„Wenn Sie weniger trinken“, hat er gestern zu mir gesagt, „Dann strahlen Sie nicht so. Flüssigkeit im Körper und die elektromagnetischen Schwingungen. Denken Sie einmal darüber nach. Der beste Arzt ist allezeit / Des Menschen eigne Mäßigkeit.“ Und er strahlte und kippte noch einen Whisky aus der Minibar im Hotelzimmer.

„Einen Kaffee bitte, mit Milch und Zucker, und eine – was ist das da?“

„Vita-Gohla is das“, sagt der Kaffeemann, „die ham mir früher im Osten alle gärn gehobt“. Zisch. Das Zeug schmeckt scheußlich. „Und?“, fragt der Kaffeemann. Gequält lächle ich. Er winkt ab und geht weiter. „Morschen! Hääßer Goffää, dä Härrschaften…?!“

Die wollten von den Gerüchen ihrer Kindheiten nicht lassen, nicht von den selig-dumpfen Aromen, den Reviergestänken ihrer hassgeliebten Elternhäuser. Alt waren sie geworden; ihre Gesichter hatten einen beleidigten, greinenden Ausdruck angenommen, in ihren grellen Stimmen schwangen Enttäuschung und feige Wut. Die Äpfel von denen waren nie weit von den Stämmen gefallen, und dä Pflaume hat’n harten Gärn. Ich denke ungerecht, aber ist nicht alles Denken ohnehin ungerecht? Eine kleine Reihe bunter Regenschirme tanzt durch den vom Herbst kahlgeschorenen Wald. Quecksilbern schweigen die Wasser der Teiche. Ein einsames Wachttürmchen aus der Ritterzeit, noch sechs oder sieben verwitterte Ziegel auf dem Kegeldach, ich kann’s genau nicht zählen, weil der Zug so schnell vorüber ist. Der Himmel ist mottenflügelgrau und fängt gleich überm Wagendach an.

 

„Gestern war nämlich die Nacht der Leoniden“, erklärt die Mutter dem Kinde. „Die Leoniden, das sind ganz viele Sternschnuppen. Einmal in jedem Jahr kommen sie hier vorbeigeflogen, und dann leuchtet nachts der ganze Himmel von Funken. “Sternschnupfen!“, versucht das Kind so zu tun, als ob es ein Kind wäre. Ich höre das Unechte genau, zu beweisen wäre es nie. Die größte Pein bereitet die noch unechtere Freude der Mutter.

Die andere Mutter ist noch jünger, das andere Kind  ist noch kleiner. Immer dasselbe Stück aus einem albernen, französischen Chanson singt die junge Frau mit der braunledrigen Mumienhaut in den überdachten Kinderwagen hinein. Mein Gehirn singt mit, und die Räder des Zuges klappern den Takt auf den schlecht geschweißten Schienenstößen.

Niemand würde mehr Zug fahren, wenn allgemein bekannt wäre: In einem statistischen Moment der Fahrt befinden sich immer nur höchstens zwei Prozent aller Räder eines Intercity auf den Schienen. Relativ sorglos sitze ich einen knappen Viertelmeter über diesem Problem. Keine Gesetzmäßigkeiten, kein Chaos; ein mildmatter Zustand lyrischer Verkommenheit. Aus den Nebeln über den Feldern glotzen manchmal einsame Bäume heraus.

Eine Versammlung von Birken diskutiert irgendein wichtiges Problem. Bestimmt haben sie wieder die Wurzeln fußerotisch ineinander gesteckt, die kleinen Scheißer, ich habe überhaupt alles in Verdacht.

Es ist keine Situation, und wer da sagt: ‚Mach was draus!’, das bin ich nicht. Aber gehorsam habe ich meinen Federhalter repariert, und das schamhafte Lächeln des Fräuleins, von welchem ich mir dafür ein Papiertaschentuch erbat, steht mir immer noch hinter der Stirn.

Klapp, Klapp, Chanson d’amour, eben noch Rosslau/Elbe, und jetzt schon Mederitz in der Mark.

Bald ist das Fahren zu Ende, das Schreiben zu Ende, das Lesen zu Ende, das Hören zu Ende... Ein Förster mit einem großen Gewehr auf der Schulter steht am Waldrand und schaut sich den Zug an, eine rauchende Pfeife im Mund, wie eine Illustration aus einem Märchenbuch.

Der wollte gestern auf eine Weise Recht haben, als gäbe es nur ganz wenig davon. Als sei Recht eine Diamantmine, und ich hätte einen blitzenden Splitter davon gehabt, den er begehrte. Das Gesetz ist eine Krawattennadel, sie steckt gleich unterm Adamsapfel, nicht weit vom Chanson d’amour...

 

„Schau an, Wiesenburg in der Mark“, sage ich ein Stück weiter zum mürrischen Kaffeemann, der seine nächste Strecke läuft, „Das müsste ja nun eigentlich doch auch Wiesenburg im Euro heißen!“ Und er freut sich und freut sich, und ich gebe ihm einen Fünfziger mehr.

„Wenn sie Mücken zu Elefanten machen“, habe ich gestern zurückgebrüllt, „dann werden die Centstücke in ihrer Brieftasche davon noch lange nicht zu Euroscheiben!“ Und er hat sich gefreut und gefreut, diese Mücke, aus der einmal jemand aus Angst vor Mücken einen Elefanten gemacht hatte. Da saß er und schwenkte den Rüssel. Ich schmiss meine Arbeit hin und erkundigte mich nach einem Abendzug. Aber Halle an der Saale kann man nach 21.24 Uhr nicht mehr verlassen, wenn man in die Bundeshauptstadt will. „Schau an, wie’s wieder passt, für Sie und gegen mich!“, giftete ich, und er trompetete fröhlich nach der Rezeptionsdame, bestellte mir ein Zimmer, drückte mir die hingeschmissene Arbeit wieder in die Hände und meinte: „Das wird schon. Das wird schon alles.“

Die mir das Taschentuch gab, sie sitzt in der Sesselreihe auf der anderen Seite des Ganges und langweilt sich zu dem, was ihr Begleiter auf sie einflüstert. Mit einer Mischung aus Ekel und Wohlwollen betrachtet sie ihre langen Zehen mit  den streichholzkopfrot lackierten Nägeln. Ihre weißen Füße liegen übereinander im Schoß des bleichen, kleinen Mannes. Manchmal presst sie ihm mit der Ferse des unten liegenden Fußes ein wenig die Eier, dann schaut sie der Zwerg an und grinst raffiniert.

Kawumm! Ein tintenblauer Gegenzug. In acht Minuten sechsundzwanzig Sekunden, berechne ich mühsam unter Zuhilfenahme des Rechners in meinem Telefon, wird der blaue Zug das Rittertürmchen passieren. Jemand wird sich ärgern, dass er er’s nicht geschafft hat, die Ziegel auf dem Dach zu zählen.

 

Längst ist der Kaffee ausgetrunken. Mit meinem reparierten Federhalter habe ich ein kleines Ungeheuer auf den leeren Pappbecher gemalt und gehofft, dass der Kaffeemann sich freut. Er hat sich nicht gefreut. Inzwischen habe ich erschrocken bemerkt, dass die  Vita-Cola  in der roten Dose nicht alle wird. Ich trinke und trinke, aber die Dose wird nicht leerer. Ich denke an den Maler, der immer auf der Suche war, nach Sachen, die nicht stimmten. Hier hätte er etwas. Sie wird nicht leer, verflucht, Mensch Pinselheini, koffeinhaltige Limonade mit Citrus-Kick und mit Vitamin C obendrein, die Dose wird und wird nicht leer, Chanson d’amour  noch mal, und Klapp, klapp, klapp, nur zwei Prozent aller Räder und gestern war die Nacht der Leoniden.

 

Langsam wird mir der Sachverhalt peinlich, und ich beginne, mich beim Trinken umzuschauen, ob es auch keiner bemerkt. Ich versuche, keine Besonderheit daraus werden zu lassen, dass ich nun eine Dose Cola habe, die wahrscheinlich niemals mehr leer wird. Immer mal wieder trinke ich unauffällig. Was habe ich nur? Dem Zwerg da drüben ist es doch auch nicht peinlich, dass ihm seine Begleiterin mit ihren Barfüßen den Sack in der Hose massiert. Vielleicht werde ich es endlich doch bald jemandem beweisen wollen. ‚Sehen Sie einmal her, ich habe hier eine scheinbar ganz gewöhnliche Dose Vita-Cola, nicht wahr, die haben im Osten früher alle so lieb gehabt, und nun passen Sie einmal auf…’ Man denke sich einen Becher heißen Kaffee, er steht da drüben im Wald und dampft seit Jahren vor sich hin. Einfach, weil jemand vergessen hat, ihn kalt werden zu lassen.

 

Eine endlose Reihe dicker, flaschengrüner Ginsterbüsche parallel zu den Gleisen geboren vor langer Zeit, prall voll nun mit seltsamer, fremder Liebe, einer Liebe, die nichts gibt und die nichts nimmt, aber Liebe muss man trotzdem dazu sagen. Dann schon die ersten, verlassenen Russenkasernen, mit Fenstern gleich Totenschädelaugenhöhlen. Gewürzfarbener Herbstwald, den man durch die hochgeschlossenen Abteilfenster hindurch zu riechen meint, Schneeflöckchen, Weißröckchen, bald kommst Du geschneit. Die Mumienchansonette hat zum Deutschen Volksliedgut gewechselt.

 

Die Natur ist verwirrt. In der alten Stadt Bautzen versammelten sich bis um das Jahr 2000 immer an einem bestimmten Tag im späten März gegen elf Uhr viele Leute auf dem Marktplatz. Um die Stare zu begrüßen, die aus ihren Winterquartieren zurückkamen. Pünktlich umkreisten die riesigen Vogelschwärme einige Male fröhlich krächzend den Kirchturm. Der Event ist gestrichen. Die Stare kommen über Wochen verteilt zurück, inzwischen. Oder gar nicht. Oder sie sind gar nicht erst abgeflogen. Es gibt keine Zugvögel mehr, auf die man sich verlassen kann. Doch, auf mich, einen komischen Vogel in einem klapprigen Zug. Gestern sagte er: „Sehen Sie doch nur mal aus dem Fenster! Schauen Sie! Der Magnolienbaum…!“ Und das Ding blühte. Kein Wunder eigentlich, dass die Cola nicht alle wird. Der Tod hat die Kämpfer lieb, denen kann er am meisten wehe tun. „Es geht auch anders, glauben Sie mir!“, hat er gestern gesagt. „Man steuert einfach aus einer ganz anderen Richtung auf dasselbe Ziel zu… Fangen Sie wieder von vorn an. Aufgeben hilft nicht.“

Ich kapituliere und trinke demütig meine Cola. Wenn ich mich jetzt erhebe und den roten Griff der Notbremse da drüben ziehe, dann werde ich erwachen, Erwachet!, und alles ist noch viel schlimmer. Der Griff hat die Farbe der Fußnägel des Fräuleins. Wenn der kleine Mann eine ihrer Zehen berührt, macht der Zug eine Vollbremsung. Er hat die Hände hinter seinem riesengroßen Kopf verschränkt und hält die Augen geschlossen. Mit Siegermiene reibt sie weiter ihre nackte Sohle an seinem Hosenschlitz.

Ich schließe meine Augen ebenfalls. Die Nase kann ich nicht schließen, die Ohren auch nicht; dennoch will ich jetzt nicht mehr einschlafen.

„Junger Mann! Würden Sie Uns gestatten, Ihnen vor dem Aufwachen eine kurze Geschichte zu erzählen“?

Das ist eine Frauenstimme. Dunkel. Wohlakzentuiert. Ein ganz leichter Hall liegt in der Stimme, die Andeutung von viel Raum. Es ist eine Stimme, viele würden Jahrzehnte dareingeben, die dazugehörige Frau auch nur ein Mal sehen zu können. Alles ist schwarz, ich bin also doch eingeschlafen. ‚Uns’, hat sie gesagt. „Ja, bitte, natürlich. Erzählen Sie“, höre ich mich antworten.

„Es war einmal ein junger Raumfahrer“, sagt die Frauenstimme, „Für den wurden plötzlich alle seine Wünsche wahr. Und dann ---“, hier setzt die Stimme eine lange Pause und vollendet dann: „--- dann traf er - Uns“.

Ein gelbes, glitschiges Gewimmel rast in die Schwärze, alles ausfüllend. Riesige, borstige Raupen stoßen daraus hervor, das Knacken von Zangen vor Insektenmäulern, etwas wie violettes, flüssiges Feuer…

Ich reiße meine Lider auseinander.

 

Dann der Schaffner, groß, gerade und ganz ausgemergelt von jahrzehntelanger Ehrlichkeit. Seine Uniform umschlottert ihn. „Hier noch jemand zugestiegen?“ Mich kennt er ja, ein kameradschaftliches Abwinken, als ich erneut meine Fahrkarte hervorziehen will. „Hören Sie mal, gerade war da die Stimme einer Dame, sie hat mir eine Geschichte erzählt, und wenn Sie mir das nicht glauben, passen Sie auf, ich habe hier nämlich eine Dose Cola, die wird und wird nicht leer, Haha, Halleluja, ein Wunder, nicht wahr, und gestern Nacht, das war die Nacht der Leoniden…“

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Berlin- Zoologischer Garten!“ Diesen Satz bringt er über die Zuglautsprecher hervor, mit einer Wichtigkeit, als würde er verkünden: „Liebe Göttinnen und Götter! In wenigen Milliarden Kilometern werden wir auf Unterlichtgeschwindigkeit gehen, denn wir erreichen den Pferdekopfnebel im leuchtenden Zentrum der Kalyam-Galaxis!“

 

Pferdekopfnebel. Jetzt müssten doch gleich Pferde auf einer Koppel ins Bild gezogen werden, damit ich über Pferde auf einer Koppel reden kann. Ah! Pferde auf einer Koppel. Zwei schwarze und vier braune. Sie halten die Köpfe gesenkt, ihr Atem dampft, die Cola wird immer noch nicht alle, und es war einmal ein junger Raumfahrer. Ein weißroter Bagger, der in einem riesengroßen Misthaufen herumgräbt, hübsche Bürgervillen, die auf den Winter warten, auf ihre lieben Schneehäubchen, jetzt Potsdam, möge ein jeder nach seiner Facon selig werden, dann summen neben dem Zug schon die ersten S-Bahnen, bettelnd, dass man sie die ersten, vertrauten S-Bahnen nennt, und, na, und den Rest, den kennen sie ja selbst. Nicht so viel trinken, dann strahlt man nicht so, und der beste Arzt ist allezeit / Des Menschen eigne Mäßigkeit. Leicht gesagt, wenn man so eine Dose Cola hat, wie sie vor mir auf dem Abteiltischchen steht. Die Buchstaben starren mich an.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Einfache Fahrt

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