Gestern rief mich Jekaterina an, und dass ich das jetzt erzähle, ist vor den meisten anderen erzählbaren Vorgängen im Universum, die einen Lesenden eventuell mit Interesse, Mitgefühl, Sehnsucht oder Zuneigung erfüllen könnten, scheinbar eine plumpe Frechheit. Nicht nur das, es dürfte ein jedem Feinsinnigen wahrscheinlich unangenehm privater, aufdringlicher Beginn sein. Es ist aber auch ein Stilmittel, lautet meine Entschuldigung, denn genau so war ich, als vor zwanzig Jahren eine Art Geschichte begann, die sich nach langer Unterbrechung gestern um ein kleines Stück fortbewegte: Von plumper Kameradschaft, geschmacklos, aufdringlich, halb blind und ertaubt fast ganz vor Begehren nach Billigkeiten, an die ich heute nicht einmal mehr flüchtig denken kann, ohne dass sich mir die Härchen auf der Haut meiner Unterarme aufstellen.

 

Es war Silvesternachmittag gewesen, ich hatte am winzigen Tresen eines Kaffeestübchens gesessen, und sie hatte mich von einem der schmierigen Tische her angesehen. Mit der mir damals eigenen Lyrik hatte ich etwas gedacht, wie: ‚Das Blau Deiner Augen, Mädchen‘ - oder gar: ‚o Mädchen‘ –‚ ist die einzige schöne Farbe in diesem Tag, der nicht nur grau ist, wie der letzte Tag des Jahres, sondern wie der letzte Tag der Welt…‘ Sie jedenfalls lächelte ein Lächeln, das ich auch heute noch rührend, enorm jung und wirklich ganz bezaubernd nennen würde, und ich vermutete wohl, sie könne Gedanken lesen und habe mein Gedicht schön gefunden. Wie auch immer: Nach nur wenigen, belanglosen Sätzen, die wir miteinander gesprochen hatten, pflückte ich sie leicht wie ein liegengelassenes Obst von ihrem Kunststoffstuhl; wohl eine geschlagene Minute wanderten wir durch die eisige Winterluft des letzten Tages der Welt in Berlin/Hauptstadt der DDR und saßen dann voreinander in einem kalten S-Bahnwaggon. Dort redete ich auf sie ein. Viel später habe ich einmal versucht, das alles zu rekonstruieren, doch kein einziges Wort kam mir wieder in Erinnerung. Es war ihr ganz egal, was ich schwätzte, wenn nur meine Energie und Aufmerksamkeit nicht nachließen, wenn nur der Dreck nicht wieder so deutlich sichtbar werden würde, und das Unerbittliche wieder, so früh schon, so fühlbar.

 

Erwartungsfroh gackernd führte ich meine Eroberung heim. Heim, das war ein kleiner Stall im Hinterhof eines alten Mietshauses am Stadtrand, von der Bahnstation ein paar dunkelgelb blakende Gaslaternen weit die Straße hinunter. Irgendetwas stimmte wieder einmal nicht, aber dieses dumpfe Gefühl wurde von der Vorfreude auf die Befriedigung meiner kleinen Gier unterdrückt und blieb wie schon oft zuvor nicht mehr als ein kurzes, fremdes Schillern, ein seltsamer Hauch über den Dingen. Man stellt die Welt, die belogen werden will, auch indirekt zufrieden, damit, dass man sie nicht wahr haben will. Wer diese Behauptung nicht wahr haben will, wird sich ausgezeichnet vorstellen können, wie es um mich bestellt war.

 

Wir froren ein bisschen und waren wohl auch beide ein wenig stolz auf den unkomplizierten Verlauf der Dinge. In meinem ungeheizten Zimmer stopfte ich sie unter ein muffiges Federbett, ein Stück Großmuttererbe, und kroch neben sie. Vor den halbblinden Fenstern schwieg abwartend der Städtische Friedhof; draußen ließen sie die ersten Silvesterraketen steigen, deren Stäbe sie in ausgetrunkene Sektflaschen steckten. Im Stanislaw- Lem- Himmel über dem alten Haus gab es damals noch keine Krieg- der- Sterne- Ungeheuer.

 

Vielleicht fünf Minuten hielten wir es aus, dann mussten wir nacheinander greifen. Sie war wütend, weil sie so schnell kam, ihre kleine Wut und ihre kleine Lust multiplizierten sich zu etwas wie Ästhetik; ich staunte und schaute, im giftigbunten Licht der Silvesterraketen. „Der bösen Mädchen Hass muss / Doch enden im Orgasmus“, dichtete ich männlich, und sie wurde böse und kam gleich noch einmal.

Damit, dass sie mich ein bisschen aufregte, wenn sie mich mit mädchenhaften Bemerkungen piesackte, und ich dann zärtlich schimpfte, war sie ganz glücklich; ihre winzigen Triumphe darüber waren hell, echt und armselig, und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl von: ‚Das ist also eine Frau. So also ist das Leben mit einer Frau, in der Welt, wie sie ist…‘. Aber ich zog keine der in der Weltgeschichte gängigen Schlussfolgerungen. Das erfüllt mich noch heute mit Stolz.

Meinen ersten Schrecken vor ihr bekam ich am nächsten Nachmittag, als sie mich beim Tippen auf einer alten grünen Reiseschreibmaschine beobachtete.

 

Ich weiß noch, dass ich gar nichts Besonderes zu schreiben hatte. Es war einzig wegen der Darstellung von ernsthaftem Tun, irgend ein Gegengewicht dazu, dass wir fast unterbrechungslos übereinander hergefallen waren, eine Art Entschuldigung, etwas, worüber sie unbarmherzig genug lachte, obwohl sie es gleichzeitig als ebenso nötig empfand, wie ich. Für dieses Lachen liebte ich sie. Sie lachte ein uraltes Problem fort, eines, dass ich noch gar nicht wirklich kannte und dessen Archaik und Ungelöstheit ich doch völlig verstand, auch, dass sie die verdammt noch eins endlich anstehende Klärung soeben wieder einmal auf ihre Weise hinauszuzögern verstand. Es war dies der unschlagbarste Beweis für Wiedergeburt. Ich musste es schon einmal gekannt haben.

 

Böse schrieb ich weiter an einer nichtssagenden Erzählung, und ich war dabei für sie, die mich aufmerksam beobachtete, ebenso lächerlich, wie ich unbedingt nötig war. Darüber schien mir zwischen uns eine Art immerwährender Einigkeit zu bestehen, und nun war ich es, der mit Geschwätz versuchte, die erbärmlichen Umstände unsichtbar werden zu lassen. Sie sah und hörte mir zu und nannte unvermittelt meine Hände erotisch.

 

Neben allen ästhetischen Defiziten ist das Fingernägelkauen - wie fast alle anderen unangenehmen Angewohnheiten auch – zuallererst äußerst unökonomisch. Man verbraucht Unmengen an Zeit: Mit dem Kauen selbst, mit dem Verbergen seiner Tat und ihrer Auswirkungen, mit dem intellektuellen Ausgleich der immer wieder aufsteigenden Wut über sich selbst, mit Ausreden.

 

Damals benagte ich meine Fingernägel bis hinab aufs Nagelbett, und es sah ganz und gar nicht gut aus - also log sie entweder unglaublich beherrscht und um irgendeines mir verborgenen Ziels wegen, oder sie war grauenhaft geschmacklos. Oder aber, und dafür entschied ich mich schließlich - unter anderem deswegen, damit ich noch etwas länger an den Nägeln kauen durfte - sie hatte bislang so scheußliche Erfahrungen mit Männerhänden gemacht, dass meine ungepflegten, benagten Pfoten sämtlichen ihr zugänglichen Vergleichen standhielten.

Da ist noch eine vierte Möglichkeit. Ich weiß nicht, ob sie erwähnenswert ist. Bereits nur drei Möglichkeiten, sagt man, seien eine zu viel, wenn man nicht fett und sinnlos wie der Buddha werden will – aber vielleicht lohnt das Risiko: Das, was mich entsetzte, es war ihre Art, zu lehren. Ihre Weise, mich zu belehren und mich zu verbessern. Eine mir rätselhafte, unglaubliche Barmherzigkeit hätte dann in ihrer mich beschämenden und entsetzenden Lüge gelegen.

 

Wir haben uns nur wenige Tage lang miteinander beschäftigt und uns nicht mehr wiedergesehen. Sie fuhr zurück in ihre südöstliche Kleinstadt, ich überquerte die Grenze von Berlin nach Berlin, und für mich verblasste ihr Bild bald. Selbst in Zeiten heldischer, männlicher Einsamkeit und fehlender Beherrschung fielen mir stets andere Begehrlichkeiten ein. Ich glaube, das ist das Einzige im Leben, was ich bereuen könnte.

 

In meinem nächsten Leben hinter der Mauer - das war das Leben vor dem Jetzigen - habe ich relativ schöne und geschickte Frauen kennengelernt, doch Jekaterinas Eindruck ist in meinen Erinnerungen immer einer der Intensivsten geblieben. Das erfüllte mich lange mit Zorn, denn ich wusste nie, warum. Ich habe keinen anderen Grund dafür gefunden, als dass sie eines derjenigen Wesen ist, die auf jede Erinnerung mit viel, mit sehr viel energetischer Dankbarkeit reagieren - manchmal war es beim leisesten Andenken so viel, dass ich ängstlich versuchte, sie wieder zu vergessen. Sollte ich mich irren, und es gäbe auch diesen Grund nicht, sondern überhaupt keinen, dann wäre ihr Sein der schlagendste Beweis für die Existenz von Schicksal, und sollte ich mich nicht irren, wäre sie ein ebenso überzeugender Beweis für was ich hier ziemlich ratlos Liebe zu nennen habe. Täuschte ich mich auch hierin, wäre noch anzubieten, dass alles, was geschah, sich um des Lesers dieser Zeilen vollzogen haben muss, und wenigstens insofern macht ein Bericht über ihr und mein Dasein dann eine Art legitimen Sinn.

 

Wenn es also eine schönste Erklärung gäbe, dann könnte sie lauten: Weil ich die Erinnerung nicht schwächen wollte. Die Hässlichste ist nicht beschreibbar. Und weil ich mich zwischen den beiden Möglichkeiten nicht entscheiden wollte, blieb an der Sache immerhin etwas Seltsames und Besonderes. Etwas Haltbares. Kein Verfallsdatum.

 

Die schönste Erklärung gibt es nicht. Erklärungen kommen stets nach der Schönheit und sind nie mehr, als Verdauungstätigkeiten des Geistes, Versuche der Verdunstung. Wenn man ebenso, wie man nach unten hin verdaut, nach oben hin verdunstet, dann sind die Fragen, was man hinter sich lässt, und was man über sich lässt, genau so stark. Alle Antworten, ob sie im ersten Falle in Toilettenpapier oder betreffend Letzteres auf Schreibseiten geschmiert werden, sind ebenso bedeutend. Große Heilige bewerten untereinander nach der Menge der Schriften, die sie hinterließen; je weniger, desto verehrenswerter. Vielleicht beurteilen die großen Teufel ihre Vorfahren untereinander nach der Menge der zurückgelassenen Scheiße: Je mehr - denn beim Teufel ist schließlich alles umgekehrt - desto teuflischer.

 

Tatsächlich erinnerte ich mich an nichts Nützliches, das sich zwischen uns ereignet hätte - ich meine, an nichts, das anderen irgendeinen konkreten Nutzen gebracht hätte. Ach, doch, dies vielleicht: Einmal hatte ich für sie eine große Tüte zu schleppen, mit irgendetwas Schwerem drin. Ich schleppte die Tüte, sie schritt voraus, drehte sich manchmal um und lächelte, nicht etwa dankbar, eher herablassend, und ich dachte, so dürfe es eigentlich immer sein: Man schleppt etwas Schweres für sie, und sie lächeln manchmal dafür.

Jahre später hörte ich ein Jaques- Brell- Gedicht: „Isch hämöschte der Häschatten eines Undes sain, fürr Hädisch…!“, und mir fiel die Szene wieder ein, ungewöhnlich deutlich, klar und scharf. Wütend rief ich aus: „Kann schon häsein, Du Idiot! Aberrä iesch niescht!“, und Vorübergehende schauten mich auf eine Weise verständnislos an, dass mir der Verdacht kam, gerade laut gebellt zu haben.

 

Manchmal sitze ich im Heute und höre die Musik von Damals. Ich sehe die Leute und den Tag, und wenn sich in meinem Kopf die Frage bildet: „Wie konnte es nur so weit kommen?“, dann weiß ich nicht, welche Zeit ich meine.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Jekaterinas neuer Name

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