Der breitschultrige, junge Mann hielt mir seine große Hand hin. Er lächelte schräg. Seine Glatze leuchtete in der rot durch das Treppenhausfenster strahlenden Abendsonne.

„Führer!“, quäkte er mit einer zu seinem starken Körper unpassend hellen Stimme, „Hagen Führer. Führer wie der Führer. Wir wohnen seit gestern schräg unter Ihnen. Haben Sie vielleicht eine Stehleiter, Nachbar?“

 

Unten neben dem Mann erschien eine kleine, gelbbunte Katze. Sie rieb sich an seinem Hosenbein und schaute mich dabei hinterhältig an.

„Das ist Tessa. Tess-A marschiert, Achtung die Straße frei!“ Hagen Führer schaute mich forschend an.

„An irgendetwas erinnert mich das“, sagte ich.

„Na, dann ist es ja gut!“, knurrte Hagen Führer.

„Und? Hat er eine?“, fragte das dicke, schwarz gekleidete Mädchen, das hinter der Katze die Treppe heraufgekommen war. Munter zwinkerte es mich an.

„Haben Sie eine?“, fragte mich ihr Freund.

„Ja, eine kleine. Sie steht gleich hier hinter der Tür. Wenn Sie mal um die Ecke schauen wollen?“ Ich trat einen Schritt zur Seite, und die Katze schlüpfte sofort an meinen Schuhen vorbei in die Wohnung.

„Na so ein Kerl“, sagte ich.

„Tessa ist eine Sie. Erst ein Jahr alt“, lachte das Mädchen.

„Und das ist Marianne“, stellte Hagen Führer vor, „Meine Verlobte.“ Er begutachtete die Leiter.

„Das Mariandel-jandel-jandel aus dem Nazi-landel-landel“, sagte Marianne. Pein kroch in mir hoch.

„Tessa komm!“, rief sie in meinen Wohnungsflur hinein, „Tessa, das ist nicht Deine Wohnung! O Gott! Haben Sie etwa einen Fisch oder einen Vogel?“

„Nein.“

„Die Leiter reicht“, meinte Hagen Führer, „Übers Wochenende und dann zurück?“

Ich nickte. Tessa kam von ihrer Wohnungsinspektion zurück. Nun rieb sie sich an meinem Bein und schaute Hagen Führer dabei an.

„Wie eine Pornodarstellerin“, lachte Marianne, „Was Tessa? Wie eine kleine, süße Pornodiva. Beim Blasen in die Kamera gucken.“

„Marianne!“, knurrte Hagen Führer streng und trug die Leiter an mir vorbei.

„Ja, dann auf Wiedersehen“, sagte ich.

„Achtundachtzig“, erwiderte Hagen Führer.

„Wie bitte?“

„Acht-und-achtzig!“, wiederholte er.

„Aha. Nun, dann also... Siebenundvierzig-Elf!“, versetzte ich ratlos. Die beiden gingen, gefolgt von der Katze, die mich verächtlich ansah und dann, den Schwanz wie eine Milchbürste aufgereckt, damenhaft die Treppen hinabstolzierte.

„Der meint Kölnisch Wasser, der Hirni!“, freute sich das Mariandel leise beim Treppensteigen.

„Marianne!“ Hagen Führer knuffte seine Verlobte. Dann fügte er hinzu: „Nein, nein, so doof ist der nicht. Der hat mich schon verstanden! Der ist keiner von denen.“ Ich schloss die Wohnungstür.

 

Meine Großmutter, wenn jemand: „Das ist mir egal“, sagte, hatte immer sofort erwidert: „Egal? Egal ist Achtundachtzig, mein Lieber! Merke Dir das!“

Ich forschte ein wenig nach, über die Achtundachtzig. Jemand erzählte mir schließlich, dass betreffend mein Erlebnis mit Herrn Hagen Führer und seinem pummeligen Mariandel die Acht wohl den achten Buchstaben des Alphabets, also das H, meinen würde. Und achtundachtzig, zwei Mal H, das bedeutete Heil Hitler, ein Geheimgruß. Ich fand das lächerlich und antwortete meinem Erläuterer: „Achttausendachthundertachtundachtzig!“, was so viel wie: „Hahahaha!“, bedeuten sollte, ein Geheimlachen.

 

„Siebenundvierzig-Elf!“, begrüßte mich Hagen Führer todernst, als wir uns einige Abende später im Hof wiedertrafen. Mit der rechten Hand deutete er dabei in Hüfthöhe einen lässigen, kleinen Hitlergruß an. Damit nicht wieder die heiße Pein in mir aufstieg, antwortete ich schnell und laut das erste, was mir in den Sinn kam: „Dritte Wurzel aus dreiunddreißig!“ Verblüfft starrte Hagen Führer mich an. Ich stieg die Treppen hinauf. Nachts im Bett rechnete ich nach. Die Vier bedeutete das D, Sieben war G, Elf meinte doppelt die Eins, also zwei Mal A. Bedeutete Siebenundvierzigelf für Hagen: „Deutsche gedenken Adolfs Auftrag?“ „Dachauer Gruß, aufrechter Antisemit?“ Ich nagte an der kalten Brathähnchenhälfte, die ich mir am Abend gekauft hatte, und warf den Klumpen dann angeekelt aus dem Fenster.

 

Am frühen Morgen erwachte ich von wildem Lärm. Unten im Hof bekämpften sich Tessa, die im Gebüsch ein noch nicht flugfähiges Amseljunges erspäht hatte, und dessen aufgebrachtes Elternpaar. Die beiden Amseln hatten eine Menge Tricks drauf. Das Männchen umflatterte so nahe den Kopf der fauchenden Katze, dass sie klatschende Ohrfeigen von den Flügelschlägen bekam und aufgebracht um sich schlug. Das Weibchen schleppte sich mit hängenden Flügeln wie todkrank am Boden entlang und klagte dabei menschenherzzerreißend, bis Tessa einen gezielten Sprung tat, dann entwischte die Amsel in die Birke und zeterte von dorther schrille Warntöne. Wenn die Katze um den Baum schlich, ließ sich das Männchen aus den Zweigen fallen und flatterte dicht an der Erde vor der erbost sie verfolgenden Katze her. Die beiden Vögel nahmen Tessa derartig in Beschlag, dass ihr jegliches Interesse an dem kläglich aus dem Gebüsch zirpenden Jungvogel vergangen war.

 

Nun betrat das Mariandel den Hof, neben sich einen ebenfalls ziemlich fetten, kleinen Jungen. Mariandel erklärte dem weder blonden noch blauäugigen, hingegen verdächtig südländisch aussehenden Buben an ihrer Hand resolut die unbarmherzige Nahrungskette: „Wurm speist Erde ein, Vogel speist Wurm ein, Katze speist Vogel ein, alles eine große Einspeisung.“

„Wer speist Katze ein?“, fragte der dunkle Knabe hell.

„Frag nicht so viel!“, erwiderte Mariandel. Der dicke Junge hatte im Gebüsch das entsetzt umherhüpfende Amseljunge entdeckt. „Ooch, Mama, der ist ja schon ganz kaputt!“, rief er enttäuscht.

„Komm jetzt!“, schimpfte Mariandel. Sie knuffte kurz die Katze, die um ihre Kampfstiefel gestrichen war, und verschwand mit dem Sprössling hinter der krachend zufallenden Haustür.

`Damals, kurz nach dem Nazilandel, hat das der Mensch getan, Bratmiez statt Schnitzel, liebes Mariandel`, dachte ich, und: `Wer speist eigentlich Mensch ein?`

 

Tessa und die Amseln stritten nun bereits seit Stunden erbittert um das inzwischen erbärmlich mitten im Hof hockende Vogeljunge. Meine Großmutter hat immer: „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ gesagt. Ich mochte Vögel ebenso gern wie Katzen und freute mich überhaupt nicht. Vor einer Stunde hatte ich beim Tierrettungsdienst angerufen und von einer heiseren Männerstimme erfahren, ja, Amseln seien zwar geschützte Vögel, aber trotzdem lohne es sich nicht für ihn, wegen eines Vogels, der noch nicht einmal ein Papagei oder so etwas sei, den halben Tank leerzufahren; außerdem sei ihm das Risiko viel zu hoch, dass die Katze den Vogel inzwischen erwischte. „Ein Flügel ist schon hin, sagen Sie?“ Ich solle die Polizei anrufen. „Die müssen ihn nämlich nehmen. Aber machen Sie sich keine Hoffnungen bei denen, meistens schmeißen die sowas dann hinter der nächsten Ecke aus dem Fenster von ihrem Funkwagen. Wissen Sie was? Setzen Sie sich doch ins Taxi und fahren das Tier in die Tierklinik. Wo, sagten Sie, wohnen Sie? Von ihnen aus kostet das, warten Sie, ungefähr fünfunddreißig Euro. Wenn es ihnen das wert ist? Ach, wenn es doch wenigstens ein Papagei wäre…“

Es war mir das wert, aber ich hatte gerade kein Geld. „Ja, dann lassen Sie die Angelegenheit am besten die Natur regeln“, riet mir der Tierretter, „Wissen Sie, früher habe ich auch immer gedacht, ich müsse für alles und jedes unbedingt Verantwortung übernehmen. Seien Sie nicht dumm, Vogel und Katze, das ist ein uraltes Spiel, mein Gott, wenn es ein Kakadu wäre, irgendein Exot, aber eine einfache Amsel, haben Sie sich doch nicht so...“

„Und Sie wollen der Tierrettungsdienst sein?!“, rief ich wütend, „Sie sind der Menschendeprimierungsdienst!“

Es knackte im Hörer.

 

Während der Dauer unseres Gespräches war aus dem Hof weiter ein Höllenlärm heraufgeschollen. Neben dem jämmerlichen Piepsen des Vogeljungen, dem gellenden Kreischen seiner Eltern und Tessas Fauchen krächzte inzwischen auch ein erbostes Elsternpärchen, das seit dem Frühjahr im Hof wohnte und sich gestört fühlte. Zudem hatte sich die Lage noch dadurch verschärft, dass ein schwarzer Kater aus dem Nachbarhof aufmerksam geworden war. Völlig unbeweglich vor Anspannung, mit steil aufgerichtetem Schwanz, verfolgte er die Szenerie.

 

Ich lief die Treppen hinab, gab der Tessa, die mir entgegenkam, einen Tritt und griff mir den kleinen Vogel, der, als der Schatten meiner Hand von oben auf ihn fiel, vertrauensselig seinen gelben Schlund aufsperrte. Ich setzte ihn in eine kleine Kiste, stellte diese aufs Fensterbrett und sah, dass ein Flügel tatsächlich bereits von Tessas spielerischen Hieben blutig zerfetzt war. Tessa lief unter meinem Fenster unentwegt Streife, die Amseleltern krakeelten, was ihre winzigen Lungen hergaben, wagten sich jedoch nicht an das Kästchen auf dem Fensterbrett. Angestrengt hatte ich gelauscht, ob irgendwo aus dem Buschwerk das kleine Gesäusel weiterer Jungvögel ertönen würde, vielleicht, dass da ein Nest wäre, aus dem die Amsel gefallen war, und in das man sie hätte zurücklegen könnte, aber ich kam zu keinem Ergebnis.

 

Gegen Mittag begann ich mich zu selbstgerecht zu fühlen, um für die Szenerie noch weiter Verantwortung übernehmen zu wollen; ich warf den kleinen Vogel zurück in den Hof. Er konnte nur so wenig fliegen, dass es ihm gerade mühevoll gelang, seinen Sturz abzubremsen. Schweigend hüpfte er in eine schattige Ecke, wo leider das halbe Brathähnchen von gestern Nacht lag. An diesen Resten, direkt neben dem lebendigen Vogeljungen, schienen inzwischen die beiden Elstern hochinteressiert, was das Amselpaar zu noch mehr Lärm und zu wilden Sturzflugattacken auf die sehr viel größeren Elstern aktivierte. Auch der schwarze Kater war näher gekommen. Er und Tessa mochten sich nicht leiden. Tessa kroch in einer gewissen Scheu vor den Elstern im Hof umher, und der Kater lag lauernd und mit zuckendem Schwanz auf einem Müllkübel. Einmal wagte sich die Amselmutter mit einem kleinen, wild sich windenden Wurm im Schnabel, bis nahe an ihr Junges, dann schaute sie hoch zu mir, retirierte ein Stück und verschlang den Wurm selbst. Ich sah, dass ihr Schnabel grotesk verwachsen war.

Hagen Führer, der mit dem Fahrrad aus der Stadt kam, sah es auch. „Minderwertige Familie, kein Wunder!“, rief er leutselig zu mir hoch. In das große Hofgeviert zeigten, meine zwei mitgezählt, genau achtundachtzig Fenster.

 

Ich konnte dem kleinen Ding da unten keine Genesung verschaffen, die Wunde am Flügel hatte nicht sehr reparabel ausgesehen. Nahm ich den Vogel seinem verzweifelt lärmenden Elternpaar fort und fuhr es zu einer Tierklinik, würden sie mir dort höchstwahrscheinlich einige nette Sätze sagen und das malträtierte Wesen dann nach meinem Abschied im Klosett herunterspülen. Ich konnte ihm eine gute Wiedergeburt wünschen, oder eine hervorragende Auferstehung. Gab es ewige Amseln? Und schließlich: Was hatte ich denn mit der Angelegenheit eigentlich zu schaffen? Eine Katze, die so dämlich war, dass sie jeden Tag stundenlang ihren eigenen Schwanz jagte, ein Vogel, dem ich nur insofern etwas getan hatte, dass ich gestern einen halben gebratenen Artgenossen käuflich erworben und diesen Kadaver dann voller Abscheu aus dem Küchenfenster geschleudert hatte, ein paar junge Nazis. Meine Grundintention stand fest und tat mir, sobald ich mich erinnerte, wohl: Besser zu den Tieren sein zu wollen, als die Götter zu den Menschen gut waren, und besser zu den Menschen, als die zu mir. Im Hof stand jetzt Hagen Führer, in schmutzigweißem Unterhemd, er schüttelte die kleine Birke, in der unentwegt die beiden Amseln schimpften: „Schnauze, verdammtes Gesindel, sonst hol ichs Luftgewehr!“ Manchmal drangen einzelne, klägliche Piepser aus dem Gebüsch in der Ecke. Auf dem sonnenheißen Schuppendach liefen die beiden Elstern hin und her und äugten nach unten zu den Brathahnresten, an die sich die halbtote Amsel schmiegte. Der schwarze Kater döste auf dem Deckel der Mülltonne, Tessa rieb sich den Rücken im Sand. So war der Stand der Dinge, als ich mich anzog, um in die Stadt zu fahren.

 

Unter den ersten Leuten, die mir auf der Straße begegneten, war ein abgerissen gekleideter, junger Mann, auf dessen Schulter ein mächtiger, grasgrüner Papagei hockte. Der Papagei sah sehr freundlich aus. Zärtlich knabberte er an des Mannes Ohrläppchen und schwätzte selig.

 

Als ich zurückkam, herrschte Stille im Hof. Das Amseljunge war nirgendwo zu entdecken. Auch die Katzen nicht. Misstrauisch äugte eine der hübschen Elstern mit schräg gelegtem Kopf von der Dachkante zu mir herab. Oben vor der Wohnungstür lugte unter meinem Fußabtreter ein Stück weißes Papier hervor. In ungelenker, rundlicher, nach links geneigter Schülerinnenhandschrift war darauf mit Bleistift die Frage geschrieben, ob ich vielleicht statt der dritten Wurzel aus dreiunddreißig die einfache Wurzel aus dreihundertdreiunddreißig gemeint hätte - das sei dann nämlich Achtzehnkommazweivierachtzweiachtsiebensechs und könne bedeuten: „Adolf Hitler braucht Deutschlands Hilfe bei H… g… F...“

Unterschrift: Mariandel. Folgend ein PS: „Tessa hat das mit der Amsel dann doch noch arisch geregelt. Hagen ist zur Nachtschicht, kommst Du runter auf einen Kaffee?“

 

Die beiden 'S' von 'Tessa' waren SS- Runen. Mariandel hatte außerdem die Laufkissen einer der Katzenpfoten rot eingefärbt und danebengestempelt. Eine geraume Zeit lang stand ich bewegungslos mit dem Zettel in der Hand am Fenster und überlegte, ob dieses Rot eine künstliche Farbe oder Amselblut sein würde. Noch länger lange brütete ich über „H... g... F...“, und kurz erschien auch das weiße Fleisch von Mariandels kurzen, dicken Schenkeln unter der absichtlich zerfetzten Netzstrumpfhose hinter meiner Stirn. Dann dachte ich an das Brathühnchenbein, und dann mochte ich nicht mehr denken.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Fuhrers Katze

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