Da lag also dieser hübsche, braunlederne Handschuh auf dem Straßenpflaster. Gerade so lag er da, als würden seine Finger soeben einen komplizierten Pianogriff tun. Im Vorüberfahren wehten mich der Hauch seiner edlen Verarbeitung an, die Gewissheit, dass er mir ideal passen würde, und das Bedauern, dass er da so allein, ohne sein Pendant, und also zwecklos, lag.

 

Gerade hatte ich den Handschuh wieder vergessen und mich auf meinem Rad in der Zwischenzeit vielleicht dreihundert Meter weiterbewegt, da sah ich direkt vor mir den Zweiten. Ich hielt an, stieg ab und griff mir den Handschuh. Dann wendete ich und fuhr zurück.

 

Auf halber Strecke kam mir ein anderer Radfahrer entgegen, er hielt den ersten Handschuh in der Hand und schaute suchend. Kurz und heftig packte mich Enttäuschung, dann musste ich herzlich lachen und warf, etwa an der Stelle angekommen, wo der erste Handschuh gelegen hatte, den Zweiten fort. Daraufhin wendete ich abermals mein Fahrrad, fuhr ein Stück meines Weges und stutzte plötzlich: Ungefähr dort, wo vorhin der zweite Handschuh gelegen hatte, lag nun der erste - der andere Radfahrer hatte aufgegeben und ihn fallen gelassen. Er sah aus wie eine einen Penis masturbierende Damenhand. Ich hielt, hob den Handschuh auf und fuhr erneut zurück.

 

Gemeinsam mit mir war eine junge Frau an der betreffenden Stelle angelangt. Sie hob den Handschuh soeben auf. Ich verbarg den meinen in der Manteltasche, fuhr langsam vorbei und wendete. Möglichst unauffällig folgte ich der aufmerksam vor sich hin auf die Straße blickenden Frau. Nach etwa fünf Minuten Weg warf sie ihren Handschuh mit einem resignierenden Achselzucken fort und kehrte um. Hierbei begegneten wir uns, und es trafen sich für einen kurzen Moment unsere Blicke. Ich fuhr noch ein Stück weiter, dann drehte ich um und holte mir den zweiten Handschuh. Einen kleinen Umweg radelnd, der mich wieder vor die Frau brachte, ließ ich einen der Handschuhe auf die Straße fallen, fuhr noch ein Stück weiter und wartete, verdeckt vom Vorbau eines Hauseinganges, ob die Frau den Handschuh bemerken würde. Kopfschüttelnd hob sie ihn auf; sie stand eine Weile unschlüssig da und begann schließlich, abermals zurückzulaufen. Ich setzte mich auf das Fahrrad, fuhr wieder die Abkürzung um den Block traf direkt vor ihr ein und ging ihr, das Rad am Arm, entgegen.

 

„Ist das ihr Handschuh?!“, fragte ich streng.

„Es ist…“, begann sie.

„Ich weiß genau, wie gern sie jetzt lügen möchten!“

„Nein“, gab sie zu, „Es ist genaugenommen nicht mein Handschuh.“

„Aber er gefällt ihnen  genaugenommen, oder?!“

Sie nickte einfältig.

„Mir gefällt er auch“, murmelte ich.

 

Morgen ist unser sechzehnter Hochzeitstag. Wir wohnen immer noch in der Straße, wo wir uns kennenlernten, und wie jedes Jahr werde ich ihr ein paar hübsche Handschuhe schenken.

 

 

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Kalte Hande

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