Dass ich das „Allzweck-Leuchtmittel, mit langlebiger LED-Leuchte, ultrahell, inklusive voll aufgeladener Lithium-Monozelle, und Zwicker, metallen, ideal zum Anheften ans Gute Buch“ ausgerechnet in der Fensterauslage eines kleinen Ladens für Pornoartikel entdeckte, mag einen tieferen Sinn haben. Manchmal jedoch, das gab selbst Sigmund Freud zu, ist eine Zigarre auch einfach nur eine Zigarre, und immerhin: Weil die schöne Lampe in dem Schaufenster - sie war etwa so hoch wie der erigierte Gummiphallus neben ihr - mit stolzen 14.90 ausgepreist war, versuchte ich zunächst, an anderen Orten nach ihr zu fahnden. Das letzte von den billigeren Exemplaren, die ich sonst noch finden konnte, erstand direkt vor mir eine kleine, dicke Frau für 9.80. Es war in einem Kinkerlitzchengeschäft; die Dicke strahlte mich gemein an und schnappte triumphierend mit dem Zwicker, metallen, zum Anheften ans Gute Buch, vor meinem wütenden Gesicht herum.

 

Erniedrigt trabte ich zurück zu dem Pornoladen. Dort hob die alte, unangemessen seriös wirkende Verkäuferin die letzte Leselampe vorsichtig für mich aus den Ringen zweier stählerner, mit rosa Plüsch überzogener Handfesseln. Ich tat ihr ein bisschen leid, und sie wollte mir ein Pornoheft, Titel: „Die Fotze meiner Schwiegermutter“ gratis dazu geben. Nach meiner Antwort auf ihr Angebot tat ich ihr nicht mehr leid.

 

Die rote Leuchtschrift über dem Laden: „Popp-Shop“ blieb hinter mir zurück. Endlich hatte ich meine Leselampe. Ich hockte mich an diesem Abend in ein düsteres Café, wo lesen als unfein fein galt. Eine der ersten Schriften, die ich unter meiner neuen Minilampe aufmerksam studierte, war ein grellbunter Katalog. Zugegeben, ich hatte mir in dem Café die finsterste Ecke ausgesucht, damit mein Lichtlein auch recht hübsch zur Geltung kommen sollte, aber das war eigentlich mehr für mich, es sollte eine stille Freude sein. Aus dem Werbeheft - ich hatte es auf dem alten Piano entdeckt, wo dergleichen Schund sich häufte - erfuhr ich im Licht meiner Lampe, dass mich genau diese Lampe, bestellte ich bei der Firma, die den Katalog herausgab, fünfzig Exemplare davon, nicht mehr 14.90, sondern nur noch 3.12 kosten würde. Ab zweihundertfünfzig Stück gab es sie bereits für 2.89, und ab einer Anzahl von eintausend Lampen wären nur noch 2.53 zu bezahlen.

„Sie staunen über unsere Preise?“, fragte mich eine brüllendrote Schriftzeile, die mich an „Popp-Shop“ erinnerte, über einer Abbildung von meiner Lampe, deren Farbe aus fototechnischen Gründen ein wenig vom Original abweichen konnte, „Wir können Sie dank unserer ausgezeichneten Direktkontakte nach Fernost so günstig beliefern!“

 

Ob ich mir nicht ein wenig prätentiös vorkommen würde, mit meinem Extralicht, wollte ein borstenköpfiger Gast am Nebentisch hier von mir wissen. Durch ein nettes Lächeln und ein dem üblichen Tonfall in diesem Café sehr viel Angemesseneres: „Halt's Maul, du Kacker!“, versuchte ich, nicht zugeben zu müssen, dass ich nicht wusste, was prätentiös war. Es misslang, und im Verlaufe der folgenden Ereignisse wurde meine Lampe leider funktionsuntüchtig. Voller Zorn suchte ich erneut den „Popp-Shop“ auf, wo mein Pflaster an der Stirn grinsend missverstanden und mein neuerliches Begehren nach einer Leselampe abschlägig behandelt wurde - auch dort waren die Lampen inzwischen ausverkauft.

 

Die Trümmer der ersten Lampe lagen nun unter meiner Schreibtischleuchte. Immer wenn ich der Bruchstücke ansichtig wurde, ging mir die Sache erneut durch den Kopf. Endlich, es war vielleicht eine Woche weiter, rief ich bei der Firma an, aus deren Katalog ich mir die betreffende Seite damals herausgerissen hatte. Ich stellte mich als Mitarbeiter der Guggenheimstiftung vor und fragte an, wie es denn mit dem Endpreis für den Artikel 02942/161818 aussähe, wenn ich für eine europaweite Werbeaktion (Titel: „Unternehmen Wort“) einhundertundfünfzigtausend Stück davon zu ordern gedächte. Mir wurde ein Endpreis von 0.96 pro Lampe vorgeschlagen, und ich wurde gefragt, ob ich denn nicht Lust hätte, die Sache nett bei einem Kaffee weiter zu besprechen, denn einschließlich aller möglichen Rabatte ginge es vielleicht sogar noch ein bisschen billiger. Freundlich sagte ich zu, legte den Hörer auf und schüttelte den Kopf wie ein Eisbär. In der Werbeabteilung der Versandfirma gaben sie mir ohne Umstände drei Leselampen als Ansichtsmaterial für meinen frei erfundenen Geschäftspartner mit. „Hervorragende Chinaware, entscheiden Sie sich bitte für uns, Herr Kuckenheim!“, verabschiedete mich der junge Werbemanager.

 

Ich las eine Menge Bücher über China, manchmal mit allen drei Lampen am Buch. Vielleicht, dass ich dahinter kommen würde, wie das mit dem Geld funktionierte. Zwar begriff ich davon nichts Wesentliches, doch ich gewöhnte mir seltsamerweise über Nacht das Rauchen an. Eine große Pfeife qualmend und hustend, las ich, dass es in China mehr als doppelt so teuer sein würde, ein Einwegfeuerzeug herzustellen, wie in Indien. Im Vergleich zu Japan kostete dieses Feuerzeug in China sogar ungefähr zwölf Mal mehr. Meine Lampe wurde mir immer ungeheuerlicher. Ein lampenherstellender Chinese konnte sein Produkte groteskerweise überhaupt nicht so schnell in China herstellen, dass er es sich dann in Europa auch nur ein einziges Exemplar jemals würde leisten können. Er bekäme das Geld für das Flugticket nicht zusammen.

 

„Ooch, das musst du nicht so eng sehen“, erläuterte mir weise ein Bekannter. Vor Jahren habe er einmal in einer Konfektfabrik gearbeitet, Rumtrüffel verpacken, im Akkord. „Wir durften von dem Zeug essen, so viel wir wollten“, sagte er. „Ich sage Dir, das machst du nur eine kurze Weile, das legt sich schnell, glaub`s nur. Dein Chinese hat bestimmt mehr Leselampen als Bücher – bist Du krank?...“

Ich schüttelte den Kopf und hustete weiter.

 

Als die Energiezellen für meine drei Leselampen aufgebraucht waren, stellte sich heraus, dass passender Ersatz nirgendwo zu haben war. Auch die Firma mit den glänzenden Fernostkontakten hatte solche Zellen nicht im Angebot. Mit meiner Suche danach verbrauchte ich so viel Zeit, dass ich mir, hätte ich stattdessen zum Beispiel Trüffel im Akkord verpackt, sicher mindestens ein Dutzend neuer Leselampen hätte kaufen können. Bei meiner Suche lernte ich einen Haufen Leute kennen, und manchen von ihnen erzählte ich die Geschichte von der Lampe, die immer billiger wird, in der Hoffnung, einer von ihnen würde etwas Weises dazu sagen, meinetwegen auch etwas von Konfuzius.

„Hören sie auf zu rauchen, dann haben sie mehr Geld!“, riet mir ein freundlicher Elektrowarenverkäufer.

 

„Nehmse doch statt det kleenen Päckchens die jroße Dose da!“, sagte die Tabakverkäuferin, „In der Dose sind 100 Gramm drin. Da sparnse 80.“

„Ach was, 80?!“, erwiderte ich, „Und gibt's denn auch noch größere?“

Sie nickte. „125-Gramm-Tüten. Da sparnse sojar 1.40.“

Ich nickte auch. Dann fragte erkundigte ich mich bei der Mamsell mit der filterlosen Zigarette im signalrot verschmierten Mundwinkel nach einem Zettel und einem Stift. Misstrauisch reichte sie mir das Gewünschte, und ich stellte ihr eine Verhältnisgleichung auf, an deren Ende ich unter einem kräftigen Strich präsentierte, wie viel Tabak ich kaufen müsste, damit er mich gar nichts mehr kosten würde. Es waren etwas mehr als vier Zentner.

 

Eine Weile lang schwieg die Frau, und ihr wegen des ätzend von ihrer Zigarette aufsteigenden Rauches verkniffener Blick ging lange zwischen meinen Zahlen und meinem Lächeln hin und her. Dann rief sie, und sie schlug dazu mit ihrer großen Faust auf mein Päckchen „Mac Baren, Vanilla Cream“, so dass puffend dessen Vakuumblase platzte: „Na Sie sind mir ja een janz Schlauer! Denn könnse den hier ooch umsonst ham! Noch irjendjemand watt umsonst?! Bitte, hier! Nehmt doch alle, watter wollt, na los doch!“ Und sie spie den Rest ihrer Zigarette gekonnt unter die Ladentheke.

Mit einer nur sehr blassen Ahnung davon, was ich gerade in der Frau verursacht haben mochte, sah ich ihre unnachahmliche, tragikomische Empörung. „O Danke! Dankesehr!“, rief ich, griff mir den Tabak und schnellte hinaus.

„Und machense in Zukunft so watt jefälligst da, wose zu Hause sind!“, schrie die Verkäuferin mir aus Kräften ihres mächtigen Leibes hinterdrein. Eine enorme Woge dumpfer Herzlichkeit verfolgte mich noch minutenlang.

 

Ich spazierte in das Cafe zurück, rauchte dort stillvergnügt von meinem Tabak und erzählte meinem Bekannten, als er eintraf, dass man mir ab etwa viereinhalb Zentner davon bereits 0.80 dafür bezahlen müsste, damit ich ihn überhaupt nähme.

Mein Freund grinste böse. Dann wurde sein Gesicht sachlich. „Du hast noch nie etwas vom Grenzwert gehört?“, fragte er mich. Ich schüttelte hinter einer großen Qualmwolke den Kopf.

„Der Grenzwert beschreibt in der Wirtschaft jenen Punkt, von dem ab ein Artikel eben nicht mehr billiger werden darf. Damit das Geschäft auch das Geschäft bleibt. Der Grenzwert ist ein unerschütterlicher, ökonomischer Punkt, verstehst Du das?“

 

Ich sah wieder das Gesicht der Tabakverkäuferin vor mir, ein zerrüttetes Gesicht, zornig, ehrlich, müde. Noch war ich beim Überlegen, ob ich: „O ja, ich verstehe das natürlich“, antworten oder einfach lächelnd den Kopf schütteln sollte, als der Borstenkopf, wegen dem damals meine erste liebe Lampe in Trümmer gegangen war, in das Lokal stürzte. Wild schrie er den Leuten immer wieder dasselbe in ihre verblüfften Gesichter: „Mauer weg! Die Mauer ist offen! Die Grenze ist gefallen!“

 

Lärm erhob sich, drin und draußen. „Der Grenzwert also...“ murmelte ich zu meinem Bekannten. Er sah mich seltsam an.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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