Der deutsche Streifenpolizist Klaus-Hermann Robinson hatte den Vornamen auf seinem Brustschild sorgsam mit einem braunledernen Schrägriemen abgedeckt. In kurzen Abständen korrigierte er den korrekten Sitz dieses Riemens, an dessen Ende eine beträchtliche Kartentasche baumelte, und er war also der New Yorker Cop Robinson. Man sah es ihm, wenn er unter der hoch in die fliehende Stirn geschubsten Mütze misstrauisch nach oben spähte, deutlich an, dass er eigentlich zur glitzernden Spitze des Empire State Building hinaufsah, hier, mitten in Berlin-Mitte. Der erfahrene Straßencop, der Bulle Käy-Äytsch Robbinsen, ging spazieren, flanieren, patrouillieren. Robinson blickte immer geradeaus oder nach oben, da er weiter unten seine schwarzen Schuhe wusste, die mit fetten, stinkenden Zehen gefüllt waren. Seinen schweren, mattschwarzen Polizeirevolver hatte er vorschriftswidrig so geschnallt, dass dieser ihm bei jedem Schritt seines Gehens leicht, aber spürbar gegen seine Hoden schlug, und im Geiste schlenkerte er fröhlich den kurzen, dicken Gummiknüppel. Ein Wächter des Friedens war er, jawohl, und geil wie zehn Ochsen.

 

Cop Robinson spielte an diesem Morgen: ‚Ich bin ein bestechlicher Bulle‘, und das kam so: Gerade legte er ihr in Gedanken die schimmernden, schmalen Handfesseln an, als er eine gewaltige Erektion bekam, die einer seiner gedanklichen Kollegen grinsend sah. Dadurch irritiert schaute der Cop nach unten, was die schöne Verhaftete natürlich sogleich ausnützte, ihm professionell ihren schlanken Ellenbogen gegen den Hals zu rammen - als der Direktor des großen Kaffeehauses an der belebten Ecke der von Sommertouristen übervölkerten Allee seinen Wagen ins Parkverbot stellte. Der lange Kaffeehausdirektor parkte seinen Wagen zwar eigentlich immer im privaten Parkhaus seines Restaurants. Dort gab es am Einfahrtstor einen Chipkartenautomaten, welcher vermittels einer kleinen Leuchtanzeige angab, wie lange die Parkmaschine brauchen würde, den vorher eingefahrenen Wagen zu platzieren. Diesmal wären es wieder vier Minuten gewesen, und während dieser Zeit würde seine wunderbare Vision von einer gemütlichen, ersten Melange bereits wieder verblasst und appetitverderbenden Zahlenkolonnen gewichen sein. So steuerte der Direktor das Auto seufzend ins Parkverbot und setzte sich dann in sein Restaurant zur ersehnten Melange. Seine Kellnerschar atmete aus ihrer Habachtstellung auf, als er mit einigen leutseligen Gesten gute Laune andeutete.

 

Gleichfalls in Habachtstellung hatte sich draußen Cop Robinson gerade befunden, denn nachdem die Bankräuberin wieder im Nebel seiner blöden Träume verschwunden war, hatte er blinzelnd den vorschriftswidrig geparkten Wagen entdeckt, und einen Moment später hatte der hagere Kaffeehausdirektor  Hülsenberg auf der anderen Seite der Kaffeehausscheibe den hageren Polizisten entdeckt. Die beiden erkannten sich. Cop Robinson lächelte ihm durch das blanke Fenster hindurch triumphierend zu. Mit seinem linken Arm, an dessen Handgelenk noch immer der transzendentale Gummiknüppel baumelte, deutete er auf das Auto, und er rieb vielsagend Daumen und Zeigefinger der anderen Hand gegeneinander. Dann zog er in lächelnder Drohung die schwarzen Brauen über der breiten Wurzel seiner knolligen Nase zusammen, und er tat so, als wolle er nach seiner Brusttasche greifen, wo sichtbar viele glänzende Kugelschreiber und ein lindgrüner Strafzettelblock staken. Der Direktor des Kaffeehauses lächelte zurück; er zeigte nunmehr mit der sehnigen, braungebrannten Hand auf seine Melangetasse und mit den Augen auf einen freien Ledersessel in seiner Nähe. Der Polizist lächelte noch einmal, und er deutete daraufhin ein verstehendes Nicken an. Jetzt wiederum winkte der Kaffeehausdirektor nach einem kleinen Schwarm Personal und tuschelte seinen Untergebenen etwas zu. Cop Käy-Äytsch Robinson verließ hieraufhin die benzindampfschwangere Straße und betrat das kühle, duftende Kaffeehaus. Ein junger Herr Oberkellner trat alsbald auf ihn zu; sanft geleitete er den untersetzten Polizeiwachtmeister zu dem für ihn vorgesehenen Platz, dieser ließ sich erleichtert  ächzend in die Polster fallen und blickte erwartungsfroh aus seinen dunklen Schweinsäuglein blitzend, dem ebenfalls erleichtert aufseufzenden Kaffeehausdirektor Hülsenberg entgegen, welcher mit seinem strahlendsten Lächeln herbeikam.

 

Ich war eingeladen, Prominente zu erwarten. Hülsenberg wollte ein Buch über sein Kaffeehaus machen, und in diesem Zusammenhang hatte er sich eines Verses von mir erinnert, an einen schlampigen Vierzeiler über Kaffee. Nun sollte ich als Ghostwriter einen Teil des Textes beisteuern. Die Prominenten, welche Hülsenberg meinte, rekrutierten größtenteils aus den Bereichen der Politik. Gute Zeiten für gute Kundschaft, meinte der Kaffeehausdirektor, denn die Regierung hatte sich nach hierher umgesiedelt. „Du wirst sehn, des ist jetzt alles ziemlich anders!“ raunte Hülsenberg, und tatsächlich war sein Restaurant zu fast jeder Tageszeit mit hübsch angezogenen Gästen, deren Gesichter man aus der Tagespresse und aus dem Fernsehen kannte, ganz angefüllt. Geschäftsführer Wohlstern hatte für diese schöne Tatsache jene mystische, gastronomische Bemerkung, welche auch den seltsamen Umstand erklärend mit einschloss, dass in den umliegenden, recht angenehm gestalteten Cafés des Öfteren gähnende Leere herrschte: ‚Der Laden brummt eben!’ Das Kaffeehaus, geographischer Mittelpunkt des neuen Regierungsviertels, zog Leute an, die Politiker begaffen wollten, und Politiker, die begafft werden wollten. Schwärme von Presse- und Fernsehleuten fielen in das Lokal ein, die ganze Zeitgenossenschaft der kurzlebigen Serienhelden und Showsternchen verbrachte hier Vormittage und vertilgte Mengen der unvergleichlichen Wienerschnitzel aus Wohlsterns antiseptischer Küche.

 

Ich bat mir bei Kaffeehausdirektor Hülsenberg einige Zeit aus, um zu einer Entscheidung über sein Mitschreibeangebot gelangen zu können, ich saß, trank Melange auf Melange, ich hörte, schmeckte, roch und beobachtete.

Auch der Service des Hauses hatte sich seit meinem letzten Besuch zu einem erstaunlichen Phänomen gemausert. Das vordem oft matte, mürrische und rüde Personal war nun einer flinken, jungen Truppe in Schwarzweiß gewichen, welche ihre atemberaubende Geschwindigkeit kontinuierlich durchhielt und dabei noch nahezu glaubwürdigen Optimismus auszustrahlen verstand. In dem bis auf den letzten Platz gefüllten Kaffeehaus rasten die Frauen und Männer in rätselhaftem Sinnreichtum über das Parkett, und wenn sie aufeinander prallten, dann stießen sie sich so vorsichtig und sorgsam wieder voneinander ab, wie man dies bei den Insekten beobachten kann. Kaffeehausdirektor Hülsenberg hatte ein großes, bereits seit Monaten permanent währendes Glück mit seinem Geschäftsführer. Geschäftsführer Wohlstern regierte sein Bataillon in äußerster Beweglichkeit, sein erhitztes Gesicht leuchtete an sämtlichen Brennpunkten aller Fronten zugleich auf. Hinter dem langen Tresen, im Kaffeehausgarten, an den Gästetischen und an den Telefonen war er nahezu zeitgleich zu sehen, eine ohne Unterlass strahlend freundliche, devote Unmöglichkeit, ein Ameisenoffizier, der seine wieselnden Untergebenen überaus sanft und dem Gast gänzlich unbemerklich dirigierte. Mit seinem guten Dutzend an Kellnerinnen und Kellnern erzeugte Geschäftsführer Wohlstern inmitten plaudernder, ihre Zeitungen studierender, speisender oder einfach behäbig sich ausruhender Gäste einen Strom der Atemlosigkeit, eine in einem komplizierten Muster verlaufende Rasanz, die wegen ihrer Ununterbrochenheit geradezu beängstigend wirkte. Selbst das selten herabstürzende Glas und die fast niemals strauchelnde Serviererin erzeugten keine Missklänge oder Gefühle von Präzisionsmangel, sondern schienen notwendige Teile einer nur schwer verständlichen Inszenierung zu sein Und das wirklich Besondere war, dass man sich von diesem befrackten und beschürzten Haufen Aufmerksamkeit beobachtet fühlen musste. Man brauchte nur an eine Zigarette zu denken, und schon näherte sich eine schwarze Fliege oder ein weißes Häubchen mit einem gezückten Streichholzbrief, aber man hätte hingebungsvoll popeln können, und keiner würde es bemerken...

Bei schönem Wetter setzte ich mich in einen der hübschen, weißen Rattansessel im Straßengarten des Hauses und beobachtete die Mühen der feindlichen Kellner vom großen, sich sehr exklusiv gebenden Restaurant nebenan. Ihre erbärmlichen Ausfälle hatten gegen Wohlsterns Eliteformation nicht die geringste Chance. Des Öfteren trat der Geschäftsführer strahlend zu mir an das Marmortischchen, warf einen mitleidigen Blick hinüber zur weit abgeschlagenen Konkurrenz und sagte schulterzuckend: „Tja.“ Und ich antwortete: „Tja.“, und wir freuten uns beide, im Grunde darüber, dass der Kaffeehausdirektor Hülsenberg so gut Geld verdiente.

 

Zwei ganz verschiedene Geschwindigkeiten, die der Gäste und jene des Servierkorpus, bedingten einander in diesem Haus und hoben sich auch gleichzeitig wieder völlig gegeneinander auf. In der Person des Geschäftsführers schienen sich diese zwei verschiedenen Geschwindigkeiten vereint widerzuspiegeln. Auf fatale Weise erinnerte Wohlstern an einen schlank geschnitzten Nussknacker, dem jemand ganz unpassenderweise die Geschmeidigkeit eines Balletttänzers eingehaucht hatte. Er lächelte das Lächeln eines frischen Pfannkuchens, und da Pfannkuchen Gebackenes waren und Gebäck etwas Hergestelltes, war er unzweifelhaft auch ein Produkt, etwas, das ein Handwerker lange vor Tagesanbruch in seiner Bäckerei geschaffen hatte, eines von Dutzenden, ein Typ von einem ganzen Backblech voll derselben Exemplare.

Ich saß, glotzte und staunte. Oft, wenn ich extreme Trägheit oder ans Irrsinnige grenzende, sich so zielstrebig gebende Hektik in meiner Nähe bemerkt hatte, war mir nach kurzer Zeit diese Sektenfrage scharf in den Sinn gekommen: Tun die das jetzt eigentlich für mich, oder sind die gegen mich so? Auch jetzt, in Beobachtung des emsigen Geschäftsführers und seiner wimmelnden Schar, kam mir diese Frage wieder ein, doch ich konnte sie mir mit: Sie tun es für sich, vorübergehend befriedigend beantworten - und so waren wir zunächst alle ein wenig gerettet. Was wir hier in diesem Kaffeehaus erlebten, das war die pure Gegenwart, erregend und beängstigend real. Nicht war es ein Film aus vielen bunten Szenen, eher handelte es sich um eine gerahmte Fotografie, weichgezeichnet und sanft sepiagebräunt, um eine Momentaufnahme, welche sich sinnwidrigerweise in ständiger Bewegung befand. Alles, was hier vorging, war neu und spannend und wirkte dennoch wie längst geschehen. Ich meinte plötzlich zu verstehen, weshalb man nach einer abgedrehten Filmszene ‚Gestorben!’ sagte. ‚Untot!’ hätte man vielleicht auch sagen können. Und so lag denn eine unendliche Blödigkeit über der gesamten Szenerie, als würden sich die Menschen und das Mobiliar deswegen genieren, dass sie hier bereits zum zigmillionsten Male dieselben Choreografien exerzierten. Auch ich schämte mich, dass ich das Album nicht zuschlagen konnte, dass ich immer wieder hier herging, um dieses alte Foto wieder und abermals zu betrachten, und vielleicht deswegen hatte Kaffeehausdirektor Hülsenberg auch bei mir Glück.

Er war ein völlig unbedeutendes Männchen, gänzlich nichtssagend, und er versuchte überhaupt nicht, dies irgendwie zu bemänteln. Hingegen kämpfte er unmäßig hart um die Wahrung des Anscheines, irgendwann früher, in einem gloriosen Früher, einmal etwas Enormes gewesen zu sein, und dies geschah allein darum, weil seine Bohemehaftigkeit, die ihm entsetzlich peinlich war, dann wenigstens als Endpunkt einer gewissen, linearen Abfolge von Geschehnissen gesehen werden konnte. „Ich war einmal wie Rilke!“, vertraute er mir an, „Aber ich wollte nicht wie Rilke sterben, und da bin ich eben wieder der Hülsenberg geworden. Nicht mehr Rainer Maria, Gottfried, der Kneipenwirt – was für eine Schande, mein Guter, was für eine ewige Schande. Ich hätt wie der Rilke bleiben sollen, sag ich Dir. Umso besser’s hier läuft, um so genauer weiß ich des. Und Du, Du bist wie der Brecht. Entweder wirst Du wieder Du selbst, oder Du stirbst einmal an einer Erkältung. Wie der Brecht. Überleg Dir’s. Spatzerl. Zum Überlegen hast hier viel Zeit. Und wannst an Entschluss hast, obst mir zuschreiben willst, für mein Kaffeebuch, dann sagst mir das, und dann reden wir übers Geschäft. Und Deinen Espresso brauchst ab heut nicht mehr zu zahlen. Geh, Wohlstern, kommen Sie doch einmal! Die Zeche von dem jungen Herrn hier, die geht ab heute auf mich. Eine Bereicherung unseres Hauses ist er, der junge Freund! Merken Sie sich seinen Namen, Wohlstern, denn man wird noch von ihm sprechen – wie vom Brecht!“

Immer, wenn man in meiner Hörweite Hülsenbergs Namen gesagt hatte, und das war sehr oft vorgekommen, dann hatte ich vor mir sogleich einen Haufen rauchender Patronenhülsen gesehen. Das war immerhin ein mächtiger, kupferner Bildausschnitt, hinter dessen von meinem Geist geformten Rahmen sich eine immer wieder sehr gegenwärtige, gewalttätige Szenerie vermuten ließ, ein energetischer Vorgang stets zuerst, wie auch immer man später moralisieren mochte. Bei dem Namen Wohlstern, den ich mindestens ebenso oft zu hören bekam, konnte ich mir nichts so Energiereiches vorstellen. Ich hatte es mit einem paradiesischen Planeten versucht, aber es war ein insgesamt sehr langweiliger Planet geworden, und weil ich dem wetzenden Geschäftsführer nichts Unrechtes im Geiste zufügen mochte, hatte ich den ihn betreffenden Stern wieder aus meinen Vorstellungen verbannt.

 

Einmal, als er mich wieder einmal stolz durch sein Geschäft führte, erzählte ich dem Geschäftsführer das mit den Patronenhülsen, und er versetzte daraufhin, die Geschichte solle ich doch möglichst bald dem Kaffeehausdirektor weiterberichten, denn dieser fühle sich, ganz im Vertrauen, manchmal ganz plötzlich so erloschen und von aller Lebenskraft verlassen. Er hinge dann, bemitleidenswert alt und grau aussehend, schlaff in einem der Sessel und böte einen dem Geschäft nur sehr wenig nützlichen Eindruck. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit setzte ich also mich zu dem wieder einmal erschlafften Kaffeehausdirektor und berichtete ihm mit ernsthafter Miene von meiner geistigen Verbindung seines Namens mit dem heldischen Soldatentum. In satten Farben malte ich ihm einige kurze Schreckensszenen der Landserromantik und folgend einiges Schwülstige über Legionäre. Der Kaffeehausdirektor öffnete ein wenig die Augen und zeigte einen Anflug von Freude. Aufmunternd nickte jene der vielen Inkarnationen des allanwesenden Geschäftsführers Wohlstern, welche das Erwachen seines Arbeitgebers aufmerksam beobachtete, zu mir hin. Direktor Hülsenberg war sich noch nicht schlüssig, ob er wirklich erwachen sollte; deshalb fügte ich ein kitschiges Gemälde, eine Art mentalen Ölschinkens, von General Custers Ende bei Little Big Horn hinzu. Der Kaffeehausdirektor öffnete nun gänzlich die Augen und ein wenig auch seinen Mund. Geschäftsführer Wohlstern vollführte von seinem Beobachtungsposten an der Tresenecke her weitere Gesten, die mir Erfolg ankündigten, wenn ich jetzt nicht nachlassen würde, und ich erzählte mich zurück nach Deutschland, in die Zeit des Ersten Weltkrieges. Ich zitierte eine alte Postkarte, welche einen sterbenden Soldaten auf ‚Anhöhe 423‘ im Pulverdampf zeigte, den Kopf im Schoß seines ihm mit dem Pickelhelm Kühlung zuwedelnden Kameraden: ‚Sag ihr, ich wär geblieben / Bei Sedan in der Schlacht / Hätt in den letzten Zügen / Noch treu an sie gedacht!’, rief ich aus, und der Kaffeehausdirektor öffnete den Hemdkragen. Er reckte sich auf, dehnte den engen Brustkorb, und er freute sich nun endlich sehr. „Hülsenberg!“, murmelte er mehrfach seinen Nachnamen vor sich hin, „Hül- sen- berg!! Ja, das scheppert ordentlich!“ Und wir feierten sein Erwachen und hatten wiederholt seinen Nachnamen zu sagen. „Kommen Sie doch mal her, Wohlstern, und sagen Sie einmal laut: Hülsenberg!“. Nach einem unmerklich kurzen, wissenden Lächeln zu mir hin sagte der Geschäftsführer mit großen, erstaunten Augen laut: „Hülsenberg, Hülsenberg!“, und er zeigte sich hellauf begeistert von der neu erkannten Macht dieses direktorlichen Namens. Leider übertrieb er fürchterlich, indem er anfügte: „Ja, das klingt so stark, das kann man sogar sagen, wenn es einem schlecht geht!“ In des Kaffeehausdirektors Augen schlich sich Misstrauen. „Sie meinen, wenn einer Migräne hat, dann ruft er rasch amal Hülsenberg, und er ist das Kopfweh los?“, rief er missbilligend aus. „Geh Wohlstern, jetzt übertreibens aber ein bisserl, was?“ „Hülsenberg! Hülsenberg!“ krähte Wohlstern verzweifelt weiter, und er rollte die Augen in Erwartung seiner sofortigen Entlassung, da seufzte denn der Kaffeehausdirektor heiter: „Aber in allen anderen Sachen, da ist er an mehr als brauchbarer Mann!“

Wenige Tage darauf erzählte der Kaffeehausdirektor die Sache dann beiläufig dem Cop Käy-Äytsch Robinson. Der, die Mütze weit auf den Hinterkopf geschoben, süffelte gerade wieder einmal seine vierte oder fünfte Bestechungsmelange, in einer für ihn von Direktor Hülsenberg besonnen ausgesuchten, gemütlichen Ecke, welche ihn vor eventuellen Kollegenblicken schützte. Und bald schon kamen sie auf die wunderbarsten Themen, die beiden, so tief in ihren behaglichen, nach teurem Lederpflegemittel duftenden Sesseln, auf Weltkriegsthemen kamen sie, auf Straßenschlachten in Chicago, darauf, wie die Ganoven während der Prohibition bei ihren Kämpfen mit den Bullen auf heißgeschossene MGs gepisst hatten, mitten auf der Straße und direkt vor den Weibern, dann auf die Fremdenlegion, dann auf das ‚Reichslehrregiment Spezialkommando Baubataillon Brandenburg’ und auf derlei Spezielleres immer mehr und immer lauter - bis ihre gesamte nähere Umgebung angestrengt weghörte. Schließlich rief mich der Kaffeehausdirektor an ihren Tisch und fragte, ob ich dem Cop und ihm nicht vielleicht die ganze Sache mit ‚Anhöhe 423‘ – er hatte sich die Zahl genau gemerkt -  rezitieren könnte. In meinem Gehirn erschien nach kurzer Konzentration jene Serie aus 24 alten Postkarten, welche den qualvollen Sterbevorgang des ehrlichen, armen Soldaten genauestens nachvollzog, und ich versuchte mein Bestes.

Käy-Äytsch hatte mich bald auf eine heißfeuchte Art zu lieben begonnen; wahrscheinlich hätte er mich am liebsten festgenommen, so war eben seine Liebe. Schon in der nächsten Woche wollte er sich zudem bei mir mit einer eigenen Geschichte revanchieren. Höflich rief er mich in seine dämmrige Sitzecke und ließ mir einen frischen Espresso kommen. Voller Stolz zeigte er mir, dass die Kellnerschar inzwischen seinen stummen, polizeilich strengen Gesten parierende Aufmerksamkeit zollte, und dann sagte er, sehr unamerikanisch und mit einer Aussprache, welche auf große Polypen in seiner knolligen Riesennase hindeutete: „Na, und nu, nu passense ma uff, watt jetz kommt!“ Es kam, dass er sich erst kürzlich um eine reiche, alte Dame zu kümmern gehabt habe, die sei völlig aufgelöst auf seiner Polizeiwache erschienen und habe zitternd ausgesagt, vor ihren Augen sei gerade eine junge Frau aus einem Hochhausfenster gesprungen und niemals unten angekommen. Natürlich hätte ihr keiner geglaubt, nur er, Käy-Äytsch Robinson. Vier Kollegen und ihnen voran er selbst hätten die schreiende und weinende Dame fesseln und in eine Klinik transportieren müssen, aber selbst unter starken Beruhigungsmitteln hätte sie immer noch auf ihre Aussage bestanden. Ob er mir das Hochhaus einmal zeigen solle, hatte mich der Cop daraufhin gefragt. Ob er mir die Dame einmal zeigen könne, hatte ich zurückgefragt. Die sei bereits wenig später von einer Brücke vor eine fahrende Stadtbahn gesprungen - und auch unten angekommen, war die grinsende Erwiderung des Polizisten gewesen, er habe sie da auch noch einmal gesehen, unter dieser Brücke. Die Gesichtshaut ihrer Leiche habe ihn an Heidelbeerjoghurt erinnert. Ob er mir die Stelle an den Bahngleisen einmal zeigen solle.

Ich hatte verzichtet und mich interessiert bei ihm erkundigt, ob es ihm denn ordentlich einen Steifen gemacht hätte, die Dame zu fesseln. Seitdem redete der Cop Robinson nicht mehr mit mir. Nur noch einen guten Tag wünschte er mir knapp, und er guckte mich dabei immer grimmig an. Das wenigstens musste er, denn er wusste, dass ich Geschäftsführer Hülsenbergs guter Bekannter war.

 

Wenn sich die beiden zwischen den großen, gläsernen Flügeln der Eingangstür zum Kaffeehaus begrüßten, rief Käy-Äytsch Robinson stets: „Ah! Einen schönen juten Morjen, Herr-“, dann machte er eine kleine Pause und brüllte daraufhin: „-Hül – sen – berg!!“ Der Kaffeehausdirektor reckte dann die Brust, als würde er vor großem Publikum gerade exekutiert, und er erwiderte wienerisch näselnd: „Es freut mich immer wieder sehr, Herr Gendarmerieoberwachtmeister!“, was der Cop zwar nicht als New-Yorkerisch, aber als sehr wohltuend empfand und sich ebenfalls ein wenig streckte und räkelte. Nun zischelte der Cop: „Scht- scht! Ich bin eigentlich ja im Dienst!“, und Hülsenberg flüsterte voller Verständnis zurück, dass es ihm dann natürlich eine doppelte Ehre sein würde. Es folgte des Kaffeehausdirektors Wink zu den Kellnern, und Käy-Äytsch Robinson wurde in seinen Winkel eskortiert.

 

Er hielt es dort nicht lange aus. Schnell hatte er es sich zur von Hülsenberg beargwöhnten und von Wohlstern gehassten Angewohnheit gemacht, ungeachtet seiner Uniformiertheit im ganzen Kaffeehause herumzuspazieren und Leute anzusprechen. Dabei kam er an mir nicht wirklich vorbei, und so beschloss er, sich mit mir zu versöhnen. An einem Morgen, als er mich schreiben sah, trat er zu meinem Tisch, setzte sich ächzend und schaute mir einige Minuten lang bei meinem Tun zu. Dann sagte er laut: „Na jut, ick hab valorn. Also: Watt machensen da jrade?“

Ich blickte auf. Da ich nichts Geschwätzigeres kannte, als die Hoffnung, weil im Herz- Kreuz- und -Anker- Seemansgrab der Anker die Hoffnung repräsentierte, und weil Cop Robinson immer so viel redete, hatte ich ihn in Gedanken bald schon den ‚sülzenden Anker‘ genannt. Das war aber nicht lange gut gegangen, denn es hatte sich mir die Vorstellung von einem riesigen Schiffsanker aufgedrängt, welcher ganz aus Sülze bestand.

„Ich habe“, sagte ich, „Über das sogenannte Seemansgrab nachgedacht, über diese Kettchen, wissen Sie, an denen ein Herz, ein Kreuz und ein...“

„Det bedeutet Jlaube, Liebe, Hoffnung“, unterbrach mich Robinson. „Det tragen doofe Frauen um die Hälse, und Männer, die sich ham zu oft een blasen lassen.“ „Und ich habe mir vorgenommen, einmal darüber etwas aufzuschreiben.“ „Watt denn? Über Männer, die sich ham...“ Er freute sich.

„Ein paar Seiten jeweils, Herr Robbinsen, jeweils über Kreuze, über Herzen und über Anker.“

„Und?“ Er fand meine Idee nicht spannend.

„Und dann werde ich einmal sehen, wie das so zusammenspielt“, freute ich mich.

„Ach ja?“

Überzeugt nickte ich, aber ich fand meine Idee auch nicht mehr so spannend.

„Ick will lieber Amerika spieln, det is viel besser!“, maulte der Cop, „Ein Wiener Schutzmann spieln, det bringt mir janz und jar keen Spaß nich. Et is er- nie- dri- gend!“

Ich ließ ihm einen Zettel zukommen: „Der Vater von Arnold Schwarzenegger war der Oberste Polizeiinspektor von Graz!“ Seitdem, wenn Direktor Hülsenberg ihn begrüßte, schob der Cop neandertalisch sein breites Kinn nach vorn und zeigte so viele senkrechte Falten auf der Stirn, wie er nur hervorzubringen vermochte.

Einmal sagte der Kaffeehausdirektor Hülsenberg zu ihm: „Was nun mein Automobilchen betrifft, das da drüben wieder einmal an dieser gewissen, zugegeben etwas sensiblen Stelle steht...“, und der Cop donnerte: „Geh des passt schon, Hülsenberg! Im Ernstfall: Hasta la Vista! – Sie verstehen?!“ Und er vollführte eine liquidierende Handbewegung durch die Luft, vor welcher der schmale Direktor ernstlich zusammenschrak.

 

Ich erzählte Käy-Äytsch Robinson von einem Film mit Arnold Schwarzenegger, worin dieser einen russischen Polizisten spielt, der immerzu hinkenden, ukrainischen Kokainhändlern die Holzbeine abreißt und diese daraufhin schüttelt, damit das darin versteckte, weiße Pulver herausrieselt.. Und der Cop gab mir Revanche mit einer Geschichte über einen Penner, den er in Ausnüchterungshaft gebracht hatte. Der hätte ein selbstgefertigtes Holzbein gehabt, gedrechselt und geschnitzt und mit Politur versehen, noch viel kunstvoller als eine Altarsäule in einem gotischen Dom. Mit einer ganz wunderbaren, versilberten Kniegelenkmechanik sei dieses Bein versehen gewesen, sogar die Zehen hätte der Kerl in allen Einzelheiten ausgearbeitet und auf den Nägeln seien Ziselierungen angebracht gewesen.

 

An dieser Stelle allerdings beendete Robinson abrupt seine Erzählung, und er errötete heftig. Nach kurzem Staunen verstand ich, dass er sich seiner eigenen, fest in hohe, grobe Schuhe verpackten Füße und an deren ungesunden Geruch erinnert hatte. Ich versuchte, ihm auszuhelfen. „Wissen Sie eigentlich, weshalb in den alten Pornofilmen die Männer immer ihre Socken anbehalten?“, fragte ich ihn harmlos. Da konnte er mich wieder einmal nicht mehr leiden, aber das machte mir gar nichts, denn es ging bereits gegen Mittag und ich musste gehen, und bis morgen würde alles wieder ganz anders sein und ebenso wie heute auch genauso. Wir verachteten und versöhnten uns, das ging so hin und wider, es war flach und kaffeehausselig. Es hätte über Hülsenberg, Robinson und Wohlstern, wahrscheinlich über uns alle vier und auch über das Lokal, nichts so Bemerkenswertes zu erzählen gegeben, dass irgend etwas davon diese lange Geschichte gerechtfertigt hätte, wenn nicht ihr Ende sich so seltsam energetisch gestaltet hätte.

Nach einer gewissen Zeit hatte ich herausgefunden, dass Käy-Äytsch Robinson zwar ein bisschen dämlich war, aber nebenbei auch noch eine Art wandelnden Filmarchives darstellte. Den größten Teil seiner freien Zeit trug er offenbar seit vielen Jahren in die Kinotheater seiner Wohngegend: „Fernsehen, nee, nee, da ist kein Leben drin, aber die große Leinewand, ach! Runter mit die Uniform und ab int Leben!“

„Sie verwechseln da vielleicht etwas“, gab ich lächelnd zu bedenken, doch Robinson winkte entschlossen ab. „Wenn Sie nur nüscht vawechseln!“, knurrte er. Nach und nach realisierte ich, dass der knallharte Cop ein sanftes Wesen hatte, welches er nur so lange nicht freigab, wie er misstrauisch bleiben musste. Ich war auch misstrauisch – vielleicht war er ja doch ein Idiot und provozierte nur das Entgegenkommen anderer. Mit Geschichten, hatte ich entdeckt, konnte man sein Zutrauen leicht gewinnen. Seine Augäpfel rollten weg beim Zuhören, wie bei den Schauspielerinnen aus den Sechzigern, wenn sie in den ulkigen Pornofilmen ihre Orgasmen markierten. „Gehen Sie auch in die Theater?“, fragte ich ihn. „Det is mir zu direkt“, erwiderte er, „Da spüre ich die Persönlichkeiten der Schauspieler zu dolle.“ Es war so ansteckend für ihn, was man sagte, nach nur einer einzigen Woche hatte er den Schwarzenegger–Gestus bereits so gut drauf, dass es ein paar Kellner wagten, Mister Arnie zu ihm zu sagen. Man konnte meinen, es sei gar nicht so wichtig, ob einer, der den anderen spielte, diesem auch unbedingt ähneln musste.

 

Bald schon erschien Käy-Äytsch Robinson auch an den Nachmittagen, in billigstem Zivil. Er behauptete, inkognito anwesend zu sein, um der Überprüfung eines anonymen Hinweises wegen, nach welchem das Kaffeehaus in Kürze mit dem Versuch einer Schutzgelderpressung konfrontiert werden würde. Die Russenmafia sei in dieser Gegend sehr aktiv geworden, zischte mir der Polizist verschwörerisch zu. Direktor Hülsenberg lachte. „Schutzgeld? Des hier ist a Gegend, da sinds die Russen noch Bürger der Sowjetunion. Der Kerl geht mir langsam aufs Gemüt. Ich muss zusehen, wie ich es zu einer einmaligen Abfindung bringe. Schutzgelderpressung? Was der macht, das ist Schutzgelderpressung!“ „Sie müssen dem Hülsenberg so etwas nicht erzählen“, sagte ich zu ihm. „Es ist gut, so, wie es ist. Vor mir jedenfalls sind Sie auch als Klaus-Herrmann vollauf legitimiert.“

„Watt soll ick denn machen? Den intressiert doch noch nichemal Schwarzenecker!“

„Verpassen Sie ihm einen Strafzettel, Arnie!“

 

Kaffeehausdirektor Hülsenberg schwenkte erregt einen kleinen grünen Schein vor meiner Nase. „Deine Idee war das, mein Lieber!“, sagte er, „Wenn Du die Leut zu Menschen erziehen wüllst, dann sorg dafür, dass davon nicht Menschen zu Leuten werden!“

„Ich habe also Hausverbot“, mutmaßte ich.

„A geh, komm! Setz Dich da hin und denk ein bisserl nach! Werd ich’s mir wegen einem wie Dir mit meinem Wohlstern verderben, was?“ ‚Geh komm!’ oder ‚Komm geh!’, so etwas sagte er immer. Cop Robinson erklärte mir, das habe mit zuviel Geschlechtsverkehr zu tun. Rein raus, raus rein, so seien die Österreicher alle.

 

„Was hat er denn?“, fragte ich den aufgeregten Wohlstern am folgenden Tag.

„Ogott, sie haben seinen Wagen abgeschleppt!“

Käy- Äytsch Robinson freute sich sehr. „Det hack jut jemacht, wa?!“, strahlte er. Weitschweifig prahlte er mit seinem Mut, endlich einmal wieder entschlossen gegen den Kapitalismus vorgegangen zu sein, in dessen eigenem Hause, aber ich reagierte kaum. Bald hockten wir still da, inmitten vieler, so sehr beschäftigter Gäste, und wir starrten Bilder, Wände und Stuhlbeine an, und Geschäftsführer Wohlsterns flitzende Dienerschar.

„Herz, Kreuz und Anker also“, murmelte nach langem Schweigen der Cop.

„Ja“, sagte ich.

„Na ick finde det eher erschreckend!“, rief der Polizist aus, „Passense mal uff, ick habe mal een alten, deutschen Film jesehn, ‚Der Eiserne Justav‘, mit den Rühmann noch, in Schwarzweiß. Der zog janz Mann in die Fremde hinaus, um sich een Traum zu erfüllen, und als er wiederkam, am Ende vonne Reise, da hatter seine Jeliebte sone Kette jeschenkt, von der Sie reden, sone mitn Herz dran, und mitn Kreuz und n Anker. Und dett wart denn aber ooch schon. Ant Ende von die Szene, in irjend sone miefige Küche, im hafen vonne Liebe, da stand er denn und war zu Tränen jerührt. Nee, ick hab bald det Kotzen jekricht, dass der det überhaupt bloß spielen konnte, der Rühmann!“ Robinson fuchtelte aufrichtig wütend mit seinen dicken Händen in der Kaffeehausluft umher. „Und wenn ick mir mal vorstelle, dett ick dett mal selbst erleben muss – also ick weeß nich! Jlooben, Lieben, Hoffen, det sind so drei Dinger, da kann ick jloobick nich mit umjehn. Sie sehn ja, watt die Konsequenz is – Schupo bin ick jeworden, jawoll, n Straßenbulle, eener vonne Schmiere. Schmiere, dett is een janz alter Berliner Bejriff, det meent die vonne Polente, und denn meent det noch die vont Theater. Beedet Schmiere. Klingt schmierich, watt? Aber die vont Theater, die ham wenichstens noch det Jefühl von Familie unternander. Sowat kennt die Polizei jar nich, jedenfalls heutzutage nich mehr. Hack ne Familie? Nee! Hack Freunde? Nee! Fort Leben binn ick sone Art Klotz ant Been, und fürn Doot bin ick ville zu bedeutungslos. Aber sone Kette umbammeln? Nee, nee, nich mitn Robinsohn. Ick jeh in meine Kinos und frach nich ville. Mir stille freun, det is meene Qualifikation, nich Haie uffspiessen, und och nich, Vazeihung, Jeschichten drüber uffschreiben, wie eener Haie uffspiesst, und watt aus den denn wird. Schreimse det mal ruhich uff, von die Kreuze und die Anker, und von die Herzen der Liebe, und denn jehmse mir det mal zum Durchlesen. Naja, ick meen ja bloß...“

 

Was die aufgespießten Haie betraf, so hatte Cop Robinson damit auf einige Zettel angespielt, für die ich mich sehr schämte. Kaffeehausdirektor Hülsenberg hatte nämlich seine Ghostwriting- Idee erweitert; unser Buch sollte inzwischen ein ‚autobiographisches Werk mit Schwerpunkt Kaffee‘ werden, und an einem enthusiastischen Vormittag hatte er uns davon erzählt, wie er als jüngerer Mann so gern in der Karibik Haie gejagt und dann darüber Gedichte verfasst habe – im Stil von Rilke. Ich hatte mir Notizen angefertigt, sie vergessen, und Käy- Äytsch Robinson hatte sie gefunden und gelesen und seine Beute dann dem Kaffeehausdirektor übergeben:

 

„Es gibt einen Fisch, der die Moleküle eines Tropfens Blut, der ins Meer fällt, noch dann wahrzunehmen vermag, wenn sie sich schon so weit ausgebreitet haben, dass keine chemische Methode sie mehr nachweisen kann. Das ist der Hai, und Nepomuk Hülsenberg liebte den Hai. Denn wenn es die Wahrheit sein würde, dass noch im Allergrausamsten ein Rest des Guten zu finden war, dann musste dieses Gute in diesem Fisch Hai unvergleichlich tief verborgen sein, und tiefe Verborgenheit provozierte eine gefährliche Suche. Mit der Begründung des Suchens ausgestattet, konnte man sich viele Fehler verzeihen lassen, wie lang und wie abenteuerlich die Suche auch sein würde, was man auch roh und unbedacht zur Seite stoßen mochte, auf der Jagd nach dem Bösen, und wie geduldig das Verstoßene vielleicht auch immer wieder verzeihen würde – die Begegnung mit dem Ziel der Jagd würde von Angesicht zu Angesicht unvermeidbarer werden.

Wennselbst es am Ende gelänge, den Hai zu erlegen, würde, was blieb, je mehr als eine Trophäe sein, ein langsam verstaubender Beweis von Mordkunst, einer Kunst ohne wirklichen Sieg?

War da nicht einst jemand aufgebrochen, das Grauen zu töten, um das Gute zu befreien? War dieser Hülsenberg nicht, die Harpune am Arm, jung hinabgetaucht in den alten Ozean, und sein entschlossener Sprung war aufmerksam begleitet gewesen von den achtungsvollen Blicken der Fischer und von den erstaunten Augen der jungen Mädchen, weil es eher schien, als stürze sich da einer ins Meer, dem grausamen Fisch zu predigen, im Liebe anzubieten anstelle der gezogenen Waffen? Und als er seine erste Beute aufs Land geworfen hatte, braunhäutig, zwiespältig lächelnd mit weißem Gebiss, weil er sie wohl sehen musste aus den Augenwinkeln, die uralte Sorge im dunklen Blick der Mütter der Fischer, war es an diesem Tag schon vorbei, und begann er seitdem zu vergessen? Oder dann, viel später in der Zeit, als unser Nepomuk Hülsenberg bereits in seinem armen Kaffeehause saß, an der Wand die getrockneten Köpfe und Leiber der Haie, die er über Jahrzehnte zur Strecke gebracht hatte? Dann, ja, dann, als er längst nicht mehr hinhören mochte und glaubte, den Augenwinkeln nicht mehr trauen zu dürfen – war er da ein Gescheiterter, ein alternder Wirt, ein Stück Geschichte nur noch, endlos begierig auf tröstende Geschichten? War er von den Leiden der Haie erpressbar geworden? War alles, was es ihm ermöglichte, sich zu wehren, ein bisschen Geld geblieben?“

 

„Wie der Brecht!“, hatte Hülsenberg gebrüllt, „Genau wie der Brecht! Des wird an Buch, damit bescheißmer se alle! Auf an superfeinem Glanzpapier drucken mer des!“

Ich schämte mich meines Pamphlets entsetzlich, eines aber blieb mir sehr wahr: Mit der Begründung des Suchens ausgestattet, konnte man sich tatsächlich fast alle Fehler verzeihen lassen. Wie lang und wie abenteuerlich die Suche auch sein würde, was man auch immer zur Seite stieß, dabei.

Nein, ich würde nicht des Kaffeehausdirektors Ghostwriter werden, ich hatte nicht vor, ihm und seinem Geschäft zu noch mehr Sicherheit zu verhelfen. Der spannende Moment, in welchem eine Seifenblase sich mit einem unregelmäßigen Gitterwerk von haarfeinen Rissen überzieht, jede der kleinen, unregelmäßigen Flächen glitzert in allen Farben eines dunklen Regenbogens, dieser kurze Augenblick morbidester Schönheit schien hier ins Unendliche hinausgezögert zu werden. Jene Zehntelsekunde kurz direkt vor dem Zerplatzen der Blase, aufgehalten nur noch durch etwas wie einen hauchdünnen Ölfilm, sie würde irgendwann vorüber sein. Irgendetwas in der Natur würde bald sein Recht durchsetzen, gegen Hülsenberg und seine flitzenden Diener, sehr bald.

„Der Laden brummt!“, freute sich der Geschäftsführer Wohlstern. Ich hörte dieses Brummen als einen sehr verdächtigen, immer bedrohlicher, immer lauter werdenden Ton. Wie in Erwartung eines Atomkrieges betrat ich nun das Kaffeehaus.

Immer häufiger stellte ich mir vor, dass alle Gäste hier aus irgendeinem Grunde von Direktor Hülsenberg Bestochene wären. Der da im grauen Anzug mit seiner teuren Brille – ein Steuerberater, die da hinten – Gewerbeaufsichtsamt, der Dicke da – Schankerlaubnis. Der Fleischhändler, der Grundstücksbeamte, die zwei von der Hygienekontrolle, der da für gefällige Artikel in der Presse, am Ende der melangebetrunkene Cop Robinson in seiner schummrigen Ecke, für die Parkplätze der Angestellten...

Wo war der Gast, welchen der Kaffeehausdirektor aushielt, seiner Daseinsberechtigung wegen? Und mit einem kalten Schrecken erkannte ich, wer dieser Gast war. Natürlich war das ein unklares Bild, und wie hätten denn sichtbar zahlende Gäste auch Bestochene sein können? Noch einmal beobachtete ich Hülsenberg und Wohlstern und die Presseleute und Abgeordneten, den Salat und die Gläser. Alles schien wie immer, so sehr wie immer, so sehr schon viel zu sehr. Ich trat vor die Tür und schaute mich noch einmal um. Auch von außen war es so. Von diesem Tage an ging ich nie wieder in dieses Kaffeehaus, und dieser Verzicht hob meine innere Lebensqualität bald spürbar wieder an.

 

Käy-Äytsch Robinson traf ich an einem eiskalten Winterabend wieder, in der menschengefüllten, festlich erleuchteten Salonhalle eines der Kinos, die ich manchmal besuche. „Es geht Ihnen jut!“, rief er aufgeregt. „Es geht Ihnen jut, na det is ja schön! So schön is det, nee, Sie haben ja keene Ahnung nich, wie ick mir freue!“

Misstrauisch erkundigte ich mich nach dem Grund seiner mir theatralisch und unehrlich vorkommenden Erregung.

„Ja, haben Siet denn nicht gehört?“, wunderte er sich mit großen Gesten, die seinen ihn weit umschlotternden, ungebügelten Anzug vollends zu einem tragischen Sack geraten ließen.

„Nein, was sollte ich gehört haben?“  Ich unterdrückte ein Grinsen.

„Na det mit det Kaffeehaus doch!“, flüsterte Robinson leise und lieb. Er trat sehr dicht an mich heran, ich wich entsetzt zurück. Von seinen Schuhen her stieß ein grässlicher Dunst auf, seine Füße stanken zum Gotterbarmen. Der Cop setzte einen vertraulichen Schritt nach, ich retirierte mit angehaltenem Atem und mühsam beherrschtem Gesicht erneut, und während wir uns so langsam durch den großen Vorsaal des Kinos bewegten, erzählte Käy-Äytsch Robinson mir seine nächste Geschichte. In meiner, vom Versuch den Ekel zu beherrschen, verzerrten Miene las er gespannte Erwartung.

Zu den prominenten Gästen des Kaffeehauses hatte ein international bekannter, ausländischer Schriftsteller gehört, ein noch junger Exilant, dem bestimmte Leute in seiner Heimat wegen seiner Werke den Tod geschworen hatten. Auf ihn habe man vor einigen Tagen ein Sprengstoffattentat verübt: Er selbst habe es zwar leicht verletzt überlebt, das schöne, alte Kaffeehaus indes sei bei dem Anschlag völlig verwüstet worden, ein einziger Trümmerhaufen sei es nun. Unter den Gästen habe es viele Tote gegeben; Geschäftsführer Wohlstern sei in viele kleine Teile zerfetzt worden. Direktor Hülsenberg kämpfe noch um sein Überleben, auf einer Intensivstation. Sie hätten ihm beide Beine abnehmen müssen. „Und'n Ei isser ooch los! Ja lesense denn keene Zeitung nich?!“

Ich schaute ungläubig. „Wohlstern ist – tot?!“ „Naja! Die ham jarnischt mehr von ihm jefunden ham se nich! Nich een Stücke mehr!“ Ich staunte schweigend.

„Det müssen se sich mal vorstellen“, flüsterte Käy-Äytsch Robinson weiter. „Und ick uff Streife an den Tach, eenen halben Kilometer bloß davon wech. Rumms macht et, rumms, und die Ecke is leer. Die ham det Fleesch von die doten Leute mit Feuerwehrschippen zusammjekratzt, am hellerlichten Tage. Mensch, und ick hatte mir schon so uff meine Melangsch jefreut. Aba dett iss imma so - wenn sich eener schon ma uff watt freut...“ Ob er mir die Ecke einmal zeigen solle.

Still musterte ich den Mann, sein erglühtes, fettbackiges Gesicht, ich nickte einen stummen Gruß und verließ rasch das Kino. „Na wartense doch ma, ick kann doch jarnischt dafür kann ick nich!“, rief der Polizist mir verständnislos nach. Frische, klare Abendluft. Nur langsam verblasste das hartnäckige Bild von Käy-Äytsch Robinsons Schuhen.

 

An diesem Abend lief ich durch ganze Stadtviertel, langsam. Weiße Atemrauchfähnchen wehten vor mir her. Eine hässliche Welt voller hässlicher Leute durchwanderte ich; auch die Ansehnlichen waren unerträglich in ihren so offensichtlichen Eitelkeiten. Ich konnte heute auch ihre Geheimnisse sehen, wie sie alle angstvoll ihre Fähigkeiten und ihre Schönheiten verbargen; es war wie ein Entdeckungsrausch, bei jedem bemerkte ich irgend etwas, etwas ganz und gar Spezielles, völlig Individuelles, das er ansonsten meiner Beobachtung vorenthalten hatte, Kleinigkeiten waren es nur zumeist, doch so intensiv erlebbar, dass mich ihre Entdeckung vor Erregung rasend machte. Woher diese plötzliche Qualifikation kam, wusste ich nicht. Und dass mein neues Erleben in irgend einem Zusammenhang mit dem penetrant wieder auftauchenden geistigen Abbild von Käy-Äytsch Robinsons Stinkstiefeln zu tun hatte, diese flüchtige Vermutung verwarf ich als völlig absurd.

Bei Rainer Maria Rilke, den ich gelesen hatte, weil ich wissen wollte, wie Hülsenberg war, hatte gestanden, dass er die Sexualität bei Kindern noch über deren ganzen Körper verteilt vermutete. Das, was mich jetzt durchströmte, schien ebenfalls eine Art von Sexualität zu sein, ein mächtiger Fluss ohne Richtung, ohne Ziel. Ich bekam keine Erektion, ich wurde eine Erektion. Das Verständnis von Ästhetik, mit welchem ich bisher gelebt hatte, brach innerhalb von Minuten ganz zusammen, und es war beileibe keine Ode an die Hässlichkeit, in deren mächtigem Klang ich mich nun bewegte, sondern die Hässlichen waren nur einfach ihres Hasses entkleidet. November war es, und mir war weihnachtlich, ja, zuallererst wohl war es ein weihnachtliches Empfinden. Angstvoll setzte ich Schritt vor Schritt, überlegend, wie ich mich wohl zu verhalten habe, dass dieses Erleben nicht wieder nachließe.

 

Das Gefühl blieb – irgendein Trick, eine allgemeine Schutzmaßnahme gegen mich war ganz offenbar unnötig geworden, und ich forschte aufgeregt, was ich wohl ohne es zu bemerken richtig gemacht haben mochte, dass dies eingetreten war. Sehr gern hätte ich jetzt still in irgendeinem warmen Kaffeehaus gesessen, um ruhig darüber nachzudenken. An lächelnden Ungeheuern marschierte ich vorüber, an den hörbaren Herzen schnell sterblicher Irrer mit grotesken Wegen und Zielen, an rasch verfallendem Blödsinn, Materialwert ohne Seele weniger als der Preis für eine Melange ohne Aufschaum. Wahnsinnige kamen mir durch die Nacht entgegen, aus den Sülzfleischkugeln ihrer Augenpaare brachen unglaubliche Strahlen völlig unbegründbarer Hoffnung. Irgendeine kleine, weiße Scheußlichkeit von Hund freute sich beinahe einen Herzinfarkt, als ich nach ihm pfiff und schnippte, und sein Herrchen zog unverständlicherweise vor mir seinen Hut und grüßte mich so achtungsvoll, als wenn ich mindestens ein Engel wäre. Die lange, nächtliche Strasse lief ich entlang, aufgewühlt und aufrecht, auf die Ecke zu, an der es sich erweisen würde, ob Käy-Äytsch Robinson einfach nur ein bestechlicher Bulle war oder nicht.

 

Das andere, gänzlich unversehrt gebliebene Restaurant brodelte neben dem inzwischen eingezäunten Trümmerhaufen des ehemaligen Kaffeehauses in seinem normalen Nachtbetrieb. Durch die großen, erleuchteten Scheiben schaute ich hinein. Hinter der langen Bar erkannte ich einen Mann ohne bestimmbares Alter, einen mir bekannten Mann, der dort sehr gerade stand, mit einem erhitzten, geröteten Gesicht. Ein großes, makellos weißes Pflaster klebte schräg an seiner Stirn. Manchmal bewegte er seinen roten Mund, dieser Mann, oder er vollführte ein paar knappe Handbewegungen, wobei er an einen Dirigenten ohne Taktstock erinnerte. Eine Weile schaute ich seinen Kellnerinnen und Kellnern zu. Sie waren schon viel schneller geworden.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Unter den Linden

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