1.

Sehen Sie - ein Gedicht kann es sich leisten, ein Gedicht zu sein. Jemand, der einem Gedicht begegnet kann sich das Gedicht längst nicht immer leisten. Das ist ein großes Leid, und man möchte manchmal meinen, dass sämtliche Prosa möglicherweise nur aus diesem einen schrecklichen Missstand hervorgegangen sein könnte: Aus dem unglückseligen Zusammentreffen eines wundervollen Gedichts mit jemandem, der knurren musste: „Gern wär' ich gut / Anstatt so roh / Doch die Verhältnisse / Die sind nicht so…".

Und man könnte weiter mutmaßen, dass, wenn das Gedicht es sich wirklich leisten kann, es ein so sehr schönes Gedicht ist, dass es aus einer dergestalten Situation - wie auch immer diese sich weiter entwickeln mag - auch souverän und schön wieder hervorkommt, weshalb fortführend angenommen werden könnte: Das Gedicht ist in den scheußlichsten Umständen einst geboren worden, und es hat dort seine Läuterung auch erfahren, einer schönen Blüte ähnlich, welche aus dem Sumpfe sich emporhob. Jene Lyrik also mag leben und bestehen, der alle Prosa nichts anhaben kann und dies vielleicht sogar überhaupt nicht will. Nennten wir die härteste Form von Prosa „das Gesetz", und das vollendetste Gedicht wäre ein Lebewesen, so bliebe zu erkennen: Das Gesetz ist der zutiefst beeindruckte Kommentar zur lyrischen Verdichtung, eines der mürrischsten und zugleich auch liebevollsten Komplimente, die es überhaupt nur geben kann. Eines allerdings bleibt bisher doch ganz ungeklärt: Nämlich ist ja dieser eherne Gesetzesschutz, unter dem sich die wirklich großartige, bekömmliche Lyrik wohl fühlen darf, eine Bewunderung von außen; an den Verhältnissen (die, siehe weiter oben, „nicht so sind") hat sich nichts geändert, und also wohl auch nicht an der Rohheit des Komplimentaten.

 

Nun hat ja, wie aus der finsteren Prosa von alters hergebracht, ein Gesetzgeber Gott die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hinopferte. Ob ihm dieses Opfer allerdings heute noch gefällt, ist, allein durch Beobachten dessen, was im Status Quo vorgeht, ebenso zu bezweifeln wie seine weiterhin ungebrochen starke Liebe zur Welt. Das meint uns hier, dass bestimmte Gedichte eben zwar begeistern und zu Mordtat um ihretwillen gar zu verführen vermögen, von ihrer Perfektion indes nur eine stark anrüchige Provinzialität übrigsteht, wenn die Sache nicht unter höchstens Zweien bleibt und an die Öffentlichkeit gerät, denn die fragt sich überall, wo ihr auch nur der geringste Anschein von Selbstlosigkeit begegnet: Ist dies ein Zustand des Noch oder einer des Schon? Die Angelegenheit wird hier nun so verworren wie hoffnungslos - für das Gedicht, für den Prosaiker, für den Essayisten und auch für den Leser - finden wir vielleicht ein kleines: „Es sei denn…"? Können wir einem Gedicht zutrauen, dass es zu einer eigenen Evolution sich fähig erweist? Dass es lernen kann, mit seinem Erkenner ebenso lebendig und lebensspendend umzugehen wie mit sich selbst?

Rücken wir diese so sagenhafte wie wunderbare Unterstellung weit fort in die Bereiche unserer fernsten Sehnsüchte und bescheiden uns, gänzlich bar nun wieder allen Heldentums, besser mit dem Lesen der Tageszeitung? Denken wir uns, der Essayist habe hier als Man von der Frau gesprochen und sich selbst, obwohl eingangs von harmlosester Intention und gutwilligsten Geistes, sozusagen aus Versehen und wider Willen bewiesen, dass die Liebe völlig unmöglich ist. Das Feuer ist erloschen, wühlen wir in der Asche nach ein paar Knochen und entdecken nichts - was bliebe dennoch übrig? Eine Prosa, die es sich leisten kann, Prosa zu sein. Ist dem so? Darüber zu befinden, wurde dieser Text zur Kenntnis gebracht und genommen.

 

2.

Sie trank noch einen beängstigend tiefen Schluck Wasser aus dem hohen Glas, das vor ihr auf dem Pult stand, dann begann sie zu sprechen. Das Gedicht kam sehr schön aus ihrem jungen Mund, und sie sah, während sie die Verse sagte, sehr schön aus. Es war überhaupt nicht auszumachen, ob nun hauptsächlich sie es war, die das Gedicht so schön werden ließ, oder ob das Gedicht dies mit ihr bewerkstelligte. Eine rätselhafte, zutiefst beeindruckende Übereinstimmung von Event und Inhalt stand dort vorn; rasch wurde man verschämt geneigt, das Ganze für eine verlogene Vorstellung zu halten, nicht etwa wegen: „Zu schön, um wahr zu sein", sondern aus sehr viel feigerem Grunde: „Zu schön um mein zu sein". Und gerade deswegen, weil sie das in sich spürte, beim Sagen des Gedichts, dass sie zu schön wurde, um den ihr Zulauschenden nach deren Verständnis noch gehören zu dürfen, und weil sie deren mutlose Furcht für ihre eigene Angst hielt, ließ sie manchmal um ein Geringes nach im Sprechen und im Schönsein.

 

Es erschienen nun aber auch, gerade, diese kleinen Fehler und Makel ganz berechtigt, denn sie kamen ja von einer ganz unschuldigen Dummheit her, von ihrer Dummheit, fremde Ängstlichkeiten als die eigene Furcht zu verstehen. Und so wurden die seltsamen, winzigen Stockungen in ihrer Rede und die merkwürdigen Zuckungen ihrer Mundwinkel und ihrer Augenbrauen eher noch zu einer dezent schmückenden Beigabe an den Vortrag. Die Furchtsamen schienen ohne Gedanken zu verinnerlichen, dass sich die Sprecherin für Momente zu eigen nahm, was sie auch überhaupt nichts anzugehen brauchte - so schwang der gesamte Raum bald in tiefem Verständnis und in sattem Mitgefühl, und gleich darauf in Wehmut, Gefühligkeit und Trauer. Jetzt erwies es sich als nützlich, dass sie auch davon noch übernahm, denn von der Trauer und von der Wehmut würde sie brauchen, damit sie den Abschied auch stark und wirklich spüren konnte, den sie gerade nahm. Damit eine Entscheidung aus diesem Fühlen werden konnte, und aus der Entscheidung so etwas wie die Schritte ihrer Füße. Damit sie fortgehen konnte.

 

Dann war das Gedicht zu Ende. Ihr Mund schloss sich, und es senkten sich langsam ihre lang bewimperten Lider. Beifall spritzte auf, jenes fleischige Patschen, dessen Sinn zu erfühlen sie nie hatte erlernen wollen. Der Beifall hörte sich wie ein plötzlich niederrauschender, schwerer Regen an. Sie beugte sich leicht nach vorn, leise lächelnd, wie um zu lauschen; weiter und immer weiter neigte sie ihren Oberkörper dem Publikum entgegen. Ein sanftes, langsames Fallen wurde daraus, schließlich aufgehalten von dem Stehpult, über dem sie nun hing, mit weit nach den Seiten ausgestreckten Armen, mit lang nach vorn fallendem Haar, eine gekippte Büste. Ihre Brüste und die Papierseiten mit dem Text des Gedichts quetschten einander, und das Wasser aus dem gestürzten, am Boden zerborstenen Glas, der Rest von diesem Wasser, in dem sie vorhin das hellrosa Pulver aus dem Papiertütchen aufgelöst hatte, es rann über das leicht unebene Holzpodium, fiel über die Kante und kroch auf die Füße der Vordersten im erstarrten Auditorium zu. Endgültig wirkte die Szenerie, elegisch und schauderhaft schön, und in bewegungslosem Schweigen verharrten alle Anwesenden, bis ihr verreckender Körper doch noch von einem entsetzlichen Krampf geschüttelt wurde. Auch ihr Kopf zuckte noch einmal wie unter einem starken, elektrischen Schlag in die Höhe, und etwas Dickflüssiges, Schwarzes troff ihr von den halb geöffneten Lippen, etwas, von dem gewisse hysterisch-mystische Naturen unter den Gästen dieser Vorstellung viel später schaudernd erzählten, dies sei ihr Blut gewesen, schwarz vor Schuld, wie Tinte.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Ein Gedicht

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