Wir brauchen Liebesgeschichten mit glücklichem Ausgang, höre ich. Gut. Manchmal allerdings ist das nur schwierig zu bewerkstelligen, denn Leben, das Geschichten schreibt, ist desöfteren Geschichten ausgesetzt, die das Leben schreibt. Bei der kurzen Liebesgeschichte, die hier jetzt erzählt werden wird, steht das Happy End noch bevor, und ich weiß an dieser Stelle leider noch nicht, ob es rechtzeitig genug geschildert werden kann.

 

Völlig verliebt saß ich auf meinem Motorroller und knatterte vertrauensselig meinem nächsten Sommerrendezvouz entgegen. Sie. Seit dreieinhalb Monaten nur noch sie. Mein Telefon klingelte, ich zog es aus der Ärmeltasche.

„Hallo?“ Es war sie.

„Es wird eine Stunde später“, sagte sie so sanft, dass ich ihr bereits vergeben hatte, bevor sie mich fragte: „Verzeihst Du mir? Ich weiß, es ist eine ganze Stunde, und es fällt mir auch sehr schwer, aber ich habe doch diesen Wohnungsbesichtigungstermin, und vor mir sind leider noch so viele andere Leute an der Reihe. Bitte, hab Geduld mit mir und sei mir nicht böse, ja?“

Herzlich lachte ich auf meinem Motorroller. „Das kann ich überhaupt nicht, das weißt Du doch“, erwiderte ich zärtlich, und ich erkundigte mich, warum sie denn so niedlich schmatzen würde, während des Sprechens. „Oh! Ich esse Eis“, erwiderte sie noch niedlicher, „Du hast keine Ahnung, wie stickig es hier ist. Wir sehen uns also gegen fünf, ja?“

„Mir wird das Warten nicht lang werden“, sagte ich, und ich fügte hinzu, was ich seit dem Beginn unserer Bekanntschaft schon so oft und so gern gesagt hatte, wenn ich sie reden hörte: „Und Danke für deine wunderbare Stimme.“

„Ich liebe Dich!“, verabschiedete sie sich, und in diesem Augenblick sah ich ihren Rücken. Ich fuhr direkt auf sie zu. Etwa dreißig Meter vor mir stand sie auf dem Trottoir neben meiner Fahrspur. Soeben nahm sie das Telefon vom Ohr. Der Mann vor ihr griff nach ihrem Hals und presste seinen Mund auf ihre Lippen. Sie - inzwischen waren es nur noch fünfzehn Meter - ließ sich von ihm ihren schlanken Körper willig zurückbiegen und küsste ihn leidenschaftlich zurück. Zehn Meter. Sie hob ihr Knie zwischen seinen Beinen an. Fünf Meter, drei. Mir fiel nur ein, höflich zu grüßen und vorüberzufahren. Die beiden bemerkten es nicht, sie küssten sich wild.

‚Eis’, dachte ich, ‚Eis’. Und ich stieg einen Kilometer weiter vorn ganz leicht und körperlos von meinem Roller und kaufte mir eines an einem von diesen hübsch bunten Ständen. Zwei Kugeln, eine rot, eine gelb. Die Wolken rissen wieder auf, und eine hohe Nachmittagssonne beleuchtete erst meinen Motorroller und dann auch mich.

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Bitte hab Geduld mit mir

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