Die Bezeichnung VASUDEVA gilt für etwas, das sehr alte Überlieferung unter anderem als den Fährmann nennt. Das kaum wirklich zu seinem Ursprung datierbare ‘AHAM VASUDEVAYA!’  steht für: ‘Alles ist VASUDEVA, ja, auch ich bin es!’

Verborgene, sehr langlebige Yogis in schriftloser Vorzeit sollen eine heilige Zweisilbe, etwa wie ‘VASAT’ klingend, verwendet haben, um die höchste Beschuldigung: 'Das bin ich nicht!', und die höchste Entschuldigung: ‘Ich bin VASUDEVA!’, zusammenzufassen.

Etwas völlig abzulehnen, indem man ihm gegenüber äußerte: ‘Dies kann keinesfalls Ich sein!’, und das gleiche dann völlig anzunehmen, indem man sich selbst zu VASUDEVA ernannte, der ja in der Auffassung der Yogis alles, auch das grundsätzlich Abzulehnende darstellte - dieses Spiel zwischen Zuweisung und Rücknahme und selbzeitig zwischen Abweisung und Annahme innerhalb des einzigen, kurzen Wortes ‘VASAT’, ist über lange Zeit ein äußerst streng gehütetes Geheimnis gewesen. Sehr wirkungsvolle Veränderungen sollen vermittels des in rechter Weise hervorgebrachten ‘VASAT’ verursacht worden sein.

Dennoch - irgendjemand muss später gepetzt haben, und sollte einem geneigten Leser bislang  das Wissen von der unvergleichlichen Kraft des ‘VASAT’ nicht bekannt gewesen sein, so habe ich ab jetzt an dem einst irgendwann geübten Verrat meinen Anteil.

Genaues über die Wirkungen von ‘VASAT’ bleibt in heutiger Zeit unklar. Man konnte und kann vielleicht auch ‘Eimer’ sagen, oder ‘Topfpflanze’. Doch manche hoffen angeblich, mit Unterstützung des ‘VASAT’ irgendwann, in irgendeiner Zukunft einmal, VASUDEVA werden zu können. Ein Mal, dass kein bestimmender Artikel mehr auf sie passt. Einmal für immer. ‘VASAT’ intonieren können, und es geschieht. Nur dieses Andere, dies Auch - Eine, niemals sagen dürfen.

 

„Und wenn es jetzt ist? Und wenn Sie es schon sind?!“

Zwei Stimmen waren es, klar und laut, männlich und weiblich, in choralem Gleichklang. Ich erschrak sofort innig vor dieser ganzen schmutzigen Welt hier in diesem Kaffeehäuschen. Begreifend, dass ich schon immer vor ihr erschrocken war, versuchte ich, ohne Frage nach Woher und Warum der beiden Stimmen, einfach anzunehmen, was geschah. Ich rührte in meinem schlechten Kaffee.

„Gut!“, sagte ich dann, in komischer Resignation die Arme hochwerfend, „Meinethalben, ich bin’s. Da sitze ich nun also.“

„Da sitzen Sie nun. Und wenn Sie wirklich VASUDEVA sind - wer sind dann wir?“

Aufs Neue erschrak ich abgründig. An diesem Erschrecken, hätte es länger gedauert, wäre ich gestorben: So ähnlich war vielleicht das VASUDEVA - Gefühl. Alles nur Erdenkbare zwischen höchster Perfektion und kläglichstem Makel fiel mir ein, nur nicht meine eigene Größe.

„Wer Sie sind, wenn Sie nicht VASUDEVA sind, obwohl doch alles VASUDEVA ist?! Sie sind Wesen um deren Gesundheit ich bitte!“ brachte ich kümmerlich hervor.

„Vorsichtiger Knabe! Sie bitten - worum? Um unsere Gesundheit?“

Hier bereits verzweifelte ich. „Ich will Ihnen doch nicht Ihre...!  Also, ich bitte um Ihretwillen um Ihre - Gesundheit!“, versuchte ich es dennoch weiter.

„Sie sind Richter,“ vermutete man, „Sie entscheiden, was uns gut tut?“

Eigentlich wollte ich nie wieder etwas sagen. Sofort ein Affe werden. In einem kleinen Dorf noch weit hinter Indien. Sonne, grüne Bäume und eine saftige Banane,  kleine, braunpelzige Angst vor großen Spinnen, und ein riesiges, erschrecktes Grinsen auf einer Hälfte des verschrumpelten Gesichts.

„Vermutlich werden Sie uns nun gleich erzählen, sie müssten all das tun, was Sie hier tun. Sie werden vom Schicksal getrieben, nicht wahr, junger Herr? Ist es schon wieder ganz egal geworden, wen Sie lieben? Wer Ihnen das Herz einmal bricht?“

 

„Am Ende steht immer Verzicht?“ Das sollte wohl mein Ende sein - ein bedeutungsloses Chanson? Ich hätte diskutieren können, zum Beispiel darüber, wer je angefangen hatte, überhaupt etwas zu sagen. Ich ließ es. Es war ein Kaffee - und Teehaus, und sie hätten mich zum Arzt getragen. Merkwürdig genug schauten sie bereits. Wer verlor sich schon gern. VASUDEVA etwa?

Aber es war die einzige Möglichkeit, sich selbst jetzt nicht zu verlieren, die Auffassung des Todes, desjenigen Todes, den ich gerade jetzt verstehen konnte, vom Leben, wie ich es gerade verstand. Angeblich kehrte dieser Tod dem Leben den Rücken zu. Vielleicht reichte es ihm nie; es mochte sein, er schämte sich aller seiner Möglichkeiten, theoretische Angebote zu machen. Leben und Tod, die beiden, welche da mit mir sprachen - vielleicht waren beide so wahnsinnig, an Gott zu glauben... .

„So wahnsinnig, sagten Sie?!“

„Ich hab ein groß Furcht!“, quietschte es kleinmütig in mir.

„Jetzt schon?“

„Nein, nicht jetzt schon! Immer noch! Immer mehr. Vor der Härte dieser Reinheit.“

„Bitte welcher - Reinheit?!“ Es wurde dringlicher.

„Ahm, der - Reinheit größerer Konzeptionen“, sagte ich, „Sie verlangen so viel!“

„Viel - was?“

„Geduld. Viel Geduld. Entsagung. Was dort natürlich ist, und Lebensgrundlage, das erscheint hier einzig wie Qual. Entweder dort sein, oder hier nicht diese Bedingungen! Das ist meine Bedingung!“

Meine Entgegnung erfüllte mich nun doch mit Stolz. Zwar war es ein heißer, kleiner Kinderstolz, zwar steckte irgendwo, das spürte ich, ein Fehler. Aber spürte ich freiwillig, was ich spürte? Ich ließ mich darauf ein, mich zu quälen.

„Quälen und quälen lassen, was?“ moderte ich unselig.

„Nun ja,“ begnadigte man mich gönnerhaft, „Sie reden sich nur eben wieder heraus, aus dem Kot, in welchen Sie

sich - welchen Sie in sich - wie Sie übrigens wollen - hineingefressen haben. Doch: Dass Sie das können, und auch wie Sie das schon können - haben Sie vor, das unter all Ihren - Nachbarn hier je noch öffentlich zu machen?“

Was für eine Qualifikation! Mein Abschied von der Menschheit. Der Weg war frei. Ein langer Weg durch alle Sterne. Eine Art Hauch traf mich überall, innen und außen und in jeder Mitte. Ich schauderte. Ich hatte kein klares Projekt. Ich hatte die Perlen, und ringsum grunzten die Säue. Da ballte ich die Fäuste. Gleich würde ich etwas sagen und  maßlos über mich staunen.

„Sie opponieren?“ Es war wie der trinkbare Klang eines zwiefachen Lächelns. Mich schauderte vor meiner Kaffeetasse.

„Nein!“, entgegnete ich. „Doch! Leben als Widerspruch, das ist mir zu albern.“

„Sie opponieren also?“

„Nein! Ja, natürlich! In jeder Hinsicht gegen alle Kränkung sanften Lebens, gegen jeden Energieraub, besonders gegen den IHREN, dagegen, dass einem hier Statements abgepresst werden sollen...“. Ich übertrieb, in ungeschickter Weise gnädig gegen mich selbst. „Gegen den Dreck, der im Geschenk jener nachgiebigen Behälter wohnt, welche mit leuchtenden Juwelen angefüllt sein sollten...“ Irgendwo hatte ich das gelesen: Die höheren Buddhas füllen die Badeteiche ihrer Gemahlinnen mit der Flüssigkeit nachgiebiger Diamanten.

„Oh. Sie verzeihen sich?“

„Damit rufen ja Sie - mit dieser Frage rufen Sie zwei Worte auf, die ich nicht zuerst sagen werde. Dieser Religion leiste ich keinen Vorschub. Nie und nirgendwo!“

„Natürlich meinen Sie Schuld und Unschuld? Das mit dem Vorschub sparen Sie sich hier man lieber. Hier, wo Sie sind, geht es - pst - eher um Nachschub.“

„Fragen Sie sich nie“ sprach ich sehr laut, und die vertrockneten Kellner und viele graubunte Gäste starrten mich seltsam an, „Niemals, wohin Sie hier gerade wen schieben, und in welchem Zustand derjenige augenblicklich ist?“

„Sagen Sie das, oder fragen Sie das?“

„Iiich weiß nicht!“, quäkte ich. Fragen und Antworten waren dort offenbar das gleiche. Ich stand nun so sehr unter Karrieredruck, dass ich plötzlich eine Kinderglatze zu haben meinte, und hellblaue, leuchtende Augen. Ich wollte das auch alles erreichen. Das, was die Großen da erreichten. Gerade war ich wieder der Dumme geworden, vor irgendwelchen lehrhaften Eltern, und von denen wollte ich immer noch süße Milch und Eierplätzchen.

„So, und nun mal zurück, das Ganze!“, sagte man da. Und wieder erschrak ich heftig, denn sie meinten die Zeit. Jetzt sah ich auch wieder etwas. Nicht meine Umgebung, Ornamente, dunkelblaue, leuchtende Mandalas. Ich fühlte mich umschmeichelt von Erkenntnis und bedroht von meiner eigenen macht. Niemand in dem Kaffeehaus schien sich noch zu bewegen. Greifbare Luft.

„Gut,“ meinte ich sachlich, „Jemand entwickelt sich. Er stellt sich anderen, obzwar geschlechtlich zu definieren, natürlich ganz leicht als androgyn, als Viele dar, er... Irgendwann in der Zukunft..., Irgendwann..., Er...“.

„Er - was?“

Jetzt fühlte ich mich auch wieder. ‘Es war meine Liebe!’, dachte ich aufgestört. Die dort stahlen sie, indem sie Gerechtigkeitssinn dazu sagten. Sinne hatten Organe zu haben. Für die musste also mein Penis ---. Ich sprang halb auf. Dort durfte ich nicht bleiben. Von hier ab machte ich wahrscheinlich aus deren Sicht alles falsch. Das Bewegliche rings um mich geriet wieder in Bewegung. Nur die Dinge blieben seltsam groß und dunkel und ernst.

„Das ist doch alles Unflat!“ rief ich, „Sie messen mich mit Ihrem Maß! Lesen Sie – „ - ich nannte einen Buchtitel, „ - das ist von mir! Da steht, was ich sagen muss, zu alledem! Sagen muss! Nicht will!!“

„Sie sagen das, wie andere: ‘Lesen Sie die Bibel’, sagen. Sind Sie Kollegen, die Bibel, der Koran, das - sonstwie da, von hinter Indien, wo Sie gern Pavian wären, und Sie?“

Ich ahnte, was mir meine Fairness, wenn ich ja sagen würde, einbrächte: Klirrende Realität und ein schlechtes Gewissen beim Kacken. Ich schwieg und kam mir würdevoll und sehr verstockt vor.

„Vergleichen Sie doch einmal Ihre heutigen Schriften mit denen von damals...“.

„Unterlassen Sie endlich Ihren unbarmherzigen Zeitvertreib!“, wollte ich erwidern, aber: ‘Sehr gut!’, dachte ich schnell, und: ‘Es gibt also eine lebendige Evolution von Schriftzeichen...’. Dann schrak ich wütend zusammen. Ich glaubte, etwas Entscheidendes begriffen zu haben, von der höchsten Beschuldigung, vom ‘Das bin ich nicht!’.

„Sie meinen nicht: Von DAMALS, Sie meinen: von GANZ DAMALS!! Ich haabe niie ...!“

„Und wenn doch?“

„Sie haben Fragen?!“, dachte ich brüllend, in einem sehr, sehr großen Kopf. „Ausgerechnet Sie - an mich?!“

„So lange Sie Antworten haben, junger Herr.“

Da saß ich und glühte in meinen Schmerzen. Mein Herz schwitzte Armseligkeit, ich war der Freund der Götter, das verquälte Argument ihrer Unbarmherzigkeit. Sie wollten, dass ich sie zu gut kannte. Sie hatten mir ihre Schwächen anvertraut, so mussten sie mir von ihrer Stärke nichts geben.

 

Man schwieg ringsum und auch von dorther, und all dies habe ich gleich darauf niedergeschrieben. Das Ergebnis war nur, dass ich wieder aufblicken konnte. Und da saß dann eine Frau, die ich seit sechzehn Jahren nicht mehr getroffen hatte. Sie erkannte mich sofort wieder, wusste sogar noch winzige Einzelheiten aus der Zeit, da wir uns öfter begegnet waren. Nur meinen Namen hatte sie eigenartigerweise vergessen. Sie grübelte, aber er war wie ausgelöscht. Ich sollte den Namen nicht nennen, damit sie selbst darauf kommen würde. Ich hätte ihn sowieso nicht genannt. Das Überlegen machte ihr Freude, die einzige, die sie hatte.

Dann winkte sie ab. "Schall und Rauch! Namen sind Schall und Rauch!"

„Ja!“, antwortete ich und schaute nach oben, zum Ort der Stimmen, „Herr Schall und Frau Rauch!“

Ihr Freund, den sie mir schräg lächelnd vorstellte, war ein schräg lächelnder, bleicher Bankier.

Der Bankier fragte: „Und? Wie heißen Sie denn nun?“ Ich sagte nichts. Seine folgenden Fragen versiegten schnell; vage verabredete ich ein Telefongespräch mit der Bekannten und setzte mich dann wieder an meinen Tisch zurück. Die beiden rüsteten umständlich zum Aufbruch in den schnell nachdunkelnden Winterabend. Ich räkelte mich und sah mich noch ein wenig um an diesem Ort.

Jeder hier wollte nun einen schönen Abend haben. Ich versuchte, dem Abend ein schönes Ich zu sein. Spät genug, dass es vielleicht noch gelänge. Im Kaffeehaus saßen jetzt nur noch Pärchen. Sie starben im Gespräch dahin. Und ich, sagen mir einige Blicke, ich freute mich darüber. VASUDEVA werden.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Vasudeva werden

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