Hektor lag es auf der Zunge. Der Satz war nahe, er konnte ihn beinahe schon aussprechen, beinahe, gleich würde es so weit sein, jetzt, im nächsten Moment! Ganz einfach war es - dieser Satz lautete, er lautete... Verdammt! In redlichster Anstrengung verzog Hektor sein Gesicht entsetzlicher als vorhin beim Rasieren; er rollte die Zunge und mit den Augen, zog die Stirn in Falten, er sog das Fleisch der Wangen ein, knackte mit den Fingerknöcheln und krampfte die Zehen zusammen - doch die gesuchten Worte formten sich nicht. Das rätselhafte Phänomen hatte Hektor schon immer enorm gestört. Da war etwas war eindeutig vorhanden, ganz nahe schien es zu sein, doch die Umsetzung in Worte oder auch nur in sprachliche Gedanken blieb völlig unmöglich. Am Schrecklichsten war, dass er das große Plakat, auf welchem er den Satz gelesen hatte, inzwischen wieder ganz deutlich vor sich sah. In Farbe, sogar mit Einzelheiten im erstarrten Mienenspiel des darauf abgebildeten Schauspielers. Auch die beiden Schriftzeilen, aus denen der verfluchte Satz bestand, sie waren in Hektors Vorstellung deutlich vorhanden. Sogar die Buchstabentypen konnte er erkennen, es war unzweifelhaft eine „Bookman Old Style“-Schrift, weiß, mit leichter Grauschattierung nach rechts unten. Er sah auch den Bruch der Zeilen, die Satzrichtung, die Länge der einzelnen Worte. Ja, sobald Hektor sich konzentrierte, sah er tatsächlich diese weißen Buchstaben - allerdings um den Preis, dass er deren Bedeutung nicht mehr erfassen konnte. Wie konnte man Buchstaben dem Typ nach deutlich erkennen, sie aber nicht lesen? Hektor sprang auf, zog ein Buch aus dem Regal und las sich einige Zeilen laut vor. Hierbei blieb alles in der ihm bekannten Ordnung: Die Lettern, die Worte und die Sätze machten Sinn. Nein, krank war er wohl nicht, aber irgendein beunruhigender Makel lag dennoch vor, in dem Hektor nur diese eine Grundregel zu verstehen glaubte: Je stärker er seinen Willen anspannte, sich die Lösung zu erzwingen, desto undeutlicher schien seine Erinnerung zu werden. Die daraus folgende Raffinesse, vor sich selbst zu behaupten, er habe ja den dringenden Wunsch nach Erinnerung an den Satz eigentlich längst losgelassen, erschien Hektor bald schon von kümmerlicher Mittelmäßigkeit. Nach einer langen, verständnislosen Verzweiflung, am Ende angefüllt mit allerlei unsinnigen Beschäftigungen, die sich allesamt als völlig ungeeignet erwiesen, entweder einer Lösung näher zu kommen, oder ihn von seinem Problem abzulenken, dachte sich Hektor schließlich, es mochte vielleicht nützlich sein, den Ort noch einmal aufzusuchen, an dem er dieses Plakat gesehen hatte. Die Litfasssäule an der Ecke des kleinen Parks fiel ihm auch sofort wieder ein, nicht einmal der leise Anflug eines Zweifels, dass es genau dort gewesen war, am vergangenen Dienstag, am späten Nachmittag, zwischen Zahnarzt und Supermarkt. Eine weitere Weile weigerte sich Hektor nun zwar standhaft, es dem lächerlichen Ereignis zu gestatten, dass es sich zu derartiger Wichtigkeit aufblähte; der Park war zudem recht weit von seiner Wohnung entfernt, und es herrschte schlechtes Wetter. Nur eine Stunde später jedoch strich er bereits wütend um die Säule. Dort klebten längst andere Plakate. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen, ein unangenehm scharfer, durchdringender Niesel. Hektor zog fröstelnd die Schultern hoch. Ärgerlich schaute er sich nach einer Gelegenheit zum Unterstellen um und bemerkte die Bank unter der großen Kastanie. Auf ihr hockte seltsamerweise ein junger Mann völlig bewegungslos im Regen und starrte mit bösem Gesicht die brüllend bunt beklebte Plakatsäule an. „Darf ich?“, fragte Hektor und setzte sich neben den Mann. Der Mann knurrte etwas Undeutliches. Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Nur der Regen rauschte in den Blättern der Kastanie. „Spannende Säule, was?“, versuchte es Hektor endlich. „Finden Sie?“ „Ich dachte eher, Sie fänden das. Sie betrachten die Säule wie eine Skulptur in einem antiken Tempel.“ „So?“ Längeres Schweigen. „Sie müssen nicht eifersüchtig auf Ihre Litfaßsäule sein“, begann Hektor erneut, „Ich will sie Ihnen nicht wegnehmen. Sie ist mir sowieso zu dick.“ „Was Sie für abwegiges Zeug reden!“, meinte der junge Mann anerkennend und sah Hektor von der Seite aufmerksam an. „Ja, nicht wahr? Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, da war ich mit einer Straßenlaterne verlobt.“ Der andere blieb unbeeindruckt. „Und? War es eine glückliche Beziehung? Wohl eher nicht. Sonst würden Sie sicher nicht hier im Regen herumhocken und fremde Litfaßsäulen belästigen.“ Hektor lächelte. „Ich suche nur nach ein paar Worten. Einen Satz suche ich. Er stand in großen, weißen Buchstaben auf einem Plakat, das vor nicht ganz einer Woche noch an dieser Litfaßsäule klebte.“ „Ja, ich weiß“, versetzte der andere niedergeschlagen, „Ein nachtblaues Plakat war es, und es klebte ungefähr dort.“ Mit der Hand zeigte er eine Höhe an. Vorsichtig korrigierte Hektor die Handhöhe seines Nebenmannes. „Eher nur so hoch!“ „Richtig. Und es war das Bild von einem Mann auf dem Plakat.“ „Ein Farbiges. Von einem Witzemacher. Ein Kabarettist oder so etwas Ähnliches.“ Hektor geriet in Erregung. „Sagen Sie mal...!“ „Ja?“ „Sie wissen doch nicht etwa, was auf diesem Plakat stand? Kennen Sie den Satz?!“ Der andere seufzte. „Nein, das ist es ja gerade!“, antwortete er, und er zeigte eine so ehrlich bekümmerte Miene, dass Hektor hell herauslachte. „Sagen Sie bloß, Sie suchen auch nach diesem Satz und sitzen deswegen hier?!“ „Ach, seien Sie doch still!“, knurrte der Mann. Hektor wollte sich vor Lachen ausschütten. „Wozu brauchen Sie denn eigentlich so dringend genau diesen einen, bestimmten Satz?“, fragte ihn der andere misstrauisch. „Als Kapitelüberschrift“, erwiderte Hektor, „Ich brauche ihn als Kapitelüberschrift in einem Buch.“ „Sie schreiben ein Buch?“ „Die Überschriften der einzelnen Kapitel bestehen aus Sprüchen, die jeder kennt, die aber in leichter Abwandlung einen anderen, ganz neuen Sinn machen.“ „Nennen Sie einige Beispiele.“ „Ewig währt am Längsten. Morgenstund hat Colt in Mund. Ende gut - alles Blut. Satan der Weise. Ist der Huf erst ruiniert...“ „Ja, so etwas ähnlich Dämliches war das auf dem Plakat auch. Sagen Sie mal noch ein paar von Ihren Überschriften, vielleicht, dass es uns dadurch wieder einfällt.“ „Was wollen denn Sie eigentlich mit dem Satz?“ „Ich? Nichts Besonderes, glaube ich. Wahrscheinlich möchte ich mir beweisen, dass mein...“, er tippte sich an die regennasse Stirn, „...hier noch richtig funktioniert. Ich erlebe das ziemlich oft, dass mir etwas auf der Zunge liegt. Am Schlimmsten ist dabei jedoch nicht, dass mir der entsprechende Begriff trotz aller Mühe nicht einfällt. Viel grässlicher ist, dass irgendwann viel später, wenn ich die Information gerade überhaupt nicht brauche, sie plötzlich hinter meiner Stirn wieder auftaucht...“ „Genau!“ „Das ist wie eine Verhöhnung! Ich will es auf keinen Fall hinnehmen! Als würde jemand anderes zu bestimmen haben, wann ich mich an was erinnern darf!“ „Wem es als Erstem wieder in den Sinn kommt, der ruft den anderen an - machen wir es so?“ „Einverstanden.“ Sie tauschten Telefonnummern. Hektor fiel etwas ein. „Andererseits - eine Lösung für das Es-liegt-mir-auf-der-Zunge-Problem wäre das nicht!“, sagte er. „Nein“, gab der andere zu, „Eine Lösung wäre es nicht.“ Kaum war Hektor wieder in seiner Wohnung angelangt, läutete sein Telefon. „Sind Sie es? Der von der Säule? Ich weiß wieder, wie der Spruch lautete.“ „Hervorragend! Wie?!“ „Ich sage es Ihnen nicht.“ Ein Knacken. Das Gespräch war beendet. © Robert L. Sanatanas 2017
Es liegt mir auf der Zunge

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