„Ist Ehefrau und heißt Marja Allelujowa!“, sagte der Sergeant, und alle schrieen vor Lachen. Ich hatte die Soldaten unvorsichtigerweise nach dem Namen der Frau gefragt, deren schmierige Schwarzweißfotografie sie mir hingehalten hatten. Was die Uniformierten zu so brüllendem Lachen brachte, konnte ich nicht verstehen. Ich lachte gequält mit, und inständig hoffte ich, bald wieder fortgehen zu können.

Die sechs Russen hatten sich schon vor endlos langer Zeit breite Kaffeehausstühle an meinen Tisch gezogen. Fünf von ihnen hatten sich, ohne sich vorher nach Platz zu erkundigen, nacheinander todernst als Sergej vorgestellt; als sich der Letzte knapp verneigte, auf sich wies, und ich sagte: „Ich weiß. Du Sergej!“, hatte dieser gegrollt: „Nix ich Sergej! Ich Boris!“.

 

Dann hatten abermals alle laut und grob gelacht, und danach hatten sie begonnen, auf mich einzufragen, mit diesen persönlichen, fürchterlichen Fragen, die, wenn man sie nur zehn Minuten lang beantwortet hatte, sein eigenes Leben so sehr vertrocknet und schäbig erscheinen ließen, dass es gar nicht mehr auszuhalten war. Wer immer zu trinken vermochte, hätte nur bald nur noch mit den Fragestellern mitsaufen können, in grimmigem Kummer.

Ich trank nicht, weil ich nie trank. Ich glaubte fest, dass es irgendwann vorbei sein würde, holte meine Tabakspfeife aus der Jackentasche und schaute auf die Uhr.

Sie hatten mich seit mindestens einer Stunde eingekesselt. Immer aufdringlicher waren sie mit ihren Fragen und mit ihren Leibern auf mich zugerückt, als wollten sie die Schlacht von Stalingrad noch einmal nachspielen. Es ging mir gar nicht gut.

Kaum hatte ich meine Pfeife entzündet, da griff eine große, rote, behaarte Hand nach ihr und riss sie mir aus dem Mund. „Verdammt! Das tut doch weh!“, rief ich entsetzt und wedelte die Rauchwolken fort, um erkennen zu können, wer es gewesen war. Einer der fünf Sergejs, ein kurzgeschorener, blonder Riese mit leuchtendroten Segelohren, knabberte prüfend auf dem Pfeifenstiel herum.

„Trubka!“ erläuterte einer der anderen Sergejs, und Boris sagte: „Trubka ist Pfäifä!“

 

„Äch wäs!“ nickte ich, Erstaunen heuchelnd. Boris Augen verengten sich. Die Pfeife hätte ich sehr gern wiedergehabt. Obwohl ich mich in dieser Kleinstadt gefangen fühlte unter für mich fürchterlichen Umständen, sehnte ich mich stark nach dieser eigentlichen Welt, die gleich hinter den sechs nach Schweiß und Leder riechenden Körpern der sechs Rotarmisten wieder begann. Die gewichtigen Soldaten in ihren kuhmistfarbenen Uniformen fragten und erklärten. Den Eindruck, welchen sie dabei vermittelten, dass ich schließlich nicht unschuldig in ihre Gesellschaft geraten sein könne, und dass ich daher gefälligst ihrer armseligen Unterhaltung zu dienen hätte, vermochte ich nicht zu teilen. Sie, sämtlich junge, sehr kräftige Kerle, verlebten hier ihren Abendausgang aus der Garnisonskaserne. Irgendwann musste es dort einen Zapfenstreich geben, und das ließ mich heimlich hoffen. Ich, ein in einem Kaffeehaus hockender Kümmerling, ein willkommenes Opfer für grobe Späße, die mir, wenn sie nicht von Handlungen begleitet waren, überdies völlig unverständlich blieben, war wohl die einzige Freude, die sie in dieser Stadt, an diesem Abend, erwarteten.

Sie ließen mir ein Hundert - Gramm - Glas Wodka kommen und nötigten mich, mit ihnen zu trinken. „Guut! Guut!“ brummte Boris laut und hieb mir schwer die Schulter. Mir wurde entsetzlich heiß, und ich krächzte irgendetwas.

 

Seit sechs Monaten war ich in der Stadt. Widerwillig tat ich meine Arbeiten, war fremd geblieben und hatte hier keinen Bekannten, dessen plötzliches Erscheinen mich hätte vor der säuerlich miefenden Gesellschaft retten können. Ein graugesichtiger Servierer, welchem ich zunächst über die geschorenen Köpfe meiner Peiniger hinweg hilfesuchende Blicke zugeworfen hatte, zuckte ernst und gleichgültig die Schultern. Die Russen wollten inzwischen herausbekommen, was ich lieben würde, ausgerechnet das. Ich verstand, dass es am besten etwas Ernstes und Mächtiges zu sein hatte. Mir fiel auch etwas ein, doch ich schwieg. Sie tranken pausenlos und wurden von Minute zu Minute schwermütiger. Übergangslos wurde mir entsetzlich schlecht, und ich stand, schon schwankend, auf.

 

„Nix!“, rief ein Sergej. „Wir chier, Du chier!“

 

Durch einen Griff an meine Kehle versuchte ich den Armisten deutlich zu machen, dass ich mich übergeben müsse. Sie öffneten ihren dampfenden Körperwall erst, als ich ihnen bedeutet hatte, dass ja meine Tasche und mein Jackett am Tisch bleiben würden, wertlose Unterpfande meiner wertlosen Rückkehr.

Dann stürzte ich zu den schmierigen Waschräumen und erleichterte mich heftig und krampfartig. Ich wusch mein Gesicht ab, spülte mir den Mund aus und starrte mein immer wieder verschwimmendes Spiegelbild an, bis ich leichter atmen konnte.

 

Die Situation erschien mir derartig absurd, dass ich mich entschlossen hätte, auf Tasche und Jacke zu verzichten, um hinaus auf die Straße zu gelangen, doch in der Tasche befanden sich alle meine persönlichen Papiere und Manuskripte, und es war eine Stadt der Papiere. Boris, mit steinernem Gesicht, holte mich zudem von der Toilettentür ab und geleitete mich, eine seiner Hände hart um meinen Oberarm geklammert, stumm zu meinem Platz zurück. Dort wartete bereits ein weiteres Hundert - Gramm - Glas auf mich.

 

Bisher hatte ich die Erfahrung gemacht, dass sich selbst in grotesk erscheinenden, ausweglos klirrenden Situationen endlich doch noch irgendein Sinn entdecken ließ, der dazu geeignet war, über die Groteske hinauszuhelfen, aber das hier verstand ich einfach nicht mehr. Nicht einmal mehr die letztmögliche Idee enttäuschter Gläubiger, dass vielleicht alles Üble nur bedeutsamer Bestandteil einer schweren Prüfung sein könne, hatte hier mehr Bestand. Eine sechsfache, männliche Realität hatte sich mir aufgedrängt, mit der ich nicht im Mindesten umzugehen verstand. Die Russen saßen, als Boris mich wieder auf meinen Stuhl drückte, aufrecht, stumm und drohend und schwer betrunken da. Sie alle blickten fordernd abwechselnd auf das billige Pressglas mit dem Wodka vor mir, und in meine Augen. Ich wusste nichts mehr anderes, als bittend die Hände zu erheben, und weinerlich: „Warum?!“ zu fragen.

„Weil!“, flüsterte Boris heiser und nickte herrisch zu dem Wodkaglas hin.

„Weil - was?!“ fragte ich leise und verzweifelt. Tief in mir begann ein lautes, kindhaftes Aufheulen gegen alles, was geschah. Ich nippte gehorsam an dem Wodka, und alle sechs Soldaten schauten noch drohender. Von irgendwoher musste jetzt Hilfe kommen. Wäre ich einfach aufgesprungen und hätte laut nach den Kellnern gerufen, die uns angelegentlich beobachteten, wäre sicher etwas geschehen. Doch es ging einfach nicht. Wahrscheinlich genau darum, weil es das Letzte gewesen wäre, was überhaupt gegangen wäre, ging es einfach nicht.

Dann bemerkte ich, dass meine Pfeife nicht mehr zu sehen war, und mir fiel ein, dass die Soldaten mich gefragt hatten, was ich lieben würde. Das brachte mich dazu, einen seltsamen Handel zu versuchen. Ich schob das unsaubere Wodkaglas von mir, blickte das hellblonde Ungetüm an, welches mir die Pfeife, bevor sie durch die Hände aller Soldaten gegangen war, aus dem Mund gezogen hatte, und sagte: „Wo Pfeife?! Nicht Pfeife, nicht Wodka! Erst Trubka, dann Wodka!“ Dabei traten mir große Tränen in die Augen, und ich spritzte sie schamhaft mit heftigem Kopfschütteln in die Gegend.

 

Aller Augen richteten sich unvermittelt auf den blonden Riesen. Der begann einen langen, schnell immer lauter und heftiger werdenden Monolog mit allen seinen Kameraden, aus welchem ich immer wieder das Wort Trubka

heraushörte. Offenbar weigerte er sich nicht nur entschieden, die Pfeife wieder herauszugeben, sondern er behauptete auch, dass sie sich nicht mehr in seinem Besitz befände. Keiner der anderen sagte etwas;  alle schauten den heftig redenden Blonden an. Schließlich schwieg dieser und starrte grimmig in meine brennenden, verständnislosen Augen.

Boris schob mir wieder das Wodkaglas zu: „Trink!“, sprach er mit veränderter Stimme. Ich wischte mir ein paar Tränen ab und trank demütig einen großen Schluck. Boris sagte leise etwas in seiner Sprache, woraufhin die Soldaten aufstanden. „Du warten!“, sagte ein Sergej zu mir. Alle gingen in den breiten Korridor hinaus, der zu den Waschräumen führte, und alle kamen nach höchstens einer Minute wieder zurück an den Tisch, wo ich fassungslos, von den Kellnern aus weiter Entfernung argwöhnisch beobachtet, saß und mich nicht bewegen konnte.

 

Der Blonde sah jetzt anders aus. Eines seiner wasserblauen Augen schwoll gerade vollständig zu, er hatte eine weit aufgeplatzte Braue, und aus seinen beiden Mundwinkeln sickerte Blut.

Seine Jacke und sein Uniformkragen waren völlig besudelt. Die anderen fünf Russen schwiegen. Der Blonde stellte sich vor mich hin, zog mit bebenden Lippen und mit zitternder, großer Hand meine Tabakspfeife aus einer Innentasche seiner Uniformjacke und hielt sie mir über den Tisch hinweg entgegen.

 

Ich bewegte mich nicht. Ein anderer Sergej stieß dem Blonden grob eine Faust gegen den Hals. „Bittä!“, sagte der Blonde. Sein dunkles Blut tropfte schwer von Mund und Auge auf die weiße Tischdecke. Zeitlupenhaft und automatisch nahm ich die Pfeife entgegen und steckte sie ein.

Boris hatte einen Kellner herbeigewinkt und dem Blonden eine herrische Geste zukommen lassen. Der Blonde bezahlte mit einem großen Geldschein schweigend und blutend die Rechnung, auch meinen Wodka. Keiner der anderen Soldaten sagte nur ein einziges Wort, und alle sahen mich an.

Dem dürren, alten Kellner fiel nichts ein, als eilfertig den Tisch abzuräumen. „Kann das weg?“, fragte er und deutete auf das Glas, das vor mir stand.

„Es kann weggehen!“, knurrte Boris. Er zwinkerte mir zu, versetzte einem der Sergejs einen kleinen Stoß, und alle drehten sich um und gingen riesengroß hinaus. Der Rotarmist Boris wendete noch einmal den Kopf zurück. „Widdersäähän!“, sagte er kurz. Er lächelte zum ersten Mal, breit und freundlich und verschwand als Letzter hinter der hölzernen Flügeltür.

 

Ich saß und schwieg. Lange. Dann krochen die Kellner auf mich zu. „Wissen Sie - “ wollte einer beginnen, und ich sah ihn von unten herauf an und sagte: „Mann, Arschloch! Verpiss Dich!“

Langsam stand ich auf und ging. Auf dem billigen Linoleum des verspiegelten Korridors trockneten ein paar Blutstropfen.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Sechs Russen, eine Pfeife

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