Wir saßen zu viert im Auto, F1, seine Mutter, der Kümmerling am Steuer, der von ganzem, großem Herzen zu glauben versuchte, dass er der Vater sei, und ich. F1 war winzig, von tiefem Rosa und überaus faltenreich. Dass er F1 war, stand groß auf seiner weichen Zipfelmütze. Er hatte es sich zwischen den riesigen, schönen Brüsten der Mutter bequem bemacht und lallte aus seinem dämlichen, plissierten Gesicht trübsinnig vor sich hin. Draußen fetzte die Landschaft vorüber. Dann war da noch der Hamster. Ich hatte das Hamsterglas auf den Knien zu halten, das war mein Fahrpreis nach Frankfurt. Der Hamster tippelte immerzu vorwärts und wieder zurück, er zeigte so sehr hatte klare Vorstellungen von seinem Hin und Wider zwischen Futternapf und Wohnlappen, dass ich mit göttlichem Wohlwollen in sein Gehäuse lächelte. Kleine Zupacker wie ihn liebte ich mit besonderem Ingrimm.

„Er heißt Hildebrandt“, sagte die Frau.

„Das ändert gar nichts“, erwiderte ich.

Der Papa fuhr Auto.

„Ich will ja nicht indiskret sein…“, begann er.

„Dann  seien Sie es einfach nicht“, ließ ich ihn in seinem Ansatz zum nächsten Satz sterben. Peinliches Schweigen herrschte.

„Nett, dass wir Sie mitgenommen haben, was?“, fragte der Mann und badete eine Weile in der Wirkung seines Satzes auf mich.

„Danke, danke...“, murmelte ich endlich und suchte etwas anderes zum Anschauen, als den Mann neben mir.

„Er heißt George“, sagte die Mutter, als ich mich umgedreht, in die halbblinden Augen des Kindleins geblickt und: „Hallo F1!“ zu ihm gesagt hatte.

George speichelte ab.

„Gefällt er Ihnen, ja?“, fragte sie, als sie mein gequältes Lächeln bemerkte.

„Er hat so dickrandige Ohren“, murrte ich, „Kommt das auch noch in Ordnung?“

„Oh ja!“, beeilte sie sich zu versichern, „Das bekommt dann bald alles seine endgültigen Proportionen! Nicht wahr George, das bekommt dann alles Pro-por-tio-nen?“ George brabbelte selig. „Na, dann ist es ja gut“, brummte ich.

„Sagt mal, ziehts Euch vielleicht da hinten?“ Der Vater ließ Frischluft in den nach Babypuder und Treibstoff riechenden Innenraum des Wagens.

„Nein, es geht!“, sagte die Mutter, „Nicht wahr, George, es gitti-gitti-geht schon, was?“ George speichelte weiterhin enorm ab, ihre Bluse war über einer ihrer Brüste bereits völlig durchnässt, das hatte etwas Ekelhaftes und etwas Erotisches, ich versuchte mich zu entscheiden. Sie bemerkte meine Blicke. Auch sie versuchte, sich zu entscheiden. Zuerst wand sie sich ein wenig, dann entschuldigte sie sich für den Sabber.

„Ich glaube, er speichelt viel zu viel ab, für sein Alter“, meinte ich. „Wenn er noch eine Stunde so weitermacht, ist seine Flüssigkeit alle. Er wird dann vertrocknen.“

Sie lachte und zeigte mir ein durchsichtiges Fläschchen, in dem es goldgelb schwappte.

‚Da ist Pisse drin! Pisse!, Pisse!, Pisse!', dachte ich boshaft.

„Nachschub“, sagte sie. „Das ist ganz normal bei denen, dass sie so sabbern, was, George? Wir sibbi-sabbi-sabbern noch ein bisschen, hm?“

„Bädäh!“, antwortete George erfreut, und ein weiterer, klarer Sabberschwall troff von seiner herabhängenden Unterlippe.

„Er kann auch schon sprechen!“, sagte die Mutter. „Was, George? Du kannst schon sprechen! Komm, sag doch mal was zu dem Onkel! Er muss auch nach Fricki-fracki-Frankfurt!“

„Täremm-Demm-Demm!“, entfuhr es George. Angestrengt und blöde starrte er in meine Richtung. Er sah gewiss nicht viel.

"Huhu!", sagte ich und hasste mich dafür.

„Demm-Demm-Deremm!“, setzte George nach. Sein Speichelfluss vergrößerte sich erneut beängstigend, und seine winzigen Hände griffen langsam in der Benzinluft herum.

„Ah!“, sagte ich.

„Geben Sie her, ich merke doch, dass es Sie stört“, lächelte der Fahrer. Ich langte nach dem Stahlbügel der Lenkradsicherung unter meinen Schuhen und reichte ihm das Metallstück. Er legte es neben seine Pedale.

„Na, das wird auch bald alles anders“, sagte er. „Dann regiert der Fingerabdruck, nicht mehr der Sicherheitsschlüssel. Feine Linien statt grobe Kerben, was George?“

George bekam von dem urinösen Zeug in der Flasche zu trinken; er blubberte zufrieden und brummelte daraufhin satt vor sich hin.

„Komm Bäuerchen, mach fein Bäuerchen!“, rief die Mutter ermunternd. Wir warteten alle angespannt auf das Bäuerchen.

„Dass das Bäuerchen heißt“, sagte ich, nachdem das gewaltige Bäuerchen erschallt war, "Das war mindestens ein Gutsbesitzer."

Ein silbergrauer BMW hatte bereits seit langem hart ums Überholen gekämpft, jetzt zog er sieghaft an uns vorbei.

„Also, wenn die, die einen BMW fahren, schon so übel drauf sind“, meinte der steuernde Vater, „wie müssen dann erst solche leben, die, sagen wir, einen großen Raumgleiter besitzen…“

„Donnerwetter, auf was Sie so alles kommen!“, erwiderte ich, „Raumgleiter. Wie Sie das sagen!“

„Wie sage ich denn das?“

„So selbstverständlich. Als hätten Sie einen als Zweitwagen in der Garage.“

„Ach!“ Geschmeichelt winkte der Mann ab, „Wissen Sie, was soll uns Gegenwärtigen dieses Thema denn! BMW, das ist, was es auf der Welt zu erreichen gibt. Mit deren Entwicklung muss man mit. Schneller geht's eben heutzutage nicht. Na ja, vielleicht hat George einmal etwas davon. Einen Raumgleiter. Was, George?“ Der Vater schlug aufs Lenkrad und forschte im Wagenspiegel nach Georges Gesicht. George lallte Zustimmung.

„Der George, das kleine Dummerchen, das macht jetzt Schlummi-schlummerchen“, sang die Mutter.

„Sitzen wir hier nicht auch gerade in einem BMW?“, fragte ich.

Der Vater lachte väterlich. „Nein, junger Mann, dies hier ist ein Opel.“

„Ach ja. Ich sehe es auf dem Lenkrad.“

„Na, ein Fachmann sind sie nicht“, bemerkte er freundlich. Ich schüttelte den Kopf und nickte.

„Wir sind bald in Frankfurt“, sagte die Frau.

Ich nickte und schaute.

„Coronado wäre schön“, fuhr sie leise fort.

„Coronado?“ Wörter mit vielen, dunklen Vokalen mochte ich.

„Dort soll es eine kleine Kirche geben, in der sie ein Stück vom Wahren Kreuz aufbewahren.“ Die Stimme der Frau klang hell und weinerlich.

„Ich versuche es ihr immer wieder auszureden“, sagte der Fahrer schmunzelnd. „Ich habe ihr hundert Mal gesagt, dass wenn alle Bruchstücke vom Kreuz echt wären, die bis heute angeblich aufgefunden wurden, oder die von Reliquienhändlern als echt verkauft wurden, dann müsste ihr Heiland, habe ich ihr gesagt, damals so an die fünfundsechzig Meter groß gewesen sein. Und er wächst immer noch. Mann o Mann, einer der Nägel so lang wie das Auto  hier. Was für ein Hammer dafür!“

„Ja, er wächst immer noch“, sagte sie hinten noch weinerlicher.

„Jetzt hab ich Dich“, lachte der Fahrer. Wir zogen wieder an dem mattsilbernen BMW vorüber.

„Denken Sie einmal an die Unterschiede in den Lebensgefühlen eines Fahrradfahrers und eines BMW-Fahrers!“, befahl der Mann zärtlich. Ich zog die Stirn in Falten.

„Und nun denken Sie einmal an die Unterschiede im Lebensgefühl eines BMW-Fahrers im Verhältnis zu dem eines Raumschiffpiloten!“ Ich vertiefte mein Stirnrunzeln. Er bemerkte es mit Zufriedenheit.

„Und jetzt denken sie an das, was für Entfernungen zwischen Radler und Raumschifffahrer liegen…“ Er pfiff durch die Zähne. „Junge, Junge!“, meinte er.

Ich schwieg. Nach einer langen Weile sagte auch ich: „Junge, Junge!“, worauf der Fahrer meine Schulter knuffte und dazu lachte.

„Was würden Sie denn da gern tun, in Coronado?“, fragte ich etwas später freundlich nach hinten, aber sie antwortete nicht. Ich schwieg aus dem Fenster. Heide und Teiche. Ganz nah eine einsame Kuh. Das nackte Euter glänzte feucht in der Sonne. Ich lehnte mich bequem zurück und schielte über meine Schulter nach den Brüsten von Georges Mama. Sie war eingeschlafen. Ihr Mund stand hässlich offen.

„Na, nun sagen Sie doch mal etwas dazu“, meinte der Fahrer schließlich.

„Zu was?“

„Na zu den Unterschieden. Zu den Unterschieden in den Lebensgefühlen.“

Nach einiger Zeit antwortete ich: „Bei der Durchführung meiner morgendlichen, technischen Selbstverständlichkeiten, Radio an, Stecker ins Taschentelefon, Notebook einschalten, Kaffeemaschine aktivieren, bin ich vor denen, die vorgestern in Postkutschen fuhren, ungefähr so legitim, wie jene in ihren Raumgleitern - die von Übermorgen - vor mir. So viel zu den Autofahrern. Und die vielen Radfahrer erst, was?“

Er überlegte ein wenig.

„Erst muss ich etwas leisten, dann kann ich mir etwas leisten“, murmelte er dann unbehaglich.

„Ach so. Sie reden über Geld“, erwiderte ich nach einer Weile, die ich hatte verstreichen lassen, damit er glauben konnte, ich dächte über das nach, worüber ich bereits Jahre nachgedacht hatte. Er stutzte. Dann freute er sich. „Sieh an, Sie sind ja doch nicht ganz ohne.“

„Denken Sie nur nicht“, sagte ich, und ich deutete mit meinem Daumen nach hinten zu George, „dass der da ein Beweis wäre, dass Sie auch nicht ganz ohne sind! Er ist noch nicht einmal ein Beweis dafür, dass sie irgendwann einmal nicht ganz ohne waren.“

Er freute sich wieder. „Nein, nein, ich meinte hier oben nicht ganz ohne“, meinte er und tippte sich an die Stirn.

„Na, vielleicht doch, wenn ich Sie gleich so falsch verstehe“, sagte ich.

„Nein, dumm sind Sie überhaupt nicht“, antwortete er. „Sie lassen bloß nicht gern jeden gleich in ihre Karten gucken, stimmt’s?“ „Stimmt.“ Nach einer langen Stille erkundigte er sich plötzlich beiläufig: „Sagen Sie mal…“ - er warf einen kurzen, prüfenden Blick in den Wagenspiegel - „… haben Sie Lust auf meine Frau?“

„Entschuldigung?!“

Er nickte zum Spiegel hin. „Na, auf die da. Haben Sie Lust auf sie?“

„Und Sie wollen George und Hildebrand so lange halten?“

Er lachte herzlich, und so laut, dass sie im Schlaf zusammenzuckte. „So habe ich sie kennengelernt. Sie war die Freundin eines Kollegen. Er fuhr, ich saß neben ihm, sie hinten. Wir redeten, sie schlief. Alles war wie jetzt. Wäre gerecht, wenn ich sie so auch wieder loswürde.“ Noch einmal lachte er und musterte mich dabei wohlwollend von der Seite. Der blaue Bug des Wagens fraß die weißen Streifen auf der grauen Autobahn.

„Ein Opel vermutlich, der Wagen damals?“, fragte ich.

„Lassen Sie mich einmal nachdenken- sieh an, ja, ja, ich glaube, das war sogar wirklich ein Opel. Ich konnte überhaupt nicht mehr klar denken, sah nur noch ihre Titten und das weiße Fleisch ihrer langen Schenkel unterm hochgerutschten Rock. Und er redete und redete, der Schwachkopf. Alles war wie jetzt.“

Ich zeigte an meine Stirn. „Eben meinten Sie noch, ich wäre hier nicht ganz ohne. Wie kommen Sie darauf, dass ich vielleicht gar nicht mehr klar denken könnte?“

„Alles war genau wie jetzt“, murmelte der Fahrer, „Und das Fleisch, es war so weiß...“

„Und George war auch schon George?“

Er freute sich. „Ja, wir haben ein Kind, das nie älter wird. Nein, den gab es damals noch nicht. Der ist von mir. Mann, war das eine geile Situation damals, das kann ich Ihnen aber sagen.“

„So wie jetzt?“

Er lächelte seltsam und musterte mich wieder anerkennend.

„Vielleicht sollte ich ja eine Weile George halten?“, vermutete ich.

„Es war seine eigene Schuld“, sagte er. „Stundenlang schilderte dieser Idiot mir auf das Lebendigste ihre Vorzüge. Und sie, sie saß da hinten und schlief.“

„Wissen Sie noch, was Ihr Kollege damals so alles gesagt hat?“, fragte ich. „Erzählen Sie mal. Ich lerne schnell.“

„Sie sind wirklich ganz schön in Ordnung“, meinte er, mit deutlich angehobenen Brauen, seinen Blick an den Horizont genagelt.

„Nein, das bin ich ganz sicher nicht“, erwiderte ich. „Aber vielleicht irgendwann einmal.“

„Dann tauschten sie die Plätze. Er schnarchte, sie fuhr. Donnerwetter! Es war sogar in dieser Gegend hier, möchte ich meinen!“

„Ist vermutlich im Ganzen eine eher langweilige Geschichte gewesen“, sagte ich. „Nach zehn Minuten hat sie dann ihr Ding mit der Gangschaltung verwechselt, und so weiter und so fort.“

„Kein und so weiter und so fort“, freute er sich. „Ich stehe nicht so aufs anstregende Vögeln. Sie ist eine Wichserin. Haben sie mal ihre Hände gesehen?“

Ja, das hatte ich.

„Da ist George sozusagen eine Art Ausrutscher?“

„Na ja, eher ein Reinrutscher, was? Finden Sie, dass er mir ähnlich sieht?“

„Ganz der Vater“, quakte ich im Ton einer alten Frau. Er schmunzelte.

„Wir beide nebeneinander, was? Sie und ich. Der Fahrradfahrer und der Raumschiffpilot“, murmelte er, dann schüttelte er lächelnd den Kopf. „Was es nicht alles gibt, was?“

Ich sagte: „Der Opelfahrer könnte vielleicht demnächst kurz einmal anhalten? Ich müsste nämlich einmal dringend…“

„Nächster Parkplatz acht Kilometer?“

„Ja, das ist gerade noch zu schaffen, denke ich. Sie vergessen übrigens ständig den in der Postkutsche. Machen Sie das etwa mit Absicht? Sie Autofahrer.“

Herzlich lachte er, und er schlug die Fingerspitzen mehrmals leicht auf den Ring seines mit schwarzbraunem Kunstpelz umhüllten Steuerrades. „Ja, ich Autofahrer, was?“

Wir fuhren Auto. Hinten triefte George an den schönen Riesenbrüsten seiner Mutter, die leise im Schlaf schnaufte. Der Rand seiner zitronengelben F1-Mütze war ihm halb über die Augen gerutscht, er sah zum Kotzen blöd aus. Die Landschaft war gebirgiger geworden, das Wetter schöner.

„Wo liegt eigentlich Coronado?“, fragte ich.

„Hab keine Ahnung. Hört sich nach Spanien an, hm? Oder Portugal? Vielleicht etwas Südamerikanisches? Wissen Sie, ich habe das alles auch einmal geglaubt.“

„Was haben Sie geglaubt?“

Er nickte nach hinten zu George und der Frau. „Das mit dem nicht Töten sollen zum Beispiel. Aber dann habe ich gemerkt, was das bedeutet, sich seine Fähigkeit zum Töten verbieten zu lassen - es ist der halbe Weg zur Impotenz, sage ich Ihnen. Danach heißt es nur noch immer fein warten, bis der Mutti die Möse juckt, und danach auch noch: ‚Wie war ich Schatz?', fragen. Waren Sie in Ihrem Leben schon einmal in einem Puff?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das geht so: Sie haben zuerst ihren Samen abzuliefern, und danach ihr Geld. Und dann, wenn sie auf die Frage: ‚Na, geht es uns jetzt nicht viel besser?', nicht begeistert mit dem Kopf nicken, dann brauchen sie gar nicht erst mehr wiederzukommen.“ Er pfiff wieder durch die Zähne. „Nein, heute halte ich nicht mehr Frieden um jeden Preis. Die kriegt schon mal ordentlich eine in die Backen, wenn’s mir langt. Und wissen Sie, ich denke, genau dadurch bin ich ein Mann geblieben. Ich kümmere mich um männliche Belange. Erst danach kommen für mich Frauen, denn genau betrachtet sind das in der Regel Lebewesen, die erst Männer werden wollen. Dahinter kommen dann Männchen, die solchen Weibchen dienen. Denken Sie bloß mal an Karrierefrauen und an die Jüngelchen, von denen die umwimmelt werden Und danach kommen noch Weiber, die wiederum solche Männer wollen, äks. Ja, und gleich dahinter beginnt auch schon das Reich der Tiere …“

„Ich dachte, Sie meinten das alles nicht so“, sagte ich nach einer langen Weile des Schweigens.

„Und so ist es mir auch mit Ihnen ergangen“, erwiderte er, „Warum sollte ich denn etwas anderes meinen, als ich sage? Wegen Ihnen etwa? Wegen der da hinten? Oder wegen dem kleinen Fleischsack, den sie geworfen hat? Wegen der Welt vielleicht?“

„Vielleicht schläft sie ja nicht.“

„Die? Egal, Mann! Die hat längst alles gehört, was es über sie zu sagen gibt. Na, nun sagen Sie schon, was Sie von mir halten.“ Sein Gesicht hatte sich verzerrt, es mochte an der Sonne liegen, die jetzt wieder durch die Wolken stach.

Ich überlegte. "Ein Roboter", antwortete ich schließlich, "Ich würde sagen, Sie sind ein Roboter.“

Er warf einen ganz kurzen Blick in den Wagenspiegel. „Wie haben Sie es herausbekommen?“, fragte er freundlich zurück.

Ich biss mir auf die Unterlippe.

„Die Medizin würde zwischen Ihnen und mir keinen Unterschied feststellen, da haben Sie Recht“, meinte er. „Alles dran.“  Lächelnd zupfte er sich am Ohrläppchen. „Und alles drin. Noch ordentlich Tinte im Füller. Nette Leute, die Mediziner von heute. Die wollen nicht so viel wissen, wie Sie. Na ja, es ist nicht wichtig. Sie wissen es, und ich weiß es. Ich habe mit Ihnen nichts vor, ergo gibt es keinen Grund, irgendetwas zu beweisen.“

„Es kann also alles weitergehen wie bisher?“, fragte ich. „Auto fahren, Hildebrandt hat dicke Backen, George wird erwachsen, die Frau kriegt ab und an mal was zwischen die Zähne?“

„Na, am besten wäre es, was? Sie -“, er nickte nach hinten zu der schlafenden Frau, „- will es im Grunde genommen doch schließlich auch so, was?“ Verschwörerisch fügte er nach einer Pause hinzu: „Im Grund genommen gehört er in Mund genommen.“

„Sie sind ein recht dummer Roboter“, sagte ich. „Einer, der seine Perfektion hier auslebt, auf einer verpesteten Opel- und BMW- Welt. Ausgerechnet hier spuken Sie herum, wie peinlich, und ausgerechnet die menschliche Form begreifen Sie als perfekt. Sie sind eine miefende Provinzmaschine, und den größten Teil Ihres Programms machen die schlechten Angewohnheiten der Menschen aus, in deren Gestalt Sie sich austoben, richtig?“

Er lachte. „Austoben? Übrigens können Sie zu Robotern ruhig ‚Du‘ sagen, denen ist's schließlich eh egal, nicht wahr?“

„Roboter, ich schwör's Dir:“, versetzte ich leise, „Einmal bin ich dran, und dann bist auch Du dran. Gründlich.“

„Einmal?“

„Jetzt oder irgendwann. Glaub mir, Jetzt wäre besser für Dich. Es wäre aushaltbarer. Soll ich aussteigen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, warum denn?“, sagte er heiter, „Jemanden einfach abstellen, das ist keine Lösung.“

„Ah ja“, erwiderte ich, „So dann also auch nicht.“

„Nein“, sagte er, „So auch nicht. Die Welt ist rund, mein Freund, sonst wär ja Kommunismus. Aber es ist nicht Kommunismus, denn Mutti hat‘s verboten. Und folglich…“ Er schwieg und schien seinem letzten Satz hinterherzuhorchen. Dann hieb er auf sein Lenkrad „Ich mag Sie!“, rief er, und noch einmal lachte er, dunkel und laut. Auch George lachte hinten im Schlaf, das meckernde, kleine Lachen eines uralten Zwerges. Lange schwiegen wir und hörten auf das zuverlässige Summen des Motors.

„So, Parkplatz“, sagte er.

Wir hielten, er stieg aus, dehnte seinen großen Körper und spazierte steif die wenigen Schritte hinüber zu einem Holzgeländer, vor dem man ein paar Bänkchen und Tischlein hübsch gruppiert hatte. Auf das Geländer gestützt deutete er ein paar Liegestütze an. „Aach, diese frische Luft!“, rief er in die Natur hinaus.

„Uft, Uft!“, echote es vom Rand des Waldes her.

Ich schaute nach ihr. Sie hatte sich aufgerichtet und starrte den Bügel der Lenkradsicherung an, ein gebogenes Stück Stahl, das bei den Pedalen auf der Fahrerseite lag, umhüllt von einem brüllend gelben Lackpanzer.

„Na, nun kommen Sie schon! Ich denke, es ist so nötig! Gott, ist es hier schön!“, rief er mir zu.

Ich rutschte auf den Fahrersitz hinüber, quetschte mich am Lenkrad vorbei und stieg aus. Wunderbar frische Luft und hoher Himmel, am Horizont beginnendes Abendrot. Kein anderer Wagen stand auf dem Parkplatz. An einem Himbeerbusch erleichterte ich mich und ging dann leise pfeifend die paar Schritte hin bis zu ihm an den Abhang. Er hatte die Hände in die Hüften gestützt und genoss die Aussicht auf die fernen Berge.

„Und? Gut gepinkelt?“, meinte er fröhlich, ohne sich umzuwenden.

Ich hieb ihm den Stahlbügel auf den Hinterkopf. Seine Schädelplatte brach auf, schwer, wie dickes Glas, aber es klang, als wenn ich auf nasse Pappe geschlagen hätte, das fand ich merkwürdig. Mit einem seltsamen Laut, in dem sich Erstaunen und Ekel mischten, sank er langsam zusammen. In der Spirale seines Zusammensackens lag etwas unglaublich Theatralisches. Ich riss den Stahl aus der geborstenen Schädelschale und dem aus ihr hervorquellenden, gelblichen Zeugs und hackte ihn ein weiteres Mal tief dort hinein. Er zuckte merkwürdig synchron mit Armen und Beinen. Sein Gesicht wendete sich mir zu. Es sah ganz entspannt aus. Der Mund wirkte sachlich und lebendig, als wollte er mir gerade etwas Interessantes mitteilen, aber die Augen wurden gerade zu lebloser Sülze. Ich schob seinen mächtigen Körper über den Rand des Abhanges; er rollte schwer davon und verschwand in einem Gestrüpp. Da ganz weit unten rauchten Schornsteine, auf den rot in der sinkenden Sonne leuchtenden Dächern eines Dörfchens im Tal.

 

Den Stahl wusch ich an einem der kleinen Messingwasserhähne des Parkplatzes sauber und stieg daraufhin wieder in den Wagen, dort, wo ich ausgestiegen war, auf der Fahrerseite. Sie saß jetzt auf dem Beifahrersitz. Ruhig sah sie mich mit ihren grauen Augen an. Ich schob die Lenkradsicherung an ihren Platz zurück und streifte, als ich mich wieder aufrichtete, mit einem langen Blick ihre Hände. Es stank, George musste gefurzt haben. Oder sie.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie mich. Ich nickte.

 

Hildebrandt entwich auf einem der nächsten Rastplätze, gleich hinter der französischen Grenze. Dort hatte ich ihn während einer Fahrtpause ein wenig im Gras spazierengehen lassen, als meine Aufmerksamkeit für einige Zeit von einem Pärchen ganz ungeteilt in Anspruch genommen wurde, das sich im blütenübersäten, leuchtenden Buschwerk kurz und heftig aneinander entlud. Danach hatte ich den Hamster gesucht, bis sie nach mir zu hupen begann, aber er war nicht mehr auffindbar gewesen.

„Der Hamster ist weg“, sagte ich.

„Schade“, erwiderte sie, „Nachts wird ihn sich irgendeine Eule holen.“

„Er war ein Roboter“, sagte ich.

„Hildebrandt war ein Roboter?“, fragte sie staunend.

Ich schwieg und schaute mir die schöne, dunkle Spalte zwischen ihren Brüsten an.

„George wird es wohl überleben, denke ich“, erwiderte sie.

„Das denke ich auch“.

„Täremm-Demm-Demm!“, rief der erwachte George erfreut.

„Du wiederholst Dich“, sagte ich. Ich stellte das Hamsterglas an den Straßenrand. Sie legte mir eine Hand aufs Knie und öffnete halb den Mund.

„George war nicht von ihm", sagte sie.

Ich nickte. „Wenn einer wissen will, wer der Vater ist - was bleibt ihm übrig, als der Mutter zu glauben?"

Sie sah mich von der Seite her an. „Fick mir die Finger", sagte sie, „Ganz langsam.“

„Täremm-Demm-Demm", äußerte mit der Stimme eines Greises George auf der Rückbank.

Dann fuhren wir nach Coronado.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Nach Coronado

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