Nicht der zu erwartende Stich ekelte mich an. Auch meine theoretischen Studien zum bevorstehenden Vorgang hatten mich diesen zwar für gemein und für anmaßend befinden, mich jedoch immerhin noch witzige Aspekte darin entdecken lassen: Schließlich stechen zum einen ausschließlich die weiblichen Mücken, dazu kommt, daß diese einem, nachdem sie ihren Rüssel ins Fleisch gebohrt haben, zunächst einmal unter die Haut kotzen. Dann pumpen sie ihre Magensäfte und die Verdauungsreste vorheriger Saufgelage in das Fleisch ihres Opfers, damit dessen Blut die zum Herausschlürfen nötige Dünnflüssigkeit annimmt, und danach erst wird man zur Spende gebeten. Nein, das alles war es nicht. Was mich so aufbrachte, das waren die Klänge, welche den Vorgang einleiten sollten, es war dieses unsägliche, dieses hauchfeine und dennoch so überdeutliche, dieses so unbeschreiblich widerwärtige Sirren, in welchem allein bereits ein derart gemeiner Triumph schwang, daß ich noch mehr willens wurde, die sich ankündigende Tat unbedingt zu vereiteln.

 

„Ganz unbedingt handelt es sich um ein Männchen!“, sagte ich mir zunächst mit allem Optimismus, den ich zusammenraffen konnte, „Mückenmännchen stechen nicht, jeder weiß das, meine Chancen stehen also fifty-fifty, und ich habe schon sehr lange kein Glück mehr gehabt, also ist es ganz sicher ein Männchen, ein harmloses Männchen, es summt nur ein bisschen vor sich hin, einsam in der Nacht ist es, und ganz lieb...“

Meine diesbezügliche Überzeugungskraft hielt sich im süßlichen Sirren des Insekts leider nur etwa eine Minute lang. Dann gewannen die bedrohlicheren fünfzig Prozent des fifty-fifty, ich schaltete das Licht wieder ein und suchte das Schreckensvieh, aber die Mücke war nirgendwo zu finden. Nach einer Weile des Umherkriechens und des Ausstoßens von allerlei infantilen Lockrufen beschloss ich sehr wenig überzeugt, aber von meiner nächtlichen Mühe selbstgerecht geworden, daß sich das Tier ins Nebenzimmer verflogen haben mußte. Ich schloß die Tür, löschte das Licht wieder aus, legte mich ins Bett zurück und lauschte angespannt. Nichts. Glücklicherweise gar nichts mehr. Jedenfalls nicht, bis sich die wohltuende Schwere des neuerlich beginnen wollenden Schlafes in mir auszubreiten begann. Atomuhrgenau in dem Moment, als ich einschlief, ertönte aufs Neue ein abgrundtief häßliches, helles Säuseln und Singen. Mein Atem hatte sich bereits reguliert, und genau das mußte es gewesen sein, was die grausame Mücke aus ihrem Versteck wieder hervorlockte. Zornig wartete ich. Mein Plan war es, den Moment abzupassen, da sie ihre schreckliche Ouvertüre beendete und ich das feine Stempeln ihrer ekelhaften Beine irgendwo auf meiner Haut zu fühlen vermochte – genau dann würde ich zuschlagen. Um den bevorstehenden Akt noch berechenbarer für mich zu gestalten, wickelte ich mich bis zum Kinn fest in meine Bettdecke ein und ließ der Mücke nur mein Gesicht als Chance. Einen Arm hielt ich in lockerer Bereitschaft. Flach und regelmäßig atmete ich, und mit allen meinen inneren Sinnen belauschte ich das Territorium über der freiliegenden Haut meines Gesichts. Sie kam. Einige Male näherte und entfernte sich das furchtbare Sirren; in kaum erträglicher Spannung hatte ich bereits ihren leisen Flugwind am Rand meines Ohres gespürt, dann trat wieder Stille ein. Ich wartete lange. Mein Unbehagen hatte sich unterdessen bereits zu Haß gesteigert, und meine Gesichtshaut unterlag einer unangenehm fühlbaren, knisternden Sensibilisierung. Nichts. Doch, jetzt! Plötzlich spürte ich eine kaum merkliche Berührung auf meiner Wange; ich versetzte mir selbst eine donnernde Ohrfeige, sprang mit klingendem Ohr auf, knipste rasch das Licht an und betrachtete wild meine Hand, den Mund schon zu einem Triumphschrei der Erleichterung geöffnet. Nichts. Abgesehen vom Gewinn der Erkenntnis, daß diese widerwärtige Mücke es offenbar gar nicht nötig hatte, sich geräuschvoll zu nähern, sondern wie moderne Kampfhubschrauber über einen Flüstermodus zu verfügen schien, blieb mir nur mein wuterfülltes Eingeständnis sie verfehlt zu haben. Die Szene wiederholte sich mehrere Male in völlig gleicher Weise, nur mit dem Unterschied, daß mein Haß indes zu einer rachsüchtigen Erbitterung sich gewandelt hatte, welche mein gesamtes Denken restlos in Anspruch nahm. Noch einmal. Licht aus, hinlegen, ins Bett einwickeln, Handgelenk lockern, Atem regulieren, erstarren. Nichts. Doch! Ja, da war sie wieder! Ihr abgefeimtes, gemeines Heulen schwoll an. Gleich, Elende!  Fahr Deine Landestützen aus, Mondfähre des Schreckens, setz auf, und alsbald erfährst Du Gottes Hand! Patsch! Mission gescheitert! Indes, die Mücke landete nicht. In einer Art Stand-By-Modus kreiste sie nun manchmal dichter, manchmal wieder viel entfernter über meinem Kopf, wobei sie ein derartig fieses Fisteln ertönen ließ, daß ich in ohnmächtiger Wut laut aufstöhnte. Sowieso musste die Bestie meinen gefälschten Schläferatem durchschaut haben, denn sie hütete sich nun sehr wohl, ihre jaulenden Warteschleifen aufzugeben, wahrscheinlich so lange, bis sie eine innere Gewißheit darüber erreicht hatte, daß ich wirklich eingeschlafen war. Meine Erbitterung steigerte sich ins Grenzenlose. Hatte ich eben tatsächlich ‚innere Gewissheit‘ gedacht? War ich inzwischen bereits so weit, mich geistig auf die Möglichkeit des Vorhandenseins einer Psyche bei diesem Mörderinsekt einzulassen? Das mir? Durch eine Mücke? Was für eine Erniedrigung! Und wie lange dauerte eigentlich schon diese untragbare Situation? Es musste doch längst über eine Stunde vergangen sein. Abermals sprang ich hoch, schaltete das hellste Deckenlicht wieder ein und durchsuchte in der Folge das gesamte Zimmer nach dem eklen, schwarzen Stäbchen. Ich kroch auf dem Boden und hinter Schränken und Regalen herum, balancierte auf Stühlen, ich holte einen Besen, stocherte hinter Möbeln und unter einer Gardinenleiste, geschickt retirierend schüttelte ich Vorhänge, fuhr mit den Händen durch das Blattwerk von Grünpflanzen - all dies blieb ohne jegliches Ergebnis. Soeben hatte ich resignierend beschlossen, mich einfach wieder hinzulegen und mich stechen zu lassen - was kann eine Mücke gegen siebeneinhalb Liter Blut - da warf die Deckenleuchte einen riesigen, huschenden Schatten auf die Wand. Ah! Mein Kopf zuckte herum, meine wild rollenden Augen durchforschten die Luft. Und da war sie. Ich benötigte eine gewisse Zeit, um mich an ihre schnellen Bewegungen zu gewöhnen aber nach einer Weile gelang es mir schon recht gut, ihre komplizierten Flugbahnen mit meinen Blicken zu verfolgen, ohne sie wieder aus den Augen zu verlieren. Erst nach endlos langer Zeit ließ sie sich nieder. Zwar präsentierte sich ihr verabscheuungswürdiger Leib mitten auf der Wand, leider jedoch erwies sich ihr Ruheort für meinen Arm, an dessen rachsüchtiger Hand inzwischen ein erwartungsvoll federndes Buch baumelte, als viel zu hoch. „Bleib sitzen! O bitte, bleib da sitzen! Nur diese drei Sekunden!“, schrie ich, rannte in die Zimmerecke, wohin ich meinen Besen gelehnt hatte und kehrte eilig zurück. Die Mücke war wieder verschwunden, und meine nunmehr erneut einsetzende, wiederum sehr langwierige Suchaktion brachte keinerlei Ergebnis. Ich verstand nicht mehr viel, dumpfer, pochender Zorn hatte mich gepackt, und ich kam mir sehr klein und sehr häßlich vor. Frische Luft hätte mir jetzt eventuell etwas Erleichterung verschafft, doch würde ich ein Fenster öffnen, erhielten dadurch weitere Untiere eine ausgezeichnete Gelegenheit, aus der Sommernacht ins Zimmer zu gelangen. Als ich bemerkte, daß ich darüber, daß es sich in meinem Falle immerhin nur um eine einzige Mücke handelte, inzwischen auch noch dankbar geworden war, heulte ich vor Wut laut auf. Wem hatte ich denn zu danken? Gott? Was für eine Verhöhnung seines herrlichsten Geschöpfes, wie es da halbnackt, übermüdet und von keinem anderen Gedanken mehr, als: ‚Du mußt sterben!‘ besessen, ein nicht einmal zwei Zentimeter langes Subjekt finden und auslöschen wollte! Wie dieses Ebenbild des Herrn zu diesem Zweck auf Stühlen herumschwankte, mit Besen durch die Luft fuchtelte, mit Büchern warf, in Ecken umherkroch, und schon wieder hinter dem Schreibtisch – ah! Der Fünfzigeuroschein! Sieh an! Er war vor Wochen hinter das Möbel gerutscht, und da war er nun wieder. Und ich hatte damals in Gedanken den Sohn meines Nachbarn bezichtigt. „Oh das tut mir jetzt aber leid“, murmelte ich, und ich kam mir noch viel kleiner und noch wesentlich häßlicher vor. In eben diesem Moment zog der geräuschlose Riesenschatten gemächlich wieder über die Wand. Heftig fuhr ich auf, packte meinen Besen und suchte. Nichts. Ein verzweifelter Blick auf die Uhr sagte mir, dass mein Kampf bereits seit drei und einer halben Stunde währte. Bald würde der Tag anbrechen. ‚Wie wäre es damit, sich anzuziehen und einen Morgenspaziergang zu unternehmen?‘, fragte halblaut etwas, das ich nicht mehr sein konnte, denn ich würde mich niemals von einer Mücke auch nur theoretisch aus meiner Wohnung verdrängen lassen. „Wer hat das gerade gefragt?!“, brüllte ich laut in meinem einsamen Zimmer herum, „Wer wagt es, mir so idiotische Vorschläge zu machen! Mücken sind nicht wie Wölfe oder wie Sioux, dass sie ihre Angriffe im Morgengrauen abbrechen würden! Mücken sind gnadenlose Ungeheuer! Tod ihnen, Tod, Tod, Tod!!“  Und ich lauschte verzweifelt in die Stille der zuendegehenden Nacht. Lange. Außer den vier höhnischen Schlägen des nahegelegenen Kirchturms - nichts. Manchmal meinte ich, kurze Ansätze dieses verfluchten Sirrens zu hören, dann drehte ich mich auf meinem Platz unter der Lampe im Kreis, doch es blieb stets ergebnislos. Da stand ich in meiner Unterhose.

 

Von einer gottgewollten Situation konnte überhaupt nicht mehr die Rede sein, sie entbehrte vollständig jedweder Mystik, und ich fand auch keinerlei andere mögliche Sinnfälligkeit mehr für das groteske Geschehen. Das war sie, die brutale, traumlose Realität, das war sie, die Welt, wie sie ist! Inspiration? Keinerlei Rest mehr davon. Eine weitere Weile kroch ich umher. Unterdessen hatte ich angefangen, in einem Tonfall laut mit der verborgenen Mücke zu sprechen, welcher mich an einen Kinderverführer erinnerte: „Komm, Kleines, komm zeig Dich, ich habe hier etwas ganz Feines für Dich! Wo bist Du denn, Du gutes, gutes Tierchen?! Du brauchst doch vor mir keine Angst zu haben!“  Endlich donnerte ich den Besen in eine Ecke, schlug die geballte Faust auf den Lichtschalter und warf mich wieder ins Bett. Diesmal streckte ich eines meiner Beine weit unter der Decke hervor und entblößte auch heldenhaft meinen Oberkörper. „Bitte, komm, Mordgier, komm, Großmutter des Satans, vollende dein Schreckenswerk an mir, aber mach schnell! Und dann hock meinethalben direkt über mir an der Wand, elende Säuferin, und träume die süßesten Träume, hervorgebracht durch den Saft meines im Vergleich zu Deinem so unendlich harmlosen Lebens, aber mach schnell, ich will es bitte, bitte endlich hinter mir haben! Ja, Du hast gesiegt, das Böse ist mächtiger als ich, kein Gott ist, erbarme Dich!“ Hatte ich das alles nur gedacht, oder war ich schon so weit, es laut ausgerufen zu haben? Von unten klopften sie jedenfalls mit einem Besen an die Decke, vielleicht jagten sie Mücken. Ich schwieg und wartete. Die folgenden Minuten der völligen Geräuschlosigkeit waren so erholsam, wie sie ganz klar trügerisch sein mußten. Das gräßliche Ding hatte schließlich schon vor vier Stunden Appetit verspürt - weshalb sollte es mich nun in Ruhe lassen? Ich war gerade im Einschlafen, da erscholl, gleichsam vor und auch hinter der Grenze zum Schlaf, wieder der scheußliche Ton. ‚Laß Dich stechen, dann kannst Du gleich schlafen!‘, mahnte ich mich, aber ich hielt es nicht aus. Erneut schnellte ich hoch, ich riß am Lichtknopf, raste durch das Zimmer, und ich suchte und suchte, diesmal noch systematischer. Die Mücke war nicht zu finden. Ein letztes Mal stellte ich mich halbnackt unter die Lampe und schaute mich im Zimmer um. Und eben, als ich langsam und sehr, sehr beherrscht wieder auf den Lichtschalter zuschreiten wollte, um nunmehr wirklich alles über mich ergehen zu lassen, gerade, als ich den Fuß zum ersten Schritt anhob, da verspürte ich dort hinten, an der Stelle, wo der Hals in den Nacken übergeht, ein sehr feines, kurzes Stechen. „O, nein!!“, brüllte ich, meine Arme fuhren hinter den Kopf und meine flachen Hände trommelten klatschend auf meinen Nacken ein. Nichts. So endete es also. Verzweifelt hockte ich mich an meinen Schreibtisch, kratzte ein wenig an dem sich in meinem Nacken ausbreitenden, garstigen Jucken herum und grübelte blöde vor mich hin. Viele Male strich währenddessen der böse Schatten des Insekts über mich hinweg, doch ich winkte nur noch apathisch ab. Gegen sechs Uhr morgens endlich legte ich mich schlafen. Ich schlief sehr schnell ein. Als ich erwachte, juckte der Nackenstich nur noch wenig, an vier anderen Körperstellen hatte ich ebenfalls süßlich brennende Giftherde zu verzeichnen.

 

Gegen Mittag entdeckte ich dann zufällig die Bestie. Übermäßig vollgesogen hockte sie direkt in der Höhe meiner Augen auf der weißen Wand. Ich trat höhnisch auf sie zu und schlug mal kurz die Hand auf die Tapete. Auf einem großen Stück Papier verwandelte ich sie in ein häßliches Zeichen. Ich Schmierfink. Nun hatte ich schon mal angefangen, da konnte ich die Geschichte auch gleich danebenschreiben. Soviel dazu, wie ich zu meinem Job fand. Kein Wort mehr.

 

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Die Mucke

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