War der da einer von ihnen? Nein, der ging weiter. Oder der? Nein, zu fett und zu klein. Außerdem würden sie wahrscheinlich mindestens doch drei oder vier schicken, so etwas lautlos zu erledigen, bei einem kräftigen Kerl wie ihm, dazu gehörte schon etwas. Vielleicht waren sie schon im Treppenhaus?

Wieso ging er nicht einfach noch fort? Er würde wahrscheinlich sogar davonkommen, möglicherweise beobachteten sie das Haus noch gar nicht. Immerhin war es noch eine Stunde, bis zum Verstreichen des Termins. Was hing er plötzlich so sehr an den paar lumpigen Dingen, an dieser kläglichen Wohnung, die er zurücklassen müsste, wenn er sich jetzt doch noch entschloss? Was betrachtete er die Rippen der Heizung wie den Körper einer Geliebten? Seine Lage schlug ihm auf die Verdauung. Er schlurfte zu seinem Klosett und setzte sich ächzend auf die Schüssel. Es war so alltäglich. Nur, dass Antonia nicht mehr im Zimmer sitzen würde, wenn er zurückkäme, nie mehr.

 

Auf der Bestattungszeremonie vor drei Tagen hatte ein betrunkener Organist zwei Mal hintereinander die ‚Träumerei‘ von Robert Schumann gespielt. Manchmal verwechselte der Trauerredner etwas, aber man sah es ihm nach, kurzfristig bestellte, preisgünstige Trauerredner verwechselten immer etwas, und man sah es ihnen immer nach. Er selbst hatte ja eine Art brasilio- afrikanischer Bestattung vorgeschlagen, mit ein paar schwarzen Trompetern, mit Girlanden, einer tanzenden Mädchengruppe, mit Fröhlichkeit. Aber man hatte ihn nur brüskiert angeschaut. Interessiert beobachtete er die schiefen Absätze des Organisten, der die Pedale trat.

 

Am Ende händigte man ihm die schmucklose, kleine Urne aus. Er war überrascht, man sagte ihm, es sei der ausdrückliche Wunsch der Verblichenen, dass er die Urne bekomme. Die Verwandten, bereits im Gehen, schauten eifersüchtig. Was ein Häufchen Asche doch plötzlich Wert sein konnte. Er nahm an, dass er den Erhalt des Töpfchens quittieren müsse, klemmte die Urne also unter seinen rechten Oberarm und suchte mit der Hand in den Taschen seines Sakkos nach einem Stift. Der Friedhofsbeamte schaute vorwurfsvoll auf die Urne unter seinem Arm. Er sagte: „Oh, Verzeihung!“, und in der Verwirrung seiner Bewegungen ließ er die Urne auf den Kies fallen. Beim Hinunterbücken nach dem Gefäß stieß er auch noch mit dem Kopf des Friedhofsbeamten zusammen, der sich ebenfalls gebückt hatte. „Trotzdem herzliches Beileid!“, sagte der Friedhofsbeamte und hielt ihm mit ausgestreckten Armen die Urne wieder hin.. „Trotzdem? Was soll denn das heißen?!“, rief er zurück, riss dem Friedhofsbeamten das Gefäß aus den Händen und lief über den knirschenden Kies davon, auf das eingeregnete, hohe Eisentor mit dem Efeubewuchs zu.

 

'Eigentlich Blödsinn, sich noch die Hosen wieder hochziehen zu wollen', dachte er, 'sie sind sowieso gleich da'. Erstaunt bemerkte er, dass ihn der Gedanke amüsierte, sie könnten ihn auf der Klosettschüssel...

Er ging zurück ins Zimmer und stand ein wenig nur so da im Sonnenlicht, das harmlos durchs Fenster flutete. Da auf dem Tisch stand das Ding. Er umschritt es, ergriff es, er wog es prüfend in der Hand und drehte es im Sonnenlicht. Er entfernte sich und näherte sich wieder. Dann griff er zu, schraubte entschlossen die obere Halbkugel ab, ein feines, gut geöltes Spiralgewinde, fünf, sechs Drehungen. Innen war eine unpolierte Stahlbüchse eingepasst. Er hob sie heraus, sie hatte einen einfachen Schraubverschluss, sah aus wie eine kleine Armeefeldflasche. Die Öffnung war eng. Nahmen die einen Trichter zum Einfüllen der Asche oder was? Er schüttete etwas vom weißgrauen Inhalt auf die Glasplatte seines Tisches. 'Da bist Du, Antonia, und in einer halben Stunde bin ich bei Dir. Sie rechnen einfach: Er kann uns nicht geben, was wir von ihm bekommen, Schluss mit ihm. Sie diskutieren nicht. Und haben wir denn diskutiert, wenn wir die Nasen voll hatten? Wir haben Spaß gehabt, manchmal fünfzehn Mal in vierundzwanzig Stunden. Wir hätten uns in den letzten drei Monaten etwas weniger davon gönnen sollen, Antonia. Du hast es schon hinter Dich gebracht. Das hier, das war einmal Dein schöner, weißer Hintern...'

 

Er kramte sein Silbermesserchen aus der Schublade. Schon lange hatte er es nicht mehr verwendet; er musste ein wenig suchen. Längst war er zu kultloseren Werkzeugen übergegangen, die gerade zur Hand gewesen waren, zu Rasierklingen, zu Telefonkarten, aber jetzt sollte es wieder das Messerchen sein. Er strich die scharfe, kleine Klinge an einer seiner Ärmelmanschetten blank. Andächtig häckselte er in dem gelbgrauen Häufchen herum, da gab es kaum Klümpchen. Und dann strich er feierlich mit dem Klingenrücken eine lange, schmale Linie aus, begradigte deren kleine Abweichungen und Krümmungen sorgfältig durch vorsichtiges Schubsen des Pulvers mit dem Messer. Der Staubstreifen zog sich fast über die ganze Diagonale der gläsernen Tischplatte hin, etwa in der Mitte des Tisches umkurvte er elegant eine kupferne Blumenvase ohne Blumen. Er erhob sich und reckte sich gerade. Eine Minute lang betrachtete er das Ergebnis seiner Arbeit. Dann suchte er in seinem wackligen Musikregal lange und geduldig nach der ‚Träumerei‘ von Robert Schumann.

 

Gerade hatte er die Scheibe gefunden, da wurde an seiner Wohnungstür erst zweimal kurz und scharf und daraufhin lange und heftig geklingelt. Er nickte beruhigend, schaltete die Anlage ein und gab dem Musikstück die höchstmögliche Lautstärke. Heftige Schläge und Tritte ließen die Türfüllung erzittern. Nun trat er an seinen Tisch zurück, beugte sich tief nieder über dessen Platte, er hielt sich das linke Nasenloch zu und fuhr, mit dem rechten kräftig saugend, über das winzige graue Gebirge von Staub hinweg, immer wieder. In einem der oberen Vierecke des hölzernen Türbrettes erschien die in grellem, spanischem Rot lackierte Stahlspitze einer Feuerwehrhacke. Irgendwie, fand er, war das ein sehr professionelles Bild. Er wechselte das Nasenloch und lächelte.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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