Der kleine Herr Sack glaubte nicht an die Götter, das machte diese interessiert und laut. Während der Tagesläufe bewiesen sie ihm, was für verachtenswerte Schlampen alle Frauen waren, und nach den Sonnenuntergängen zeigten sie ihm mit derselben nachlässigen und geübten Eindringlichkeit, wie unvergleichlich schwer die Gemeinschaft der Dame Weib doch zu erreichen sei.

Heute sollte es anders werden.

‚Ich habe gerade gar keine Zeit, Euch zu hassen!’, dachte der kleine Herr Sack in einem fort, als dieses unerträgliche Argumentieren in seinem Gehirn wieder einsetzen wollte, ‚Ich habe überhaupt keine Zeit, Euch zu hassen, nein, nein! Lasst mich einmal eben, lasst mich, ich muss gerade lieben, davon versteht Ihr sowieso nichts, ich bin ein Liebender, also hört mir gefälligst einfach zu!’

Nun gut, die öligen Götter des kleinen Herrn Sack hörten zu. Bald schon schwebte ein breites, zynisches Grinsen über der Sackschen Gestalt, denn seine liebevollen Argumente waren schnell versiegt und klangen in der Wiederholung doch arg verzagt. Bekümmert schaute der kleine Herr Sack auf und entdeckte am klaren Himmel eine Wolke in Gestalt einer großen, verzerrten Fratze.

Da wendete der kleine Herr Sack wieder seine erprobte List an und gab sich insgeheim den Namen Herz. Gott, wie gut ihm das tat!

 

Auch im zweiten Café war die Welt immer noch rau für den kleinen Herrn Herz, und die Sonne galt ihm immer noch für ein gnadenloses, brennendes Ding. Eine sehr junge, sehr hässliche Serviererin mit säbelkrummen, dürren Beinen betrog den kleinen Herrn Herz beim Abkassieren seines Apfelsaftes frech um zwei Euro.

„Das ist aber hübsch!“, ließ sich der kleine Herr Herz vernehmen, als sie längst schnippisch davongerauscht war und er seine aus fassungsloser Wut kommende Bewegungslosigkeit endlich wieder überwunden hatte, „Sie hat also tatsächlich das Gefühl, mehr als Geld nicht mehr vom Leben erwarten zu dürfen. Aber davon will sie dann möglichst viel, hihi! Was es doch für tragische Schicksale gibt! Na, was sind schon zwei lumpige Euro, na ja. Für einen Liebenden sind zwei Euro gar nichts!“

„Philipp, Du liebst ja!“ rief in seine Gedanken hinein eine dunkle Frauenstimme, halb spöttisch, halb erstaunt. Die Stimme kam wohl aus irgendeinem Fenster. Der kleine Herr Herz schrak tief zusammen - es passte wieder einmal so sehr genau, denn obwohl er Manuel Sack genannt wurde, hieß er insgeheim doch Philipp Immanuel Herz.

 

Immer wenn es so genau zu passen begann, wurde es höchste Zeit für den kleinen Herrn Herz. Auch vorhin, im ersten Café, als er sich in einem dieser unsäglichen Stühle geräkelt hatte, und es war ein Mann mit einer Umhängetasche vorübergelaufen, auf welcher: ‚Achte auf deinen Rücken. Deine Gesundheitskasse.‘, gestanden hatte, war er schnell aufgestanden und gegangen. Der kleine Herr Herz nahm solcherlei Botschaften überaus ernst. Wenn er dann weiter in seinen Tag hineintrabte, blieb in ihm zwar oft der Eindruck, dass er vielleicht einfach seine Umtriebigkeit etwas besser beherrschen sollte, um auch einmal Glück zu empfangen. Doch gerade, wenn derlei Empfindungen in ihm Leben zu gewinnen begannen, fand er sich bereits wieder unterwegs. So wurden seine Spazierwege von Café zu Café zu stets von ungewisser Reue durchzitterten Märschen.

 

„Es wird Ihnen etwas zu persönlich sein - soll ich trotzdem?“ das Fräulein lächelte harmlos. Es war im dritten Cafè und Herr Herz hatte mit dem Fräulein an seinem Tisch freimütig geplaudert. Dann hatte er sie lächelnd nach ihrer Meinung über ihn gefragt.

„Nur zu! Guten Mutes! Die Wahrheit hat noch keinem geschadet!“, rief der kleine Herr Herz ermunternd aus.

„Also gut!“, erwiderte das Mädchen. „Vorhin, als Sie ein schlechtes Gewissen bekamen, weil ich so abweisend zu Ihnen war, da hätte ich beinahe so etwas wie Mitleid mit ihnen haben können. Aber dann merkte ich, dass sie viel zu gern ein schlechtes Gewissen haben. Von da ab fehlt mir, Sie betreffend, jede Meinung, und auch das, was ich Ihnen abschließend noch sagen möchte, das sage ich eigentlich schon jemandem, der ganz gewiss nicht Ihr Freund ist: „Sie sind mir unsympathisch, und ich finde Sie todhässlich!“

Nach dieser kleinen Rede erhob sich das Mädchen mit hübsch geröteten Wangen, warf das schulterlange, blonde Haar mit einer ruckartigen, frischen Kopfbewegung zurück, dass all die Korkenzieherlöckchen federten, und es schritt hochbeinig davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Auch der kleine Herr Herz machte sich da wieder auf seinen Weg. Er war nicht sonderlich berührt; so waren die Weiber eben. Was sie eigentlich an Unterhaltung boten, das reduzierte sich schließlich doch immer auf jenen zynischen Genuss, der aus der intellektuellen Umlagerung von Schuld entstehen kann. Ihm, einem tief Liebenden, konnte so etwas nicht den Tag verderben, o nein.

Im nächsten Cafe setzte er sich aber doch besser an einen leeren Tisch. Kaum jedoch hatte er seinen Espresso bestellt, da kam sie. Ihr schmaler Rocksaum markierte genauestens jene scharfe Grenze, welche zwischen der sittsamsten, intelligentesten Tugend und fragloser, bebender Lust angesiedelt liegt. Eine solche Grenze, das wusste der kleine Herr Herz, findet sich bei jeder Frau auf einer anderen Höhe ihrer Schenkel, und ähnlich einem Parfüm, welches in Kontakt mit jeder anderen Haut etwas anders duftet, und untrüglich wie ein Fingerabdruck verleiht diese Grenze aussagestarke Authentizität.

Am Provozierendsten für den völlig verblüfften kleinen Herrn Herz war es, dass das Fräulein dort von all ihrer Kraft und Schönheit selbst nicht das Allergeringste zu bemerken schien. Sie bewegte sich völlig unverbildet von Schmeichelei und bewusster Koketterie. Am Tisch direkt neben jenem, an welchem der kleine Herr Herz hockte, nahm sie soeben Platz. Die ledernen Tragriemen ihrer Umhängetasche, die sie dicht an ihren Beinen auf den Boden gestellt hatte, lagen über ihren Strümpfen, der Anblick hatte etwas Gezügeltes, eine fesselnde Form von Fetischismus.

 

Das war sie. Endlich. Sie bestand aus der letztgültigen Endsumme sämtlicher Vorzüge, welche der kleine Herr Herz für sich innerhalb von drei Jahrzehnten aus Illustrierten der ganzen Welt zusammenfügt und schließlich noch mit seiner Vorstellungskraft multipliziert hatte. Er riss seine wasserblauen Augen weit auf und wusste nichts zu sagen. Mit einem Male verstand er den tiefsten Sinn der Sprachlosigkeit - nichts war mehr, das mit irgend etwas anderem zu vergleichen gewesen wäre; aus dem Menschenmöglichen war das Mögliche geworden, und alle menschlichen Worte wichen schamhaft zurück. Dem Mund des kleinen Herrn Herz, der sich langsam und blöde geöffnet hatte, entkam ein langer, röchelnder, kehliger Laut.

Er hörte diesen grässlichen Laut selbst, und er entsetzte sich, denn sie hätte es auch hören können, dicht genug vor ihm saß sie ja. Hastig fingerte er nach seiner breiten, kurzen Krawatte und ächzte dabei vor Wonne. Der kleine Herr Herz verspürte unvermittelt das starke Bedürfnis, in wieselnder Eile den ganzen Kaffeehausgarten aufzuräumen. Tadelnd sah er nach dem Eingang hinüber, wo in ruhiger Untätigkeit ein älterer Ober in fadenscheinigem Schwarz und vergilbtem Weiß stand und besorgt nach dem sich rasch immer stärker verdichtenden Gewölk des Nachmittagshimmels sah.

 

Inmitten einer von Makeln übersäten, hässlichen Welt, auf welcher es nun zu allem Überfluss gleich auch noch zu regnen beginnen würde, war dem kleinen Herrn Herz also plötzlich ein Wunder erschienen. Seine intensiv nach dem Ursprung der Dame forschende Phantasie verließ sofort alle irdischen Gefilde und ließ sich nur mühsam wieder zurückbringen. Der kleine Herr Herz bemerkte die Erstarrung seines Körpers in einer unnatürlich verkrümmten Haltung gaffenden Staunens. Er ließ also seine kurzfingrige Hand mit den spatenförmigen, flachen Nägeln zunächst geschäftig in der Innentasche seines schäbigen Jacketts nach einem nicht vorhandenen Schreibstift fingern, und als er sie wieder hervorbringen musste, ballte er die verhassten Fingerwürste zur Faust und schaute lange und bedeutsam auf seine klobige Armbanduhr.

Der von jahrzehntelangen Demütigungen und von mühsam ertragenem Spott geprägten Logik des kleinen Herrn Herz gemäß würde natürlich gleich einer der Bediensteten des Kaffeehauses in der Szene erscheinen. Dieser Mann würde ein Tablett tragen, auf dem sich ein Telefon befinden würde; die Dame würde dieses Telefon lächelnd ergreifen und zu ihrem nächsten wichtigen Termin abberufen werden. Es könnte auch eine lange Limousine geräuschlos am Bordstein halten, und ein junger Herr mit Sonnenbrille, vom aufmerksamen Chauffeur aus dem Fonds entlassen, würde.... Oder, sagte sich der kleine Herr Herz, ein Schwarm von Fotografen fände endlich das gehetzte, in diesem ruhig gelegenen Gartenkaffee Erholung suchende Wild, ein Hagel von geschmacklosen Fragen, ein Blitzlichtgewitter - -

 

Nichts dergleichen indes geschah, und das machte den kleinen Herrn Herz sehr bald überaus misstrauisch. Sie saß, saß und blinzelte in die Sonne. War da nicht etwas Bäurisches in den Bewegungen ihrer Arme? Endeten ihre schlanken, leicht übereinander geschlagenen Beine nicht vielleicht doch in etwas zu breiten Füßen, benagte sie gar ihre Fingernägel? Der kleine Herr Herz strengte sich, gleichzeitig um Unauffälligkeit und um Schärfe in seinen Beobachtungen bemüht, auf das Äußerste an: Nichts. Sie war von einer Perfektion, die seine Augen tränen und schmerzen ließ.

Die märchenhafte Erscheinung dieser fleischgewordenen Vollendung in Gemeinsamkeit mit der ruhigen Anonymität, in welcher sie verblieb, ergab für den kleinen Herrn Herz keinen Sinn; so wartete er in steigender Spannung und Unruhe weiter ab, von welcher Art wohl die Enttäuschung sein mochte, die unbedingt eintreten musste, durch welche die herrliche Dame wieder in ihre weite Welt entführt würde und ihn bei seiner armseligen Kaffeetasse zurückließe, erneut missachtet in gutmütiger Gleichgültigkeit.

 

In irgend einem Winkel seines Daseins stellte der kleine Herr Herz an dieser Stelle des Geschehens flüchtig fest, dass er auch sonst in seinem Leben eigentlich nie etwas anderes tat, als abzuwarten, doch er schaute mutig hinauf zur Sonne, und diese drang durch seine Pupillen gleich zwiefach in ihn ein, das düstere Eckchen wurde ausgeleuchtet und war nicht mehr des weiteren Angedenkens wert.

Das Fräulein am Nebentisch winkte jetzt dem Ober, welcher raschelnd herbeieilte, in seinem abgeschabten, vor Alter speckig glänzenden Frack, das ehemals weiße Hochbundhemd am dürren, angriffslustig vorgereckten Hals von einer schief sitzenden, gewaltigen Fliege eng zusammengehalten. Eine Stechmücke von Kellner, lästig, näselnd, mit einem großen, knorpeligen Ganovenkropf, in jeder Falte seines grüngrauen Gesichts nistete einfallsloser Betrug. Seine vor Müdigkeit kleinen Augen wässerten über den Körper der Frau. Sie bestellte etwas, mit einer dunklen Stimme, von welcher der kleine Herr Herz nur die Melodie aufnehmen konnte. Der Ober nickte knapp, sprach ein paar Worte zu ihr, und ihre Erwiderung, ein offenes, leuchtendes Lächeln, nahm dem kleinen Herrn Herz auch noch seine letzte, ängstliche Befürchtung, dass sie vielleicht ein schlechtes Gebiss haben könnte.

Dann kam ihm die verrückte Idee, dass vielleicht nur er sie als so wunderschön ansehen könnte, er ganz allein, nur er allein.... Eine fürchterliche Einsamkeit fiel den kleinen Herrn Herz mit diesem Gedanken an, und wild schaute er um sich, um auch in den Blicken anderer Kaffeehausbesucher Bewunderung für die Dame zu entdecken. Freilich würde er sehr eifersüchtig werden, doch ein weiteres Mal, wie schon vorhin, als er kein Wort hervorbringen konnte, entdeckte er einen tiefen Grund für etwas Einfaches: Es war das hohe Recht der Eifersucht auf Bestand - sie bestätigte Schönheit. Wie unter der Einwirkung einer schnell wirkenden, starken Droge versank der kleine Herr Herz unvermittelt in ein trübseliges Grübeln.

 

„Verzeihen Sie bitte - darf ich mich wohl für einen Augenblick herüber zu Ihnen setzen?“

„Hä? O Gott! Ogottogott!!“

Auf das Heftigste zuckte der kleine Herr Herz zusammen. Das war Sie! Und sie meinte ihn!

Ihr helles, zartes Gesicht war von einer kräftigen, rostroten Mähne umgeben. Auf ihren beiden Nasenflügeln wohnten genau acht glückliche Sommersprossen. „Acht!“, murmelte der kleine Herr Herz, er nickte in grässlich ihn lähmender Verblüffung, und sie ließ sich ohne Umstände graziös und natürlich auf dem Eisdielenstühlchen nieder, das seinem Platz gegenüber stand. Alsbald fragte sie freundlich lächelnd, mit einer mütterlich dunklen Stimme, die einen erstaunlichen Kontrast zu ihrer mädchenhaften Erscheinung bildete:

„Sagen Sie mir wohl Ihren Namen?“

„Herz!“, hörte der kleine Herr Herz wie dumpf ein Wort aus ihm entkam. Seine Stimme versiegte.

Das Fräulein lachte hell auf, es war ein so reines, erfrischendes Lachen, und es erheiterte ihr jugendliches Gesicht so sehr, dass der kleine Herr Herz sich aus irgendeinem Grunde zutiefst schämte. Täppisch fühlte er sich und plump, jawohl, plump!

„Herz, Herz!“, wiederholte das Fräulein, „Wie das klingt! Das ist ein wunderbarer Name. Sagen Sie ihn bitte noch einmal. Bitte.“

„Ich soll, äh, meinen Namen noch einmal? – Nun, -- Herz“, wiederholte der kleine Herr Herz gehorsam. „Philipp Immanuel Herz.  Meine - äh, Freunde - sagen alle Phil zu mir.“ Da, wo jetzt in seinem Geiste eine kurze Erinnerung an diese Freunde hätte aufschimmern müssen, dröhnte ein grauer, leerer, weicher Fleck, welcher sich langsam zu drehen begann und dabei erschreckend an Größe zu gewinnen drohte.

„Haben Sie viele Freunde, Philipp Immanuel Herz?“, fragte die Dame.

„Oh! Wie bitte?“ Der kleine Herr Herz hatte nicht mehr bemerkt, was um ihn herum vor sich ging. “Was beliebten Sie soeben ---?“

„Verzeihen Sie. Es war nicht wichtig. Würden Sie mir verraten, welchem Beruf sie nachgehen?“

„Tierarzt“, antwortete er sofort. „Ich, ähm, nun ja, ich bin ein Tierarzt.“ Es entsprach seinem Selbstverständnis, sich zu schmälern, und so beeilte er sich, seiner wahrheitsgemäßen Auskunft beizufügen. „Oh, ich behandle nichts Großes. Meerschweinchen, Hamster, Kanarienvögel, ein paar Katzen. Manchmal kommt auch ein Hund. Ich meine, der Hund wird zu mir gebracht, er kommt ja nicht von selbst, hihi. Krm-hm, nun ja. Einmal hatte ich eine Ziege mit Ziegenpe – krm.“

 

Räuspernd unterbrach er sich. Kurz und intensiv spürte er wieder diesen dürren, stechenden Hass auf sich selbst, weil er sich so entschuldigte. Verdammt war er. Das Mitleid ersehnte er, nicht die Achtung, sogar jetzt, in der Gegenwart dieses Traumes; es war vielleicht schon immer so gewesen. Er verfluchte die aufdringlichen Belehrungen seiner pausenlos tätigen Selbsterkenntnis, den viel zu intakten Mechanismus seiner kläglichen Einschränkungen, und er verdammte, dass fressender Kleinmut für ihn zur Wahrheit geworden war. Ganz kurz verlor sein Blick an Sehkraft, auch sein Gehör zog sich zurück und er vergaß die Lady, weil es in ihm so angestrengt überlegte, womit man den hässlichen Hass, welcher mordend in ihm bohrte, wohl vergleichen könne. Dieser Hass war, fand der kleine Herr Herz, und etwas wie Schärfe kehrte in sein kurzsichtiges, wasserblaues Augenpaar zurück, wie der grausame Blick einer alten, dick bebrillten Frau, die ihre gnadenlosen, kalkigen Hände um eine Bibel krallte. Um eine Bibel. Gnadenlos... .

 

Sein Blick verirrte sich; der kleine Herr Herz suchte für einen Moment lang tatsächlich mit seinen Augen den Cafègarten nach dieser eingebildeten Grässlichkeit ab, und er fuhr zusammen, als er es bemerkte. War es etwa so, dass er in Wirklichkeit nicht wunderschöne Frauen liebte? Ersehnte er vielleicht am Eigentlichsten ein Ungeheuer, jenes Monstrum von Weib, an das er gerade wieder gedacht hatte? Deren Bild ihm seit Jahren immer genau zu den allerunpassendsten Gelegenheiten so intensiv und abstoßend erschien?

Aufs Äußerste verwundert hörte der kleine Herr Herz, als er wieder hörte, dass er wohl bereits seit einer ganzen Weile redete. Erstaunt begriff er, dass er während seiner, ihm langwährend scheinenden, verzagten Überlegungen ohne Unterbrechung weitergeplaudert hatte:

„... und habe nie von der Leiter eines Feuerwehrwagens aus einer Giraffe einen Zahn gezogen, müssen Sie wissen, ja, und Löwen mit Halsweh sind mir auch nur in schlechten Filmen begegnet. Oder Alligatoren! Na, Gottlob, bei mir war noch keiner! Ja, ich habe eine kleine Praxis in der Mitte dieser Stadt. Es ist nicht weit von hier, ganz nah. Ach, diese Stadt ist nichts für Tiere, das können Sie mir wohl glauben. In meiner Freizeit? Das wollen Sie wirklich wissen, was ich in meiner Freizeit mache?  Nun, ich habe ein sehr einfaches Hobby, ich sammle illustrierte Zeitungen, alle Sprachen. Ich ordne sie, ich erfahre seltsame Dinge über die Welt. Ich streiche an und schneide aus. Zwei Keller habe ich bereits mit solchen Material angefüllt. Es ist nur eine schäbige Freude, aber na ja. Ach, verzeihen Sie mir, ich bin gewiss kein sehr unterhaltsamer Mensch.“ Der kleine Herr Herz blickte das aufmerksam lauschende Fräulein fragend an.

 

Schweigend legte dieses ihre warme, lebendige Hand leicht auf die seine. In dieser Stadt musste es Hunderte von Domen geben; von überallher dröhnte schweres Glockengeläut. Sie schlug die leuchtend grünen Augen zu ihm auf und sah ihn tief an. Der kleine Herr Herz hatte das einmal irgendwo gelesen: ‚Sie legte ganz schön was rein in diesen Blick...’. Was wollte sie denn von so einem wie ihm, dass sie das tat?

Ihre Antwort kam schneller als er seine Frage zu Ende gedacht hatte. Es war eine Erkundigung, und noch bevor er wusste, was sie von ihm verlangen würde war der kleine Herr Herz von der Redlichkeit ihrer Bitte zutiefst überzeugt.

„Ein Tierarzt!  Meine Güte, was für ein Zufall! Lieber Herr Herz, Pardon, lieber Herr Doktor Herz, würden Sie mir vielleicht einen Gefallen tun?  Nur einen ganz Kleinen? Keine Sorge, es ist etwas völlig Harmloses.“

„Nun, also, wenn Sie mich so direkt danach fragen - ja doch, ja. Ja, natürlich.“

„Phil, stellen Sie sich einmal vor, ich wäre eigentlich ein Tier.“

„Ein Tier!“ Der kleine Herr Herz machte empörte Augen. Er hatte sich selbst konditioniert, angestrengt zu blicken. Wenn er vermittels des Anhaltens der Atemluft und Pressens der Lungenflügel Blut in seine Augen pumpte, so glaubte er, würde  sein Blick alles Farblos – Wässrige verlieren und zu bedeutsam tiefem Ozeanblau sich wandeln. Der kraftpumpende kleine Herr Herz mit den nunmehr unergründlich meerblauen Augen war begeistert, denn was die Herrliche da von ihm verlangte, war einfach märchenhaft unerwartet. „Sie - ein Tier!“, empörte er sich plusternd, „Also ich bitte Sie, ich möchte Sie doch sehr, also das ist doch ---!“

„Ja, suchen Sie sich eines aus, Herr Doktor; ein weibliches Tier nach ihrem Geschmack. Und es darf eine irdische Woche lang ein Mensch sein. Wie ein wirklicher Mensch auf Urlaub bei den Engeln.“

„Sie spielen, und ich darf doch wohl sehr bitten!“, rief der kleine Herr Herz anklagend aus, aber während er den kurzen Zeigefinger hob, schmunzelte er doch weise. Deutlich meinte er zu verspüren, wie das Meerblau zu wirken begann.

„Alle Tiere spielen, wenn sie nicht gerade Hunger haben, und Sie wissen das, Herr Doktor!“, antwortete sie vergnügt, und sie hob gleichfalls ihren Zeigefinger. Der kleine Herr Herz krümmte den seinen und verbarg den schlecht geschnittenen, flachen, gewellten Nagel in der Faust, aber das bemerkte er gar nicht. Gerade war er nämlich völlig von seiner aktuellsten Beobachtung gefangen genommen worden, dass von der leichten Kühle, welche die zunehmende Bewölkung mit sich gebracht hatte, ihre Brustwarzen unter dem rotbraunen Stoff ihres dünnen, engen Kleides sich steil aufgerichtet hatten, und ebenso nahm ihn die Mühe in Anspruch, sich seine Aufmerksamkeit auf diese, enorm seinen Speichelfluss fördernde, Tatsache keinesfalls anmerken zu lassen.

„Ein Tier also, wie? Ha - Haa! Ho –Hoo! Und ich soll eines aussuchen, was? Orrr! Wurrr! Ein Tier, das auf Sie passt! Gott, Du meine Güte, wissen Sie, wie schwierig das ist?!“ Der kleine Herr Herz schluckte einen ganzen Mundvoll Speichel hinunter und vertuschte seinen darauf folgenden, kleinen Würgeanfall hinter einem schlauen Räuspern.

Geduldig wartete das Fräulein, in einer aufreizenden Mischung aus kindlicher Demut und Mütterlichkeit.

„Vorhin als ich Sie zuerst bemerkte“, sagte der kleine Herr Herz, das habe ich --- aber Sie müssen mir das auch wieder verzeihen, was ich jetzt sagen werde!“

„Bestimmt, Phil!“ Ihr ebenmäßiges Gesicht schien ihm sehr nahe.

„Also, ich dachte: 'Herz, Alter, Du denkst ja gar nichts mehr!' Sie, ich, Sie und ich - also ich meine - kurzum, es war mir sehr neu, aber, nun also: Ich empfand Sie als unvergleichlich schön, und...ja.“

„Empfand?“

„Ja, vorhin, da waren Sie eben nur unvergleichlich schön. Doch jetzt darf ich erfahren, dass Sie zudem auch noch von einer natürlichen Intelligenz sind, welche ebenfalls --- Ich finde nicht einmal passende Worte, wie sollte ich da ein Tier finden, das auf sie geht?!“

„Sagen Sie, Herr Doktor Herz:“, fragte ihn  das Fräulein, „Bin ich begehrenswert für einen Mann?“

„Nun oho, das sagen Ihnen bestimmt alle, da bin ich völlig sicher.  Warum sollte also ich --?“

„Ich möchte die Antwort aber von Ihnen.  Bitte, Phil.“

„Und warum ausgerechnet von mir?“, jammerte der kleine Herr Herz.

„Die Damen auf der Straße und die, die Sie in Ihren Magazinen sehen, sie stellen Ihnen doch sicher ohne Worte alle die gleiche Frage, und bestimmt geben Sie ihnen oft ausführliche Antworten!“ schmollte sie.

Für einen winzigen, aufblitzenden Moment sah sich der kleine Herr Herz mit einer seiner vielen Illustrierten zu Hause auf der Toilettenschüssel hocken und....

Plötzlich fürchtete er sich. Wenn so viel Schönheit auch mit viel Intelligenz einherging - wie viel konnte ein Weib wie dieses dort wissen?  Sein Misstrauen gab ihm den Mut, ohne Beachtung des Themas zurückzufragen: „Und Sie? Was tun Sie eigentlich, außer schön und scharfsinnig zu sein?“ Frech und altmännerhaft grinste er sie an und schrak zusammen vor dem Mut seines kleinen Gegenangriffs.  Das Fräulein wartete und lächelte schweigend.

Alle Grenzen zwischen einer Schläue, die dazu verwendet werden konnte, ernste Geschäfte mit maschineller Präzision zu unterstützen, und jener anderen Intelligenz, die ohne weiteren Hintersinn ein Spiel voranbringt, schmolzen für den kleinen Herrn Herz zu einem unsagbaren Wärmeschauer zusammen. Leise und überzeugt murmelte er: „Ach! Ach, Sie sind wundervoll. Meine schönsten Träume sind nicht annähernd so schön wie ihre wirkliche Gegenwart. Vermutlich gibt es nicht viele Fragen, die ich in ihrer Gegenwart mit ‚Nein’ beantworten würde““

„Oh! Ich wüsste da schon einige!“

„Ach ja, und mir sind nun auch gerade wieder welche eingefallen“, fügte der kleine Herr Herz eilig bei. „Es, es werden sogar immer mehr, oho!“ Aufrichtig freute er sich.

 

Die Wolken rissen wieder auf. Ein erster, dünner Sonnenstrahl fiel auf ihr Gesicht und sie nieste wie eine junge Katze. Lustig blinzelte sie ihn an und schniefte. Im Körper des kleinen Herrn Herz tobte ein Glückssturm.

‚Gleich geschieht etwas!’, fürchtete sich der kleine Herr Herz vor der wieder anschwellenden Helligkeit des Tages. ‚Gleich werden wir getrennt!’

Der Ober trat an den Tisch.  Er brachte duftenden Kaffee und Champagner.

„Habe ich das ...?“ Der kleine Herr Herz erinnerte sich nicht.

„Es ist gut.“ Mit einer flüchtigen Bewegung ihrer geraden Finger schnippte die Dame den Ober hinweg, als sei dieser tatsächlich ein Insekt. Gehorsam verschwand er wieder in seine Ecke, legte die Hände auf dem Rücken zusammen und starrte in die Wolken.

Sie streckte den schlanken, nackten Arm nach dem hochstieligen Glas aus. In ihrem Champagner badete die Nachmittagssonne. Einer der dünnen Träger ihres Kleides verschob sich auf ihren Oberarm. Entschuldigend blickte sie zu dem kleinen Herrn Herz auf, korrigierte artig den Sitz des Trägers, sie trank einen winzigen Schluck, lachte kindlich, wohl weil ihr das Getränk die Lippen kitzelte, und sie sah den kleinen Herrn Herz bettelnd an:

„Bitte, Doktor. Raten Sie ein Tier für mich!“

„Als Sie vorhin niesten, dachte ich kurz an ein - Katzenkind...“

Sie lächelte schien nachzudenken.  Heftig schüttelte sie dann den Kopf.

„Nein. Mehr Tiere.“

„Die Linie ihres Halses erinnert mich an...“ Der kleine Herr Herz stockte verschämt.

Fragend berührte sie mit einer ihrer Hände vorsichtig ihren Hals und legte dazu den Kopf schräg.

„Nein, ich kann es nicht sagen! Es ist zu peinlich!“, rief der kleine Herr Herz aus.

Selbstverständlich nickte sie. „Wenn zwischen Ihnen und mir etwas peinlich ist, dann kann es nicht richtig sein. Sie müssen es nicht sagen. Sagen Sie stattdessen, was Ihnen als nächstes einfällt ja?“

„Wie sie sich mir vorsichtig und lautlos genähert haben, wie sie mir Wärme entgegenbringen und sich mir dann doch immer wieder entziehen, na, das erinnert mich schon doch an eine Schlange. An eine geschickte, kluge Schlange.“ Der kleine Herr Herz lauschte seinem Satz nicht ohne einen Anflug von Stolz nach. Er fand seinen letzten Vergleich ziemlich treffend.

„Schlangen sind doch sehr hässliche Tiere?“

„Oho, sagen Sie das ja nicht!  Es gibt so herrliche Schlangen!  Manchmal bringt man welche zu mir. Sie sind weder glitschig, noch in irgendeiner Weise bösartig.  Aber was sage ich Ihnen das?  Oh, ich durchschaue Ihr kleines Spiel! Sie haben sehr wohl Recht: Nicht wahr, es ist so ungerecht, dass man ausgerechnet von den Schlangen immer wieder sagt...“

„Ja, das ist schon sehr schade.“, seufzte sie. Sie stellte ihre nackten Ellenbogen auf der Marmorplatte des Tischchens mit Vorsicht nebeneinander, breitete die Handflächen aus und stützte ihr Kinn darauf. In dieser Haltung, ihr Gesicht in den Händen, schaute sie den kleinen Herrn Herz mit gespielter Traurigkeit an und schmollte dann: „Aber auch eine Schlange bin ich nicht, Phil! Leider nein, nicht einmal ein bisschen. Also weiter. Bitte, Herr Doktor!“

 

Die grauen Wangen des kleinen Herrn Herz wiesen unterdessen hektische Flecken von einem ungesunden Violett auf. Zunehmend erhitzte er sich an dem Spiel, sein Atem und sein Puls waren beschleunigt, und er spürte diese Veränderungen des Körperhaushaltes zwiefach: Mit seiner ärztlichen Fähigkeit zu sachlicher Diagnose von Symptomen, und mit dem überschäumenden Wohlbefinden eines lange vergessenen Kindes, das plötzlich enorme Mengen an Zuneigung erfährt. Beide Aspekte warnten den kleinen Herrn Herz sich nicht zu viel zuzumuten. Außerdem fühlte er seit einer Minute eine ihm unerklärliche, langsam aber stetig anwachsende Angst.

„Ein Chamäleon!“, rief er aufs Geratewohl aus. „Es ist ein geschmeidiges Tier mit klugen Augen“ Es passt sich seiner Umgebung vortrefflich an.“

„Phil!“ Sie richtete ihren Oberkörper auf, zeigte mütterliche Entgeisterung und schaute sich wie entsetzt im Garten des Cafés um.

„Wollen Sie mir damit etwa sagen, dass mein Kleid gut zu dieser Umgebung hier passt?!“

„Na, da bin ich ja schön in die Tinte geraten!“, ärgerte sich der kleine Herr Herz laut, und er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das war sehr ungeschickt von mir,

was? Ich bitte um Entschuldigung. Selbstverständlich ist dieses Café gegen Sie eine Beleidigung, ja, die ganze Stadt, das Land...!“ Er unterbrach sich und griff plötzlich heftig nach ihrer Hand. „Und genau das ist der Grund meines Erstaunens: Was tut jemand wie Sie hier an diesem so, krmhm, so mittelmäßigen Ort?!“

Ernsthaft blickte sie in seine Augen und entzog ihm sanft ihre Hand, genau im selben Moment, als er sich seiner hässlichen Fingernägel erinnerte. „Ich sagte es bereits, Doktor. Ich bin ein Tier und mache Ferien.“

Tapfer kämpfte der kleine Herr Herz die Enttäuschung nieder, welche in ihm hochzukriechen begann, weil sie ihm ihre Hand entzogen hatte.

„Wie lange dürfen Sie denn ---? Nein, nein! Sie treiben einen schrecklichen Scherz mit mir!“

„Phil?“

„Ja? Ja doch!“

„Wenn Sie erraten, was für ein Tier ich bin, dann dürfen Sie sich etwas von mir wünschen.“ Mit dem Nagel ihres Zeigefingers fuhr sie der Naht nach, welche den Ausschnitt ihres Kleides bildete, wobei sie weiterhin gerade und ernst schaute.

Der kleine Herr Herz schluckte einen weiteren Mundvoll Speichel herunter. Argwöhnisch riss er seinen Blick von ihrem Finger los und blickte sie an. Sie sah durchaus ehrsam aus.

„Wenn der Doktor jemanden behandeln will, muss er ihn doch kennen, oder?“ Etwas Dunkles schwang in ihrer Stimme. Sie hatte damit begonnen, einen ihrer unbestrumpften Füße, die in einfachen, rostroten Schuhen mit hohen Absätzen staken, langsam im schmalen Gelenk zu verbiegen, und sie schaute sich wie sinnierend dabei zu.

Der kleine Herr Herz war ihren Augen gefolgt. Mit zwei Fingern fuhr er sich zwischen Hemdkragen und Hals.

„Oh nein. Sie nicht!“, rief er aus, „Sie sind schöner als ein Engel.  Sie haben nichts von einem Tier, Sie - oh, aha!“

„Was aha, Phil?“

„Na, das könnte eher angehen! Gerade denke ich an etwas Geflügeltes! Wunderbare Vögel, wie aus dem Paradies. Ja, Paradiesvögel, hochbeinige, edle Vögel. Ich kann sie deutlich sehen. Ein Kranichweibchen könnten Sie sein, im Sonnenuntergang, am Ufer eines Sees.  Aber ach was, die haben ja alle keine Hände, die Vögel, keine Finger...“

„O Phil, das war ja gerade ganz wunderbar“, hauchte das Fräulein. Eine Weile starrte es in die Weite, wie wehmütig, und als würde es den Gedanken des kleinen Herrn Herz erst ganz in sich zur Wirkung kommen lassen wollen, und dann lachte es hell auf und sah ihn triumphierend an: „Aber es ist falsch. Nein, ein Kranichweibchen bin ich nicht!“

„Gut, gut, schon gut, ich überlege bereits weiter!“ Hastig trank der kleine Herr Herz von seinem bereits erkalteten Kaffee, und er besudelte sich ein wenig. Da sprach das Fräulein plötzlich frostig, mit deutlich angeekelter Miene: „Nun, ich denke, es war wohl doch zu viel verlangt. Wir werden jetzt wieder aufhören damit. Entschuldigen Sie bitte.“

„Nein!!“ Der kleine Herr Herz schrie dieses Wort fast, erschrak deshalb und wiederholte es geflüstert. „Nein. Bitte - Sie haben gesagt, wenn ich es errate -- Ich will sehr gern weiterraten.  Wir werden nicht aufhören!“

„Aber ich habe nicht gesagt, wie lange Sie raten dürfen!“, rief das Fräulein trotzig aus. Die Schmollmünder all der Frauen aus seinen Zeitschriften überlagerten sich im Gehirn des kleinen Herrn Herz, und er krächzte verzweifelt: „Hätten Sie es doch gesagt!  Dann hätte ich mich beeilt!“

„Ich wusste ja selbst nicht, wie lange es geht!“ Sie setzte ihr übergeschlagenes Bein neben das andere auf den Boden.

„Wie lange es geht?  Wie lange was geht? Das verstehe ich alles nicht mehr!“, schimpfte der kleine Herr Herz.  Etwas Heimliches in ihm begann, sich nach einer sehr kleinen Welt zu sehnen.

„Besser, ich lasse sie jetzt allein, Phil.“ Sie erhob sich rasch. An ihrem Kleid riss leise etwas, er konnte nicht erkennen, was es war.

„Nein, bitte tun Sie das nicht. Bleiben Sie noch!“

„Raten Sie doch allein weiter!“, sagte sie über die halbnackte Schulter, mit einer uralt klingenden Stimme, und sie entblößte, bevor sie endgültig davonschritt, ihre beiden glänzenden, feuchten Zahnreihen zu einem Lächeln.

Eine Schwärze war einen Augenblick lang an der Stelle, wo auch sie war. Für die winzige Dauer eines Einzelbildes in einem laufenden Film hatte für den kleinen Herrn Herz der Raum, den sie ausfüllte, weder Farbe noch Energie. Nur die dunkle Silhouette einer Gestalt blieb noch, genauestens geschnitten und doch nicht von Form, wie eine Wolke aus tiefschwarzem Samtstaub. Dann war es sofort wieder vorüber, und der kleine Herr Herz sah sie, ihre herrliche Mähne zurückwerfend, im Innenraum des Cafés verschwinden. Starr verharrte er an seinem Platz. ‚Gift!’, dachte er entsetzt, ‚Gift!’

Noch betrachtete er die drahtigen Härchen auf seinen Unterarmen, die sich allesamt steil aufgerichtet hatten, als in sein Blickfeld ein Blatt Papier geschoben wurde, mit einem viel zu lauten, trockenen Rascheln. Hatte er selbst den Ober gerufen? Mechanisch fanden die Hände des kleinen Herrn Herz einen Geldschein, und sein Mund stammelte ein raues Dankeschön.

Jetzt, überdeutlich und scharf konturiert, sah er den Namenszug des Kaffeehauses auf der Rechnung vor sich, gesetzt in einer alten, verschnörkelten Schrift mit viel fettem, schwarzen Zierrat, wie die Typographie der hässlichen Märchen aus seiner von asthmatischem Hustenbellen zerrissenen Kindheit. Es gab keine andere Wahrheit mehr als die Nächstliegende. Selbst die Zeit hatte sie mitgenommen. Cafè Käfer. Da lag dieser knisternde Zettel, genau vor seinen Augen.

 

Ein gequältes Jaulen begann im engen Brustraum des kleinen Herrn Herz anzuschwellen. Überstürzt sprang er auf und hastete ihr ohne Besinnung nach. Da er gesehen hatte, dass sie zu dem Ausgang verschwunden war, welchen man auf einem Weg durch die Gasträume des Cafés erreichte, nahm auch er diesen Weg. Den verblüfften Ober zur Seite stoßend, sprang er an einem langen Kaffeetresen vorbei und gelangte zu einer großen, gläsernen Tür. Der kleine Herr Herz riss einen Flügel dieser Tür auf und stand heftig atmend in einem hellen Gang. Am anderen Ende des geraden Ganges gelangte man durch eine weitere, hohe Glastür auf die belebte Geschäftsstraße.

Scharf und durchdringend roch es nach Putzmitteln.

In jeder Hinsicht in der Mitte dieses Ganges kniete, das Gesicht von ihm abgewandt, eine füllige, alte Putzfrau. Neben ihr stand ein metallener Schiebewagen voller Reinigungsgeräte, Flaschen und

Lappen. In seinem elenden Eifer lief der kleine Herr Herz in diesen Wagen hinein. Er stieß einen Besen zur Seite. Es schepperte. Die Putzfrau drehte sich nicht um.  An einem seiner Hosenbeine stieg dunkle Nässe empor.

„Haben Sie hier eben eine junge Frau vorbeikommen sehen?! Sie muss gerade an Ihnen vorübergegangen. sein! Gerade eben! Wohin ist sie gelaufen? In welche Richtung? Wohin?! Himmel, so reden Sie schon!“, schrie der kleine Herr Herz aus dunkelrotem Gesicht den gebeugten Rücken der Putzfrau an.

Die Putzfrau antwortete nicht. Ihm mit ihrer fetten Körpermasse den Weg versperrend, kroch sie langsam auf dem Boden vor ihm her und schien etwas zu suchen.

„Ja, nun machen Sie doch endlich Platz, Sie Unglücksweib!“, kreischte der kleine Herr Herz wild.

Träge wendete die kniende Putzfrau ihren spärlich grau behaarten Kopf.  Ein altes, unbarmherzig glattes Gesicht blickte schräg nach oben zu dem kleinen Herrn Herz hinauf Er starrte in ein stechendes Augenpaar hinter lupendicken, von breitem, braunem Horn eingerahmte Brillengläsem.

Der kleine Herr Herz schrie auf.  Mit einem verzweifelten Sprung über die Frau hinweg gelangte er auf die Geschäftsstraße. Gehetzt sah er sich dort nach allen Seiten um.  Er konnte ihr Kleid nirgends entdecken, obwohl sie nur diese wenigen Sekunden Vorsprung haben konnte, und obwohl eine für diesen Nachmittag seltsame Leere auf dieser Straße zu herrschen schien, geradezu eine Weite.  Weder ein Mensch noch ein Automobil so weit der kleine Herr Herz zu sehen vermochte.  Das Bemerken einer weiteren, noch eigentümlicheren Tatsache, dass zudem auf dieser Straße eine völlige Lautlosigkeit zu herrschen schien, wie ein  erwartungsvolles, böses Schweigen, wollte sich in dem kleinen Herrn Herz gerade in heulende, sirenenhafte Angst verwandeln als doch etwas an seine Ohren drang.

Hinter sich hörte er plötzlich, überdeutlich in der unnatürlichen Stille und viel zu nahe, die fistelnde Stimme der Putzfrau: „Da bist Du ja. Eijeijei, schau an, schau an!“

Ein kurzes, feucht klingendes Klatschen wurde hörbar, als schlüge jemand mit der flachen Hand auf glatten Stein. Der kleine Herr Sack fuhr herum. Gerade fegte die Putzfrau, immer noch kniend, sorgfältig etwas Kleines, Dunkles auf ein weißes Kehrblech. Sie brummte befriedigt und schüttelte den Kopf.

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Cafe Kafer

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