Eugen und Lothar hatten heute eine der niedrigen Hecken zu beschneiden, die sich in weiten Kurven durch den Park schwangen. Seit dem frühen Morgen werkten sie mit ihren gewaltigen Scheren von den beiden Enden der leuchtendgrünen Büsche her aufeinander zu und waren sich schon ziemlich nahe. Die von Eugen bewältigte, wesentlich kürzere Strecke erinnerte mich intensiv an eine exzellent gelöste, mathematische Gleichung. Lothars Arbeit hingegen schien mir der Mühe eines schwer berauschten, peruanischen Ureinwohners zu gleichen, welcher sich in plötzlicher, hitziger Aufwallung mit zwei Macheten in den Händen so schnell es nur ging zu seiner Geliebten durch den Busch hauen wollte.

 

Beeindruckt stand ich an der Brüstung des Balkons. Bereits sehr gespannt darauf, was aus der Stelle der Hecke werden würde, wo die beiden in etwa zehn Minuten aufeinandertreffen mussten, schaute ich unter der gegen das Blenden der Sonne schräg an die Stirn gehaltenen Hand hinüber zu den Pferden. Die Schachtel hielt dort Reden, vor ein paar Geschäftsleuten, Pfeffersäcke aus Holland. Ich rief ein sehr lautes ‚Guten Morgen!‘ durch den Park, von dem ein paar Fetzchen offenbar wirklich bis zu der Gruppe hinüberwehten, denn die Schachtel drehte sich nun um und winkte fröhlich zu mir herüber. Eugen blickte kurz von seiner Heckenberechnung auf; ebenso wie ich hielt er seine Hand an die Stirn und nickte knapp und steif zu mir herauf. Auch Lothar grunzte einen Gruß, schwenkte sein großes, funkelndes Werkzeug und wütete sich daraufhin stumm weiter durchs Gesträuch. Ich hatte alle meine gesellschaftlichen Morgenpflichten nunmehr hinter mich gebracht und durfte mich langweilen. Die Marie hatte ich bereits begrüßt, als sie vor einer halben Stunde ins Zimmer gestampft war und die Vorhänge aufgerissen hatte. Marie konnte auch sehr graziös schreiten, sie besaß Beine und Füße, welche unter anderem für graziöses Schreiten sehr viel geeigneter waren. In meiner Nähe jedoch begann Marie stets zu stampfen, und wenn ich für diese Tatsache nicht bald eine einleuchtende Erklärung finden konnte, würde ich einen Minderwertigkeitskomplex bekommen.

 

Frühstücken würde ich heute allein, die Schachtel hatte drüben bei den Stallungen mit ihren Geschäften zu tun. Vielleicht würde ich Marie bitten, mir das Ei abzuschälen und dabei ihre Hände beobachten. Sie hatte wundervolle Hände, Fingernägel, an die man sich, wenn man sie gesehen hatte, noch stundenlang in den verschiedensten Zusammenhängen erinnerte - kaum jedoch wurde sie sich meiner Nähe bewusst, vollführte Marie sogleich nur noch hölzerne und grobe Handbewegungen, und wenn ich nicht bald eine plausible Erklärung...  Ich schraubte das Duschwasser kalt, und statt Maries schlanker Finger kamen mir die Hände der Schachtel in den Sinn. Noch unter dem Handtuch ächzend, hörte ich Marie mit dem Glöckchen schellen. Vielleicht würde ich niemals sehen, wie wunderbar sie dabei aussehen konnte.

 

Durch den weiten Etagengang zog mir frischer Kaffeeduft entgegen; war so intensiv, dass man ihn förmlich hören konnte, einen unaufdringlichen Hall hatte er, einen leisen katholischen Hall. Marie stand aufrecht und schön im Rahmen der Tür. Sie sah mir entgegen wie aus einem lebensgroßen Gemälde. Bei meinem Herannahen trat sie still und ernst einen stampfenden Schritt zur Seite. „Rührt Euch!“, murmelte ich, und ich ließ mich kopfschüttelnd nieder. „Rührei? Sie wollten ein gekochtes Ei!“, erschrak Marie in meinem Rücken. Ich lachte. „Alles recht so, wunderbar, Marie, danke“, erwiderte ich sehr erwachsen und sachlich. Es klang nicht gut; wie ich das sagte - im mir zugänglichen Repertoire der herrschaftlichen Sachlichkeit war nicht der angemessene Tonfall zu finden. Zu Dienstlichkeit wäre mir etwas eingefallen, aber damit hätte ich mich lächerlich gemacht, denn alle wussten, dass ich mich hier in der größten Untätigkeit aufhielt. Marie fiel es nicht auf. Das Ei war schon geöffnet, seine Kuppe war sauber gekappt und lag auf dem Teller unter dem silbernen Eierbecher. Eine Weile stand Marie hinter mir herum, dann trat sie an den mit frischem, mild beigefarbenem Leinen gedeckten Tisch und machte sich unschlüssig ein wenig zu schaffen. Ich beobachtete ihre Hände. Sie ordnete mit einer zierlichen Gabel ein paar Scheibchen von verschiedenen Gemüsen, und es sah einfach scheußlich aus. „Gibt es bereits Zeitungen?“, fragte ich dienstlich, „Post und so weiter?“ Wortlos stampfte Marie davon, und mir fielen, aus den Augen, aus dem Sinn,  wieder die Hände der Schachtel ein.

 

Außer bei unseren kurzen Handreichungen, wenn wir uns begrüßten, hatte sie mich, soweit ich mich erinnern konnte, damit nur ein Mal berührt. Doch einmal, spät abends, der alte Eugen war nicht mehr da, und ich hatte es unternommen, ihr Champagner nachzuschenken, da sah ich, dass der Rand ihres Glases von Lippenstift verschmiert war. Ich fragte mich da, wie es die flinken Kellner in den exklusiven Restaurants machten, ob man nicht auch irgendwann ein neues Glas anbieten müsse, also wollte ich mit ihrem Glas hinausgehen in die Küche, und da hatte sie ganz hart nach meinem Arm gegriffen, nicht, weil meine Idee vom frischen Sektkelch ihr so unsinnig vorgekommen wäre, sondern weil in dem Glas sich noch ein Rest Champagner befunden hatte. Was störte mich an ihren Händen? Man hätte sie durchaus hübsch nennen können, aber von ihren Fingern ging die geradezu hörbare Selbstverständlichkeit aus, das zehnstimmige: ‚Wir sind geschaffen, die Welt zu berühren, eine Welt, die ist, wie sie nun einmal ist.‘ Ja, das war es wohl. Diese Hände würden verschieben, versetzen, vielleicht auch auf ihre Weise zärtlich sein können, verändern können würden sie nie etwas. Ihre Hände hassten mich, und es war mit ihnen wie bei vielem anderen, das mich hasste: Weil ich es nie überzeugend beweisen können würde, versuchte ich es mit Ignoranz.

Sie war so kultiviert, sie sagte sogar zu der Wespe, die ihren Kaffeelöffel umschwirrte: „Hauen Sie ab!“ Sie handelte mit Rennpferden, ausnahmslos mit Stuten, deswegen dachte ich zunächst, sie wäre eine Lesbe. Ihre Stuten verkaufte sie gut. Die Geschäftsgespräche, bei welchen sie mich manchmal zuhören ließ, führte sie mit einer bissigen, gläsernen Schärfe, untertemperiert und beeindruckend klarsichtig. Auch in Marie hatte ich anfangs eine Lesbierin vermutet und mir ein Verhältnis zwischen ihr und der Schachtel vorzustellen versucht. Es war nicht gelungen, so hatte ich den Knecht Lothar beiläufig gefragt: „Sage Er es mir frei heraus, tapferer Landmann: Sitze ich hier wohl in einem Lesbennest?“ Und Lothars Antwort war ein überbreites Grinsen gewesen, von einer Art, dass ich über meine Frage nicht wieder nachdenken musste.

 

Zwischen den Tageszeitungen und den nach frischer Druckerfarbe duftenden, teuren Fachmagazinen für Pferdezucht und Reitsport entdeckte ich eines der dicken, kupferroten Haare, von welchen Maries bleiches Gesicht eingerahmt war. Erfreut schlug ich es in eine Serviette, die ich mir in die Innentasche meiner Jacke steckte. Und kaum hatte ich die Hand aus der Jacke genommen, fielen mir die Haare der Schachtel ein. Mitsamt ihrer bestimmt recht teuren Frisur hatte sie mich an einen aufmüpfigen Kohlrabi erinnert. Ich hatte sie, als wir, beide Gäste auf einer Feier, einander vorgestellt worden waren, nachlässig bemitleidet. Meine unverbindlichen Artigkeiten schienen ihr genügt zu haben, sich meiner anzunehmen. Sie hatte ein Schloss mit Park und mit Stallungen, einige Autos und Landkutschen, und sie wollte mich haben. Ich hatte zu dieser Zeit nicht unter dem Gefühl gelitten, wirklich etwas verlieren zu können, von meinen wenigen Textarbeiten für Agenturen war ich nur wenig überzeugt, während sie sich hochbegeistert zeigte, also bekam sie mich. Ich wurde Gast ihres riesigen Hauses. Seit sie ihr hässliches: ‚Ich kriege Dich!‘ nicht mehr spielen konnte, spielte sie: ‚Dich habe ich!‘ Das musste ich ihr lassen; sie ließ mir dafür meine Wohnung und meine Ruhe.

 

So war es jedenfalls fürs Erste. Bald schon begann sie, mich sehr entschieden zu ihren einsamen, grotesken Abendessen einzuladen. Diese verliefen genau so, wie es jenen amerikanischen, per Hand nachkolorierten Schwarzweißfilmen zu entnehmen ist, welche eher an Theateraufführungen erinnern, und die das Zusammenleben der älteren Dame mit dem jüngeren Haufreund auf einem englischen Moorschloss zeigen, so, wie Amerikaner sich das vorzustellen vermögen. Ein weiter, endlos langer Saal, in dessen Mitte eine lange Tafel, an deren Stirnseiten wir während des Speisens soweit auseinandersaßen, dass unsere Gemeinsamkeit beim Tee, welcher später in einer Sesselecke eingenommen wurde, immer wieder neu ein echtes Zusammentreffen bedeutete. Dass die Hausherrin sich selbst theoretisch so haushoch überlegen war, praktisch jedoch an den schrecklichsten Konventionen und den grotesken Vorgaben dessen litt, was sie ihren Stand nannte, war ihre einfältige Misere. Was es war, dass sie mitten in Deutschland um die Jahrtausendwende eine Mischung aus deutschem Kaisertum und englischer Hofadelei betrieb, dafür fand ich keine Erklärung. Ihr Spiel kostete sie ganz offensichtlich irrwitzige Mengen an persönlicher Energie. Ich, der literarisch gebildete Dauergast, fand meine Rolle in dieser Inszenierung nicht; so überließ ich mich ihren Schrullen in ironischer Bescheidenheit. Nach kurzer Zeit schon verbrachte ich fast jeden Abend mit ihr in ihrem Salon, der eigentlich eine riesige Halle war.

 

Sie ermunterte mich dort zum Rauchen von Zigarren, weil das in der kaum ausgeleuchteten Ecke mit den tiefen Ledersesseln, dem Rauchtischchen und der Ritterrüstung so passend wirken würde. Außerdem rieche sie Zigarrenrauch sehr gern. Ich saß dann lächerlich da, und ich dachte immerzu, ich wäre blauäugig und semmelblond. Die Füße hatte ich auf die Stütze eines der Ohrensessel gestemmt, eine Wolldecke mit Schottenmuster lag über meinen Knien, darauf das Buch, über welches wir gerade sprachen, und der alte Eugen hielt mir eines der langen, handgespachtelten Zündhölzer aus Schwarzwälder Buchsbaum, die sie ebenso angeschafft hatte, wie die teuren Zigarren, welche ich mit unterdrücktem Ekel spitzfingrig aus ihrem Zedernkästchen angelte. Ich blies ihr aus einem preußisch-literarischen Kussmund etwas Rauch entgegen, und sie sagte: „Ah!“ Immer wieder ließ sie Eugen auf einer supermodernen Anlage, die er prächtig zu bedienen wusste, eine Musik abspielen, welche auf mich eine völlig andere Wirkung hatte, als sie dies vielleicht beabsichtigen mochte. Denn das Stück, eine Melodie aus „Peer Gynt“, verband sich in mir bereits seit meiner frühesten Kindheit mit dem abgefeimten Gesicht eines graumelierten, dick schnurrbärtigen Herrn, welcher zu der betreffenden Melodie den für mich heute noch unwiederholbar dämlichen Slogan für eine Kaffeewerbung nuschelte. Und immer wieder verlangte die Stutenhändlerin aufgeräumt, dass ich ihr etwas aus meinem Leben erzähle. Ich hatte ihr nichts zu sagen. Über mein Leben fiel mir hier nie etwas ein, überhaupt fiel mir hier über das Leben kaum je etwas ein. Zuerst beging ich kleine Fehler. Wenn ich etwa erwiderte: „Mein Leben ist nicht sehr interessant gewesen, bis heute“, dann rückte sie in elend gespielter Empörung ihren mageren Körper ein Stück aufwärts zwischen den elefantösen Ohren ihres Sessels, und sie rief anklagend: „Oho! Bis heute nicht, was?! Aber Sie kennen mich doch mindestens bereits seit gestern!“ Und sie hatte ihr Vergnügen daran, meine blödsinnigen, rhetorischen Anstrengungen mitzuerleben, mich ihrer Spitzfindigkeit wieder zu entwinden. Bald hatte ich herausgefunden, wie unangenehm leicht es war, sie von Fragen nach meiner Person abzulenken. Mit Bemerkungen wie: „Nun, also, diese Zigarre ist ja wirklich ganz hervorragend. Doch Buchbaumzündhölzer und ein Zedernholzkästchen? Also ich weiß nicht recht – Sie müssten es eigentlich auch riechen, riechen Sie es? Da ist so eine Nuance, ein Nuäncechen, das mir doch überhaupt nicht recht zu passen scheint“, brachte ich sie in die für sie ernsthaftesten Schwierigkeiten. Dann hob sie ihre blasse Nase, sie schnoberte ernsthaft in die trockene Luft und daraufhin in das Zedernholzkästchen hinein, sie wedelte sich etwas von dem Rauch zu, welchen ich zur Probe in ihre Richtung hin auszustoßen hatte, wissend lächelte sie, und am nächsten Abend konnte ich dann an den in Feigensaft gebeizten Streichhölzern aus tunesischer Edelkiefer erleben, wie intensiv sie sich über das Problem Gedanken gemacht hatte.

Manchmal erzählte sie mir Einfältiges aus ihren Mädchenjahren, anspruchslose und anrührende Geschichten. Ich erwiderte irgendwann, dass ich mich recht gern mit Berichten aus meiner eigenen Kindheit revanchieren würde – wenn ich denn eine solche gehabt hätte. Daraufhin weinte sie lange und vermied seitdem aufmerksam sämtliche Themen, in welchen noch nicht erwachsene Leute eine Rolle spielten. Bald schon redeten wir fast ausschließlich über Vergangenes, das auch alt und ehrwürdig war.

 

Eugen hatte des Öfteren aus relativ nichtigem Anlass Whiskyflaschen an den Tisch zu transportieren, um deren Anblick allein mich wahrscheinlich Präsidenten beneidet hätten. Ich erinnere mich an einen vergilbten, bescheiden mit Tintenstift beschriebenen Etikettstreifen, welcher den Inhalt der betreffenden Flasche ernsthaft um 191 Jahre und in ein unbekanntes, schottisches Dorf zurückdatierte. Meine Entsetzensschreie begeisterten die Alte; sie wischte sich Lachtränen unter den Augen fort, wedelte Eugen mit einer Handbewegung davon und nahm mir die Flasche aus der Hand, um sie selbst zu öffnen, mit derselben Gleichgültigkeit, wie ein Bauarbeiter sein erstes Morgenbier entdeckelt. Eugen latschte erneut an das Rauchtischchen, er hatte in seiner Ecke neben dem Ritter inzwischen nicht vorhandene blinde Flecken von zwei Gläsern poliert. Nie hätte er etwa zu diesem Zwecke in eines der Gläser hauchen dürfen, es wäre auf der Stelle zu einem steinernen Becher geworden. Eugen sah aus, als wenn ihn vor unvordenklich langer Zeit einmal jemand vergiftet hatte. Er machte mich in meiner Ansicht sicher, dass ich von den vielen Büchern aus verschiedenen Epochen, welche hinter uns in deckenhohen Regalen standen, keines lesen musste, weil sich dadurch, dass Eugen während seiner Entstaubungsarbeiten hineingepustet hatte, der Sinn ihrer Aussagen sicherlich auf das Seltsamste verändert haben musste. Um ein Gesicht wie das Eugens hervorzubringen, würden drei Maskenbildner mit langen Erfahrungen beim besseren Horrorfilm bestimmt Stunden brauchen. Er hätte als Darsteller dessen, was er hier an jedem Tag in großer Ernsthaftigkeit aufführte, beim Film bestimmt sehr viel mehr verdienen können, als die Schachtel ihm bezahlte. Eugen war für mich der Letzte Echte Butler, eventuell würde er einmal im Stehen sterben, mit seinem lächerlichen, kleinen Silbertablett in der braunfleckigen Knochenhand. Spinnweben würden ihn dann für immer in seiner Position halten. Während endlos langer Abende stand er völlig unbeweglich neben der Ritterrüstung. Manchmal schaltete er sich dort aus mir unerfindlich bleibenden Gründen für Sekunden selbst ein, um ein Tuch aus der Rocktasche zu holen, kurz an der Schulter des Ritters herumzuputzen und dann wieder in Starre zu verfallen. Einmal habe ich Eugen gefragt, ob er vielleicht in der Ritterrüstung schlafen würde, und ein furchtbares, gequältes Krächzen entdrang seinem enormen, dreikantigen Adamsapfel, ein grausiges Bellen, von dem ich erst viel später verstand, dass es den Versuch eines Lachens vorstellen sollte.

 

Auch die Schachtel fragte ich nach Eugens Leben. „Er ist wie ein alter Geist“, sagte ich zu ihr, „Schläft er in einem Glasballon?“

„Er war vor langer Zeit einmal für kurze, glückliche Monate verheiratet“, erzählte mir die Schachtel, „Mit einer wunderbar klugen, zudem sehr schönen Frau. Da war dann so ein wohlhabender, indischer Yogi. Der hat während des Krieges eine Weltreise gemacht und ist dabei auch durch Deutschland gekommen. Eugens Frau war damals Sekretärin im Reichspropagandaministerium. Dort hat sie den Yogi kennengelernt und ist mit ihm fort, husch, in die Himalajas. Damals geschah so etwas eher selten, wohingegen es heute ja die Regel ist, dicken, kleinen Yogis hinterdreinzulaufen...“

„Um Himmelswillen, wie alt ist der Mann?!“, fragte ich.

„Wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch“, erwiderte die Schachtel schmunzelnd, „und sie versorgt ihn von ihrer Berghöhle her mit Lebenskraft.“ Und zynisch und bissig fügte sie hinzu: „Sie muss ja auch Goebbels näher gekannt haben, war ja schließlich eine seiner Tippsen.“

Ich überlegte, was sie im Zusammenhang mit Eugens Lebensdauer wohl mit ihrer Bemerkung meinen könnte. Klein und vertrocknet hockte sie in den Ledermassen ihres Sesselungetüms und schnüffelte mit wissendem Lächeln an ihrem Whiskyglas.

 

Ich versank in der enormen Wirkung der alten Spirituose. Aufgeräumt hatte sie begonnen, von einer Weltreise per Schiff zu plaudern, welche sie als Fräulein mit ihren Eltern unternommen hatte. Der Whisky machte mir aus ihrer eigentlich langweiligen und von muffigen Einzelheiten durchdrungenen Erzählung einen überaus spannenden Film, der sich auf das Lebendigste mit Sequenzen eines scheußlichen Monumentalwerkes vermischte, das ich vor längerer Zeit in einem Kino gesehen hatte. Beeindruckt starrte ich das wuchtige Glas in meiner Hand an. „Wie meinten Sie das mit Goebbels?“, fragte ich sie, als sie mit ihrer Reisegeschichte geendet hatte.

Zwar gab sie keine mir aufschlussreiche Antwort, doch begann sie nun über Josef Goebbels und seine Affären zu plaudern, über das Dritte Reich und die Rolle der Frauen und Weiber in ihm, und ich hatte einen dreidimensionalen, manchmal sogar vierdimensionalen Schwarzweißfilm par excellence.

„Sie träumen ja, junger Mann!“, rief sie begeistert, als ich gerade mit Albert Speer Pläne für die Reichskanzlei diskutierte. Von ihrer Altweiberstimme gestört, blickte ich auf. Es stank in dieser Halle, wahrscheinlich stank es so, wie Eugen in seinem tiefsten Inneren roch.

„Wie alt, denken Sie, ist der älteste Whisky, den man bekommen kann?“, fragte ich sie später. Sie nötigte mir die von uns nur zu einem knappen Drittel geleerte, vierkantige Flasche auf.

„Nehmen Sie nur! Nehmen Sie sie mit in Ihre Räume!“, forderte sie mich auf, „Und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, dann fragen Sie den Whisky selbst danach. Sie wollen ein Geheimnis wissen, in dessen Besitz Frauen bis heute nicht gelangen konnten.“

Ich betrank mich und träumte einen Edgar-Wallace-Schinken nach, den „Schwarzen Abt“. Ich träumte in Schwarzweiß, war Zuschauer und konnte die idiotischen Dialoge mitflüstern. Am Ende war ich plötzlich doch Darsteller und wurde von Klaus Kinski bestialisch abgeschlachtet. Brüllend erwachte ich und suchte auf meiner Bettwäsche nach Blut. Schottland vor 191 Jahren, Donnerwetter.

Nicht selten schüttelten die Schachtel kurze, nur schlecht verhohlene Hassanfälle, weil ich ihr wieder nichts von mir erzählt hatte. Dann übte sie auf merkwürdige Weise Rache. Einmal fragte ich sie in ehrlicher Bestürzung: „Das hier können Sie doch nicht alles selbst so gewollt haben. Wer hat Ihnen nur dieses Leben verpasst?“ Und mit scharfer Stimme entwickelte sie ein Missverständnis: „Ich habe mein Leben nicht verpasst, junger Mann! Ich kenne nur die Unterschiede zwischen Kultur und Natur etwas genauer, als andere! Zu viel Natur tut gar nicht gut, das können Sie mir ruhig glauben!“

Damit spielte sie auf ihr tieferes Wissen vom Grund meiner Anwesenheit auf ihrem Schlossgut an. Jener Teil von mir, der es bemerkenswert fand, wie schnell er zu einem erbärmlichen Günstling gemacht werden konnte, er greinte schuldbewusst vor sich hin, aber im Grunde hatte ich mit diesem Kerl nichts zu schaffen. Ich wollte auch keine Pläne für die Reichskanzlei diskutieren. Aber das war ja offenbar die Sitte dieser Dame, die sich für die Welt halten lassen wollte - im offiziellen Teil ihres Programms führte sie hochintelligente Tafel-  und Bibliotheksgespräche und gab sich dabei den Anriss einer fürsorglichen Pflegerin der Kultur und aller geistigen Werte. Sie handhabte die kulturelle Errungenschaft ihres Silberbestecks wie ein Uhrmacher sein Präzisionswerkzeug, wir redeten über Stunden höchst gebildet einher, verabschiedeten uns formvollendet zur Guten Nacht auf unsere Zimmer, und einige Stunden später ließ sie sich wieder von Lothar, dem Stallknecht, durchficken.

 

Ich verspürte keinerlei Lust, ständig unterhaltsamer Hauptteil des von ihr dafür benötigten, intellektuellen Vorspiels zu sein, überhaupt wollte ich keine Vorstellungen über Kultur als Dienstleistung von Sauerei, und von der alten Schachtel, die mir mit Teilen ihres Lebenslaufes vermischte Bildung überhalf, wollte ich erst recht nichts.

 

„Wissen Sie, Sie regen mich nämlich zum Nachdenken an“, sagte sie immer wieder mit vor Achtung fast berstender Stimme, und sie betonte ihren Wert, indem sie hinzufügte: „Und Sie können mir glauben, es ist sehr selten, dass mich Menschen noch zum Nachdenken anregen!“ Nun, die Ergebnisse ihres Nachdenkens waren immer dieselben, ein paar peinliche, spitze Schreie vor dem Morgengrauen, im Stroh des Stutenstalles. Ihr lächerliches Gequieke wehte mindestens zwei Mal wöchentlich dünn durch den duftenden, taufeuchten Park. Regelmäßig erwachte ich davon. Ich hatte eine belästigende Theorie, dass sie eigentlich dabei an mich dachte und ich den mir unhörbaren Hauptteil ihres Lustgejammers im Ultraschallbereich empfangen würde. Dann verfluchte ich mich für mein Hiersein und war mir sicher, dass, wenn die Schachtel Gedanken lesen können würde, sie meine Flüche auch noch für Eifersucht gehalten hätte.

 

Ihr süffisantes Genießen aller Fehler, die andere begingen, wechselte immer nur mit dem Genuss von Fehlern, die sie selbst beging. Stets ging es um Fehler, und das regte wiederum mich immerhin manchmal zum Nachdenken an, darüber, ob das Genießen und der Fehler vielleicht grundsätzlich eine unlösbare Verbindung zueinander haben mochten. Mein Nachdenken endete aber stets, sobald mir im Haus oder im Park die Marie begegnete, oder wenn mir wieder einfiel, dass die Alte mich ja überhaupt nur deswegen manchmal ein wenig berührte, weil sie von sich glaubte, die Welt zu sein. Alexander der Große fand angeblich einst auch eine Lösung für einen als unentwirrbar geltenden Knoten. Ärgerlich an der Geschichte und an ihrer Radikalpointe war es nur, dass das von Alexander roh zerhackte Seil danach niemand mehr verwenden konnte. Die meisten symbolischen Geschichten über die Welt endeten mit deren letztlicher Unverwendbarkeit.

Löste ich die Verbindungen, welche die Schachtel mit ihrem Anspruch, die Welt zu repräsentieren, immer wieder neu strickte, auf meine Art, dann blieben mir vor den Fenstern des Hauses ein wundervoller Sonnenaufgang, die Düfte des frühen Sommers, erwachende Vogelstimmen und liebestolles Käfergesumm - und ich blieb mir selbst. Und nur irgendwo, da hinten im Gartenpark, wusste ich das durchsichtige Gespenst einer alten Frau schleichen, einer geistigen Völlerin, die sich mit pikierter Miene ein paar Strohhalme voller Pferdescheiße vom Kostümrock zupfte und damit wenigstens ein Argument hatte, nach der Marie zu schellen, um sich bei ihr ein frühes, heißes Bad zu bestellen.

Die Marie hätte nun wieder ich gern im Pferdestall getroffen. Marie wirkte immer appetitanregend saftig. In schönster Dissonanz zu ihren schlanken, edlen Fesseln und ihren feingliedrigen, erotischen Händen war sie insgesamt von einer solchen überall genauestens die Passform wahrenden Üppigkeit, dass man sie sicherlich ruhig auch einmal fest anfassen konnte, ohne ihr damit allzu viel fortzunehmen. In der Marie gab es ein uraltes Geheimnis, ein Geheimnis von beträchtlicher Schwere und Dunkelheit. Vielleicht ging es mit ihr nicht, weil ihre Saftigkeit mir einen zwar sehr starken, jedoch auch so überreifen Eindruck vermittelte, dass ich immer öfter eine schon etwas angefaulte Ananas vor mir sah und mir in Mariens körperlicher Nähe auch bald den entsprechenden Geruch einbildete. Vielleicht ging es aber auch mit ihr nicht im Pferdestall, weil, wenn sie ins Schreien käme, dann mindestens dessen Dach davonfliegen würde. Wir würden beide gefeuert werden, und da stünden wir dann, mit all unserer Liebe, und die Zuchtstuten ständen im Regen, und meine Marie und ich, wir würden der alten Schachtel ein Dach Pferdestall schulden. Vielleicht wusste Marie all das, und sie stampfte eben deswegen so herum.

 

Ich richtete es so ein, dass ich möglichst oft allein frühstücken konnte. Dann ließ ich mich still von Marie bedienen und freute mich, weil ich zu erleben glaubte, wie sich unter der Berührung ihrer dabei so hölzern wirkenden Hände die von ihr berührten Dinge sogleich filigran veränderten, wie Segen und Leben aus dem Innersten der Marie über ihre schlanken Arme, ihre ausdrucksvollen, adligen Fingerspitzen und die weißblaue Porzellankanne in meinen Kaffee überflossen. Mit meinem Buch kam ich keine Zeile weiter, so ging das fort.

 

Immer, wenn ich den stoppelbärtigen, nach billigem Tabak riechenden Lothar traf, trug er seine ewige Mistgabel, an der ein Zinken fehlte, in der harten, dunkelbraunen Hand

„Hasst Er mich?“, fragte ich ihn einmal. „Immerzu tritt Er mit seiner uralten Stinkforke vor mich hin!“

Und Lothar freute sich. Er zeigte alle seine schwarzbraunen Zahnstümpfe und stampfte mit dem Stiel der Mistgabel auf den Boden wie ein Zeremonienmeister, der mit klopfendem Stab den nächsten Gast ankündigt. Nachlässig tippte ich an meinen imaginären Dreispitz, schlenkerte das Silberknaufstöckchen aus Vorstellungskraft und tänzelte davon.

„Machen Sie mal noch mal sowas?“, fragte mich Lothar am Tag darauf in schamhafter Erwartungsfreude, und ich wedelte mit meinen nicht vorhandenen Spitzenärmeln und schnarrte: „Was meint Er, Kerl?! Will Er mich etwa veralbern? Sieht Er nicht, dass ich schon immer so bin?! Nimm Er diesen Taler hier und dann hopp, nichts wie fort mit Ihm, an sein Tagewerk!“ Ich warf ein Scheibchen Luft durch die Luft und war hellauf begeistert, denn Lothar fing den transzendentalen Taler geschickt auf, presste ihn an die Brust und verneigte sich artig. Wir wechselten in der Folge stets sehr verschiedene Blicke - von denen jeder die eigenen für sehr männlich und die des Anderen für unterwerflerisch hielt - und wir schwiegen, denn natürlich hatten wir jeder sein Geheimnis - er, das er mit seiner Herrin etwas hatte, und ich, dass ich mit der Marie nichts hatte.

Lothar grinste jedes Mal wissend, wenn er mir in der Nähe der Marie begegnete, und ich schaute stets ernst und unwissend drein, solange er in den Rahmen meiner Bilder gemeinsam mit der Hausherrin zu sehen war.

Auch in Lothars Gegenwart begann die erotische Marie alsbald zu stampfen; ich kam zu keinem Schluss, ob mich diese Beobachtung eher besänftigen oder beunruhigen sollte. Bei der Schachtel war es genau andersherum. Kaum begegnete sie mir, wurde ich ihr lebendiges Argument dafür, ihre Pappe- und Holz- Dynamik mit einer künstlich gleitenden, öligen Beweglichkeit vertauschen zu können. Sobald sie auf mich traf, war sie auch zutiefst in der sie glücklich machenden Mühe befangen, ihrer rauen, etwas belfernden Stimme Melodie und Timbre beizumischen. Und jene hart zupackende Geste, an die ich mich immer wieder angeekelt erinnerte, die ihrer eigentlichen, unbeobachteten Natur durchaus entsprach, sie wiederholte sich nie, ihre Idee von Kulturverwirklichung radierte solche verräterischen Momente völlig aus den Systemen ihrer Taten aus.

 

Irgendwann hatte ich zu glauben begonnen, dass alle ihre, oft von wunderbaren, silbrigen Bildungsfäden durchwebten, Reden allein nur darauf hinausliefen, sich selbst ihren nächsten, kümmerlichen Fick zu legitimieren. Ich hatte für sie eine Intelligenz zu repräsentieren, die sich selbst Unmöglichkeit bewies. Damit geriet ich in eine gewisse geistige Verwirrung und sie erlangte etwas Körperlichkeit, nicht viel, denn es reichte ja gerade bis hinter die Stalltür.

Für mich bestand die Zeit hier aus späten Morgen und späten Abenden, die Tage und die Nächte dazwischen vergaß ich rasch, und sie vergaßen mich auch. Bald begann die Schachtel, wenn sie bei einem meiner ausgiebigen Herrenfrühstücken anwesend war, die Marie auf eine mir teuflisch erscheinende Weise zu erniedrigen.

„Marie! Sagen Sie einmal: Diese Undinger von Schuhen, haben Sie die aus irgendeinem Keller?“

Marie schossen zu solchen Anlässen große Tränen in die Augen, aber diese Tränen verließen die Augen nicht; Maries Augen wurden dann zu wunderbaren Teichen randvoll mit Zorn und Unverständnis. Sie sah mich an, und ich verfluchte mich, dass ich der Schachtel nicht sofort meine Tasse an den Kopf warf.

 

Vermutlich konnte sie wirklich Gedanken lesen. Vielleicht war sie eine Ewige, oder sie glaubte, eine werden zu müssen. In der Ewigkeit, hatte ich herausgefunden, gab es nur so viel Kindheit, wie man selbst dort in jedem Moment einbringt. Kindheit ist Zeit, Zeitsinn ohne die Prothese für diesen Sinn als Armbanduhr am Handgelenk. Auch die Stutenhändlerin hatte einfach keine Zeit mehr. Sie folgte welchen, die hatten es einmal unternommen, zuerst all ihre Zeit in den unglaublichsten Sauereien restlos dahinzubringen; danach, im Moment des Sterbens hatten sie nach einem Sekretarius gerufen oder zu einem Stift  gegriffen, um vermittels eines dicken Buches einmal ihr Sterben möglichst lange hinzuzögern und zum anderen ihre Nachtängste zu verringern mit der wie Gesetz dahingeschriebenen Hoffnung, dass ihren Testamenten einst jemand zu glauben hätte. In allen diesen Testamenten stand immer das Gleiche: Ich war ein Opfer Gottes. Hier ist mein Name, hier ist Wert, Namenlosigkeit wird immer Elend sein, und ungeheuerlich. Das nannte man Bildung seit langer Zeit, und sie gipfelte, so lange es nur ging, im Altweiberorgasmus unterm miefenden Stallknecht. Alle die alten Schachteln, sie redeten immer das Gleiche. Es lag nicht daran, dass sie Verschwender gewesen waren; es lag daran, dass sie bei klarem Verstand verschwendet hatten, so war ihr Verstand beschaffen, aus dem die ganze Bildung entsprang. Ich war ein Parasit in deren Baum der Erkenntnis, das Mistelgebüsch, unter dem die Schachtel sich Lothars violette Zunge in den Rachen stoßen ließ. Andere zu Gemeinheiten provozieren, damit sie etwas hatte, worüber sie sich beschweren konnte. Die gab sich bis vier Uhr morgens die Kante; die wollte sich so dringend beweisen, dass sie einsam war und unschuldig überhaupt ganz und gar daran, dass gegen Morgengrauen eine Treppentratsch- Hausfrau, die noch den Samen des Gasmannes in den Mundwinkeln kleben hatte, durchaus eine Göttin der Weisheit gegen sie gewesen wäre.

 

Nach ihrem Wissen war Sexualität eigentlich verboten, und zwar deshalb, weil ihre Sexualität sich gegen das Wissen einsetzte. Gefangen durch sich selbst in einem grässlichen Paradox, nach dem man erst so dumm werden musste, um vergessen zu können, dass Sex nur noch Waffe gegen das schlechte Gewissen war, um daraufhin Sex haben zu können, verlangte es sie nach dem Schlechten, und ich hatte ihr auf dem Weg dahin Begleiter zu sein. Ich kannte die Methodik der Partygespräche, bei denen es darum ging, Sex vorzubereiten. Dort war es so, dass die Themen einer zielgerichteten Degeneration ausgesetzt wurden, so lange, bis man seinem Begehren Ausdruck verleihen konnte. Und was für diese Leute Sexualität bedeutete, da sie sie erst hinter der Legitimation der dreckigsten aller Worte erwarteten, das war ja einer der Gründe dafür gewesen, dass ich das Angebot der Schachtel überhaupt angenommen hatte. Ich hatte keine Lust mehr gehabt, der Hatz beizuwohnen, die das Vergnügen zur Schweinerei erklärt hatte, und deren Waidregel es war, sich selbst zum Schwein zu machen, damit man dann Sauerei betreiben konnte. Himmel, hatte ich mich geekelt. Aber mich schwindelte nun geradezu bei der Art Jagd, welche die Schachtel betrieb. Alle die Hirsch- und Bärenköpfe, wie sie von den hohen Saalwänden stoisch auf mich herniederschauten, sie waren viel fairer erlegt worden, als die Schachtel mich Abend für Abend zu vernichten trachtete. Besiegt glotzten der Wildkeiler und der Sechzehnender, der Wolf und der Bär, aber sie hatten, fand ich, irgendwie doch ihren Frieden selbst als Geköpfte, während die Alte mit dem stumpfen Messer ihrer Intelligenz an meinem Hals herumsäbelte und ich aus dem Mund über diesem Hals auch noch kluge und gefällige Antworten herausgab.

 

‚Was ist eigentlich‘, ging es mir durch den Sinn, ‚wenn ein Selbstmörder auf einen Mörder trifft?‘ Und es trat da als das unglaublichste Requisit in diesem Gruselkabinettstückchen der steife Eugen seitwärts an mich heran, den eckigen Whiskyflakon unter den weißen Knöcheln seiner Totenhand. Eine spirituelle Rostwolke ausstoßend, knarrte er: „Wünschen der Herr vielleicht jetzt einen Nachguss?“, und die Alte freute sich. „Nachguss hat er gesagt, der hirnlose Kerl!“

„Madame selbst pflegen die Bratensoße auch des Öfteren den Beiguss zu nennen“, wagte Eugen unter Ausstoß einer stärkeren Rostwolke.

„Da ist eine Art Unterschied zwischen Soße und Whisky, lieber Eugen“, piepte die Schachtel.

„Ja, Madame, gewiss, Madame“, versetzte Eugen sonor, und er wartete ergeben, ob ich eine Andeutung andeuten würde, ihm mein Glas entgegenzuhalten. Lautlos spritzten die großen Pendel der zwei gleichen Standuhren an verschiedenen Orten des Saales träge, dunkle Messingblitze durch den Raum.

„Und ich glaube ja manchmal ernsthaft, Sie können Gedanken lesen!“, rief ich an einem der langen Abende über die weiß gedeckte Tafel zu ihr hinüber. Sie entsetzte mich durch ihre zu mir zurückschallende Frage: „Haben Sie etwa gerade an ein großes, hölzernes Portal gedacht?“ Da wünschte ich mir einen Feldstecher, um ihr Gesicht deutlicher erkennen zu können. ‚Knechtsverkehr, Geschlechtsverkehr‘, dachte ich testweise vor mich hin und rief dann zwischen die hohen Kerzenleuchter hindurch: „Und? An was habe ich soeben gedacht, Madame?“ „Denken Sie lieber in Bildern!“, schrie sie fröhlich zurück, „Wer in Bildern denkt, derjenige bleibt viel länger jung und - gesund!“ Nach dem ‚und‘ zwischen ‚jung‘ und ‚gesund‘ hatte sie eine bewusste, kleine Verzögerung eingefügt, die ich für überhaupt nicht harmlos erachtete. Zusammenschaudernd nahm ich mir vor, mich zukünftig mehr vor der Schachtel in Acht zu nehmen.

„Es ist heute ziemlich früh kühl geworden, finden Sie nicht auch?“ brüllte sie lächelnd, und sie schwenkte ihre neben ihrem Teller bereitstehende Glocke, um sich von Eugen einen wollenen Umhang bringen zu lassen. Während Eugen mit einem langstieligen Kohlenspeer aus Messing im Kamin stocherte, und ich mit meiner silbernen Gabel im geräucherten Leib der Lachsforelle von feurig orangener Farbe, kamen mir bedrohliche Gedanken. Sie blieb leicht und heiter, was mich vermuten ließ, dass sie zumindest diese Gedanken nicht mitlas.

 

Wenn ich sie nicht für die ganze Welt hielt, war sie schwer beleidigt, und das waren unsere schönsten Stunden. Denn das Beleidigt sein machte sie unglaublich scharfsinnig. Sie konnte dann so erzählen, dass uralter Stolz auf ihre Fähigkeit zu Diktion und Sprachgebrauch mit in ihrer Stimme schwangen. Ihr ganzer Stammbaum redete dann aus ihr, er versuchte sich in erneutem Sprießen, in abermaligem Aufbegehren gegen sein endgültiges Verrotten. Dann holte sie meistens eine Flasche Champagner und mich auf ihren Sommernachtsbalkon, sie atmete einige Ach’s in den weitläufigen Park, wo die Zikaden in den schwarzen Silhouetten der Bäume sirrten, und sie erklärte mir, warum ich mit meinen Büchern die Welt verändern müsse, und dass einer wie ich noch so viel Gutes für die Welt würde tun können. Erwartungsvoll betrachtete sie mich, in ihrem Blick die Frage, ob es ihr vielleicht gelungen sein mochte, wenigstens eine kleine Eitelkeit in mir zu wecken. Und ich dachte an den fehlenden Zinken von Lothars Mistforke und langweilte mich in ihrer Langeweile. „Das ist auch etwas, das mich zum Nachdenken gebracht hat, diese zwei Worte, Langeweile und Kurzweil“, sagte ich, und sie gab sich vorschriftsmäßig enttäuscht.

Zugegeben, wenn ich diesen wunderbaren Blick auf den Park wollte, oder wenn ich Whisky oder Champagner wollte, oder wenn ich einfach nur reden wollte, meine eigene Stimme hören, in der beschnittenen, impotenten Landschaft, dann hielt ich sie manchmal auch deswegen nicht für die Welt. Doch nie habe ich Whisky und Champagner so sehr gewollt, dass ich deswegen derb nach ihr gegriffen hätte. Eine Zeit lang wollte ich auch immer wieder die Marie sehen, um mich immer wieder zu fragen, warum wir beide es nie bis hinüber zu den Stuten schaffen würden, aber dann ist die Marie beim Einkaufen eines Morgens in der Stadt von einem holländischen Blumentransporter überfahren worden. Ich erfuhr es auf eine seltsame Weise.

 

Eine schmale, nach Pferd und Leder duftende Gasse bildete der Abstand zwischen zwei Reihen von Ställen und Geräteschuppen. Die Schachtel erschien, in ihrem Rücken die aufsteigende Sonne, am einen Ende dieser Gasse, ich bog am anderen Ende ein. Wir verhielten beide kurz in unserem Lauf und begannen dann langsam aufeinander zuzuschreiten. Die Sequenz glich dem makaber inszenierten Showdown in einem Western, in dem sich ein junger Mann und eine alte Frau zu duellieren haben. Lothar, erschien in der Mitte der Gasse in einer der Stalltüren, er hörte mit seinem Sinn für meine Vorstellungskraft meine Sporen klirren und blickte gespannt auf meine locker an den Seiten herabhängenden Arme. Die Schachtel musste auch etwas bemerkt haben. Sie wechselte von der Mitte der Gasse etwas mehr zur Seite, trat auf die aufwärts weisenden Stahlzinken einer Harke, und deren langer, hölzerner Stiel schnellte vor und schlug ihr gegen die Stirn. Einen Schrei ausstoßend tat sie einen erschrockenen Satz hinüber zur anderen Stallwand, wo ein Rechen, ebenfalls mit nach vorn weisenden Zinken lehnte. Abermals erhielt sie einen Schlag gegen den Kopf. Ich hielt nach Kräften die Luft ein, um nicht über die groteske Situation laut herauszuplatzen vor Lachen. Es waren zwei nur leichte Stockschläge gewesen, welche die Schachtel erhalten hatte, doch als sie verdutzt in die Mitte des Weges zurückgehüpft war, täuschte sie sofort einen Ohnmachtsanfall vor. In einer gekonnten Spirale mit eineinhalb Umdrehungen sank sie aufseufzend in den Mist. Lothar und ich sprangen hinzu und halfen ihr hoch.

 

Erst auf unserem gemeinsamen Rückweg durch die Parkwiese erwähnte sie es beiläufig. „Schade, dass uns die Marie nun nicht mehr zur Hand gehen wird.“ Ich schaute sie fragend an. „Ach richtig, Sie wissen es noch nicht“, die Alte nickte verständnisvoll. „Unsere Marie ist gestern Nachmittag von einem holländischen Blumentransporter überfahren worden. Auf einer Kreuzung, unten bei der Post, wissen Sie? Die große Kreuzung. Sie ist tot. Ogott, wie ich rieche! Das ganze Kostüm ist von Stutendreck besudelt! Eugen! Eu-gen!!“ Sie ließ mich stehen. Ich stand lange.

 

Am nächsten Morgen rammte mir Lothar seine Mistforke in den Weg. Einen kurzen Augenblick fürchtete ich mich. Lothar stützte sich mit den Händen auf den Forkenstiel und glotzte mich hinter seinem Instrument merkwürdig an. Wir standen eine ganze Weile. „Glauben Sie“, fragte er mich dann, und sein dämliches Gesicht verzerrte sich in einen kindlich-verschämten Ausdruck, „dass die Marie es jetzt besser hat, da, wo sie ist?“

Ich nickte. „Ja, Lothar, das glaube ich. Und jeder, der ihr das wünscht, trägt dazu bei, dass es so ist“, sagte ich. Lothar nickte auch, heftig, gerührt. Dann zerrte er seine Gabel aus dem Kies und trat zur Seite. „Machen Sie wieder so was?“ Ich lachte und zeigte meine strengste Miene.

„Will Er mich schon wieder belästigen, Elendswurm von einem Knecht?!“ schnarrte ich und musterte ihn angeekelt, „Wit! An sein Schaffen! Aber hurtig! Wit, wit!“ Und ich wedelte, als wollte ich ein Insekt vor meinem Gesicht verscheuchen. Strahlend schulterte Lothar seine Forke, er verneigte sich linkisch und trabte an mir vorbei. Für einige Sekunden blieb in meinem Rücken ein ungutes Gefühl.

 

Eugen hatte die Rauchgarnitur umstellen müssen. Wir saßen nun an einem der weit in die Nacht geöffneten, hohen Fenster des Saales und blickten in den dunklen Park hinaus.

„Marie ist nun seit zwei Wochen tot“, sagte ich.

Die Schachtel schwieg und spielte mit einigen ihrer Finger an einigen ihrer Finger. Eine Meise draußen sagte einsam: „Zi- Dä“.

„Sie war ein sehr freundliches Fräulein“, begann ich erneut.

„Zi“, sagte die Meise, „Däzizidä“. Sie hörte sich ehrlich bekümmert an.

Ich musste mir alle Mühe geben, mir einzureden, dass die lächelnde Schachtel nicht soeben: „Du kleiner Scheißer!“, gezischt hatte.

„Zi- Dä“, sagte die Meise. Ich nahm mir vor, bald aufzustehen und nachzusehen.

„Die Marie schwimmt jetzt in einem Meer von Tulpen“, sagte ich. „Und irgendwann lässt sie es Blumen regnen, was?“ Etwas knackte. Brach der zu einem faden Strich zusammengekniffene Mund der Schachtel entzwei?

„Dädädä- Dädäzidä“, sirrte die Meise. Sie schien sich zu erholen.

„Das Mädchen beschäftigt sie etwas spät“, bemerkte die Schachtel trocken, „So, wie offenbar viele andere Sachen auch in Ihrem Leben...“

„Sie irren sich“, bemerkte ich trocken zurück. Ich nahm mir fest vor, ihr innerhalb der nächsten fünf Minuten eine Ohrfeige zu verpassen. Ihre Wange würde aufreißen wie Transparentpapier. Kein Blut. Irgendein weißer, energieloser Saft.

„Aach! Der Champagner ist wunderbar trocken“, äußerte die trockene Schachtel. Gleich würde ein Staubsturm am Horizont erscheinen. Sie erhob sich, und sie trat elegisch an die Balkonbrüstung. Die Meise klirrte Erschrecken und flatterte davon. Die Schachtel reckte ihren mageren Arme gen Nachthimmel, sie zitierte mit dünnem Stimmchen, aber gar nicht übel, ein Gedicht von einer Engländerin, welche, wie die Schachtel sagte, bald, nachdem sie die Verse verfasste, Selbstmord begangen hatte:

„‘Die Frau ist vollendet.

Ihr toter Körper trägt das Lächeln des Erreichten.

Der Anschein einer griechischen Notwendigkeit

Fließt in den Schnörkeln ihrer Toga,

Ihre bloßen Füße scheinen zu sagen: Wir kamen bis

Hierher, es ist vorbei.

Jedes tote Kind eingerollt, eine weiße Schlange,

Eines um jeden kleinen Milchkrug, nun leer.

Sie hat sie gefaltet’, gefaltet, ah, warten Sie einmal, gefaltet, ja,

Zurück in ihren Körper, wie Blätter einer

Rose, die sich schließen wenn der Garten

Erstarrt und die Düfte bluten

Aus den süßen tiefen Schlünden der Nachtblume. Der Mond...‘ Der Mond, oh, der Mond, ich weiß es nicht mehr zu Ende! Gott, wie traurig! Ich habe es vergessen!“

War das ihre Trauerfeier für Marie? Ich wütete innerlich, und dann schimpfte ich plötzlich zurück, aus den Hohen Sprüchen des Havamal, jenen einzigen Abschnitt daraus, den ich zu Teilen auswendig wusste:„‘Ich weiß, dass Ich hing

Am windigen Baum

Neun Nächte lang

Mit dem Ger verwundet,

Geweiht dem Odin

Ich selbst Mir Selbst...‘“

Die Schachtel hatte sich mir zugewandt, sie starrte mich an.

„Wenn Sie wüssten, wie leid Sie mir tun!“

„Ich weiß es. Da ich weiß, wie leid ich mir selbst tue!“

Eugen räusperte sich laut neben seinem Ritter.

„Ja, Eugen?!“, belferte sie scharf.

„Der Mond, äh, starrt aus seiner, äh, Knochenkapuze“, bemerkte Eugen mit rostiger Stimme.

„Was? Ah! Oh ja! Ja, jetzt fällt es mir wieder ein! Ah, jetzt weiß ich auch den Rest wieder, Knochenkapuze, natürlich! Aber es ist nicht mehr relevant! Du kannst Dich wieder beschäftigen, Eugen!“, sagte sie. Hart schallte ihre Stimme durch den dunklen Saal.

„Madame“, krächzte Eugen. Er zog sein weißes Tuch aus der Fracktasche und begann, an der blinkenden Schulter des Ritters herumzupolieren.

„Was gibt es morgen Abend, Eugen?“ Sie konnte ihn nicht in Ruhe lassen.

Eugen knarrte etwas.

„Das heißt nicht ‚Forelle, gefüllt mit Schinken und Pilzen in Trüffel-Buttersauce’“, schrillte die Schachtel, „sondern das heißt ‚Forelle, mit Schinken und mit Pilzen gefüllt, an Trüffel-Buttersauce’! Eugen! Also ich bitte Dich! Wie lange bist du schon hier?!“

Eugen glotzte auf seine langen Schuhe und nannte dann eine unglaubliche Zahl. Ich bemerkte zu dem Sachverhalt leise, dass man Forellen meiner Ansicht nach überhaupt nicht mit Schinken und Pilzen füllen würde, und Eugen erläuterte umständlich, er habe überhaupt nicht ‚Forelle’, sondern ‚Fiorelli’ gesagt. Daraufhin krächzte er aus völlig unerfindlichem Grunde abermals: „Der Mond starrt aus seiner Knochenkapuze“, worauf er, sein Tuch schwenkend, wieder hinter der Rüstung verschwand.

Seitdem dachte ich immer, wenn die alte Schachtel und ich uns begegneten: ‚Wänn hisch glücklisch bin / Dann hä - schänk hisch Dir / Dulpen ausch Amschterdamm‘, ich dachte es in möglichst hässlichem Tonfall, und ich hoffte, dass sie unbedingt Gedanken lesen konnte.

Das Spazieren neben ihr, eine meiner Nachmittagspflichten seit Maries Tod, nahm grausige Züge an, als ich ihre Herrschaftlichkeit zu begreifen begann. Immer, wenn uns jemand begegnete, erhob sie die Stimme in ihrem unerträglichen Kulturgeschwätz, als würde sie gnädige Segnungen in die Ohren derer verteilen, welche uns entgegenkamen. Besonders in der Nähe abgerissener Gestalten ließ sie Worte und Satzteile geradezu ehern erschallen. Und noch bevor die Furcht aus meinem eigenen Inneren herauskroch, sah ich sie in den Gesichtern der so mit der Heiligkeit ihrer Sprache Bedachten.

„Ich mache eben Unterschiede zwischen den Wesen des Lichts und Spottgeburten aus Dreck und Feuer“, näselte sie verschnupft, als ich ihr zu lange schweigsam blieb und sie nur noch befremdet von der Seite her anstarrte. Ich nickte. Was ich hörte, war mir sympathisch, wer es sagte, ekelte mich bis ins Mark - gingen die schönsten Ideen immer an der Hässlichkeit ihrer Missionäre zugrunde?

„Ihre Marie-“, begann sie.

„Sie war nie die meine!“, unterbrach ich.

„Da haben Sie ein Naturereignis versäumt“, lächelte sie. „Diese Marien, Sie halten das Licht für eine Lüge. Sie kennen nur das Feuer, jene verzehrende Helligkeit, die dem entfachten Stoff entspringt. Geschöpfe der Dunkelheit sind sie, sie glauben an das Entzündete und an den Entzünder. Und Sie, junger Mann, Sie haben einen ungesunden Hang zu solchen Leuten. Gut, dass Sie sich keine - Entzündung geholt haben, da sparen wir die Feuerwehr.“

Der Gartenkies und meine Zähne knirschten

„Diese Geschöpfe der Dunkelheit, wie Sie sie nennen, haben aber einen großen Vorteil für sich“, erwiderte ich nach einigem Schweigen.

„Welcher da wäre?“ Sie bemühte sich, die glatte Stirn zu runzeln. Wie immer schauderte es mich.

„Die müssen sich nicht pausenlos etwas beweisen!“, rief ich, „Und sie müssen besonders nicht anderen ständig etwas beweisen! Die haben gar keine Fragen bezüglich des ‚göttlichen Lichtes‘! Die leben einfach! Und auf gar keinen Fall ist das Leben für sie ein Frage-Antwort-Spiel. Vielleicht ist es ein Rätsel, aber keine Aufgabe.“

„Sieh an“, lächelte die Schachtel, „Das Äffchen besteigt die Palme! Nun werfen Sie nur nicht auch noch mit Kokosnüssen, mein Lieber. Sie sind doch den vernünftigen Segnungen der Zivilisation nicht abhold, sonst wären sie ja wohl nicht hier. Und diese Segnungen zu erreichen, ihren Standard zu halten, ja, sie möglicherweise noch weiterzuentwickeln, das ist eben nicht einfach – mit der Banalität der Mariäischen Denkweise nur ausgestattet, gelingt da fast gar nichts Haltbares. Das folgt Regeln, junger Mann, und innerhalb dieser Regeln tragen die Simpelchen nun einmal Dienstmädchenhauben und weiße Schürzchen. Unter denen sie dann freilich oft nichts drunterhaben, aber wir wollen den Toten ihren Frieden lassen.“

„Worum ich höflichst bitten möchte!“ rief ich blöde und hilflos aus. Sie hob den kleinen Kopf mit der großen Frisur, blickte beim Gehen in die Sonne und schürzte ihre Fadenlippen. Es war ein einsamer Parkweg. ‚Ihr jetzt einfach den dürren Hals brechen‘, dachte ich, innerlich zitternd vor Zorn, ‚ein kurzes, trockenes Bersten, als wenn ein Besenstiel zerknackt, dann den lächerlichen Kadaver in den duftenden Ginster, nein, nicht dahin, der duftet nach dem Haar der Marie...‘ Stumm spazierte ich weiter neben ihr her. ‚Nur, weil Du nicht weißt, wohin mit der Leiche, bringst Du sie jetzt nicht um!‘, redete ich mir ein. Sie betrachtete mich im Gehen.

„Spüren Sie es auch manchmal, wie nahe wir dem immer noch sind, gegen dessen Obermacht wir mühevoll unsere Kulturen errichten?“, fragte sie freundlich. Ich biss die Zähne aufeinander. ‚Du elende Drecksau kannst wirklich Gedanken lesen!‘, dachte ich. „Und wie schwer ist es, das Nützlichste, was wir haben, unsere innere Zensur, nicht zu beschimpfen?“, fuhr sie fort. Ich blieb stehen. „Ja, dann haben Sie doch mit der Marie wenigstens das Mitleid, das man mit Tieren empfindet!“ flüsterte ich und starrte sie an. Sie verharrte gleichfalls und scharrte mit der hellen Spitze eines ihrer teuren Schuhe im weißen Kies. „Mitleid? Marie ist tot. Sie meinen Beileid. Nun ja, das haben Sie. Besonders wegen gewisser, nun immerdar unerfüllt bleibender - Wünsche.“

Meine Arme hingen locker an den Seiten meines Körpers herab. Ich ballte die Fäuste. „Ich lasse Sie jetzt besser mit Ihrer Trauer ein wenig allein“, murmelte da die Schachtel mit einem ehrlich betroffenen Klang in ihrer Stimme. „Frische Luft und Einsamkeit über den Tag wirken Wunder, Sie werden sehen!“ Kopfschüttelnd blickte sie auf meine Fäuste. Mit einem ihrer Finger strich sie über einen meiner Handrücken und ging daraufhin in Richtung auf die Stallungen davon. „Sehen wir uns zum Abendessen?!“, rief sie aus der Entfernung, „Ich hätte da einen Tolstoi, ein Tolstoichen, und dazu einen wirklich guten Schluck! Erholen Sie sich gut! Bis dahin!“ ‚Bis dann‘, dachte ich. Ich schaute zum Himmel auf. Die Sonne begann, wieder abzusteigen. ‚Maries Licht‘, dachte ich ehrlich verschämt. ‚Maries Licht. Kein anderes Licht auf diesem Theater, Du alte Sau!‘

‚Ein Rausch des Großmutes’, dachte ich, und nur ganz leise noch warnte mich im Hintergrund das kleinliche, scharfe Ticken tödlich beleidigter Zeit. An diesem Tag bemerkte ich auch, dass die Schachtel offenbar Tulpen zu lieben begonnen hatte. Bald wimmelte es in dem ganzen grotesken Kastell von sehr großen bis sehr kleinen Vasen,  von allerlei wunderlichen Behältern, aus denen Tulpen ragten. Immer wieder dachte ich an die Zeilen aus diesem Lied, ich summte oder brummte die Melodie, imaginierte eine Posaune und schmetterte den Text vom Balkon, hinein in die blödsinnig genau beschnittene Parklandschaft. Lothar hatte, mit Eugens steifer, ungeschickter Hilfe, zwei riesige Tulpenbeete anzulegen. Sie steckten die Zwiebeln direkt vor meinen Fenstern. Ich versuchte, nicht über die mir einfallenden Gründe nachzudenken.

 

Von da an sah ich die Alte immer seltener. Sie ließ sich zu den Abendzusammenkünften entschuldigen, und ich bemerkte, dass ich mich in einem sich immer mehr ausweitenden Ozean aus Tulpen bedroht und gelangweilt fühlte. Eine Weile versuchte ich, mir die Tulpenschwemme auf irgendeine vernünftige Weise zu erklären, dann begann ich mich zu fürchten, und schließlich wurde ich auf eine mir selbst sehr unangenehme Weise fröhlich. Ich trabte zwischen langen Reihen von Vasen entlang, an weithin sich erstreckenden Tulpenrabatten vorüber; viele einsame, immer gleiche Tage lang roch ich satten Tulpenduft, und ich dachte nach, über die Welt der Marien, die Welt ohne Licht, in der so wunderbare weiße, gelbe, rote, violette und vielfarbig gefleckte oder geäderte Kelche sprossen. Im Morgengrauen lauschte ich nach den kleinen, hellen Schreien der Schachtel. Ich tat nichts, was die Welt verbessert hätte. Einmal suchte ich in der Farbanordnung der Tulpen auf den Beeten eine geheime Himmelsbotschaft von der Marie, doch es gab nur die immer offensichtlichere Botschaft der alten Schachtel darin zu lesen.

 

An meinem letzten Morgen in der Burg der Alten pfiff ich gerade wieder vergnügt das Tulpenlied vor mich hin, da erschien plötzlich die Schachtel und verbot es mir kategorisch. Nahe einem Nervenzusammenbruch keifte sie, ich hätte gefälligst nicht zu pfeifen in ihrem Haus. Ich lachte sie aus, etwas anderes konnte ich nicht mehr für sie tun. Sie verlangte von mir, dass ich sofort meine Sachen packen solle. Lothar, der Stallknecht, hatte als Wache dabeizustehen, damit ich nicht irgendwelche Kleinigkeiten mitnehmen würde. Kreischend rief sie nach ihm. Lothar kam mit seiner Mistforke in der Hand durch den Park gerannt, vielleicht in der Hoffnung, dass die Alte gerade sterben würde. Er trug, als er in das helle Zimmer stürzte, grobe, lederne Arbeitshandschuhe, mistverdreckte Schaftstiefel und einen dicken, alten, bis zum letzten Halsknopf geschlossenen Offiziersmantel. Über den Kopf hatte er einen beuligen Marmeladeneimer gestülpt, versehen mit einem ovalen Ausschnitt, vor welchen er Zellophan geklebt hatte. Lothar sah aus wie einer von diesen Robotern aus den frühen Science- Fiktion- Filmen. Ich fürchtete mich. Mit dumpfer Stimme entschuldigte sich Lothar bei der Schachtel; er sei gerade dabei gewesen, ein Wespennest in den Dachsparren des Stutenstalles herauszureißen.

„Nimm sofort den Eimer ab, Du Einfaltspinsel!“, plärrte die Alte mit überkippender Stimme. Vor Lachen musste ich mich am Türrahmen festhalten. Lothar hatte, wahrscheinlich in seinem Mantel, ein paar Wespen mitgebracht. Erregt surrten sie durch das helle Zimmer. Die Schachtel schlug kreischend um sich und rannte hinaus. Ich packte. Lothar sah mir zu. Stumm und verlegen, seinen Eimerhelm in der einen, die Mistforke in der anderen Hand, stand er da. Probehalber pfiff ich das Tulpenlied; in Lothars Gesicht zuckte kein Muskel.

 

Mein weniges Zeug ließ ich durch eine vom unbeeindruckten Eugen telefonisch angeforderten Sofortspedition in einen kleinen Transporter verladen und zu einer Adresse fahren, die ich mir ausgedacht hatte. Ich selbst spazierte, eine große Reisetasche über der Schulter, langsam durch das geschmiedete Parktor. Ich fühlte mich wunderbar. In meinem Rücken zog eine leise summende Elektronik die Portalflügel einander wieder entgegen. Vor mir, weit unten im Gebirgstal, brodelte in einer zerrissenen, giftig gelben Wolke die Stadt. Eine Weile stand ich nur so da, während ich immer wieder vorsichtig mit Speicheln den brennenden Wespenstich streichelte, den ich empfangen und aus Tapferkeitsgründen vor dem Stallknecht verschwiegen hatte. Einmal blieb ich lange stehen, denn ich empfing die intensive Vision, dass die Marie vor mir knien, sanft meinen Arm in ihren Händen halten und mir mit entnervend langsamen Zungenbewegungen meinen Wespenstich lecken würde, ernst und dunkel dabei zu mir aufschauend.

‚Das macht das Alleinsein, mein Lieber!‘, sagte ich mir zitternd, riss mich endlich von meinem Platz los und wartete, dass mein Telefon klingeln sollte. Vielleicht, dass irgendeine alte Bekannte sich meiner erinnern würde - schließlich hatte ich eine Entscheidung getroffen, und es wäre nur logisch gewesen, dafür auch ein wenig belohnt zu werden. Ich zog den Apparat aus der Tasche und wollte daraufschauen, aber ich entdeckte, dass ich die Fernbedienung der Schachtel eingesteckt hatte. Unten im Tal dampften Industrieschornsteine.

 

Verse: Sylvia Plath, Havamal-Saga

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Tausend Rote, tausend Gelbe ...

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