„Guten Tag“ hat in dieser Stadt heute noch niemand zu mir gesagt. Auf der Beerdigung, von welcher ich komme, habe alle nur verständnisvoll genickt. Aber: „Ihren Fahrschein bitte!“, hat jemand zu mir gesagt, eben, in der Hochbahn, und mein gleichgültiges Schulterzucken hat mich sechzig Euro gekostet. Kurz darauf hat ein dicker Mann im Gedränge vor der Rolltreppe seine Eistüte auf meinen Anzug verloren und sich sehr geistesgegenwärtig über mein entsetztes Gesicht vor Lachen ausgeschüttet. Es war Zitroneneis.

Lange nicht nur deshalb in ohnmächtigem Zorn zusammengesunken sitze ich nun unter dem gläsernen Wartedach einer Autobushaltestelle am Fernbahnhof. Der verdammte Bus kommt immer noch nicht. Das schnaufende, wahrscheinlich fetttriefende, in jedem Falle aber deutlich stinkende Ungetüm von Weib neben mir kann ich schon seit längerer Zeit nicht mehr ansehen. Dennoch muss ich wohl noch so etwas wie eine Restempfindung dafür haben, dass dieser alte, neben mir unter Schwaden von billigen Duftwässern dahinverwesende, fette Körper eventuell zu mir gehören könnte, dass er gar ursprünglich von mir ist. Etwas primitiv Rassisches, etwas wie eine verlogene Schöpfungsmitverantwortung, oder gesundes, soziales Mitempfinden gar? Weshalb sonst konnte ich wohl nicht hinschauen? So viel schlechtes Gewissen macht ein Mal zu wenig Fahrschein? Es geht mir entsetzlich. Würde mich jetzt Hermann Göring um meine Schuhe bitten kommen, ich würde ihm auch noch die Strümpfe geben. Noch nicht einmal das geschieht. Nur die Fette entringt dem Haushalt der gezählten Atemzüge ihres Lebens rasselnde Mengen, und meinem Etat an Nerven entnimmt sie die letzten Reste. Mein schwarzer Anzug saugt die grässlich trockene Hitze auf.

 

Nach einer langen, für mich bis zum Rand wutgefüllten Weile erinnere ich mich dann doch noch der im Verlaufe dieses schrecklichen Tages bereits fast verschütteten Möglichkeit, dass ich vielleicht an diesem fetten, dampfenden Weiberleib mit der Hundert-Euro- Frisur obendrauf und der karierten Konfektionsware drumherum überhaupt gänzlich unschuldig sein könnte. Ich könnte nun endlich erleichtert den Kopf heben, sie mit patziger kindlicher Harmlosigkeit ansehen, und ich könnte: 'Na, Du Fotze!' denken, oder: 'Hallo, Alte! Hast Du's bald geschafft?!'

 

Doch zeigt sich wirkliche Unschuld nicht gerade im Verzicht auf alle sich aus ihr ergebenden, grandiosen Möglichkeiten? So lasse ich die Frisierte weiter pfeifend um ihren benzinschwangeren Nachmittagsatem ringen, lasse auch meinen Kopf weiter tief vom Halse hängen und gerate dadurch in die Lage, einen erbärmlich winzigen, schwarzen Käfer zu erblicken. Der Käfer müht sich weit unter dem weit droben donnernden und sengenden Ungetüm Sonne über eine heiße, quadratische Steinplatte, welche für ihn etwa die Ausmaße des Marsfeldes haben dürfte. Er schaut ungefähr aus, wie ein ganz kleiner, ausgezeichnet polierter, amerikanischer Stahlhelm auf kümmerlich dürren Beinchen. Schweigend und glänzend wackelt er dahin, er schleicht vorwärts, ganz erfüllt mit dumpfer Liebe, wie ich finde, und so grüblerisch scheint er an der Lösung eines uralten Problems zu arbeiten, dass er sozusagen die Stirn runzelt. Ein zages Lächeln gerät dadurch auf mein mürrisches Gesicht, und der Käfer, das namenlose Ding, die gestaltgewordene Bedeutungslosigkeit dieses Nachmittags, gelangt zu hohen Ehren, da ich ihn gutmütig mit einem Gedanken bedenke.

 

Dieser Gedanke ist ein Name. Ich taufe das Insekt wegen seiner trübseligen Entschlossenheit, addiert zu seinem Aussehen, auf Helmut. Darob scheint er zusammenzuzucken; ganz kurz hält er wohl sogar in seinem Exerzieren inne. Und von irgendwoher singt es plötzlich lautsprecherblechern mit der verschnupften Stimme von Robert Zimmermann: "And the first one now will be latest at last, 'cause the times, they are changin...'" Früher, ja, da hätte ich so etwas höchst bedeutsam gefunden. Heute, ach. Ein Kofferradio, ein Käfer, eine Buswartestation, Sonne, eine Grablegung. Ach.

 

Fast möchte ich meinen, dass der schreitende Helmut selber leise singt, denn noch fröhlicher nun anmutend wandert er weiter stracks dahin. Wütend und zielstrebig wirkt er, und er hat in diesem Moment eine von mir gedachte Mittellinie der Steinplatte bereits weit überschritten. Bis irgendwo vor ihm wieder etwas anderes kommt als Stein und wieder Stein, selbst nur ein armunseliges Grasbüschel, wären, das habe ich inzwischen ausgemacht, für den zuckelnden Helmut, gleich, in welche Richtung er sich bewegen würde, mindestens noch acht Platten zu überwinden.

 

Helmut trabt geradewegs auf einen Bordstein zu. Wenn er sich ab dort im Schatten hielte, würden ihn weder Autoreifen noch Menschenschuhe erwischen. Eine knappe Viertelstunde weiter könnte der Käfer bereits den Rand der hohen Hecken da drüben erreicht haben, jene Gebüsche, die das Bahnhofsvorgelände von einem kleinen Park trennen. Von dort ab begänne für Helmut dann geradezu das Paradies.

 

Da die Autobushaltestelle stark von Leuten und von Maschinen frequentiert ist, befindet sich Helmut indes in jedem weiteren Moment seines Käferlebens in allerhöchster Gefahr. Soeben ist er einem ruhmlosen Ende unter einer Sandalensohle nur deswegen noch knapp entronnen, weil ich erschreckt die Besitzerin der leichten Fußbekleidung gerufen und sie rasch um eine sinnlose Auskunft über die Abfahrzeiten der Autobusse gebeten habe. Sie hielt inne, gegen Helmut den letzten Schritt zu tun, und kehrte sich mir zu, indes der Käfer ahnungslos dem rettenden Bordsteinrand näher kommen konnte.

 

Die junge Sandalenträgerin ist recht hübsch. Selbstbewusst ist sie auch; das Blödsinnige in meiner Frage hat sie sofort gewittert, und sie misstraut mir nun zutiefst. Das hat mich für einen Moment unaufmerksam gemacht, und dieser kurze Augenblick entscheidet leider über Helmuts erbärmliches Leben. Ein gleichgültiger, sehr englisch aussehender, stark gebräunter und gut geputzter Herrenschuh erschien, schräg aufragend, über dem unbekümmerten Käfertier, ein unhörbares Knacken, als ich wieder hinsehe, und Helmut ist dahin. Nicht von Dahin nach Dorthin, sondern von Dorther nach Dahin. Dennoch war er eine sehr kurze Zeit lang durchaus zu beneiden, denn für den Bruchteil einer Sekunde empfing er unerwartet das Geschenk kühlenden Schattens. Ein vermutlich schmerzloser Tod und die alten Fragen. Woher kam Helmut, und wohin wollte er gehen? Hat Helmut, obschon nun tot, sein Ziel vielleicht gar trotzdem erreicht?

 

Nämlich, der Träger des Mörderschuhs wird unbenannt im Dunkel der Geschichte vermodern, wohingegen Helmut, zwanzig Sekunden, bevor ihn ein sinnloses Sohlenleder in einen Steinquader einmassierte, noch einen Namen erhalten konnte. Welcher ihm unter sehr glücklichen Umständen irgendwann mehr Ruhm verleihen könnte, als allen Mistkäfern sämtlicher ägyptischen Dynastien zusammen, denn die hießen ja alle nur immer gemeinsam Skarabäus, und keiner von ihnen hieß einzeln. Um die Skarabäen schon vollführten ganze Heere von Menschensoldaten mit Schuhen an den Füßen weite Bögen, weil alles andere ihnen nach Priesterweisheit viel Unglück gebracht hätte. Wie mag es da, ob lebendig oder tot, meinem und jedem nächsten Helmut gehen dürfen? Was hatte die junge Pastorin vorhin in der Kapelle gesagt? „Der Mensch ist wie eine Blume auf dem Felde“, hatte sie in ihr Mikrofon gehaucht, „Der Wind weht, und die Blume ist dahin.“ Bis dahin war es ein Zitat gewesen, und somit gewissermaßen unantastbar. Doch dann hatte dieses Fräulein Pastor der Trauergemeinde ihre eigenen, intelligenten Auslegungen darbringen wollen, dem blumenüberhäuften Sarg, den Anwesenden, mir. „Ja, es gibt viele Winde im Leben“, hatte sie fortgeführt, und ich hatte einen lauten Hustenanfall bekommen. Irgendwie wurde, wenn ich das richtig beobachtet hatte, sogar der Sarkophag von einer kurzen Erschütterung heimgesucht. „Starke Winde und schwache Winde!“, hatte die Pastorin verzweifelt weitergekämpft, und eine Welle von bellendem Husten war durch die sonnige Kapelle gebrandet...

 

Jetzt hat doch die Fette neben mir auch noch leise gefurzt! Es ist unerträglich intensiv. Man kann noch nicht einmal etwas sagen, denn wer es sagt, der ist es auch. Stumm und entsetzt springe ich auf, und ich defiliere, in weitem Abstand von der Dicken tief Luft in meine Lungen einsaugend, hin und her, und immer wieder an Helmuts kümmerlicher Leiche vorbei. Was für ein nichtiges Ende. „Der Käfer ist wie eine Blume auf dem Felde“, murmle ich sehr gerührt. Ich war wirklich verliebt in den kleinen Kerl. Hätte mich allerdings jemand gefragt, weshalb ich nicht aufgestanden bin und den Käfer genommen habe, um ihn die paar Schritte bis ins Gesträuch zu transportieren, wäre mir nichts Überzeugendes eingefallen. Die Untat der Fetten hingegen hatte mich sehr schnell auf die Füße gebracht. Alles, was noch für mich spricht, ist wohl mein schwarzer Anzug.

 

Ich habe wegen Helmut, ob meines Nachdenkens über seine platte, kleine Leiche, und zum Triumph der Fetten, Stinkenden hinter der davonziehenden Busfensterscheibe - meinen Autobus verpasst. Im nächsten Bus, eine Stunde später, ereilte mich dann eine weitere Billettkontrolle, die mir abermals sechzig Euro abverlangte, weil ich vor lauterem Grübeln keinen Fahrschein gekauft hatte. Was ich daraufhin zu bemerken hatte, soll mich nun einen weiteren Hunderter kosten.

 

Am Ende dieser Geschichte über mehrere, unbedeutende Leben sollte wohl eine kleine Pointe nicht fehlen. Hier kommt sie:

Als auf der Beerdigung die Träger den teuren Sarg an den Leinen in die Grube hinabließen, hatte einer von den Anwesenden hörbar gemurmelt: „Selbst dabei, endlich einmal vor Scham im Erdboden zu versinken, müssen ihr noch vier Männer helfen…“ Entrüstet hatte ich ihn da angesehen. Verlegen grinsend hatte er mir dann noch zugeflüstert: „Der Tod macht mich immer so hilflos...“. Und ich habe ernst zurückgeflüstert: „Ja, einen Fehler macht auch der Tod!“ Gerade begann mir mein eigener Satz richtig zu gefallen, da nahm er seine große Sonnenbrille ab. Vielleicht, weil er unbestimmt ahnte, was ich dachte: Dass die riesigen Sonnengläser eigentlich aussahen, wie dunkle Augenhöhlen. Käfer können nie die Augen schließen. Käfer zwinkern niemals.

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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