Den Begriff des „Mohren“ führte die Vortragende auf das Lateinische zurück, dort würde es bedeuten: Dümmlich, minderbemittelt.

Ich rief dazwischen, die Mauretanier hätten ein ganzes Land nach diesem Wortstamm benannt, und sie erwiderte wütend, dazu hätten die Kolonisten sie erpresst, und man müsse alles auf seine Wurzeln zurückführen.

Ich erwiderte, Latein sei dann aber der ganz falsche Ansatz, denn schließlich hätten die Griechen mit uns ganz dasselbe gemacht wie die Kolonisten mit den Mohren - sie hatten uns für Barbaren gehalten.

Hier nun erhob sich ein mächtiger Schwarzer im Saal. Er donnerte mit beeindruckend tiefer Stimme, er sei durchaus konservativ, aber trotzdem gelte das alles bei ihm umgekehrt, und selbstverständlich sei der erste Mensch erwiesenermaßen ein Schwarzer gewesen. „Bravo!“, rief ich, „Alle anderen zuvor - der Sarotti-Mohr! Nun weiß ich endlich, warum mir diese Schokolade so schmeckt!“

Der große Schwarze stieß mit seinem Zeigefinger zu mir herüber. Freundlich grollte er, das müsse bei mir ganz tief sitzen, es habe sich wahrscheinlich bis hinab in meine weiße Seele gebrannt, dieser Wunsch, unter mir einen Mohren sehen zu wollen. Doch das sei bei den Weißen verständlich, das gäbe ihnen Sicherheit, und ganz Afrika wisse das und nähme seit Jahrhunderten darauf Rücksicht. Außerdem sei er kein Schwarzer, jedenfalls nicht ganz.

„Aber der erste Mensch war gerade noch einer!“, rief ich empört, und ich bestand darauf, meinerseits kein Weißer, sondern ein Graurosaner zu sein.

 

Die Dame Vortragende hatte inzwischen über das Wurzeldilemma nachgedacht, sie versuchte, das tumultierende Publikum zu beruhigen und meinte dann, dass ich wohl irgendwie recht haben würde, was die Barbaren beträfe, immerhin sei das ganze Latein ja heute gar keine lebendige Sprache mehr.

„Aber wo sollte man sonst ansetzen?“, fragte sie.

„Fragen sie diesen Herrn, er weiß um die Ursprünge!“, wollte ich erwidern, doch ich sagte: „Wir gelten als Indoeuropäer. Vielleicht dort.“

„Ja, das ist es eben“, seufzte sie, „Das ist dann doch ein bisschen zu weit hergeholt.“

„Na was denn, weit? Die paar Flugstunden!“, rief ich, doch sie winkte ab und redete lieber noch eine Weile von dem Suffix ‚Ling’, das immer nur erniedrigende Verkleinerungen bedeuten würde. „Wie zum Beispiel in 'Häuptling', was eindeutig ein rassistischer Begriff ist!“

 

Wieder musste ich lachen. Drohend grunzte der schwarze Riese.

„Na, schließen Sie doch einmal die Augen und stellen sich einen Häuptling vor!“, meinte sie. Ich tat es. All die wunderbaren, würdigen Häuptlinge aus den Büchern und Filmen meiner Kindheit standen vor mir auf, groß waren sie und ernst und voller Stolz, rote und schwarze Häute hatten sie …

„Verstehen sie nun, was ich meine?!“, hörte ich die Stimme der Rednerin. Ich öffnete meine Augen wieder. „Nein, ganz und gar nicht“, antwortete ich.

„Isch aucha nisch!“, schimpfte der Schwarze mit immer noch angestrengt zusammengepressten Lidern.

„Wissen Sie, was man mit Sitting Bull gemacht hat?“, fragte ich. Sie sagte nein, aber sie wolle es wissen; es sei bestimmt etwas zutiefst Erniedrigendes gewesen. Ich nickte. „Sie haben ihn besoffen gemacht, jeden Tag. Literweise Feuerwasser. Und dann haben sie ihn zwischen der Raubtiernummer und dem buckligen Zauberer in Wanderzirkussen gezeigt. Der alte, betrunkene Mann stand in vollem Häuptlingsornat, mit der Adlerfederkrone seiner Stammväter angetan, in den Sägespänen der Manege, und er redete. Er glaubte, Reden an amerikanische Abgeordnete zu halten. Über die Rechte und die Hoffnungen und die Wünsche des Roten Mannes sprach er. Man hatte ihm eingeredet, vor Senatoren des großen weißen Vaters von Washington sprechen zu können...“

 

Jetzt mochten sie mich beide wieder, die Vortragende und auch der schwarze Riese. Gerührt gab er zu, dass der erste Mensch vielleicht auch ein roter Mann gewesen sein konnte, nur gelb oder weiß blieben ihm unvorstellbar. Im Saal wurde gutmütig gelacht. Der Vortragenden war die Situation unheimlich, denn einerseits war zwar die Flachheit der Debatte dahin, was man dankbar wahrnehmen konnte. Zum anderen jedoch drohte auch der gebotene Ernst zu schwinden, was nicht zugelassen durfte. Der schwarze Riese schlug vor, die Berliner Mohrenstraße umzubenennen, und die Rednerin sagte, hierzu seien seit Jahren ernsthafte, aber bisher immer wieder an der Ignoranz der zuständigen Senatsstelle gescheiterte, Bestrebungen im Gange.

„In was soll sie denn umbenannt werden?“, rief ich, „In 'Natural-Born-American-Avenue?“ Ich schlug vor, ein Bürgerbegehren gegen den Sarotti-Mohren zu aktivieren, und ein junger Mann erklärte sich spontan bereit, eine Internetseite zu diesem Thema zu erstellen. „Und wir sollten unbedingt ‚Othello’ verbieten!“, rief ich böse.

Ein Mädchen wollte wissen, ob man eigentlich noch ‚Negerkuss’ zu dem betreffenden Schaumgebäck sagen dürfe. „Nadullüsch!“, rief der schwarze Riese, „Wir konna bessa kussa, als Europäa!“...

 

Nach zwei Stunden waren wir alle sehr zufrieden und gingen, ein jeder in seiner Haut, heim.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Negerkuss

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