Nichts als Papiere. Buchstaben und Zahlen seit Stunden schon, ein fahler, nicht mehr heller werdender Morgen von krachender Prosa. Ein Büro, ein Unding von einem Büro. Allein der Geruch. Mit ihrem endlosen Gefasel vom Sternzeichen Schütze hatte mir die Sekretärin zudem meine letzten Nerven malträtiert. Ich sah zu, wie ein Sperling den Inhalt des Eiterpickels, den sie sich ausgedrückt hatte, vom Gesims der Balkonbrüstung fraß, und mir blieb, als ich endlich das Haus verlassen konnte, nur noch eine freie Wahl - die zwischen der Buslinie oder der S-Bahnlinie in die Stadtmitte, alles andere an diesem Tag schien in grausiger Härte bereits genauestens vorausbestimmt zu sein. Weil ich mich für den Bus entscheiden wollte, entschied ich mich für die S-Bahn. Stechende Sonne, ein paar Wolken mit den Formen von Gesichtern seniler, alter Männer. Auf dem einsamen Bahnsteig wirbelten Betonstaub und trockene Papierfetzen. Wieder Papier. Ich starrte Zigarettenreste an. Nichts mehr hatte Rundungen oder Kurven.

 

In diese Welt voller Geraden, Schrägen und rechter Winkel trat – immer, wenn Du denkst, es geht nicht mehr - unvermittelt ein Fräulein. Es hatte ein bleiches Gesicht mit edler, griechischer Nase zwischen lang und leicht herabfallendem, schwarzem Haar. Die Erscheinung trug ein gewichtslos scheinendes Sommerkleid, moosgrün, bodenlang. Ein lederner Unterarmschutz umfasste eng einen der Ärmel des Kleides. Über einer ihrer schmalen Schultern hing dem Fräulein ein langer Bogen, über der anderen das geflochtene Lederband eines fein gearbeiteten Pfeilköchers. Einzig ihre Schuhe gerieten aus der Perfektion des wunderbaren Anachronismus, es waren moderne, absatzlose Schuhe aus weichem, schwarzem Leder. Auf ihnen schwebte die hochaufgerichtete Gestalt ernst in den Waggon des Zuges, welchen auch ich betreten hatte.

 

Gemeinsam fuhren wir Stadtbahn. Sie, ihren bescheiden verzierten Bogen neben sich, schaute bewegungslos mit ernster Miene aus dem Fenster, auf die vorüberziehende, trostlose Industrielandschaft um den Westhafen, und ich schaute ebenso bewegungslos auf sie, auf ihr klassisches Profil, auf ihre Gestalt, ihr homerisches Zubehör. Ihr Gesicht ähnelte von der Seite Pallas Athene auf einer Münze. Meine Erfrischung unterbrach eine quäkende Lautsprecheransage. Ein Schienenersatzverkehr wurde vom Zugfahrer angekündigt, eine Unbequemlichkeit, eine Station vor meinem Zielbahnhof. Ich zog eine meiner zwei neu geschriebenen Geschichten aus der Umhängetasche, rollte sie sorgfältig zusammen und versah das Bündel mit einem kleinen Ring, den ich aus einem Pfeifenreiniger drehte. Ich hatte vor, dem Fräulein wenn es ausstieg, das Papier unbemerkt in ihren Pfeilköcher stecken, ein heimliches Geschenk, ein Dankeschön für ihren Anblick, für eine schmackhafte Erinnerung an die griechische Sagenwelt.

 

Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Dicht vor mir stand sie an der Tür, wendete mir ihren geraden Rücken zu. Ich sog herbes Parfüm ein, sah, dass die Handvoll Pfeile in dem Lederbehälter alle unterschiedlich befiedert waren. Als der Zug seinen Bremsruck tat, hob ich rasch den Arm und ließ meine Papierrolle in ihren Köcher rutschen - und im selben Moment überkam mich die unsinnige Idee, ihr einen der Pfeile aus dem Köcher zu ziehen, um ihn mit mir zu nehmen. Einen Psychologen mochte dieses Verlangen tief blicken lassen, für mich war nur wichtig, dass die Tat genau so schnell war, wie die Idee. Die schöne Bogenträgerin wandelte aus dem Waggon, ohne etwas bemerkt zu haben, und ich verbarg den Pfeil rasch unter meiner Weste, lief zwischen anderen Fahrgästen hinter ihr drein über den Bahnsteig und überholte sie schließlich. Ich hatte sie hinter mir.

 

Um zu den Ersatzverkehrsomnibussen zu gelangen, hatte man zunächst eine Treppe zu erklimmen, welche auf eine hölzerne Baustellenbrücke führte. Daraufhin musste man eine weitere Brettertreppe wieder abwärts, dann folgte ein kurzes Stück Kiesweg, dann kam die Straße. Als ich die unterste Treppenstufe erreicht hatte und gerade meinen ersten Schritt auf den Kiesweg setzen wollte, ertönte in der heißen Sommerluft ein leises, scharfes Pfeifen. Höchstens eine Handlänge vor meinem Schuh bohrte sich schräg ein Pfeil tief in den Sandboden und zitterte dort noch einen Moment lang nach. Mit angehobenem Bein erstarrte ich und wendete verblüfft langsam meinen Kopf. Da oben auf der Holzbrücke stand das Fräulein, groß und aufrecht, ihren Bogen noch wie zum Schuss vor ihrem Körper erhoben. Weit über ihr die weiße Sonne. Wolken, die aussahen wie prachtvolle Galeeren. Stumm und zornig, mit hoch erhobenem Kopf, schaute das Mädchen zu mir hinab. Sehr vorsichtig setzte ich meinen Fuß auf den Kies. Dann zog ich den gestohlenen Pfeil hervor und steckte ihn neben den anderen in den Boden. Und dann ging ich rasch weiter, mit künstlich durchgedrücktem Rückgrat, mit peinlich schwingenden Schritten, ohne mich noch einmal umzusehen. Erde, Berlin, Zweitausendundsechzehn. Sternzeichen Schütze.

 

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Sternzeichen

Zurück zu den Leseproben

Site:  R. L. Sanatanas Berlin 2017   |   Alle Rechte © an Text und Bild beim Autor