Mit diesem Land hatte ich keine Erfahrungen. Offen gestanden, ich war, Island betreffend, so dumm gewesen, dass ich glaubte, die tränken da alle heißes Wasser, wegen der Geysire. Mitten in Reykjavik eine kleine, ordentliche Bar im Chicago-Stil der frühen Dreißiger zu finden, bedeutete für mich daher die Entdeckung eines Kleinods.

 

Neben dem großen Barmann mit den traurigen Augen stand einer dieser Roboter, derer es jetzt immer mehr wurden. Er hatte ein Pierce- Brosnan- Gesicht und schälte mit stoischer Miene Zitronen.

„Hallo“, sagte ich zu ihm.

„Er hört Sie nicht“, antwortete der Barmann, der in dem völlig gastleeren, dunklen Raum herumlief und Gläser einsammelte. „Es ist der Zitronenschäler.“

„Was kann er sonst noch?“, fragte ich.

„Nichts“, erwiderte der Barmann.

„Zeigen Sie mir doch mal die Saftpresse“, sagte ich.

„Sie Schwein!“, erwiderte der Barmann anerkennend. Wir grinsten uns an.

„Er schält ziemlich professionell“, meinte ich nach einer Weile. Ich bestellte einen Whisky und nickte zum Zitronenschäler hinüber. „Auf Ihr Wohl.“

„Er kann nicht Sie hören“, sagte der Barmann mit gleichgültiger Stimme, „Er kann nicht einmal so tun, als ob. Nur Zitronen schälen.

„Ich finde, er sieht verdammt gut aus. Man könnte ihn vielleicht aufrüsten.“

„War eines von diesen Weihnachts- Sonderangeboten, da kommt man innen an nichts ran.“

Ich rückte mich auf meinem hohen Hocker zurecht und sah dem Zitronenschäler eine Weile zu.

„Eigentlich schade, was?“, meinte ich dann,

„Ein Billigmodell, wie schon gesagt“, winkte der Barmann resigniert ab, „Glauben Sie mir, er ist dümmer, als ein Kassettenrecorder - nicht einmal ein erbärmliches CD- Fach hat er.“

„Ja, das ist schon ärgerlich“, wiederholte ich nach längerer Zeit und nippte Whisky.

 

Der Barmann arbeitete hinter seinem Tresen vor sich hin, und wir schwiegen. Ich freute mich der behaglichen Wärme in der kleinen Kneipe, betrachtete bunte Etiketten auf  wunderlich geformten Flaschen im hohen Regal und versuchte, mich zu entspannen. Es gelang überhaupt nicht. Der geschäftige, junge Kerl da bei seinen Gläsern vermittelte mir das bedrängende Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen. Angelegentlich putzte er an Spiegelglas und Metall herum, und gleich würde ich ihm irgendeine sinnlose Frage stellen, eine, die ich gar nicht stellen wollte. Was könnte ich ihn fragen? Bereits für mein Grübeln danach verfluchte ich mich. Es war durchaus nicht angenehm, nach einer Frage suchen zu müssen, die einen ebenso wenig interessierte, wie sämtliche möglichen Antworten darauf. Endlich entschied ich mich für Offenheit.

„Hören Sie mal“, lächelte ich freundlich.

„Wie ich schon sagte“, versetzte der Barmann, „Er kann Sie nicht hören, er ist nur der Zitronen…“

„Nein“, unterbrach ich, „Nicht den. Ich meine Sie.“

„O, Pardon. Ja, bitte?“

Entgegenkommend beugte ich mich ein Stück vor. „Sie, nun ja, vermitteln mir das Gefühl, reden zu müssen. Ich will aber nicht reden“, sagte ich ehrlich.

Der Barmann hätte nun sonstwas antworten können. Von: „Wenn Ihnen hier etwas nicht passt, dann gehen Sie doch!“, bis: „Was glauben Sie, wie viel mich Ihre Gefühle angehen, verehrter Herr?“, war einiges drin. Aber er erwiderte nur: „Oh!“, und lächelte ein beschämend aufrichtiges Lächeln dazu. Dann warf er sein rotkariertes Handtuch neben den stumm säbelnden Zitronenschäler und sagte: „Kann ich mir übrigens gut vorstellen. Ich fühle mich heute Abend unendlich demotiviert. Daran könnte es liegen. Pardon, falls das hilft.“

„Ach so, aha, aha…“, erwiderte ich einfallslos, und dann schwiegen wir wieder. Die Zitronen in der Schüssel waren alle. Blöde fingerte der Roboter in dem leeren Gefäß herum. Es entstand ein grässliches, metallenes Kratzen.

„Also, Herrgott, nun schalten Sie ihn doch endlich ab!“, sagte ich zu dem Barmann.

„Ja, wenn ich mich nicht so demotiviert fühlen würde“, versetzte er.

„Jetzt kommen Sie! Das ist ja grotesk!“, meinte ich.

Er hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Seufzend trat er zu der Maschine und drückte eine Taste hinten am Nacken. Das eisblaue Pierce-Brosnan-Glänzen in den Glasaugen des Roboters erlosch.

„So. Jetzt ist es ganz still!“, maulte der Barmann.

„Machen Sie uns doch Musik“, schlug ich vor. Wieder zuckte er resigniert die Schultern. Er legte irgendeine grausam klingende Scheibe ein.

„Black Sabbath“, klagte er, „Seit vierzig Jahren aus dem Rennen, verflucht…“

„Vielleicht nehmen Sie stattdessen einfach etwas, das Ihnen gefällt, Mann?!“, fragte ich.

„Es gefällt mir ja“, antwortete der Barmann.

„Ach so?“

„Ja.“

„Ja, dann…“

„Dann was?“ Er schaute mich erwartungsvoll an.

„Dann fällt mir auch nichts ein.“

Erneut schwiegen wir lange. Ab und an äugte der Barmann zur hölzernen Tür hinüber, doch niemand kam. Manchmal seufzte einer von uns, und einmal, nach einem besonders tiefen Ächzen des Barmannes, fragte ich ihn mit schwacher Hoffnung: „Ja?“, worauf er erwiderte: „Ach, nichts.“

„Was ich jetzt auch sagen werde“, sprach ich schließlich nach einer weiteren, langen Weile, „Es ist…“

„…nicht freiwillig, ich weiß“, bekannte der Barmann freimütig. „Ich ziehe Ihnen mit meiner Demotiviertheit die Worte aus der Nase, richtig?“

„Nicht aus der Nase“, berichtigte ich.

„Ja, gut“, sagte der Barmann gleichgültig. Schweigen.

„Sie, hören Sie mal!“, begann ich dann ein weiteres Mal.

„Ja?“

„Haben Sie denn keine Hobbys?“

Kurz stutzte der Barmann. „Doch“, erwiderte er dann müde, „Barmann sein.“

„Mann, das ist doch verrückt!“, rief ich, „Wie kann einen denn sein Hobby deprimieren!?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete der Barmann ehrlich. Er hatte wieder sein Handtuch ergriffen und rieb die blanke Abspüleinrichtung noch blanker.

„Wollen wir vielleicht was singen?“, schlug ich vor.

„Ich kann eigentlich überhaupt nichts singen“, bekannte der Barmann, „Möchten Sie vielleicht noch einen?“

Er deutete auf mein leeres Glas. Ich nickte. Geschickt goss er nach.

„Wie heißen Sie?“, fragte ich nach dem fünften Schluck.

„Lars“, murmelte der Barmann. „Ich heiße Lars.“

„Hm, Lars, Lars…“, sprach ich in mein Whiskyglas, „Das ist ein sehr schöner Name. Norwegische Vorfahren, Lars? Mit Wikingerschiffen hier angekommen? Haha - ähm, nun ja….“

Ernst und gerade betrachtete mich der Barkeeper.

„Die Geschichte meiner Vorfahren motiviert mich auch nicht gerade“, brachte er endlich heraus, „Und mein Name ist, finde ich, eher ziemlich gewöhnlich. Noch einen? Geht aufs Haus.“

Leutselig schmunzelnd hielt ich ihm mein Glas entgegen. Er zog eine Braue hoch und füllte großzügig auf…

 

Erst nach dem neunten Whisky glaubte ich, verstanden zu haben.

„Hören Sie mal“, sagte ich zu dem Barmann, „Passen Sie einmal auf, Lars. Ich würde Ihnen gerne etwas sagen. Und zwar leise. Ich muss es ihnen leise sagen. O nein, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es ist nur ein Satz, ein altes Geheimnis. Eine Art Weisheit aus meiner Heimat. Ein sehr motivierender Satz, glaube ich, ein Heilsamer. Man darf ihn aber nur flüstern, so will es die Tradition. Kommen Sie schon, Lars, neigen Sie einmal Ihr Ohr zu mir herüber.“

„Na gut“, meinte der Barmann ohne viel Hoffnung. Er trat hinter seinem Tresen hervor, baute sich an einer Stelle direkt mir gegenüber auf und beugte sich linkisch vor. Ich hatte Glück. Das Ding saß bei ihm fast an derselben Stelle, wie beim Zitronenschäler. Eine kurze Drehung. Sein Augenleuchten erlosch. Ich nahm das bisschen Geld aus der Kasse, zog mir den Mantel an, griff mir zwei von den Whiskyflaschen mit den wunderlich schönen Etiketten, klemmte sie unter die Arme und trat hinaus in die Kälte.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Wie motiviert man einen Barmann?

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