RIGOLA fragte PUNUGARA:

O PUNUGARA, Bewahrer der großen Geheimnisse, Meister der indirekten, wissensspendenden Rede! O Urmond der Alten Welten! Warum verfolgte König CARAGATA eine Politik, welche die Vater-Sohn-Linie in Frage stellte? Weshalb war es für ihn eine Lösung, zwei einfache Männer aus der Bevölkerung zu seinen Thronfolgern zu erwählen, und wie nahm das Volk diese Veränderung auf? PUNUGARA, der Du, auch, wenn Du wegen Deiner Prinzipientreue und wegen der heiligen Gelübde, die Du zu unser aller Wohl auf Dich nahmst, nicht alles sagen darfst – bitte kläre uns irgendwie über diese Fragen auf.  Vor allem aber, PUNUGARA, sage uns doch bitte, ob es sich bei dem Vogel DAHUBID, der von dem Quellwasser trinkt, welches nahe dem Wohnort von CELOID und DREUCOSID entspringt, um ein Männchen oder um ein Weibchen handelt.

 

Nach einer Zeit des Schweigens neigte PUNUGARA sein Haupt und begann leise zu den versammelten Soldaten zu sprechen.

 

PUNUGARA antwortete dem General RIGOLA:

Einst, als der Vogel DAHUBID noch jung war und gerade das elterliche Nest verlassen hatte, entdeckte er in einem hohen Laubbaum ein sehr schönes Nest, in welchem ein junges Weibchen seiner Art in außergewöhnlicher, entzückender Art fröhliche Lieder sang. Dieses Weibchen war seit kurzer Zeit schwanger.

 

Jenes andere Männchen, welches den Zeugungsakt mit ihm vollzogen hatte, war auch der Erbauer des kunstvollen Nestes gewesen. Es hatte sich nach dessen Fertigstellung dort hineingesetzt und eine bestimmte Melodie immer wieder geflötet, bis das junge Weibchen ihm zugeflogen war und ihm seinen Paarungswunsch deutlich gemacht hatte. Das Männchen hatte mit dem Weibchen eine Befruchtungszeremonie vollzogen und war kurz danach von dem Weibchen fort geflogen. Nun saß es still in einem anderen Baumwipfel ganz in der Nähe.

 

DAHUBID war von den Gesängen des Weibchens ebenso angetan, wie von der seltsamen Schönheit der Nestkonstruktion. In dem Nest vollzog der Vogel DAHUBID mit dem Weibchen geschlechtlichen Genuss, die beiden herzten und schnäbelten einander in der zärtlichsten Weise und besorgten sich gegenseitig allerlei nahrhafte Speisen. Als das Weibchen deutliche Anzeichen von Trächtigkeit zu zeigen begann, wurde DAHUBID sehr stolz; er blähte sein Gefieder auf und fing an, laut zu singen. Gerade da jedoch ertönte aus einem Baum nebenan ein anderer, triumphierender Gesang, und das erste Männchen erhob sich zu einem Flug, der ihn weit über das Waldgebiet hinausführte.

 

O ihr heimatverbundenen, trickreichen Soldaten, in das kleine Herz des Vogels DAHUBID senkte sich eine schwere, dunkle Trauer. Das junge Weibchen sah ihn aufmerksam an, und folgend sprach es, ohne dabei den Schnabel zu bewegen, die folgenden Worte: „DAHUBID, was geht in dir vor? Was immer du jetzt gerade glauben magst, davon muss doch nicht der Wahrheit entsprechen! Lass uns einfach weiter zusammen sein. Bald werde ich einige sehr schöne, fein gezeichnete Eier legen, und aus diesen werden dann unsere gemeinsamen, überaus niedlichen Kinder schlüpfen.

 

Lieber Freund DAHUBID, lass uns diese Kinder gemeinsam aufziehen und uns dabei immer treu sein. Später, wenn unsere Brut Zeichen des Erwachsenseins zeigt, könnte es ja durchaus sein, dass Du, angesteckt von ihrer fröhlichen Entdeckerlust, auch einmal fortfliegen möchtest, und dann magst Du vielleicht ja auch einmal erleben wollen, was irgend ein anderes Vogelmännchen irgendwann einmal erlebt hat, aber daran sollten wir jetzt beide noch nicht denken. Stattdessen sollten wir uns in der ernsthaftesten Weise um unsere Nachkommen kümmern.

Ich habe von unseren Vorfahren in überzeugender Weise vernommen, dass aus solcher Treue die Kraft entspringen könnte, selbst einmal so frei zu werden, wie man es sich jetzt nur neiderfüllt vorstellen kann. Keine Weisheit ging bisher über diese uralte Idee von Akzeptanz. Daher, mein lieber Mann, bitte ich Dich sehr herzlich, allen Neid und allen Zorn tapfer zu bezwingen und mit mir gemeinsam das zu tun, was seit unvordenklicher Zeit unserer Art gemäß ist. Du sollst wissen, dass ich dich sehr liebe.“

 

PUNUGARA fuhr fort:

Lieber RIGOLA, nachdem das junge Vogelweibchen so zu DAHUBID gesprochen hatte, war dieser in keiner Hinsicht beruhigt. Zwar wusste er genau, dass die klugen, besonnenen Worte des Weibchens einer sehr alten Idee entsprangen und entsprachen, doch seine Seele sehnte sich nach einer anderen Wahrheit. So erwiderte er dem Weibchen mit tränengefüllten Augen – und ebenfalls ohne dabei seinen Schnabel zu bewegen:

 

„Liebes Fräulein, was Du zu mir sagtest, ist mit Sicherheit gut für die Erhaltung einer ganzen Gattung. Mein Trachten geht jedoch nach einer anderen Art von Ehrlichkeit. Daher werde ich die Gefahr des möglichen Kräfteverfalls auf mich nehmen und mich auf die Suche nach jenen zwei Wesen machen, die einander niemals betrogen haben, und in deren liebe Herzen nie jemand Zweifel am anderen zu säen vermochte. Vielleicht werde ich bei dieser Suche sterben, doch da ich ohnehin gegen die Weisheit unserer Rasse zu handeln scheine, sollte dies für ein gattungsbewusstes Wesen wie Dich nicht von Relevanz sein. Ich wünsche Dir und den Nachkommen alles Glück und alles Gute.“

 

Lieber RIGOLA, nach diesen Worten verließ der Vogel DAHUBID das junge Weibchen und das Nest und flog in eine andere Richtung als der Vogel aus dem Nebenbaum – nach Nordwesten – davon. Aus der Entfernung hörte er, wie das zurückbleibende Weibchen ihn verfluchte, doch er wandte sich, obwohl er deswegen von großer Herzensangst erfüllt wurde, nicht zurück. Nach langem, langem entbehrungsreichem Flug kam DAHUBID zu CELOID und DREUCOSID und wurde von den beiden Kleinen sehr herzlich willkommen geheißen.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Der Vogel Dahubid

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