Rutilius Taurus Aemilianus Palladius war ein römischer Agrar-Schriftsteller. Er verfasste ein Fachbuch über die Arbeiten des Landmannes, Grundlagen des Erfolges: Luft, Wasser, Erde und - Fleiß. Das Buch wurde eine Art Bestseller seiner Zeit.

 

In Wien sah ich eine Zeitlang an jedem Morgen, von den Fenstern des „Sivananda Yoga Vedanta Zentrums“ her, den WALULISO. Der WALULISO war ein alter, hagerer Mann mit der verdächtigen Gesundheit eines Luis Trenker, ein wettergegerbtes, ledriges Etwas, das ständig Pappschilder an langen Stangen durch das Wiener Stadtzentrum trug. Ihm ging es weniger um Erfolg in der Landwirtschaft als vielmehr darum, das verruchte Großstadtleben zu läutern, Grundlagen: Wasser, daher das WA, Luft, daher das LU, Licht, daher das LI, und mit der Frage nach der Bedeutung des SO fordern wir den Scharfsinn des Lesers hier sicher bis aufs Äußerste.

 

Auf des WALULISO’s Schildern standen Sprüche wie: „Wasser, Luft, Licht, Sonne und alles wird gut.“ Manchmal hatte der stadtbekannte WALULISO schlechte Laune, dann stand auf seinem aktuellsten Signal: „The End Is Coming!“ Allenthalben steckten ihm die Wiener Geld zu, und Süßigkeiten. Blöde und glücklich leuchtete des überall geliebten WALULISO’s hellblaues Augenpaar unter seiner faltigen, braunen Lederglatze. Ihn sehend fiel mir an einem regnerischen Morgen (das herbstliche Wien im Regen ist ein fürchterlich deprimierendes Erlebnis) der Palladius ein, und da hatte ich zum ersten Mal die Idee, einen Almanach zu schreiben. Ich fing auch gleich an, aber nach nur acht Zeilen schickte Prinzessin Bora - das war eine uralte Wienerin mit Vergangenheit, von Adel, ohne Zähne und voller Verachtung für bekümmert aus dem Fenster starrende Leute wie mich - wieder einmal den Herrn des Universums auf den Markt, Karfiol kaufen.

 

Der Herr des Universums war Einsfünfundsechzig groß und riss sich darum, Karfiol kaufen gehen zu dürfen. Ich wusste genau, dass es deswegen war, weil er dann heimlich rauchen konnte, und er wusste, dass ich das wusste. Deswegen, und weil ich ihn nie wie alle anderen hier mit Parameshwara anredete, was „der Herr des Universums“ bedeutete, sondern mit Hansi, was auf seinen eigentlichen Namen, Johannes, hinwies, hasste mich der Herr des Universums so sehr, dass er immer, wenn wir uns irgendwo in den Fluren des Wiener Yogazentrums trafen, einen dunkelroten Kopf bekam und sich zu Prinzessin Bora in die Küche hockte.

 

Prinzessin Bora, die uralte Sponsorin der Wiener Filiale des „Sivananda Yoga Vedanta Zentrums“, war eine ehemalige Erste Hofdame, ich glaube, von Sissi. Meist hockte sie in einem abgedunkelten Zimmer, hing ihren blaublutigen Jugenderinnerungen nach und verdaute Karfiol. Das alles mit dem Karfiol war ohnehin nur, weil die Alte so gern Blumenkohlsuppe aß - wenn ich mich recht erinnere, habe ich sie während des ganzen Jahres, das ich nun schon hier war, nie etwas anderes essen sehen, als Blumenkohlsuppe.

 

Als Hansi acht Mal hintereinander Karfiol kaufen gehen gedurft hatte, und ich kein einziges Mal, da steckte ich den Schlüssel vom Tempelklosett von außen in die Tür, wartete hinter einer Ecke, bis der Herr des Universums pinkeln musste und schloss ihn ein. Ich ließ ihn toben und schreien und trabte in die dritte Etage, wo ich mir von der Prinzessin, welche ihren Hansi vermisste, die  unwirsche Genehmigung holte, Karfiol kaufen gehen zu dürfen. Pfeifend spazierte ich an der Aborttür vorüber, hinter der Worte erklangen, für die sich der Teufel geschämt hätte, und dann lief ich unter dem tempeleigenen, geblümten Regenschirm, einen Henkelkorb am Arm, zwischen den Lippen eine mächtig qualmende Selbstgedrehte, auf den Wiener Naschmarkt zu, Karfiol kaufen.

 

Alsbald traf ich den WALULISO.

„Na!“, sagte ich zu ihm, weil ‚Na’ eine Silbe aus dem Sanskrit ist und starke Ablehnung bedeutet.

„Hahaaa!“, antwortete der lange, dünne WALULISO und zeigte auf das Schild vom Tage.

„Geschafft! Die UNO hört den WALULISO an!“, stand darauf, in Buchstaben, die irgendwie waren wie der WALULISO selbst - verdächtig gesund und proper strotzend.

„Oho!“, erwiderte nunmehr wiederum ich, worauf der WALULISO mir stolz erläuterte, dass er vor der UNO-Vollversammlung eine Rede halten dürfe, über die Lebenswichtigkeit von - wir ahnen es bereits - Wasser, Luft, Licht und SO weiter. Ich versuchte, ihn mitten im Regen in einen gemeinen Diskurs über die Unterschiede zwischen Licht und Sonne zu verwickeln, aber er schaute mich nur glücklich und aquamarinblau an und meinte lächelnd, er verstehe mich schon: Ich würde einfach viel mehr Wasser, Luft, Licht und Sonne brauchen, und im übrigen sähe ich mit meinem geblümten Regenschirm und dem Flechtkorb am Ellenbogen aus wie eine Oma.

 

Also nahm ich ihm sein Schild weg und haute es ihm auf den Kopf. Zwar, sein Schädel war hart und das Schild nur aus dünner Presspappe, und das Geräusch, das ertönte, als ich ihm das Ding auf die Glatze donnerte, war auch bestimmt viel lauter, als des WALULISOs Schmerz groß. Indes, der Alte galt in Wien als eine Institution, und deswegen hatte ich mich sogleich einiger Spazierstöcke und Regenschirme zu erwehren, die das zum erbitterten Kampf entschlossene Wiener Marktpublikum wider mich zum Einsatz zu bringen ernsteste Mienen machte. Des WALULISOs Schild an dessen Stiel wie einen Schneeschieber verwendend, versuchte ich, mir inmitten der rasch anwachsenden Horde redlich empörter, alter Leute eine Fluchtgasse freizuschaufeln. Diese Gasse endete allerdings vor einem beherzten Hutzelmännlein, das einfach stehenblieb, und mir rätselhafterweise den Satz:

„Im Noahmen der Veräähnten Nationen - haltens ään!", entgegenrief. Verwirrt blieb ich stehen und senkte meine Waffe.

 

Der WALULISO fühlte sich, umringt von einem Häufchen alter Damen, die begütigend auf ihn einredeten, ihn überall am Leibe tätschelten und ihn mit Taschentüchlein traktierten, sichtlich wohl. Strahlend kam er näher und vergab mir großmütig.

“WHASSA! LHUFFT! HÄLICCHTT! HÄSONNE! Viel davon! Auch für HÄDICH!“, rief mir der WALULISO segnend entgegen, und er ergriff meine Hand. Inmitten des immer noch bedrohlich surrenden Hornissenschwarms seiner Anhängerinnen musste ich mit ihm an einer der Marktbuden ein großes Glas naturbelassenen Himbeersaft trinken und mir anhören, dass ich bereits das nächste Weihnachtsfest nicht mehr erleben würde, wenn ich mich nicht endlich den reinigenden Kräften von - der klügere Leser ahnt es wohl abermals bereits - Wasser, Luft, Licht und Sonne hinzugeben bereit fände. Es malte der lautstarke WALUISO, mich dabei immer weiter fest an der Hand haltend, vor seinem begeisterten Publikum ein dermaßen grässliches Bild von meinem Gesundheitszustand, dass die gerade noch heftig empörten Mütterchen nunmehr mitleidig seufzten. Eines von ihnen kaufte mir Kuchen, die dicke Inhaberin der Marktbude überließ mir den Himbeersaft umsonst, und das Gesicht des WALULISO strahlte wie eine braune Sonne. Ich musste meinen Tabak auf den Boden ausschütten und mit dem WALULISO zusammen darauf herumtrampeln, dann wurde ich gnädig entlassen.

Niedergeschlagen hockte ich mich auf eine alte Bank unter einer mächtigen Kastanie und stopfte sinnlos den trockenen Kuchen in mich hinein.

 

An der Eingangstür zum "Sivananda Yoga Vedanta Zentrum" bemerkte ich, dass es bereits spät am Nachmittag war, und ich vergessen hatte, Karfiol zu kaufen. Die Toilettentür im Erdgeschoss war inzwischen aufgebrochen. Entschlossen stampfte ich die Treppen zur Tempelküche hinauf. Zwar, ein bisschen fürchtete ich mich vor der Rache des Herrn des Universums, doch ich wusste inzwischen ja auch die Vereinten Nationen hinter mir. Der Herr des Universums oder ich - egal, wer gewinnen mochte - ich würde diese vier Grundlagen des Lebens nie, nie wieder vergessen. (Sie übrigens auch nicht. Wetten?) Rutilius Taurus Aemilianus Palladius hatte in seinem Almanach anstelle der Sonne den Fleiß gesetzt. Das Feuer des Fleißes ist ein sehr schöner, ein wärmender Gedanke am Abend eines Regentages in Wien.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Und wieder regnet es in Wien ...

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