„Nicht wahr, mein Rosinchen, Dich habe ich schon als Traube gekannt.“

Das Vorstellbare wird unerreichbar.

„Du immer mit Deinem: Dies ist möglich, das ist möglich! Kümmere Du Dich lieber mal um das Men-schen-mög-li-che! Wir können uns ja noch nicht einmal mehr das Ki-no guten Gewissens leisten!“

Man sieht es noch auf der Leinwand, das Vorstellbare –

"Hör mal: Was war eher da: Der Film oder die Werbung?"

- lächelt darüber, schmerzlich verzogene Mundwinkel, ach süßes Weh der Bitternisse, Stein mit Hörnern. Das Reale wird immer schwerer zu erhalten. Immer härtere Arbeit für immer weniger Genuss, immer weniger Genuss für immer mehr Leiden als Folge.

„Eisbein? Ich bitte Sie! Die Zeiten sind vorbei. Und das Rauchen gewöhne ich mir auch noch ab, Sie sollen mal sehen sollen Sie mal. Sex? Sie sind gut, haha! Sex: Was-ist-das?!“ Man klagt ein wenig, dass alles immer teurer wird, nicht zu leise, nicht zu laut, wohltemperiert. Langsam wird alles auch immer enger, Räume Arterien Vorhaut, langsam flussabwärts, weniger, Meer, nichts. Das Haus mit Garten schrumpft unmerklich erst zur großen, dann zur kleinen Mietwohnung, nicht doch, Sie haben es doch ganz hübsch hier, nicht wahr, Rüdiger, nun sag doch auch einmal etwas! Der gute Arbeitsplatz verschwimmt, Sepiapostkarte, die Ränder frisst Glut zu schöner Musik wie die Landkarte von Bonanza. Überblendung, weichgezeichnet, neue Szene soziale Unterstützung, Rente. War da etwas? Nein, nichts, ich fühlte mich nur für einen Moment so, ach ich weiß auch nicht, ich hab's vergessen, schlimm, das mit dem Vergessen. Nein, wieso denn? Wer nicht vergisst, der hat nicht verarbeitet. So recht weiß man nicht, weshalb das alles so geschieht, man wird selbstgerechter, verweist auf die Unfähigkeit der Politiker und nennt es schließlich Schicksalsschlag. Resignierstunde, darf ich eine kleine Widmung, aber nicht doch, das macht mir gar nichts aus, ich schreibe, was Sie wollen.

„Wahllos schlägt das Schicksal zu/Heute ich und morgen Du/Ich hör von fern die Krähen schrei’n/Im Morgenrot – warum muss das sein? Das ist ein altes Legionärslied“

„Du kannst ziemlich gut singen, ich konnte mir die Krähen gerade richtig vorstellen, wie sie da schrei'n im Morgenrot! Singst Du es noch mal?“

„Na, später vielleicht, wenn’s am Schönsten wird, soll man aufhören, nicht wahr?“

Und apropos Schicksal: Das sollte es gewesen sein? Das kann doch, darf doch wohl nicht alles gewesen sein, da war doch immer ein neuer Sonnenaufgang, da fuhr doch immer noch ein nächster Zug, weshalb also sollte nicht auch eine nächste Welt sein, mit einem anderen, neuen Leben? Neue Runde, neues Glück, wer auf seine Erfahrungen vertraut, kommt von ganz allein darauf, dass es eine Wiedergeburt geben muss. Muss man aber nicht so absolut sehen, ist alles relativ.

„Sag mal, dieser Einstein, der gehörte doch eigentlich in die Irrenanstalt! Wenn alles relativ wäre, gäbe es doch gar nichts mehr, zu was etwas noch relativ sein könnte! Der hatte doch eindeutig eine volle Hacke! Und so wem glaubt die ganze Welt?!“

„Ja, aber Hacke sagt man nicht bei dem, der war doch Jude. Muss man aber wirklich nicht so absolut sehen. Man kann zum Beispiel die Wiedergeburt gegen die Ewigkeit ausspielen, weißt Du, so wie früher die Eltern gegeneinander, wenn man Geld fürs Kino brauchte.“

Na gut, eine neue Runde. Aus Erde bist Du geworden, zu Erde sollst Du werden. Deckel zu. Alles schwarz. Das soll es gewesen sein? Nicht mit mir! Ah, ein Lichtlein her.

„Take my hand, I lead you to salvation!“

„Ich piss Dir durch die Löcher in Deinen Pfoten du Erlöserfatzke! Fremder Samen ist wie Falschgeld!“

„Ja, dann nicht, der Nächste bitte! Would you be so kind, please, to take my hand? I'm here to leading you to…“ Tür auf, Tür zu, Tür auf: Andere Firma. Andere Länder, andere Sitten, andere Frauen, andere Tic-tac-toe spielen tu ick noch. Aber Schach? Du meene Jüte, nee, denken is nischt mehr für meine Nerven.

„Also eine neue Runde wollen Sie. Fein, fein, aber wo bringen wir das, pardon, Sie denn nun unter? Wieder hier? Nein, noch einmal nicht, o nein, schauen Sie sich mal Ihre Akte an, Sie sind wohl von allen guten Geistern verlassen! Nein. Jedenfalls nicht hier, einmal war genug Gebettel und Gejammer, genug Ausrede und Entschuldigung und Fehler suchen und finden bei anderen, beim Nächsten, bei den Dingen, beim Wetter, wenn nichts anderes greifbar blieb. Ein Mal war genug Seuche und Verbreitung von ansteckenden Krankheiten, was, Sie halten Intelligenz für Gesundheit? Immer noch? Na, wie auch immer, hier auf keinen Fall, tut mir, tut uns leid." Wo dann? Was dann? Andere Daseinsform. Aber welche bleibt? Götter nehmen das nicht. Tiere? Will das nicht. Gespenster? Will es auch nicht. Hölle. "Hölle?! Um Gottes Willen! Vater Unser, der Du...“

Fängt das an zu beten, ach guck einer schau. Aber wie schon gesagt, hier noch einmal und noch einmal Mensch, nicht mit uns. Warten Sie mal, eine andere Zeit, ja, das ginge vielleicht, eine andere Zeit, sagen wir, neunzig Jahre zurück? Gleicher Ort, ja, da gäbe es noch freie Elternpaare, nicht vom feinsten zwar, aber immerhin sowas wie Menschen, jedenfalls haben sie Papiere. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleichermaßen vorher mittendrin und nachher auch, das könnte gehen, dort mit Ihnen. Zwar, in dieser nächsten Realität ist dann, was gerade für Sie vorüber ist, nur noch ein ferner Traum: Da werden gerade die ersten Automobile erfunden, da bietet demnächst Jules Verne mit seiner Idee von der Kanone zum Mond eine gewaltige Sensation. Aber immerhin wird man wieder Mensch, kann wieder sagen: Auch bloß ein Mensch, wir verstehen uns doch, oder? Durchschnittliche Lebensdauer allerdings etwas geringer, Vorstellungen von Design knolliger und plumper, Ästhetik gröber und härter. Geschmacksverluste, sublim erst, merkbarer dann, wieder, wieder und wieder. Nach und nach, keine Sorge, wirklich nur nach und nach, driftet die Angelegenheit dann allerdings ab, nein, damit haben dann sogar wir nichts mehr zu tun. Skurrile, seltsame Zeitlinien in armutskrachenden, zornerfüllten Welten oder in haltloser Geisterhaftigkeit, Herrgott, da wäre man damals doch besser noch gleich Vieh oder Gespenst geworden, denn nun wird es monströs. Schmerz, Hass, Wut, unbefriedigte Basisbedürfnisse. Wo wäre denn der Unterschied zwischen nicht erfüllbarem Traum und Entzugserscheinung? Also nicht mehr träumen. keine Zeit mehr, keine Zeit mehr für Vorstellungen, nun hör doch endlich auf zu spinnen! "Das Leben ist, wie es ist, hier und jetzt, der Rest ist Quatsch, brotlose Kunst." Keine Vision mehr eines Ausweges, die Wände sind unerbittlich, sind echte Wände, sieh mal der da, der wollte mal mit dem Kopf durch die Wand, und wie sieht er jetzt aus? "So siehst Du auch einmal aus, wenn Du nicht artig bist." So könnte es kommen, könn-te, allerdings auch nur dann, wenn Gerechtigkeit existiert. Das ist ja, warum Gerechtigkeit nicht existieren darf, darum kann nicht sein, was nicht sein darf, darum muss man alles umdrehen, egal, Hauptsache es dreht, immer rin in die hohle Birne, ach sie schreiben ein Drehbuch? Ja, seit ungefähr 1550 dreht sich auch die Welt, ist rund und sonst gar nichts mehr.

„Warum? Darum. Damitte watt zu fraren hast!“

Darum muss man Gerechtigkeit Berechnung nennen, man muss das Genaue das Böse heißen und sehr genau aufpassen und festhalten und unter Kontrolle bringen, was noch da ist, denn sonst wird ja alles noch viel schneller immer schlimmer, Herr, ich lasse Dich nicht, es sei denn Du segnest mich, mitgefangen, mitgehangen, hiergeblieben, ran an den Sarg und mitgeheult. Achjottchen nee. wen tragen sie denn da zu Grabe? Schon wieder den? Einen Redner? Der da? Der Betrunkene mit den schiefen Absätzen? Priester hat er sich wohl nicht mehr leisten können? Spare in der Zeit, so hast Du in der Not, tja, dett hatter nu davon. Es bleibt einem auch nischt erspart, sage mal, haste schonnemal versucht, Schlaf zu sparen? Schau an. Jedenfalls, die sacht zu mir, ick soll hinter mir immer det Licht ausknipsen, habickse jefracht: Junget Frollein, warum stehnse eijentlich nich uffen Kopp? Kiektse blöde und klimpat mitte Wimpan und fracht: Kopp? Icke? Warum? Na, weil Sparschweine den Schlitz in der Rejel oben ham. Ewigkeit und Wiederkehr gegeneinander ausspielen, was ist das Ergebnis? Na nun los, geh schon in dein Kino. Sobald er innehält, in seinem Betteln, gähnte ihn das Nichts an, dann lieber noch Strafe, lieber Schmerzen als gar nichts.

„Was ist? Sterben? Na Sie machen mir Spaß! Macht mir nicht viel aus, in spätestens zwanzig Jahren bin ich wieder ein schöner junger Mann, junge Frau! Die Anzahl der Männer, die im nächsten Leben eine Frau werden wollen, ist statistisch nur verschwindend gering.“

Cleveres Kerlchen, hör mal, auf was er gekommen ist: “Was antwortet ein Ewiger, wenn man ihn fragt, wie alt er ist? Na?”

Donnerwetter, der kriegt sie alle, den Engelein schiebt er Tannenzapfen rückwärts in die kleinen feisten Ärschlein und gibt ihnen dann ordentlich zu futtern, Gott fragt er nach seinem Gott und diesen nach dessen Mutter und die dann nach ihrem Vater. He, who’s your daddy, Du alte Sau?! Dir werdick zeijen wo Jott wohnt. „Mutti wenn die Tante den Samen von dem Onkel trinkt, bekommt sie dann ein Kind aus dem Mund?“

„Und sorg Du lieber dafür dass deine Tochter nicht an die Filmkassetten kommt!“

„Deine Tochter? Es ist auch Deine Tochter!“

Was möchtest Du einmal werden? Eine Flocke von dem Schnee da, und im nächsten Leben dann die Flocke daneben. Aber Du warst noch nicht der picklige, türkische Schlagersänger auf dem Urlaubsraddampfer in Istanbul, noch nicht die Made im Elefantenschiss im Zoologischen Garten von Reikjavik um 1840, das Molekül in der Bohrspitze nicht, an der Drehmaschine im VEB Werkzeugmaschinen Sömmerda kurz vor dem Mauerfall, nicht das frühgeborene Kind mit dem Wasserkopf und dem fehlenden Bein, „So’ne Scheiße sollte man dotmachen, so nicht, dann lieber janz wech damit, det kann ick Dir aber saren!“, noch nicht der Popel warst Du, den die Alte da heimlich rollt und unter das Fensterbrett im Bummelzuges nach Kassel klebt, nicht der abgeblätterte Lack am Fensterkreuz eines Hauses in Xiang-Dhao, noch nicht der gärende Dreck unter dem Zehennagel deines größten Feindes. Warst auch noch nicht Gottes Gott, kein Ei in der Gebärmutter der Großmutter von des Teufels Großmutter, nicht Teil vom Sperma des Alten, der zu Hause ächzend in die Flasche wichst und das Zeug dann immer ins Weihwasserbecken der schlecht besuchten, katholischen Kirche zwei Häuser weiter schüttet.

„Mein Schicksal? Mein Schicksal ist doch mein Willen!“, ein Lächeln, und der andere sagt: „Ja. Wenn‘s Dir jemand glaubt. Wie hältst Du es mit dem Seemanssgrab?“

„Seemannsgrab?“

„Na, so Herz, Kreuz und Anker, Glaube und Liebe und Hoffnung.“

„Ich glaube auf Liebe nicht hoffen zu müssen.“

„Müssen?“, fragt der andere.

„Ja“, sagt der Eine daraufhin, „Können ist ein Gefühl, zu dürfen, was man muss. Das Können, meine Dame, das Können ist die Lüge, die Welt, verstehen sie, die Welt will belogen werden, se show must gau on.“

Ein schmutziger, kleiner Zirkus. Ein knappes Dutzend Kinder mit ihren Eltern, in Mäntel gehüllt, die Zeiten werden härter, erbärmlich kalt im Zelt, oben am niedrigen Himmel von Segeltuch die Sterne aus silbernem und goldenem Stanniol. Traurig nicken die kleinen Zebras im Kreis herum.

„Papa, wann kommt der Clown?“

„Den Clown haben sie wohl schon an den Löwen verfüttert. Frag mal in einem deutschen Zirkus nach dem Klaun, die werden Dir immer sagen: Bei uns gibt es keinen Klaun, meine Dame, bei uns wollen die Klauns Klons genannt werden, das ist deutsche Zirkustradition.“

„Und mit dem Klon kamen die Tränen.“

„Wo sollen denn bloß nach dem Klonen all die geklonten Klone wohnen?“

„Klönen.“

„Können Sie mal endlich leise sein, Sie wollen Eltern sein? Unser Kind will den Jongleur genießen!“

„Sie sind ja bescheuert, ein Kind, das den Jongleur genießen will.“

Und dann ist es auch schon bald wieder so weit. Spät ist der Herbst und reif, voller Reif, es liegt auch auf den Knochen tun beim Liegen weh und Eisblumen vor den Augen nicht mehr Tomaten.

„In einer Zeit an eine andere Zeit zu denken, das ist wie Fremdgehen ist das, das ist unmoralisch ist das:“ „Moral?“

„Der Gott der Welt ist doch immer die Schönheit gewesen. Gottfried Ephraim Lessing. Ich bin auch mal zur Schule gegangen.“

„Immer wenn Du was Längeres sagst, kommt Moral da drin vor, oder Gott, bist Du gläubig oder sowas?“

„Ach leck mich.“

„Schon wieder?“

„Ja, das ist mein Frauchen, so kenne ich meine Simone, man muss das Glück beim Schopfe packen, nu hab Dir man nich so, watt gloobsten, watte bist? Det Jeschenk Jottes an die Menschheit oder watt! Na siehst Du, geht doch, apropos gehen, geh ja nicht zum Friseur.“

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Bitte geh nicht zum Friseuröö

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