Das erste Gedicht, welches ich auswendig lernte, verfasste ein unbekannter Autor. Ich war ein Kind, und es fiel mir kinderleicht, obwohl es ein sehr langes Gedicht war. Ich fand es im braunhölzernen Nachtschränkchen neben dem Bett meines Großvaters.

 

Wenn sich außer mir niemand in der großelterlichen Wohnung befand, zog ich manchmal die Schublade seines Nachtschrankes vorsichtig ein Stück auf. Wie es darin aussah, das erinnerte mich an einen alten Seekartentisch auf Schiffen in Piratenfilmen. Eine silberne Taschenuhr mit Kette gab es in diesem mild nach Beize duftenden Fach, eine Leselupe mit Messingrand, die man ins Augen klemmen konnte, Münzen, metallene Füllfederhalter, ein versilbertes Zigarettenetui mit eingravierten Palmen auf einer Insel und im Hintergrund ein Segelschiff. Zwei streng riechende, verschrammte Tabakspfeifen, vergoldete Bänder mit Schnalle, die dazu gut waren, die Ärmel von Hemden hochzuhalten. Und dann war da das dieses abgegriffene Briefkuvert aus grauem, billigem Papier. Es lag rückoben, die Lasche hinter die dünnen Seiten aus rosa Kopierpapier gelegt, die es beinhaltete. Diesmal schaute ich nach.

 

Die dünnen Kohledurchschläge eines Schreibmaschinentextes waren so gefaltet, dass man die in der Mitte des ersten Blattes stehende Überschrift lesen konnte: „Ärztliches Bulletin“. Wohl oft schon hatte man diese Blätter auseinander- und wieder zusammengelegt; die Falzkanten sahen grau aus und zeigten bereits Brüche. Lange hatte ich es nicht gewagt, das Kuvert zu berühren, und es war eigentlich auch nur, weil ich das Wort Bulletin nicht kannte, weshalb ich den Umschlag nun doch  vorsichtig unter den anderen Sachen in der Lade hervorgezogen und seinen Inhalt herausgenommen hatte.  Auf der harten Kante des Bettes meines Großvaters sitzend las ich: „Ärztliches Bulletin, betrifft das Ableben von Dona Blanca und Ritter Kunibert“. Dann folgte, in Schreibmaschinenzeilen auf die Mitte der Seiten gesetzt, das sehr lange Gedicht. Es begann so: „Die Dona Blanca von Kastilien / Hat zwei Schenkel, weiß wie Lilien / Und dazwischen wie zum Trotze / Eine rabenschwarze Fotze. / In demselben Schlosse haust / Mit einem Sack wie eine Faust / Und einer Nille wie ein Pferd / Der edle Ritter Kunibert…“

 

Bis zum Nachmittag las ich, immer wieder von vorn. Schließlich schob ich die hauchdünnen, rosa Seiten vorsichtig zurück in ihre Umhüllung, ordnete das Kuvert zwischen den anderen Sachen wieder so an, wie ich es vorgefunden hatte und schloss die Lade. Nachts, in meinem eigenen Bett, stellte ich fest, dass ich das ganze, lange Gedicht auswendig konnte. Das heißt - auswendig traf es nicht ganz, es war eher, dass die farbigen Bilder der Seiten immer wieder langsam an mir vorbeizogen und ich mitlesen konnte: „...Und Blancas Fotze, haargeschmückt / Hat bisher noch nie gefickt...“.

 

Mehrere Tage später fragte ich beim Mittagessen meine Großeltern, was man unter einem Bulletien verstehen würde. Die Großmutter erkundigte sich erstaunt nach dem Zusammenhang, und ich antwortete: „Nun, zum Beispiel in einem ärztlichen Zusammenhang. Ist es ein spanisches Wort?“

 

Blitzschnell wechselten die beiden Menschen da am Tisch mit der Blumendecke und dem Suppentopf darauf einen Blick. Der Mann wurde in dem gleichen Maße bleich wie die Frau rot. Gleich darauf sahen beide wieder rosa aus, wie die Seiten im Nebenzimmer da hinter der weißen Tür. In mir schwebte ein kleines, verbotenes Lachen über diesen Farbenaustausch.

„Na sag mal, wie kommst du eigentlich auf so was?!“, piepte die kleine Frau in schlecht gespielter Entrüstung. Ich zeigte auf den Schrank, wo ein großes, zweibändiges Werk seine breiten Rücken präsentierte: „Heilen heißt Leben“.

„Ach so!“, seufzte der Mann erleichtert, und die Frau sprach ernst: „Im Doktorbuch liest man erst, wenn man größer ist.“

Der Mann räusperte sich und sagte: „Ein Büjetäng, das ist gewissermaßen eine Bekanntmachung.“

Ich nickte. Schweigend löffelte ich grüne Bohnen mit Rindfleischstücken. Kurz und heftig zuckte ich plötzlich zusammen, und die Frau wollte wissen, was ich haben würde.

„Nichts“, antwortete ich.

„Na, iss mal fein auf“, sagte der Mann.

 

Mein Erschrecken war daher gekommen, dass jemand gerade deutlich zu mir gesagt hatte: „Das war eben die erste wichtige Lüge deines Lebens.“ Erstaunt war ich nicht. Die Stimme kannte ich; es war meine eigene, wenn ich viel älter sein würde. Winter war es draußen. Dichtes Schneetreiben, grauer, sehr niedriger Himmel. Es war schön, früh ins Bett zu gehen. Ich lag mit geschlossenen Augen. „Der Arzt schrieb auf den Totenschein: / Der Kunibert starb wie ein Schwein / Der Titten Warzen abgebissen / Die Lilienschenkel vollgeschissen / Und unterm Bett in einem Topf / Lag Kunibertens Pimmelkopf! / Ach nein, bei solcher Schweinerei / Ist’s mit des Arztes Kunst VORBEI!“

 

Das letzte Wort war in Großbuchstaben getippt gewesen. Der Schreibmaschinenanschlag des O in VORBEI zeigte unten im O einen Schmutzfleck. Auf den sanftrosa Blättern, den hauchdünnen, mit dem dunklen Kreuz aus Faltbrüchen, hatte das nicht schön ausgesehen.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Bulletin per Vers

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