An ihr war alles groß, aber durchaus wohlproportioniert. Mit einer ihrer großen, jungen Hände, der Linken, schwang sie einen riesigen Füllfederhalter. Auf dem Kopf balancierte sie einen großen, schwarzen Hut, ein Unding von Hut, das ihr immer wieder nach vorn, bis auf die ebenso große wie zierliche Nase, rutschte.

 

Er amüsierte sich, ohne Versuch, dies zu verbergen. Unter ihrem fatalen Hut wurde sie rot wie eine Tomate, als er endlich nicht mehr an sich halten konnte und laut zu lachen begann. Sie trug einen zu ihrer Tomatenröte ungemein passendes Fliegenpilzkleid mit einem breiten Brustlatz aus invertiertem Fliegenpilz, das ließ ihn nun noch lauter lachen.

Sie warf ihren Federhalter auf die Tischplatte. „Na und?“, sagte sie, gleichfalls in Lachen ausbrechend.

„Schon gut“, brummte er.

Man schwieg. Dann sagte sie, dass sie Alexandra hieße, und sie schob ihm resolut ihre Seiten über den Tisch.

„Liebesgedichte“, murmelte sie. „Jeden Tag werden es mehr, schon seit Wochen. Dabei weiß ich gar nicht, für wen sie sein könnten.“ Ernsthaft, mit tief gerunzelter Stirn, fragte sie ihn nach der Qualität ihrer Verse; sie beobachtete ihn beim Lesen und nippte dabei manchmal an ihrem Wein.

‚Und der Saturn streifte seine Ringe ab…‘, las er, und dergleichen Schwachsinn mehr. Große, schöne Schriftzeichen, wie aus einem vergangenen Jahrhundert. ‚Lauter Mist, wie schade‘, dachte er, und er überlegte lange, was, die Hälfte der Zeit, ob er überhaupt etwas sagen sollte. Endlich fingerte er nach dem trockenen Keks auf dem schmierigen Tellerchen neben seiner Kaffeetasse. Eine Weile spielte er sinnlos damit. Schließlich brach er ein Eckchen von dem pappigen, gelben Quadrat ab und hielt es ihr dicht vor die Augen. Sie staunte seine Hand an.

„Also, das hier sind sie“, begann er.

„Das bin ich?“ Sie lachte ein weiteres, helles Lachen.

Bemüht, sich nicht beirren zu lassen, knickte er einen weiteren Krümel von seinem ihm bereits peinlich werdenden Gebäckstück und legte ihn auf sein Knie neben den ersten.

„Und das hier, das ist das Objekt ihrer Anbetung“, fuhr er fort, „Ihr Geliebter, der in allen ihren Gedichten wohnt. Wohingegen es sich bei diesem hier endlich - „ - ein drittes Eckchen landete auf dem Stoff seiner Hose, etwas abständlich zu den beiden ersten - „ - um ihren Leser handelt. Um den, der von ihrer Liebe erfahren soll. Sehen sie es? Dem Verhältnis der beiden anderen da ist er der Dritte. Oder aber der Eine, wie sie zunächst wollen…“

„Er?“, fragte sie mit leisem Spott in einem der hübschen Winkel ihres großen Mundes. Mühsam unterdrückte er seine Wut.

„Es ist doch völlig egal, ob männlich oder weiblich! Sobald dieses Eine - oder Dritte – das ungute Gefühl überkommt, dass es mit alledem, was sie hier über die Liebe zu berichten haben, nicht das Geringste zu tun hat: Was, glauben sie wohl, wird dann geschehen?“

Sie freute sich einfach, betrachtete glucksend sein Gesicht und die Keksbrocken und war ansonsten groß und mädchenhaft und schön.

'Du bist nur eine riesige Fliegenpilzin!', dachte er. Für solche Situationen hatte er als letztes Requisit der Rettung immerhin noch seine Brille, über deren oberen Rand man meisterlich und todernst schauen konnte. Intelligent, fragend, todernst und meisterlich schaute er über den oberen Brillenrand. Sie sah ihn an.

„Und?“, fragte sie harmlos lächelnd, „Was wird also geschehen?“

„Nun, dieses Dritte - oder Eine, nicht wahr - es wird natürlich entweder versuchen, sie zu vergessen...“

„Oder?“

„Oder es wird zornig werden!“, sagte er, „Was aber auch geschehen mag - sie verlieren einen Leser. Was ja noch nicht das Allerschlimmste wäre. Schlimmer wäre es, wenn sie plötzlich einen Feind mehr hätten…“

Weiterhin wanderten ihre schwarzen Augen erstaunt zwischen den Kekskrümeln und seinem Gesicht hin und her.

 

Es drang in der Folge aus seinem Munde eine sehr lange, überaus komplizierte Abhandlung, die ihm zwar eine grausige Pein bereitete, die er aber auch nicht abzubrechen vermochte. Am Ende seines fürchterlichen Vortrages über die Pflichten der Liebe schaute sie ihn noch immer schweigend und unverwandt an. Inzwischen wogen die drei Keksbröckchen auf seiner Hose Tonnen.

„Also“, rief er schließlich in redlicher Verzweiflung aus, „Sie sehen nun, was sie angerichtet haben! Wie lautet ihre Lösung?!“ Er wusste, es gab keine. Mit bemühtem Triumph starrte er in ihr liebes Gesicht, wo sich immer noch freundliche Verständnislosigkeit zu malen schien - eine beträchtliche Fehleinschätzung seinerseits, wie er alsbald zu bemerken hatte.

„Wie die Lösung lautet?“, fragte sie in einem nächsten, klingenden Lachen. Dann wurde sie plötzlich ernst. Ihre Lösung war grandioser als die Alexanders, als man ihm den Gordischen Knoten zeigte. Mit unbewegtem Gesicht, immer weiter in seine Augen sehend, schnappte sie sich den dritten - oder Einen - Keksbrocken, schob ihn sich in den Mund und sagte leise: „Happ!“ Hieraufhin kaute sie kurz und schluckte. Entgeistert starrte er auf ihren Kehlkopf.

„Nun gut!“, orgelte er, „Wenn das so ist…!“

Neben seiner Tasse lag noch der große, dreier seiner Ecken beraubte Butterkeks. Er griff nach ihm, hielt ihn sehr dicht vor ihr Gesicht und zermalmte ihn in seiner Faust. „Verstehen Sie jetzt?!“, knurrte er.

„Damit haben sie aber die natürliche Grundlage ihres Vortrages zerstört!“, erklärte sie streng. Stumm deutete sie auf die gläsernen Aschenschale, in welche er das Bruchwerk des zerborstenen Kekses hatte fallen lassen.

„Jawohl!“, rief er zurück, „Dies jedoch erst, nachdem sie ein Stück davon roh verspeist hatten!“

Ein weiteres Mal wies sie auf das Aschenglas und dann auf ihren Bauch.

„Ach so meinen sie das?“, fluchte er, „Feuer und Flamme, wie?! Nun, haha, die beiden verrecken ja wohl gemeinsam, sobald ihre Nahrung endet!“

 

Sie schluckte noch einmal. Es sah sehr schön aus, und während er hässlich dazu lächelte, machte er die überaus gewöhnliche Entdeckung, dass die Kerze auf dem Tisch, fast völlig heruntergebrannt, soeben durch erbärmliches, kleines Knistern und Flackern ihr Erlöschen ankündigte. Gerade wollte er sie sieghaft auf diese so natürliche wie gegenwärtige Beweisführung hinweisen, als unglücklicherweise ein mürrischer Kellner an den Tisch trat, der mit geübten Bewegungen eine neue, weiße Kerze an der vergehenden Flamme der ersten entzündete und die neue Kerze dann auf das weiche Wachs der vorherigen stempelte.

„Sorry!“, grunzte der Kellner und ging wieder davon.

Unverwandt betrachtete sie ihn. Es ärgerte ihn, dass er seine Hände auf ihre Seiten gelegt hatte, dass man dies als eine Art behütender Geste missverstehen konnte. Sie schaute und schaute. ‚Alles ist so groß an ihr‘, dachte er, und dass es vielleicht keine fürchterlichere Lage gäbe, als die, wenn ein Zwerg sich in eine Riesin verlieben würde.

Er wollte noch etwas sagen. „Ich lasse ihnen ja ihre sich reimende Liebe“, wollte er salbungsvoll tönen, ‚Wenn sie mir mein Grinsen darüber lassen.’, aber er schwieg nun. In ihren Augen sah er das Goldbunt der Rüstungen und Helmbüsche, die Wüstenstaubwolken der mächtigen Phalanxen, stoisch dahinwankende, gewaltige Kriegselefanten, das verkrustete Blut auf den kurzen Schwertmessern. Einsame Männer mit Zielen, die ihrem Führer folgten, müde, ausgemergelt, verelendet in Natur und Wetter, das uralte, grausige Spiel des Fortgehens und Zurücklassens...

 

In Indien, ganz kurz vor dem Ozean am anderen Ende der Welt, den zu sehen er sich so sehr gesehnt hatte, kehrte Alexander, der Große plötzlich um. Warum, darüber gibt es eine Menge Theorien, und keine davon bietet eine zufriedenstellende Erklärung. Er kehrte einfach um. Über seinem Heerlager hatte er im Morgengrauen bereits die ersten Meeresvögel kreisen sehen, und die Luft hatte schon nach Salz geschmeckt. Den kleinen, indischen König Jada Bharata, der mit seiner jämmerlich schwachen Armee einzig noch zwischen Alexander und dem Ozean stand, hätte er leicht überrennen können. Was aber tat Alexander stattdessen? Er beobachtete tage- und nächtelang die ihm rätselhaft erscheinenden, kümmerlichen Truppenbewegungen des Königs, danach traf er sich mit Jada Bharata in dessen Zelt und führte mit ihm ein langes Gespräch. Er überhäufte den alten König mit Geschenken, ließ dessen paar alte, hustende Elefanten prächtig schmücken und kehrte dann einfach um.

Der Inhalt des Gespräches ist nicht überliefert, doch: Egal, was zwischen den beiden gesprochen wurde, niemand würde je behaupten, dass Jada Bharata Alexander, den Großen besiegt hätte. Alexander, höchstens zwei Reisetage noch von seinem Ziel, von der Erfüllung seines Traumes entfernt, machte sich einfach auf den Rückweg.

‚Vielleicht’, dachte er, ‚tut sie das einst auch. Kurz vor dem weiten Wasser, kurz vor dem Ende der Welt. Es wird sie vielleicht keiner verstehen. Fast keiner.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Alexandra die Grosse

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