Es war keine besonders große Tat. Eher war es Logik. Tillack, der Terminator, hatte die Fensterscheibe eingeschlagen, und nun standen die blau uniformierten Schließer um ihn herum. Sechs waren es. Sie hatten ihn eingekreist und warteten unruhig auf die herbeigerufene Verstärkung. So würde es ablaufen: Sie würden zehn oder zwölf sein, der Leutnant würde:  „Tillack! Natürlich wieder Sie!“, sagen, und dann würden sie versuchen, ihn in die Arrestzelle zu bringen. Tillack würde den Gedanken an die Arrestzelle nicht aushalten; er würde einem, vermutlich dem Leutnant, eine seiner mächtigen Fäuste ins Gesicht rammen, und dann würden sie über ihn herfallen. Sie würden ihre Mühe haben, Tillack würde wüten, eine ganze Weile wie ein gewaltiger Turm herausragen aus dem Haufen eher kümmerlich konstituierter Männer. Hätten sie ihn erst am Boden, würden sie mit ihren Gummistöcken auf ihn einschlagen, wieder und immer wieder, dann würden sie ihn gefesselt in eine der Arrestzellen im Keller von Haus I werfen. Wenn Tillack Pech hatte, würden sie ihm ein Verfahren wegen Widerstandes gegen staatliche Maßnahmen anhängen, und zu seinem – wie viel hatte er eigentlich? – acht Jahren Gefängnis, von denen er sechs bereits abgesessen hatte, würden möglicherweise zwei dazukommen, der gefürchtete „Nachschlag“…

 

„Herr Leutnant!“  Das war meine Stimme. Ich erkannte sie kaum, sie piepte hell und unecht. Der Gruppenführer der Schließer wendete sich von Tillack fort und mir zu.

„Der da war’s doch gar nicht!“

„Erzählen Sie nicht! Woher wollen Sie denn das wissen?“

„Ich weiß es, weil ich es war. Es geschah aus Versehen.“

Man ließ von Tillack ab. Groß und hässlich stand er da und glotzte mich an. Erstaunen malte sich in seinen Zügen. Wir kannten uns nicht, jedenfalls er nicht mich. Ich kannte Geschichten über Tillack, jene haarsträubenden Häftlingsromanzen, die man nachts in den Zellen erzählte, aber es war keine Heldentat, dass ich die Aufmerksamkeit der Schließer auf mich zog, auch nicht Bewunderung für eine von diesen Geschichten über Tillack; es war einfach die Überlegung, dass die Schließer mich nicht schlagen würden. Dass ich eine Story erfinden könnte, welche die Sache mit der Fensterscheibe klären würde. Dass ich die Fähigkeit hatte, diesem verblüfft starrenden Muskelpaket mit wenigen Sätzen Zähne und Jahre zu ersparen.

Es ging für mich tatsächlich harmlos aus. Im Grunde waren die Schließer alle froh, sich nicht an Tillack heranwagen zu müssen, und sie hörten mir, Unwilligkeit spielend, geduldig zu. Tillack durfte gehen.

 

Am nächsten Tag während des Hofganges rannte ein dünnes, altes Männchen auf mich zu. „Du sollst sofort zu Tillack kommen!“, japste es atemlos, und es führte mich wie ein dienender Höfling zum König. Tillack saß mit seinen Kumpanen in einer Ecke des Hofes, sie spielten ein Kartenspiel. „Der Imperator wünscht mich zu sprechen?“, grinste ich ihn an. Tillack musterte mich. Hier gab es offensichtlich eine besondere Situation, und ich sollte sie nicht durch meine Bemerkungen entmystifizieren.

„Hör zu!“, sagte Tillack, und er erhob sich und trat im Schweigen seiner Freunde dicht an mich heran. „Ich bin Bernd Tillack. Keine Ahnung, wer du bist. Aber wenn du irgendwo in den drei großen B einmal Schwierigkeiten haben solltest, ich meine natürlich Schwierigkeiten mit einem von uns, nicht mit den Bullen, dann darfst du ab jetzt sagen, dass Bernd Tillack dein Freund ist. Also…“  Er ergriff meine in seiner Pranke völlig verschwindende Hand und drückte sehr vorsichtig zu, „…Ich bin dein Freund. Und den hier merk dir. Sieh ihn dir genau an.“ Beim letzten Teil seines Satzes hatte Tillack mit seiner freien Hand auf einen dunkelbunten Schmetterling gedeutet, den er sich hatte auf den Hals tätowieren lassen. Er hielt noch einige Sekunden lang meine Hand, schaute dabei auf mich herunter und ließ mir Zeit, den Schmetterling sorgfältig zu betrachten. „Schönes Stück…“, murmelte ich einfallslos. Einer von Tillacks ehrfürchtig schweigenden Riesen lachte leise auf. Tillack zeigte wütend mit dem Zeigefinger auf ihn, und er verstummte wieder. Dann winkte Tillack ab, er winkte mich aus seinem Blickfeld, es war eine seltsam würdige, eine mächtige und überhaupt nicht verletzende Geste. Das alte Männchen begleitete mich zu Rudolf zurück, der auf einer Bank gesessen und die Szene zu beobachten versucht hatte.

„Was sind die drei großen B?“, fragte ich den alten Strafgefangenen. Er grinste. „Brandenburg – Bützow – Bautzen“, sagte er, „War ich schon überall. Genau wie Bernd.“

Er wieselte davon.

„Und?“, fragte Rudolf.

„Nichts und“, erwiderte ich, „Er hat gesagt, dass er mein Freund ist.“

„Feine Freunde hast du“, lächelte Rudolf, und dann lachten wir beide, und wir schmiedeten neue Schüttelverse, bis der Lautsprecher knarrte und das Ende des Freiganges verkündete.

 

Etwa einen Monat nach meiner Verlegung von Bautzen nach Brandenburg zupfte mir auf dem dortigen Freistundenhof ein recht kompakt gebauter Häftling im Vorüberschlendern die Zigarette aus dem Mund, die ich gerade rauchte. Ich stieß einen eher verblüfften als zornigen Laut aus, der Kerl drehte sich rasch um.

„Hast du was gesagt?“

„Es ist die Letzte, die ich mir leisten kann“, sagte ich,  „Gib sie zurück.“

Er kam wieder ein Stück zurück an den Platz, an dem ich stand.

„Was“, fragte er, „soll ich dir zurückgeben?“

Ich deutete auf die Zigarette in meiner Hand. „Das ist meine, oder willst du das Gegenteil behaupten?“

 

Solche Situationen hatten mich immer fassungslos gemacht. Als erstes fiel mir das Wichtigste ein: „Es gibt ein Bestes, man lässt es“. ‚Als Nichtraucher’, dachte ich, ‚wärst du nie in diese Lage gekommen, und der da auch nicht…’ Jetzt hätte ich verzichten können, dadurch wäre der starke Wunsch nach Gerechtigkeit, der in mir aufloderte, zu etwas Absurdem geworden, aber aller Ärger wäre vermieden worden, und ich hätte sogar noch eine Zigarette weniger in meinem Leben geraucht. Indem ich das wusste und trotzdem sofort erwiderte: „Natürlich behaupte ich das Gegenteil! Du hast mir das Ding gerade geklaut, du blöder Sack!“, geriet ich nun zwar in Schwierigkeiten; andererseits jedoch erhob mich mein besseres Wissen in einer seltsamen Weise über die folgenden Vorgänge. Weder lohnte es sich, um den Glimmstängel zu kämpfen, noch würde der Kampf aussichtsreich sein, denn der Dieb war eine imposante Fleischgestalt, und ebensolche Typen wie er, vier oder fünf, näherten sich bereits.

„Sie ist gleich heruntergebrannt!“, rief ich, „Und es ist wirklich die Letzte, die ich habe, also komm, rück sie wieder heraus!“ Freundlich lächelnd hielt ich dem Häftling die Hand entgegen.

„Das ist vielleicht ein Hafthahn!“, sagte dieser zu seinen inzwischen bei uns angelangten Freunden, „Er behauptet doch glatt, das Ding hier sei seins!“ Genüsslich sog er einen tiefen Zug Rauch ein und blies mir den Qualm ins Gesicht, „Sag’s uns doch noch mal, wem die Zigarette gehört, du Gurkenprinz.“

‚Hafthahn’ und ‚Gurkenprinz’ waren im Jargon der Häftlinge keine allzu erniedrigenden Beleidigungen. Viel wütender machte es mich zu sehen, wie meine Zigarette rasch an Länge verlor

 

„Es ist meine!“, sagte ich und griff danach. Einer von den Herbeigekommenen, er war dicht hinter mich getreten, drückte mir meine Oberarme an den Körper, indem er mich von hinten fest umarmte und seine Hände vor meiner Brust verschränkte.

„Also, ich würd' ihn ja in die Fresse hauen, für die falsche Anschuldigung!“, sagte ein anderer zu dem Dieb.

„Erst du, dann ich“, antwortete dieser, „Er hat zwei verdient.“

„Drei“, sagte der Dritte, und auf: „Vier!“, erhöhte der, welcher mich festhielt.

„Lass mich sofort los, du Schwein!“, schrie ich, wobei ich versuchte, mich der Umklammerung zu entwinden, was in Anbetracht der Kraft des hinter mir Stehenden eher mädchenhaft wirkte und die anderen zu brüllendem Lachen brachte.

„Das sieht aus wie bei einem Schwulen!, sagte der Dieb, rauchte den letzten, ihm an der Zigarette verbleibenden Zug und warf mir den Kippen auf die Schuhe, „Du bist also nicht nur ein Lügner, sondern auch noch eine Dreckschwuchtel! Dafür kriegste von jedem von uns nicht nur eine rein, sondern zwei.“

 

Langsam holte er zum ersten Schlag aus, im Zurückziehen seines Armes ballte er eine kräftige Faust. Da fiel es mir ein.

„Tillack hat gesagt“, sagte ich möglichst ruhig, „dass ich mir so etwas von niemandem gefallen lassen muss.“ Die Faust blieb stehen.

„Tillack?“

Ich nickte. „Bernd Tillack, mein Freund.“

Der Kerl lachte. „Tillacks Freund? Sowas wie du? Du kennst Tillack nicht mal!“

„Warte mal“, sagte einer von den anderen, „Du kennst Tillack?“ Ich nickte.

„Woher?“

„Bautzen.“

„Wann?“

Ich nannte ein Datum.

„Lass ihn los!“, sagte der Frager.

„Blödsinn!“, rief der Dieb, „So einer und Tillack kennen. Olle Berndte würde sich mit so einem wie dem da nie abgeben!“ Aber die Umklammerung lockerte sich.

„Ich, äh, kenne ihn nun mal“, sagte ich, „Und es geht dich nichts an, warum das so ist. Ein mieser Zigarettendieb wie du ist Tillack jedenfalls nicht!“

„Lass ihn in Ruhe“, knurrte der Dritte, „Wenn er Bernd kennt, ist er in Ordnung.“

„Ich möchte wetten, dass er ihn nicht kennt!“, rief der Dieb, „Pass mal auf, du Gurkenprinz: Wenn du Tillack wirklich kennst, dann weißt du auch, was er sich hinters Ohr tätowiert hat! Na?!“

Ich freute mich. „Natürlich einen Schmetterling!“, rief ich, „Bernd hat sich einen Schmetterling auf den Hals tätowieren lassen!“

„Links oder rechts?“, fragte mich der Zweite mit bohrender Stimme.

„Von dir aus gesehen rechts“, erwiderte ich.

„Na gut“, sagte er, „Und wie sieht der Schmetterling denn so aus? Na?!“

Ich hockte mich hin, malte aus der Erinnerung den Schmetterling in den harten Sand des Freihofes und zeigte auf bestimmte Stellen, wozu ich: „Rot, blau, grün“, sagte. Dann richtete ich mich wieder auf

„Wir entschuldigen uns bei dir“, sagte der Zweite sanft, und zum Dieb gewandt: „Los, auch du!“

„Schuldigung“, knurrte der Dieb.

„Ein paar Tuten her!“, verlangte der Zweite, und er hielt die Hand auf. Alle, auch der Dieb, holten aus ihren Taschen Zigaretten. Selbstgedrehte, und welche, die sie aus Schachteln und billigen Etuis schüttelten.

„Hier, nimm!“, sagte der Zweite zu mir, „Wie lange hast du noch?“

„Ungefähr zwei Jahre“, sagte ich.

„Von?“

„Von sechs.“

„Alles klar jetzt?“ Ich nickte. Die Häftlinge gingen davon. Am Ärgerlichsten an der Sache war, dass ich die Zigaretten in meinen aufgehaltenen Händen kaum erkennen konnte, weil ich Tränen in den Augen hatte.

Wieder dachte ich, dass mir das alles als Nichtraucher nicht geschehen wäre, doch diesmal kam mir die Zigarette, die ich gerade anzündete, in keiner Weise schädlich vor.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Tillacks Schmetterling

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