Arimann Vanderthal hatte sich sehr lange und ausführlich mit dem Problem der Zeit beschäftigt, doch die Lösung für den Kanonenturm war ihm rein zufällig eingefallen. Da saß er nun und staunte.

 

Die Gestalt des Arimann Vanderthal zu beschreiben fällt noch schwerer, als etwas über seinen Geisteszustand auszusagen. Über diesen wenigstens könnte man einiges erfahren, wenn man seine Vanderthals Erfindung betrachtet - und so jemand gewillt ist, dieses Wagnis einzugehen, mag er sich daraufhin auf Rückschlüsse betreffend Arimann Vanderthals Habitus einlassen.

 

Was nun dessen bahnbrechende Entdeckung betrifft, so imaginiere man hierzu irgendein Feld, das mit einer Ausschüttung von Zielen überzogen wird, und auf diesem Feld stelle man sich einen vollautomatischen Kanonenturm vor, der solche Ziele keinesfalls über eine bestimmte Feldmarkierung gelangen lassen soll. Dabei interessiere man sich zunächst gar nicht für die Beschaffenheit der Kanone, sondern allein für Möglichkeiten, eine möglichst hohe Wartungsfreiheit des Systems zu erreichen. Wenngleich nämlich die Probleme kontinuierlicher Energieversorgung, einer ausreichenden Neubestückung des Turms mit Munition, ihrer präzisen Zielerfassung und so weiter auch gelöst wären - die schnellen Waffenbewegungen des Kanonenturms würden längerfristig Besorgnisse erzeugen, die einzig vermittels mechanischer Wartung zu beheben sind. Denn schon immer ist es die Mechanik eines Systems gewesen, die sich aus Gründen der Reibung stets wesentlich anfälliger gezeigt hat, als sämtliche der Konstruktion innewohnende, komplizierte Automatik. Sogar die an hochspezialisierten Insekten orientierte Biomechanik - deren Ziel es ja gerade ist, durch Reibung entstehende Energieverluste und Zerstörungen auf vernachlässigbare Werte zu mindern - gelangte bisher nicht über ihren Firmennamen hinaus. In diesem ist der Begriff der Biologie enthalten, und die Biologie ist eine so sterbliche Wissenschaft, wie ihre Forschungsobjekte allesamt dem Verfall unterliegen. Ja, daran war Arimann Vanderthal lange redlich verzweifelt.

 

In der für ihn so entscheidenden, lauen Herbstnacht jedoch witterte er unvermittelt eine Lösung, deren Ansatz sich überhaupt nicht an den Körpermechaniken bekannter Lebensformen orientierte. Die mit Gelenken, Gestängen, Radwerken und so fort gar nichts zu tun hatte. Sondern die allein auf den Bedarf am Subjekt ausgerichtet war, und zwar einschließlich der Ökonomie der Zeit des Vorhandenseins des Subjekts.

Im speziellen Falle von Arimann Vanderthals Kanonenturm war dies ein System von schnellfeuernden Präzisionswaffen, das sich mit enormer Geschwindigkeit zielausgerichtet materialisierte - um sich nach Erfüllung seiner Aufgabe sofort wieder zu entstofflichen. Die Erfassungsoptik fordert einen Zielschuss für einen erkannten Punkt an, es erscheint die Kanone, bereits in der entsprechenden Position, sie destrukturiert das Ziel und verschwindet dann wieder, um für die nächsten Zielvorgaben abermals zu erscheinen - all das immer nur während der dafür tatsächlich benötigten Zeit.

 

Zwar, das schien selbst dem an bizarre Denkmodelle gewöhnten Arimann Vanderthal fürs erste ein sehr transzendentaler Denkansatz zu sein, denn er hatte mit dem geläufigen Schöpfungswerk und den sich im Verlaufe der Evolution daraus ergeben habenden Werkzeugen fast nichts mehr zu tun. Und geradezu blödsinnig mochte in diesem Zusammenhang zunächst auch Arimann Vanderthals grundlegende Frage anmuten: Ob nicht schier unglaubliche Mengen an Energie dadurch eingespart werden könnten, dass die reale Anwesenheit benötigten Materials auf die wirklichen Zeiten seines Bedarfs beschränkt werden würden. Genau an dieser Frage jedoch hakte sich Arimann Vanderthals Geist starrsinnig fest. Und Arimann Vanderthal wurde es sehr fremd zumute, denn er verließ, körperlich weiterhin in seiner in der Sommerhitze brodelnden Stadt anwesend, nunmehr alle bekannten, kulturellen Entwicklungslinien, und umso näher er in den folgenden Monaten an etwas gelangte, das man bereits als verwertbare, geistige Komposition bezeichnen konnte, desto stärker und desto düsterer wurde ein zehrendes Gefühl der Fremdheit in ihm.

 

Nach nicht ganz einem Vierteljahr des Wechselbadens zwischen schöpferischer Hochstimmung und tiefster Depression hatte Arimann Vanderthal allerdings tatsächlich die ersten brauchbaren Formeln zu Papier gebracht. Die Schwierigkeit, eine Beschreibung zu finden, die der gegenwärtigen Zivilisation überhaupt vermittelbar sein würde, hatte er innerhalb von nur zwei Wochen fast ohne Speise und Schlaf in einer geradezu übermenschlichen Geistesanstrengung beseitigt. Jetzt war sein Projekt schon so klar umrissen, dass es beinahe jede Person, ausgerüstet mit nur mäßiger Allgemeinbildung, nach einer Stunde Erläuterung unzweifelhaft verstehen können würde.

 

Arimann Vanderthal witterte vorsichtig hinaus in die Schneeluft. Er wollte seinen Durchbruch feiern, doch er wusste nicht, mit wem. So rief er sich mühsam eine alte Bekanntschaft wieder in Erinnerung, und es kam zu einer Verabredung mit einer kleinen, jungen Dame, die früher einmal seine Schulfreundin gewesen war, und die jetzt als Erotikmodell lebte.

 

Bereits am frühen Abend war Arimann Vanderthal klar gewesen, dass es ganz sinnlos sein würde, sich mit der jungen Dame in dem widerwärtigen Kaffeehaus in der Nähe seiner Wohnung zu treffen, das er zu diesem Zwecke ausgesucht hatte, denn er würde ihr eigentlich nichts zu sagen haben, und er war sich sicher, dass es ihr mit ihm genauso ergehen würde. So beschränkte sich seine flüchtige Kosmetik auf die Benutzung einer Nagelfeile, seine Freude auf das Prinzip, nun einmal getroffene Verabredungen auch wirklich einzuhalten, und seine erbärmliche Hektik hatte nur die Einhaltung eines weiteren Prinzips, das der unbedingten Pünktlichkeit, zum Grunde.

 

Drei Minuten vor dem Termin erschien Arimann Vanderthal am ausgemachten Ort, er bestellte sich bei einer ungepflegten Kellnerin einen Espresso, dessen Geschirr und Geschmack er mit höhnischer Mißbilligung begutachtete, und dann wartete er.

 

Umso länger er in einer plärrend bunten Illustrierten, die längst das Verfallsdatum überschritten hatte, zu blättern hatte, desto intensiver ärgerte sich Arimann Vanderthal. Der kleinen Dame - er hatte es vorher gewusst - waren Prinzipien nie geläufige Lebensgrundlage gewesen; sie würde einfach nicht kommen. Nicht das war es indes, was Arimann Vanderthal eigentlich zu bekümmern begann, sondern viel mehr die ihm so peinliche Tatsache, dass er zu seiner armseligen Verabredung keinerlei Alternative wusste. Was Arimann Vanderthal wirklich grämte, war elende Langeweile, aber dass er seinen Zorn über diesen Fakt und auf sich selbst nun schon eine geschlagene Stunde lang zu Wut auf die konsequente, junge Dame umleiten konnte, stimmte ihn auch seltsam milde gegen sich selbst. Und so saß er denn in dankerfüllter Langeweile auf seinem hölzernen Hocker und freute sich still, dass sein mächtiger Kanonenturm gerade nur mehr eine blasse, leise vor sich hindonnernde Vision irgendwo in seinem Hinterkopf geblieben war und ihn nicht weiter in Anspruch nahm.

 

Arimann Vanderthal schaute sich ein wenig um in dem kümmerlichen, muffigen Stübchen. Tugendhaft schlug er die Augen nieder, als er dem matt forschenden Blick der verwahrlosten Kellnerin begegnete, und er fragte sich, da er sich, weil er doch immerhin ein wenig vom tödlichen Ernst seines Kanonenturms erleichtert sein durfte, was er nun spielen könne. Arimann Vanderthal entschloß sich spontan: ‚Ich bin bis über die Ohren unglücklich verliebt in eine kleine, junge Dame’, zu spielen. Er spielte, dass diese garstige Ungetreue ihn schmachvoll im Stich gelassen hatte; die lächerliche Verabredung erhob er im Geiste zu einer unvergleichlich wichtigen Station in seinem Leben. In Sorge und Not spielte sich Arimann Vanderthal, so dass er nach recht kurzer Zeit wirklich schon ein bißchen weinen konnte. Dieser unerwartete Erfolg ermutigte ihn, nun nicht nur: ‚Ich bin verliebt‘, zu spielen, sondern das Spiel auf: ‚Wenn sie nicht doch noch kommt, ist alles aus‘, zu erweitern. Das gefiel ihm so gut, dass er noch einmal erhöhte, auf: ‚ Und jetzt ist wirklich alles vorbei‘ und dann auf: ‚Ach, sie hat mich armseligen Trottel einfach vergessen.‘

 

Ach, und jetzt musste er auch noch entdecken, dass vorn an der rissig gewordenen Verkleidung des Tresens, etwa in Hüfthöhe, ein grob geschnitztes, dunkel gebeiztes Herz aus Holz aufgeleimt war. Arimann Vanderthal starrte auf dieses von billigen Barstühlen halb verdeckte, stille, alte Herz, und er wurde noch wesentlich bekümmerter. Wie viele Gäste mochten schon mit ihren Knien daran gerieben haben, ohne es überhaupt zu bemerken! Gerührt wimmerte er auf, er spielte: ‚Ich bin so sehr verlegen‘, und mit einer kindhaft-trotzigen Gebärde zog er sein großes, unsauberes Taschentuch hervor und schnäuzte sich gerührt.

Als Arimann Vanderthal eine gute Stunde später leise schluchzend davonschlich, vergaß er seinen Schal und auch das Bezahlen seiner Tasse Kaffee, und er wußte, dass die Kellnerin ihm dermaßen anteilnehmend hinterdreinschaute, dass es für ihn einer großen Entsagung gleichkam, sich nicht noch einmal umzudrehen. Eine schwere Woge von Mitgefühl umspülte ihn warm auf seinem Heimweg durch einen schweigenden Winterabend. Wie er es erwartet hatte, geschah für Arimann Vanderthal im weiteren Verlaufe der Nacht nichts Nennenswertes mehr. Schließlich sank er auf sein Sofa, er versuchte, sich zu entspannen, sich die kleine, unzuverlässige Dame vorzustellen und zu masturbieren, und darüber schlief er ein.

 

Arimann Vanderthal setzte in den folgenden Tagen Anzeigen in verschiedene Tageszeitungen. In rätselhaften Textblöcken bot er „Kompetenten Instituten eine die Nationale Sicherheit betreffende Erfindung“ an. Tatsächlich erhielt er bald darauf Besuch von zwei höflichen Herren und einer Dame, welche sich ihm als Vertreter einer Staatlichen Dienststelle präsentierten und sich verhältnismäßig geduldig seinen Erklärungen und Dokumenten widmeten. Sie verließen ihn nicht, ohne ihn vor Auskünften bei ähnlichen Besuchen wie dem ihren eindringlich gewarnt zu haben, und dieselbe Warnung sprach auch der so smarte wie verlebt wirkende Ausländer im grellbunten Hawaiihemd aus, der zwei Tage später in Arimann Vanderthals bescheidener Wohnung seinen Auftritt hatte. Dieser meldete sich nicht mehr wieder, von den beiden Herren jedoch rief wenig später einer noch einmal an; er erklärte, dass man im Prinzip großes Interesse an Arimann Vanderthals Entwicklungen habe, ließ eine Telefonnummer zurück und bat Arimann Vanderthal im Namen seiner Dienststelle freundlich, ihn über die weitere Entwicklung seines Projekts stets auf dem Laufenden zu halten. In einem fortgeschritteneren Stadium seiner Grundlagenforschungen sei man durchaus nicht abgeneigt, an eine engere Zusammenarbeit mit ihm und in diesem Zusammenhang auch an weitere Verbindlichkeiten zu denken.

 

Arimann Vanderthal beherrschte nur mühsam seine große Enttäuschung, doch er arbeitete mit großer Beharrlichkeit weiter. Und als die ersten Sonnenaufgänge des beginnenden Frühjahres seine dumpfe Stube mit sanftem Licht zu erfüllen begannen, erlebte er einen weiteren Durchbruch in seinen einsamen Forschungen - er erkannte ein erstaunlich einfaches Prinzip, vermittels dessen er längst nicht nur seinen Kanonenturm physikalisch plausibel erklären konnte. Auch anderen Dingen würde das hochökonomische Verschwinden und Wiederauftauchen wohl möglich werden. Was Arimann Vanderthal in den nächsten Wochen zu Papier brachte, war respektables Material.

 

Bereits während des ersten wirklichen Fortschreitens seiner Entwicklung war ihm jedoch klargeworden, dass, sobald er die bereits erzielten Ergebnisse abliefern würde, eine intensive Überwachung seiner Person durch seine Auftraggeber beginnen würde. Je weiter Arimann Vanderthal jetzt in seine Zukunft vorzudenken begann, desto unbehaglicher erschienen ihm auch alle möglich bleibenden Perspektiven. Am Ende einer für ihn sehr entscheidenden, schlaflos durchgrübelten Nacht beschloß er fest, den Kanonenturm vergessen und ein guter Mensch bleiben zu wollen. Seine Aufzeichnungen verstaute er in einer Pappschachtel, die er fest verschnürte - nein, man mußte nicht alles verwirklichen wollen, was man konnte. Er trug die Schachtel in den Keller und wollte damit beginnen, sich wohlzufühlen. Sommer wurde es schon wieder, jawohl!

 

Genau von diesem Tag an aber wurden die Anrufe seiner wenigen Freunde bei ihm immer seltener. Arimann Vanderthal nahm das zwar anfänglich mit einigem Verwundern zur Kenntnis, doch letztlich war es wie mit der jungen Dame, die sich übrigens auch nicht wieder gemeldet hatte, um sich etwa für ihr Versäumnis zu entschuldigen: Man hätte sich ohnehin nicht viel zu sagen gehabt; allerhöchstens wäre mürrische Konversation entstanden, in deren Verlauf der eine dem anderen heimlich aufgerechnet hätte, wie viel seiner persönlichen Lebensenergie er gerade an ein hohles, sinnleer tönendes Gespräch dreingeben würde. Welche Investitionen wären jedesmal neu für Arimann Vanderthal nötig geworden, um irgendwem anderen die Probleme seiner eigenen Welt, in deren Zentrum der Kanonenturm donnerte, auch nur einigermaßen verständlich zu machen!

 

Dass er sich einige Male noch dazu aufgerafft hatte, seinerseits zu telefonieren, war eher eine Formsache gewesen -  es gab für Arimann Vanderthal keine Inhalte mehr auszutauschen. So erregte er sich nur mäßig über das deutliche Abflauen aller Verbindungen und viel mehr darüber, dass es so zeitgleich mit seiner Entscheidung geschah, seine innere Moral und Ethik nicht absterben zu lassen. Mit Besorgnis erfüllte ihn allerdings die Tatsache, dass inzwischen auch immer mehr zufällige Begegnungen auszubleiben begonnen hatten; selbst mit dem Nachbarn, dem Hausmeister, dem Verkäufer aus dem Fischladen, traf er nicht mehr auf der Straße zusammen. Wer Arimann Vanderthal noch entgegenkam, war ihm völlig fremd, es umspülten ihn nur noch farblose Gestalten ohne Bedeutung.

 

Einige Male hatte er sich deswegen mit dem Gedanken getragen, bei der kleinen jungen Dame wieder anzuläuten. Anfangs hatte er ihr eine Chance geben wollen. Beispielsweise hatte er mit der Idee gespielt, eine Woche nach ihrer beider eigentlichen Verabredung, am gleichen Wochentag zur selben Zeit wieder das Kaffeehaus aufzusuchen, um sie dort zu erwarten. Dies hielt er für ein durchaus gerechtes Vorhaben - würde sie kommen, dann wäre selbst Gott Genüge getan gewesen. Doch Arimann Vanderthal ging nicht nach einer Woche, auch nicht nach einem Monat wieder in das muffige Kaffeehaus.

 

Verwahrlost und vereinsamt erschien er erst nach genau einem Jahr wieder an diesem Ort. Im Verhältnis zu seinem eigenen Geruch duftete der Kaffee, den er bestellte, diesmal köstlich, und die plattnasige Kellnerin - noch dieselbe wie damals - war, das entsprach dem gegenwärtigen Status von Arimann Vanderthals Selbstbewusstsein, inzwischen eine fast unerreichbare Schönheit.

 

Inzwischen war Arimann Vanderthal obdachlos. Er hatte die Tatsache, dass endlich nur noch Personen mit ihm Kontakt aufgenommen hatten, die meinten, etwas von ihm zu fordern zu haben, nicht akzeptiert. All die üblichen Mahnungen hatte er mit Stillschweigen beantwortet, bis ihm die bekannten Anbindungen an gesellschaftliche Annehmlichkeiten einschließlich Telefon, Strom, Gas und Wasser nach und nach abgestellt,  gestrichen und gesperrt worden waren.

 

In der ersten Zeit seiner Wohnungslosigkeit hatten, obgleich persönliche Zufälle längst ausblieben, noch unpersönliche Begegnungen stattgefunden; wenn es ihm allzu schlecht zu ergehen begonnen hatte, war immer noch etwas geschehen. Entweder hatte er ein bisschen Geld gefunden, oder etwas, das leicht zu Geld zu machen gewesen war, oder er hatte wenigstens offene Türen entdeckt, zu Dachkammern in Mietshäusern, wo er inzwischen nächtigte. Auch diese Art des Glücks jedoch ließ nun nach, und da Arimann Vanderthal inzwischen längst nicht mehr so genau wie einst wußte, was er für Spiel und was für Ernst halten solle, hatte er sich selbst dazu überredet, der kleinen jungen Dame von damals so viel wie möglich zuzutrauen, nur darum, weil er nicht wusste, an wen er sonst noch denken sollte. Er ernannte das erbärmliche Fräulein zu seiner Auserwählten, und er freute sich, so oft er sich daran erinnern konnte, heimlich kichernd für sie, dass es so war. Ja, wenn sie zum Beispiel heute kommen würde, sagte sich Arimann Vanderthal, dann könnte alles weitergehen, wie vor genau einem Jahr. Freilich begehrte etwas in ihm entschlossen dagegen auf, etwas sehr Kindliches und Reines, das ihm deutlich machen wollte: ‚Geh nicht betteln, Arimann Vanderthal, verhungere lieber in Dreck und Kälte, als zuzugeben, dass nicht auch Du ein anziehendes, begehrenswertes Wesen der Liebe wärst…‘ Doch solche Gedanken weiterzudenken, das schien ihm weder im Sinne seiner Geliebten zu sein, noch hielt er es für wissenschaftlich.

 

Dreck und Kälte waren ernstzunehmende Erscheinungen für ihn geworden. Obwohl die Gesellschaft, in die Arimann Vanderthal sich mit verhältnismäßig geringem Aufwand an Mühe hätte zurückbegeben können, bestimmt nicht das begehrenswerte Gegenteil von Schmutz und Frost repräsentierte, und dieses Kindliche in ihm das auch wußte und ihm wenigstens theoretisch andere Möglichkeiten offenhalten wollte, genoss er den einzigen, schlechten Kaffee auch an diesem Abend verschämt und brabbelnd.

 

Wieder, wie damals, blätterte er lange in einer veralteten Illustrierten. Dann, als er auf eine Begegnung mit der kleinen jungen Dame nicht mehr hoffen konnte, und nachdem auch jede Hoffnung auf andere Begegnungen von den hungrigen, trockenen Möbelstücken und den verstaubten Flaschen in diesem Kaffeehaus restlos aufgesogen worden war, da wurde aus Arimann Vanderthals armem Spiel: ‚Ich lese harmlos Zeitung‘, das er nur spielte, um den Moment möglichst lange hinauszuzögern, bis die Kellnerin kommen und er das nächste, für ihn bereits unerschwingliche, Getränk bestellen oder gehen mußte, wieder jener seltsame Ernst, den er aus der Zeit seiner Grundlagenforschung her kannte. Da streckte er sich. Jawohl, Arimann Vanderthal glaubte sich seine Gedanken. Seine Situation bedeutete nun etwas. Irgendwann würde alles gut werden. Na, er konnte warten.

 

Was Verantwortlichkeiten in Bezug auf seine Lage betraf, hatte Arimann Vanderthal sich eine Theorie zurechtkonstruiert: Über den ewigen Kampf zwischen dem immerfort geradlinig Vorwärtsstrebenden, das er zu repräsentieren meinte, und einem Zyklischen, das sich bereits perfekt dünkte, und das alles Streben daher allein durch seine Präsenz zu verhindern suchte. Arimann Vanderthal hatte entdeckt, dass sich in der Anmaßung des Kreises, perfekt zu sein, eine große, lächerliche Eitelkeit befand, eine Schwäche, die man nutzen konnte. Denn man mußte ja einfach nur beharrlich bleiben und die Krümmungen seines eigenen Weges so gut wie möglich ignorieren - auf der Linie jedes Kreises, in welchem man gefangen war, würde schließlich auch unweigerlich ein Punkt erreicht werden, wo die größte Chance sich befand.

Es war der Punkt, wo irgendwer den Stift angesetzt hatte, um den Kreis überhaupt erst zu ziehen.

 

Arimann Vanderthal schaute sich um und erlebte, dass seine Theorie überall längst Praxis war und sehr ernst genommen wurde. Gegen seine redliche Mühe, diszipliniert voranzukommen, aktivierte der von ihm angefeindete, verdammte Zyklus eine simple Methode, - er begann sich nämlich einfach auszudehnen. Die Krümmung der gedachten Kreislinie wurde dadurch nur unmerklicher, die aufzuwendende Zeit, bis ein Umlauf erreicht sein würde, erhöhte sich, und das war nicht etwa meßbar, aufzuzeichnen und dann abzulegen. Sondern für Arimann Vanderthal wurde dies dadurch spürbar, dass eine große Angst vor dem sinnlosen Verstreichen seiner Lebenszeit sich in ihm breitzumachen begann. Den Kampf der Zyklen seiner eigenen Kreisläufe hatte er zudem in seiner Theorie nur ungenügend beachtet - da er selbst, während sich die Kurve gegen ihn aufblähte, nicht größer und umfangreicher wurde, reagierte zum Beispiel sein Blutkreislauf mit Verlangsamung. Nun hatte zwar Arimann Vanderthal eine hübsche Erklärung für die Fettleibigkeit der vermummten, ausländischen Frauen, welche in seiner Gegend wie schwerfällige Hummeln zirkulierten, doch auch seine eigenen, immergleichen Kreise durch die Stadt wurden ihm fortlaufend beschwerlicher. Das alte Kaffeehaus zu erreichen, war bereits beinahe eine Unmöglichkeit geworden...

 

Immer noch war er auf eine heimliche Weise verliebt in seinen Kanonenturm. Längst hatte er ihn im Gedächtnis fertig konstruiert. Es gab eine erreichbare Stelle im Universum, da stand er, sehr wirklich, gewaltig und drohend, und bellend fegte er alle Feinde seines Erfinders für immer aus dessen Weg, mit ewiger, mit unnachgiebiger, unerbittlicher Präzision. Und Arimann Vanderthal, Tag für Tag und Schritt für Schritt, schraubte sich weiter zu dem mächtigen Waffenwerk hin.

„Ich bin wie Du, wie Du!“, flüsterte er lächelnd, „Nur, wenn man meiner bedarf, erscheine ich. Unerwartet. Plötzlich. Vernichtend. Ja, so ist das mit uns. Ökonomisch sind wir, tödlich ökonomisch!“

Arimann Vanderthal lächelte geheimnisvoll. Schon konnte er die Leichen seiner Feinde riechen. Schon sah er wieder den von einer fettigen Laterne matt erleuchteten Eingang zum Kaffeehaus. Unverständliches flüsternd hinkte er darauf zu.

 

An einem der hinteren Tische saßen welche, die aussahen wie Arbeiter, vor großen Biergläsern. Jemand kam noch dazu, und einer von denen, die bereits saßen, begrüßte ihn leutselig: „Na, was denn, Du schon wieder? Hast kein Zuhause, oder was?“

Daraufhin lachten alle laut, dieses raue und domestizierte, dieses impotente Lachen, und Arimann Vanderthal verging einen Moment fast in einer heißen Pein, weil er ja selbst kein Zuhause mehr hatte. Als er dann den Angesprochenen aber tapfer fixiert und sich dabei vorgestellt hatte, wie wohl dessen mögliches Zuhause beschaffen sein könnte, ging es ihm wieder besser.

„Ich bin Wissenschaftler, meine Herren!“, rief Arimann Vanderthal daraufhin grell und heiser zu dem Tisch hinüber, „Täuschen Sie sich bloß nicht in mir!“

Und er erinnerte sich, so intensiv er nur konnte, an die kleine junge Dame, gestikulierte eine Weile stumm und fühlte sich dadurch ein wenig beschützt. Die Männer verstanden zwar nicht genau, warum er das gesagt hatte, doch sie grüßten mit ihren Gläsern höflich zu ihm hin.

„Na, das will ich wohl gemeint haben!“, nickte Arimann Vanderthal und grüßte mit seiner schartigen Keramiktasse zurück.

 

Jetzt ist Arimann Vanderthal zweiundsiebzig Jahre alt. In dieser Kneipe kennt er jeden Fleck an den schmierigen Wänden, jede Unreinheit im Ruf des Kuckucks aus der geschmacklosen Uhr über dem Flaschenregal der schmutzigen Bar. Den Zeitungsausschnitt mit der Todesanzeige von der Hure, aufgegeben von ihrer geliebten Schwester in Trauer und Schmerz, er hatte ihn lange bei sich getragen. Noch spielt der Raum mit ihm: ‚Ach, armer, alter Mann, ich bin verliebt in Dich.‘ Schon bald wird er sein Spiel wohl erweitern, in: ‚Alles ist vorbei.‘ In: ‚Arimann, ich darf Dich endlich, endlich vergessen‘. Arimann Vanderthal winkt ab, er weiß das alles. Böse lächelt er. Es gibt in diesem Raum eine Stelle, da schaut er nicht mehr hin, nach dort drüben, an die Tresenwand, nach da, wo das hölzerne, braune Herz zu schlagen begonnen hat.

 

„Noch einen Kaffee!“, ruft Arimann Vanderthal, „Ich bin Wissenschaftler!“ Zu viel trinkt er nicht. Die Stufen zur Toilette sind beschwerlich.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Der Kanonenturm

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