Für einen Earl Grey reichte es noch. Es schneite und regnete in einem, und direkt vor dem kleinen Hotel sprang mir die Kette vom Fahrrad. Ich fluchte, rannte hinein und bestellte mir einen Tee. Nicht, dass ich hier wohnen würde, nein, ich war obdachlos, und in dieser Hotelbar wusste ich den Tee erschwinglich; es war außerdem warm dort, und man würde mich eine Stunde lang in Ruhe lassen.

 

Um diese Zeit - es ging hinter den bleischweren Schneewolken gegen Sonnenuntergang - war die Bar fast leer. Am anderen Ende meines Tisches hockte in einem tiefen Ledersessel ein junger, schwarzbärtiger Mann mit unbarmherzigem Blick. Obgleich sein Bart auf das Sorgfältigste geschnitten war, wirkte der Mann ungepflegt; er strahlte eine dumpfe Unsauberkeit aus, die von innen zu kommen schien. Vor sich auf dem Glastisch hatte er einige Papiere zu liegen, und in den sehnigen Händen knüllte er eine teuer aussehende Skimütze. Ich ließ meinen Teebeutel im Glas an seinem Faden langsam aufsteigen und niedersinken und füllte mir zur grenzenlosen Verachtung des nervösen Bartmannes lächelnd Unmengen von Zucker in mein Getränk.

 

Eben war ich beim provozierend langsamen Umrühren, als ein hübsches, blondes Fräulein auf langen Beinen freudestrahlend auf den Jüngling zugestöckelt kam. Heftig schüttelte sie die schneenassen Haare aus und ließ einen Schwall fröhlicher englischer Sätze in den Kerl hineinströmen. Der Bärtige war aufgestanden; er hatte das Mädchen sehr kühl begrüßt und saß jetzt wieder. Sie von unten her anschauend, sagte er irgend etwas, worauf sie in Tränen ausbrach, sich in einen Sessel fallen ließ und dort verschiedene klassische Positionen einer Weinenden vorstellte, mit zurückgeworfenem Kopf, vornübergebeugt, flehend erhobenen Hände und so weiter.

 

Völlig ungerührt erklärte der Bärtige, er könne leider nichts weiter für sie tun, die Sache sei endgültig entschieden. Außerdem habe er unglücklicherweise gleich einen Termin. Es war eine jener Entitäten, die eigentlich alle mit Vor- und Nachnamen Schuld hießen. Wenn sie jemandem in die Augen schauten, starrten sie mit dem „Ich-bin-mir-selbst-ein-Rätsel“-Blick, und rätselte man nicht mit, trat nasser Zorn in diese leeren, sengenden Sülzfleischkugeln, die man für Augen zu halten hatte.

 

Das Mädchen griff nach den manikürten Fingern dieses Totenkaspers und redete heftig auf ihn ein. Ich verstand zunächst fast nichts, nur, dass sie wohl gerade von ihm erfahren hatte, dass etwas, worauf sie sehr gehofft haben mochte, sich zerschlagen hatte. Ruhig stopfte ich mir eine Pfeife. Als der duftende Rauch den Nasenlöchern der Weinenden begegnete, schaute sie kurz aus blitzend zornigen Augen zu mir herüber, ein rasches, tiefes Forschen im Blick, dann jammerte und argumentierte sie weiter. Der Bärtige rückte angeekelt von ihr ab, sie rückte flehend nach. Aus meiner Sicht verhielt sie sich völlig falsch. Wenn sie überhaupt noch etwas erreichen wollte, brauchte der da jetzt sofort Feuer, eine volle Breitseite. Aber nein, sie setzte weiter auf Heulen, hielt sich wirklich für erledigt. In den Augen des Kerls veränderte sich nichts, sie blieben gläsern, und er hatte bereits begonnen, ihr Bitten sichtlich zu genießen.

 

Inzwischen hatte ich herausbekommen, dass es um einen Film zu gehen schien, um ein Projekt, in dem der Bartmann eine Entscheidungsposition innehatte, für mich ein Gräuel, tote Hunde in Machtpositionen. Ich fand die Blonde nicht mehr sonderlich erregend, doch weil mich der Bärtige so anwiderte, tat sie mir doppelt leid. Aus irgendeinem Grunde war sie gerade von ihm gefeuert worden, alle Zukunft, die sie sich vorzustellen vermochte, war dahin. Weiterhin verstand ich von dem schnellen Dialog fast nichts, nur ein klares Empfinden verstärkte sich in mir, dass der Kerl ihr auf hässliche Weise uralte Willkür antat. Ich überlegte ein wenig, wie man die Situation zu Gunsten des Mädchens wenden könnte. Mir fiel nichts ein, und ich wollte bereits aufgeben, da ließ die junge Concierge am Rezeptionstresen plötzlich eine CD mit dem Soundtrack des Films: „Ghost – Nachricht von Sam“ spielen. In dem Film war es, wie ich mich erinnerte, um den jungen Sam gegangen, der, nachdem er ermordet worden war, als freundlicher Geist weiterlebte. Ich guckte mich nach ein paar Hilfsgeistern um und sah, dass die Blonde allein war.

 

Inzwischen meinte ich jedoch deutlich zu spüren, dass die Situation unbedingt auch etwas mit mir zu tun hatte. Also stellte ich mir einen netten Sam vor, einen kräftigen Patrick Swayze, ich pumpte ihn voll mit Lebenskraft, bis ich ihn deutlich sehen konnte und er mich fragend anschaute. Ich bugsierte meinen Sam hinter die Sessellehne der Jammernden und füllte ihn, angestrengt die Luft einhaltend, mit Farbe, Kontrast und Freundlichkeit. „Hilf ihr“, murmelte ich. Sam nickte lächelnd und legte dem Mädchen eine seiner Geisterhände auf die schmale Schulter. Durch die Blonde ging ein sichtbarer Ruck. Ihr bislang verstörtes Argumentieren wurde jetzt entschlossener, aus ihrem Stammeln wurde wieder Sprache. Der brutale, gläserne Blick des Bärtigen bekam etwas Interessiertes, dann etwas Verblüfftes. Er hatte seine Mütze wieder abgesetzt, knüllte sie erneut zwischen den Händen und hörte jetzt unfreiwillig aufmerksamer zu, was das Fräulein ihm zu sagen hatte.

 

„Where are my securities?“, fragte er schließlich.

„Knall ihm eine!“, sagte ich leise zu Sam.

Sam schüttelte den Kopf und blies der Blonden in den Nacken. Er wusste es besser, ich war stolz auf ihn. Die Blonde lächelte wütend und schön. Ich war auch stolz auf sie.

„Yes. May be. But where are my securities?“, wiederholte der Bärtige. Er ließ sichtlich nach, sah verlebt und ungesund aus. Die Frische war ganz auf der Seite des Fräuleins. „Securities, securities“, knurrte der Bärtige.

„Das Ende deiner Ängste ist der Anfang deiner Sicherheiten”, murmelte ich auf Deutsch.

 

Jetzt griff der Jüngling seinerseits nach den Händen der Blonden. Er lächelte mit giftiger Sanftheit, und ich dachte schon, es habe alles nichts geholfen, aber er sagte nun, er würde tun, was er könne, und es würde für sie doch noch alles gut werden. Sam schaute mich fragend an, ich nickte ihr zu. Er lächelte mich abschiednehmend an und löste sich langsam auf. Die beiden Realpersonen gingen gemeinsam fort.

„Du hättest Danke sagen können“, murrte ich.

„Thanks“, sagte die Blonde sofort laut und barsch, und sie sah mich nach dem Verklingen des Wortes ganz kurz an. Durchaus möglich, dass sie den Bärtigen meinte, der ihr soeben eine ihrer Taschen abgenommen hatte.

 

Gleich darauf kam eine kleine Kirschäugige mit Pausbacken in die Bar gestürzt. Sie heulte und schluchzte. Mit beiden Händen hielt sie ein großes, weiches Stück Kuchen umklammert, das sie mit Tränen tränkte. ‚Was für ein Jammertag’, dachte ich, und ich schaute mich nach Sam um. Immer noch lief dieser Soundtrack. Aber Sam war fort, und andere Geister ließen sich vorerst nicht blicken. Vor den Fenstern Schneeregen. Mein Earl Grey ging zur Neige. Gleich würde es draußen ganz dunkel sein.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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