In Laras Salon wird wieder ein neues Buch vorgestellt.

Ich gehe nicht gern zu Lara. Lara ist jung und lebendig, und sie ist ein wirklich hübsches Fräulein, aber sie ist burschikos. Mit jedem ihrer bezaubernden Lächeln verströmt sie jenes: „Du und ich, wir beide verstehen uns schon, nicht wahr?“, das die Engländer jedem zweiten ihrer Sätze als kumpanenhaftes "You know?" anhängen, und das eben nicht wahr ist. Und dass ich dann trotzdem nicke und so tue, als würden wir uns schon verstehen, sie und ich, das tut mir weh. Eigentlich verachte ich Lara nicht schon schon, sondern nur noch noch. Es ist inkonsequent von mir, trotzdem immer wieder zu ihr hinzugehen, ich weiß.

 

Ich habe heute sogar schon überlegt, ob ich das vielleicht eigentlich brauche, hingehen zu Laras Salon, und mir von ihr wehtun lassen. Nämlich, als ich diesmal zu ihr fuhr, hatte ich auf dem Weg in der U-Bahn ein ganzes Päckchen Johannisbeersaft ausgetrunken, und nun hocke ich da, tue, als wenn ich sie verstehe, o yes, I know, wie sie da redet und redet und nebenher mit Zetteln und Büchern hantiert, wie sie Kerzen, eine Blechkasse und zerzauste, bunte Blumen aufstellt und so ihre Veranstaltung vorbereitet, und ich muss doch eigentlich immer nötiger pinkeln und verkneife es mir doch immer länger. Es tut schon weh. ‚Wenn du jetzt nicht aufstehst, brauchst du es wirklich so!’, sage ich mir, da zischelt Lara im selben Moment verschwörerisch: „Die Toiletten sind übrigens im Keller, einfach die Treppe dort hinunter und dann geradezu…“

 

Verblüfft trabe ich die Wendeltreppen des Restaurants hinab. Es sind nicht nur einfach Toiletten, es sind Restrooms. Aufseufzend erleichtere ich mich in das blitzendweiße Becken, schaue misstrauisch nach, ob an ihm irgendwo Meißner Schwerter eingebrannt sind, und denke dabei an Lara hoch über mir. Vielleicht verstehen wir uns doch besser, als ich es wahrhaben will.

Als ich zu der Reihe vor Reinheit leuchtender Waschbecken mit ihren chromblinkenden Wascharmaturen trete, kommt gerade ein junger Polizist herein; es ist einer von den dick Vermummten, die hier in der Nähe des Brandenburger Tores im Winter Streifendienst laufen. Er ist ein wenig eingeschneit und schüttelt sich fröhlich. Hastig springt er an eines der Becken in meinem Rücken.

Ich lasse mir heißes Wasser über die Pulse laufen, betrachte im großen, völlig staubfreien Spiegel mein Gesicht und denke über Laras Burschikosität nach. Plötzlich habe ich das lächerliche Empfinden, dass der junge Polizist hinter mir längst fertig ist und dennoch immer noch weiter an seinem Urinal steht. Etwas Schwules scheint mit einem Male feuchtheiß durch den eleganten Restroom zu schweben. Im Spiegel kann ich nichts sehen, ich horche - nein, da tröpfelt nichts mehr.

Und dann trifft mich eine Art Zornwelle von hinten. Nicht allzu stark ist dieser Schwall, aber doch fremd und intensiv genug, dass ich ihn als dunkle Kraftballung ungewöhnlich deutlich in meinem Nacken spüre. Da räuspert sich der Uniformierte, und einen Moment später erscheint er an dem Waschbecken neben mir. Nein, mit Schwulität hat das nichts zu tun. Auf einmal weiß ich genau vom Ursprung dieser kurzen, heftigen Wut, und das macht mich herzlich lachen – es war gewesen, weil er sich wegen meiner Anwesenheit nun die Hände waschen muss. Er tut es sorgfältig und anklagend, etwa so, wie ein Arzt vielleicht in schweigender Ehrsamkeit den Tod anklagen mag, während er sich lange und gründlich vor einer Operation die Hände bürstet. Seinen Blick hält der Polizist starr auf den warmen Wasserstrahl gerichtet, er seift und wäscht. Nein, es gibt tatsächlich keinen anderen Grund für die winzige Ladung Erbitterung, die mich traf, als eben diesen: Der da wäscht sich sonst nach dem Pinkeln nie die Hände, aber heute stehe ich da, lasse mir sinnlos Wasser über die Finger laufen und will und will einfach nicht gehen, und da muss er es nun doch tun. Zum Schreien lächerlich ist das, und ich grinse immer breiter, weil es so wahr ist, dass man es überhaupt nicht mehr aushalten kann.

 

Handtuchspender gibt es zwei, einen auf der Seite des Polizisten und einen auf meiner Seite. Gleichzeitig schrauben wir die blinkenden Wasserhähne zu, rupfen mit synchronen Geräuschen Papiertücher aus den Boxen und trocknen uns Rücken an Rücken die Hände ab. Beim Hinausgehen möchte jeder von uns dem anderen Vortritt lassen. Wir stehen uns mit derselben jovialen Handgeste gegenüber, bleiben in dieser Irritation eine Weile wie in einer Skulptur erstarrt, die zwei Männer in einer halboffenen Tür zeigt, welche vor lauter Höflichkeit dem anderen gegenüber beide in Ewigkeit keinen Schritt mehr weiterkommen. Die Türschwelle quietscht bereits vor Vergnügen. Endlich sage ich Danke und steige leise pfeifend auf zu Lara, nehme den kleinen Wutschauder des wütenden, jungen Polizisten mit, in Laras eben beginnende, bis auf den letzten Polsterstuhl besetzte Kulturveranstaltung mit dem Thema: „Das Dreiecksverhältnis zwischen Schiller und den Schwestern Lengefeld.“

 

Vor das hübsche Bild vom jungen Friedrich Schiller, das die junge Vortragende malt, wie er da morgens am Fenster sitzt und sonnenbeleuchtet inmitten von Sturm und Drang und Vogelgezwitscher mit frisch gespitzter Feder sanfte, melodiöse Liebesbriefe schreibt, schiebt sich in meinem Gedächtnis immer wieder das Gesicht des jungen, bösen Polizisten im Waschraumspiegel. Noch mehr Leute sind gekommen, es ist jetzt überfüllt hier; im Saal gibt es bald nur noch unsäglich schlechte Luft.

Wie gern wäre ich jetzt in diesem Schillerschen Rudolstadt, das die Rednerin beschwört, unter mir das schimmernde Saaleufer mit letzten, langsam gerade verwehenden Fetzen von rosa Morgennebel, und ich schriebe im satt düfteschwangeren Frühherbstmorgen leichten Herzens Liebesbriefe an zwei mir gewogene Fräuleins zugleich. Fast gelingt es mir auch, dort anzukommen. Aber da ich einmal in einem Film gehört habe, dass selbst bei tatsächlich möglichen Zeitreisen niemals zwei Personen denselben Ort einnehmen dürfen, muss ich mich des eingebildeten Schillers nun irgendwie entledigen, um mich in meiner Vision auch an seinen Schreibtisch setzen zu können. Wohin mit Ihnen, Herr Schiller?

 

Ich stelle ihn also in den Waschraum neben den Polizisten, es ist die Sekunde direkt nach dem Wutschauer. Nur einen winzigen Moment schaut Schiller verständnislos, dann findet er sich gleich ganz hervorragend in die neue Situation. Der junge Polizist, während sich Friedrich vor dem Spiegel ernst den gepuderten Zopf richtet, an den Wimpern zupft und daraufhin seine Fingernägel begutachtet, zieht zunächst ein Taschentuch hervor hebt dann damit sein Telefon aus der Uniformtasche: „Pardon, Herr Schichtführer!", murmelt er betreten in den Apparat und lächelt Herrn Schiller entschuldigend aus dem Spiegelglas zu, „Ich stehe hier nämlich in der - im Waschraum des Literarischen Salons von Fräulein Lara am Brandenburger Tor. Es ist mir, es ist mir so peinlich, müssen Sie wissen, doch ich, äh, wie soll ich sagen, urinierte soeben, ja, und nun muss ich feststellen, dass ich die Handwaschbürste, welche ich ansonsten selbstverständlich stets bei mir trage, jenes Handwaschbürstchen, Sie wissen schon, dessen Gebrauch uns nach dem Piss- nach dem Urinieren doch Vorschrift ist... Also ich habe es wohl leider in der Wachstube vergessen. Könnten daher der Herr Diensthabende vielleicht rasch einen Kollegen schicken oder die kleinen zweihundert Meter gar selbst…?“ Und Friedrich Schiller hebt anerkennend eine Braue und zeigt die kurze Andeutung eines Schmollmundes.

 

„Dass Schiller schwul war, Schwester Lara“, flüstere ich zu Lara, „beweist ja wohl am deutlichsten sein Wunsch: ‚Alle Menschen werden Brüder…’ Lara sagt: „Pschtpscht!“, da stelle ich mir Goethe beim Kacken vor, und dann ist die Lesung auch schon zu Ende. Keiner hat hier zwischendurch mal ein Fenster geöffnet. Ich auch nicht. Ich hätte es tun können, wie alle. Ja, also, ich gehe, wie gesagt, nicht gern zu Lara, aber ein paar Leute, die ich kenne, meinen, es ginge mir gut, wenn ich von ihr komme.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Das Unbehagen des Friedrich Schiller in der Herrentoilette

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