Überschrift auch sehr passend!“

Ich fuhr herum. Da standen an der Häuserecke zwei ältere Damen, die bunte, religiöse Heftchen anboten. Erst hatte mich ein freudiger Schrecken durchzuckt, denn ich nahm an, dass die eine der Frauen, die den Satz gesprochen hatte, mich und mein Buch hatte sehen können. Dann jedoch begriff ich, dass sie jene brandrote Titelzeile auf den Heftchen meinte, die sie in den Händen hielt. Die Zeile lautete: „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib!“

 

Mich schauderte es. Ich warf mein Lederbändchen mit der goldschimmernden Aufschrift ‚Das Kamasutra‘ mit einer heftigen Bewegung von mir; es verließ dadurch die Unsichtbarkeitszone und landete wahrnehmbar vor den Füßen der beiden Frauen.

„Grundgütiger Jesus!“, kreischte die eine von ihnen wild auf.

Es scheint in unserer Natur zu liegen, dem, was wir nicht wahrnehmen, zunächst das Höhere zuzubilligen. Kommt uns, wenn das Unbekannte uns anhaucht, je in den Sinn, dass es auch etwas geben könnte, das wir - statt es wegen irgendeines Unvermögens nicht erkennen zu können - aus Gründen persönlicher Verdienste nicht wahrnehmen müssen? Dass eine gewisse Blindheit Qualifikation sein könnte? Dass es eine Ignoranz gibt, die wir uns leisten können, weil wir uns das hart erarbeitet haben?

 

Eine Weile hielt ich mich für einen Bestraften vor allen, die mich nicht mehr sahen. Dann fiel mir betreffend das ‚Kamasutra‘, auf, dass ich schließlich gar nicht mit niederen Motiven, etwa mit dem, irgendeine fremde Ehefrau erlangen zu wollen, an die Herstellung der verfluchten Salbe gegangen war, und so schienen mich auch jene archaischen Bibelgesetzlichkeiten wohl eher nicht zu betreffen. Das erleichterte mich wieder ein wenig, und zudem befestigte es mich in meinen Gedanken, möglichst viel Gutes zu tun, um mir dadurch eventuell etwas Zuneigung von dem einzutragen, das mir selbst bisher unsichtbar geblieben war. Es verlangte mich immer stärker danach, gute Taten zu tun. Besonders danach, Kindern harmlose Überraschungen zu bereiten, gierte es mich, doch dazu kam es gar nicht. Das mich umgebende Umstandsgefüge war inzwischen derartig instabil, dass ich alle Zeit damit verbringen musste, Gefahren auszuweichen, Dingen und Gestalten aus dem Weg zu gehen, die sich zu manifestieren drohten, an den rasend schnell sich verändernden Verhältnissen nicht zu verzweifeln, kurz: Alles, was mir an Kraft und Leben zur Verfügung stand, verbrauchte ich zur puren Selbsterhaltung. Für eine etwaige Verbesserung meiner Situation blieb nichts übrig, im Gegenteil: Immer schwieriger wurde es für mich, wenigstens auch nur den Status Quo zu wahren und nicht irgendwo zu versinken, steckenzubleiben oder völlig die Orientierung zu verlieren. Oft sah ich nun außer nebligem Grau, in welchem Unerklärliches toste, gar nichts mehr, und es fiel mir nicht leicht, eine mir bedrohlich aufdämmernde, unheimliche Gerechtigkeit zu Ende zu denken, nach der was nicht wahrgenommen werden kann auch selbst nichts sehen dürfe.

 

***

 

Die gänzlich ohne warnende Vorzeichen immer häufiger auftretenden und mir immer stärker zusetzenden Wahrnehmungsverluste blieben längst nicht der einzige Missstand. Etwas Ähnliches war inzwischen nun wohl auch endgültig mit der Zeit geschehen. Immer deutlicher hatte ich festzustellen, dass die mir bekannte Gegenwart von fremdartigen Ereignissen durchflutet schien, ein Dunst von Geschehnissen, die sich zwar am selben Ort, jedoch zu ganz anderen Zeiten abgespielt haben mochten oder sich erst noch abspielen würden. Anfangs waren diese Visionen nur schleierdünn, und sie huschten eher gespensterhaft durch meine Gegenwart. Jedoch verdichteten sich um mich herum immer häufiger mir völlig unbekannte Verhältnisse und zwangen mir rasende Beweglichkeit auf - wenn ich etwa feststellte, dass eine plötzlich erschienene, rostrote Verdunklung der Beginn der Manifestation einer Häuserwand war, die an dem Ort, wo ich mich gerade befand, einmal gestanden haben musste oder stehen würde. Plätze in der Stadt, von denen ich wusste, dass es sie schon sehr lange gab und von denen ich vermuten konnte, dass es sie auch in der Zukunft noch relativ unverändert Bestand haben mochten, wurden zu meinen Zufluchtsorten, wenn ich schlafen wollte: Neben Denkmälern, an den Gemäuern alter Kirchen, in Gärten von Museen, manchmal unter Brücken, fand ich ein wenig Ruhe, nie genug, um mich so weit erholen zu können, dass mir vielleicht eine Idee zu meiner Rettung gekommen wäre.

 

Dass sich in vermutlich ähnlicher Weise, wie man nicht folgenlos Gottes angenehme Seite zu beanspruchen vermag, die Zeit nicht ohne entsprechende Reaktionen auf nur eine Richtung festlegen lässt, ist dem klar Denkenden noch nachvollziehbar. Für mich jedoch begann der Zeitfluss nun nicht mehr allein vorwärts oder rückwärts zu fluten, sondern er schien sich auch nach allen Seiten hin zu destabilisieren, und die einzige Möglichkeit, dieses Strömen aufzuhalten, wurde es für mich, selbst möglichst bewegungslos stehen zu bleiben. Ich wurde zu einer Statue, die unter Hunger, Durst und Schlaflosigkeit litt.

 

Auch nach oben hin gab es unterdessen längst keine Stabilität mehr. In rasender Geschwindigkeit wechselten die Sternbilder, und manchmal sah ich mehrere Sonnen an verschiedenen Orten des Taghimmels zugleich. Jeder heftige Atemzug hatte jetzt unkontrollierbare Veränderungen des gesamten, mich wabernd umgebenden Gefüges zur Folge. Dieses Gefüge begann mich bereits zu durchdringen. Kaum noch vermochte ich zu unterscheiden, wo ich endete und wo dieses Andere begann, und selbst dies wäre ein wenigstens noch aushaltbarer Zustand gewesen, wenn nicht fürchterliche, ihrem Ursprunge nach nicht zu ortende Schmerzen mich zu peinigen begonnen hätten, von denen mich nur anfangs dumpfe Ohnmachten erlösten.

 

Meine Ängste hatten sich ins Grenzenlose gesteigert, die einfachsten Überlegungen bereits ließen mich vor Furcht tief zusammenzucken. Sagte man beispielsweise nicht, das, was nicht gesehen werden könne, habe möglicherweise nur eine höhere Schwingung, wodurch es unseren Blicken entschwände, wie die Speichen eines Rades in schneller Bewegung? Und wenn es sich so verhielt - wie wirkte sich das auf die Lebensdauer aus? Stirbt der rasend pochende Muskel viel früher, als ein geruhsam vor sich hin pochendes Herz? Manchmal, wenn ich lange genug stillsaß, bildete ich mir ein, dass jemand, der in großer Aufmerksamkeit zu meinem Platz hinschauen würde, mich sehen könne, vielleicht nur als einen gespensterhaften Schemen, aber doch immerhin ein wenig. Ich habe das oft versucht, gelungen ist es mir nie.

Ich begann zu schreien. Ich schrie alle Namen von Göttern und Teufeln, die ich je gehört hatte, ich rief nach meinen Eltern, nach Peter, und am Ende brüllte ich meinen eigenen Namen…

 

***

 

Der Wahnsinn hielt inne.

Ich befand mich in einem einfach eingerichteten Zimmer, stand fest auf knarrenden Dielen, die Wände mit dem verblassten, altertümlichen Blumenmuster auf der Tapete, bewegten sich nicht. An einem einfachen, hölzernen Tisch saß der Alte von damals. Er schrieb etwas in ein Heft. Die klingende Stille machte mir Ohren. Es roch nach Holz und nach Bohneröl. Von einer Wand zählte mit beruhigendem Ticken eine billige Küchenuhr die Zeit. Das alles war so erleichternd, dass ich vor Glück laut aufschluchzte.

 

Gestört blickte der Alte auf, schaute sich um und sah endlich auch in meine Richtung. Mit unendlicher Erleichterung bemerkte ich, dass er mich erkennen konnte. Lange starrte er mir gerade in die Augen, und mit einer unwilligen Geste gegen mich bedeutete er mir endlich zu reden. Verzweifelt rief ich, er möge mich irgendwie aus meinem Zustand erlösen, mir wenigstens einen guten Rat zuteilwerden lassen, aber der alte Mann schüttelte mit unbewegter Miene den Kopf.

 

„Das kann ich nicht“, erwiderte er, „Ich weiß nicht, was dir helfen könnte, und selbst, wenn es so wäre: Ich will nichts für dich tun!“ Ich brüllte auf vor Zorn, ich tobte, raste, drohte. Als meine Wut in Erschöpfung zusammengesunken war, begann ich zu bitten und zu flehen, doch der Alte wiederholte nur mehrfach: „Ich will und ich werde nichts für dich tun!“

„Warum?!“, schrie ich ihn an. Doch er warf nur seinen Bleistift auf das Papier, erhob sich und sprach: „Und mach dir keine Hoffnung, mein Junge! ‚Du bist Ich und Ich bin Du‘, das funktioniert nun auch nicht mehr für dich! Lange habe ich gebraucht, um aus diesem Satanszirkel zu entkommen, aber ich habe die Lösung endlich gefunden. Die Lösung für mich! Nicht für dich!“

„Nicht für mich…?“, murmelte ich ohne Verstehen. Dann übermannte mich tiefe Verzweiflung, und ich rief: „Dann sag mir wenigstens eines: Welche Lehre für mich ist in alledem?!“

Hässlich und seltsam jung grinste der Alte. „Ich nenne dir drei Dinge…“, murmelte er, und dann wurde sein Lächeln kalt und grausam. „Und?“, fragte er, „Wie lebt es sich denn so - mit Scheiße im Gesicht?!“

 

Es traf mich dieser sein letzter Satz wie ein harter Schlag.  Ich sah die längst versunkene Szene wieder, wie Peter das mit Taubendreck geladene Katapult hob…

Erstarrt stand ich da, während der Alte sein schäbiges Heft aufnahm, sich erhob und kopfschüttelnd fortging. Und als die Tür hinter ihm zufiel, war ich ein Ding ohne Gestalt und ohne Sinn. Stunden dauerte es, bis ich mich wieder zu bewegen vermochte.

„Aber ich bin es doch damals gar nicht gewesen! Peter ist es doch gewesen!“, hatte ich ausrufen wollen, doch es war mir nicht gelungen. Auch ich lief hinaus. Ich versuchte traurig zu werden, doch selbst das gelang mir nicht mehr.

Wie und wann ich zu der Schule kam, kann ich nicht sagen. Ich musste irgendwann völlig erschöpft eingeschlafen sein und war, unendlich dankbar für den erholsamen Schlaf, von einem schrillenden Klingeln erwacht, im satten, stickigen Ginsterduft eines blühenden Gebüsches. Es war eine Pausenglocke, ich wusste es sofort. Alles fiel mir wieder ein. Und gleich würde ich sagen, was zu sagen war.

 

***

 

Seither suche ich nach dem Mittel, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Überall auf dieser Welt bin ich gewesen, ich habe viele Marienbilder gesehen. Keines hat mir gefallen, kein einziges, denn alle diese Gesichter hatten etwas unangenehm Gesalbtes, etwas, dass sie falsch erscheinen ließ, im Reich der Sichtbaren. Ja, es wird wohl ebenfalls eine Salbe sein, dieses Gegenmittel, nach dem ich so lange schon erfolglos forsche. Ich ahne, dass ich bei meinen Nachforschungen schon oft in die greifbare Nähe des Erfolges geraten war, doch wie sehr wir uns auch anstrengen: Können wir uns am Gelenk des eigenen Ellenbogens lecken?

Was ich wollte, könnte ich mir nehmen, doch sobald ich etwas ergreife, gerät alles wieder in schlingernde Bewegung, und Himmel- und Bodenlosigkeit bedrohen mich erneut. Längst fühle ich mich mehr als Gespenst, denn als Unsichtbarer. Nicht nur deshalb beschränke ich mein Nehmen auf das Allernotwendigste: Es mag sein, dass mich sonst sogar der Tod einst nicht sehen würde.

 

Das verstörende Wabern der Welt, die Vermischung der Zeiten und Räume, hat inzwischen angehalten. Warum, das weiß ich nicht. In meinen schwächsten Momenten halte ich es für eine Art Gnade von irgendwoher, vielleicht ist es, weil ich fest entschlossen bin, niemanden zu stören, mich nirgendwo einzumischen, und ganz bestimmt nicht auch nur einen der vielen, seltsamen Vorteile genießen zu wollen, die ich meinem Zustand abgewinnen durchaus könnte. Der Alte hatte gesagt, er habe eine Lösung für sich gefunden. Aber selbst, wenn auch meine Sehnsucht sich erfüllen würde, und ich einst zurückkehren könnte, in die Welt der Sichtbaren - wie würde ich je vergessen können?

Irgendwann einmal muss ich das alles jemandem sagen, eventuell dem Papier. Man kann es überall verstreuen. Mein Leidensdruck schwillt jedoch ins Ungeheure, und sogar das Papier scheint mir nicht mehr sanft und geduldig genug, ihn tragen zu helfen. Ja, vielleicht ist es ein Unrecht, seine Leiden Gott zu überlassen, statt sie an den Teufel zu verteilen, und ich sollte wohl endlich wirklich beginnen, statt zu lamentieren. Eines hat mich bisher immer wieder zögern gemacht: Erklärungsnot. Dass sich das Außergewöhnliche zu rechtfertigen hätte, vor dem, an was wir uns nicht gewöhnen wollen. Dass ich erst mühsam Plausibilität erzeugen müsse, wohlformulierte und beweiskräftige Rechtfertigung vor all jenen, denen ich zusehe, mit denen ich zu fühlen habe, die nichts mehr vor mir verbergen können. Die sich gegenseitig sehen, sich beobachten, sich zuschauen dürfen, auf einer fest gefügten Erde mit ihrem so haltbaren Himmel darüber, in dem die meisten Sterne nach schönen, ehernen Gesetzen freundlich über das Firmament wandern.

 

***

 

Ich bin wieder in die Stadt meiner Kindheit zurückgekehrt, nach dorthin, wo alles begonnen hat. Tag für Tag gehe ich in den Tierpark, seit Jahren nun schon. Auf meinem immergleichen Weg durch die brodelnden Straßen achte ich sehr darauf, mit niemandem zusammenzustoßen. Ich streichle Steine, entferne Reißnägel aus der Rinde von Bäumen, hebe achtlos Weggeworfenes oder Verlorenes auf und lege es an mir sinnvoll erscheinenden Stellen wieder ab. Ich füttere die Sperlinge und die Tauben, denen die Brocken aus den Wolken zuzufallen scheinen. Vorsichtig bin ich bei alledem, sehr vorsichtig und sanft, denn auch dann, wenn ich Gutes tue, wird oft alles, was mich umgibt, plötzlich dennoch unbeständig und scheint nach allen Richtungen davonzufließen. Dann schwankt der Boden, es senkt sich der Himmel, und seltsame Dinge erheben sich und werden zu Wesen… Ich möchte seinen Bestrebungen, ein guter Mensch sein zu wollen, durchaus niemanden verwirren oder entmutigen, aber ich habe über viele, viele Jahre erfahren müssen: Achtsamkeit hilft eigentlich gar nicht, und Gutes tun ist nicht die Lösung, es bringt nicht einmal Erleichterung.

„Gutes? Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“, hat die Großmutter immer geschimpft, wenn der Großvater wieder einmal lieber im bequemen Sessel beim Pfeife rauchen bleiben wollte, als irgendeine nötige Gartenarbeit zu verrichten. Und er hatte dann stets gemütlich zu erwidern gewusst: „Oh doch! Es gibt ein Bestes - man lässt es.“

 

***

 

Auf meiner steinernen Bank hockend, spreche ich mit den Pfauen. Oft erzähle ich ihnen meine kleinen Geschichten mit ihren mageren, vordergründigen Pointen, und ob die Vögel mich dabei sehen können, will ich nicht wissen. Ich frage sie mancherlei. „Was ist Einsamkeit?“, erkundige ich mich, und ich liefere die Antwort gleich selbst hinzu: „Freiheit ist es, Freiheit, nur ganz ohne Zeugen…“ Und ich sage: „Na, passt nur auf - heute, heute werde ich endlich damit beginnen, das alles aufzuschreiben. Und dann legen wir das Geschmiere hier hin, genau hierher, hier, seht ihr, auf diese Bank. Was meint ihr dazu: Sollte ich es wirklich tun? Heute noch?“

Die Pfauen haben sich an meine Fragen gewöhnt. Und ich mich daran, keine Antworten zu erhalten.

 

 

© Robert Lucas Sanatanas, Berlin 2017

 

 

 

 

Anleitung zur Erlangung von Unsichtbarkeit

aus: „Das Kama Sutra des Mallanaga Vatsyayana Maharishi“

 

„Unentdeckt bleibend, und wandelnd nach Belieben ohne Gestalt und auch ohne verräterischen Schatten vermagst du leicht in den schwer bewachten Palast Deiner Geliebten einzudringen, wenn du das tantrische Yoga des puta- puta* benutzt, das dich sicher vor allen Menschenaugen verbirgt: Besorge dir das Herz eines jungen Mungos, dazu griechisches Heu, einen weißblühenden Flaschenkürbis und die Augen einer Schlange, verbrenne all diese Ingredienzen während einer Neumondnacht, dann zermahle sie in gleicher Menge. Vermengt mit Lampenruß auf die Augen aufgetragen, lassen sie dich völlig verschwinden. Wenn diese Zutaten schwer zu erhalten sind, verwende eine Mischung aus den Blütenkelchen der Himmelblauen Prunkwinde (ipomoea tricolor), gestoßenen Samenkörnern  des Nelumbo (Lotos), dem Stengelmus von Noni (Indische Maulbeere, morinda citrifolia) und Hanföl, füttere damit einen ausgewachsenen, männlichen Cakravakra** und salbe Dich - einschließlich der Lider deiner Augen - sorgsam mit dessen Ausscheidungen ein…“

 

puta- puta (sanskr.): ‚eingeschlossen, eingewickelt“

** Cakravakra (sanskr.): Pavo cristaus, der Blaue Pfau

 

 

 

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