Nach kurzer Beratung mit seinen Offizieren sprach der General RIGOLA:

Lieber PUNUGARA, höre unseren Vorschlag! Wir können zufriedengestellt werden, wenn Du die beiden Berichte in ihren Gemeinsamkeiten als einen Bericht wiedergibst, während Du die Unterschiede – ohne den jeweiligen Berichterstatter persönlich zu nennen – miteinander vergleichst. Ja, sprich zu uns jetzt über den Einzug der STAVAKA in VRLKASTERO, indem Du das, was Du darüber weißt, mit dem verbindest, was MASKAS Mutter dem NO'OLATS erzählte. Sprich daraufhin über diese gewissen, strittigen Punkte, als wärst Du eine dritte Person.

 

Wir alle sind in lebbaren Wahrheiten erfahrene Männer, und auch die seltsamsten oder bedrohlichsten Vorzeichen lassen uns nicht verzweifeln. Wenn Du in der von mir vorgeschlagenen Weise weitererzählst, wird, so denken wir hier alle, unser Wissensdurst ebenso geringer werden, wie auch Deine Ehre  völlig unangetastet bleiben wird. Soldaten wie wir achten Verbote und Erlaubnisse gleichermaßen, selbst die unserer Feinde und die von Fremden mit manchmal wie feindlich anmutenden Zielen. Wir wissen, was Du nicht sagen darfst, und wir haben Ahnungen davon, in welche Sachverhalte Du Dich nicht einmischen darfst. Die Vermittlung von Wissen hat andere Folgen, als die Kultivierung von Unwissenheit, ja, davon sind wir überzeugt. Sollen wir Dir in irgendeiner Weise helfen, damit Du in Deinem überaus interessanten Bericht nun fortzufahren vermagst?

 

Lieber PUNUGARA, die Leute reden viel über die Unterschiede zwischen fruchtbringenden Worten und Taten und anderen Worten und Taten, doch dass es Obstbäume mit Beinen und Händen gäbe, davon wurde nie gehört. Sprich, PUNUGARA, und als Lebende wie als Tote werden Dich meine treuen Soldaten vor möglichen Folgen Deiner Worte beschützen.

 

PUNUGARA sprach:

Das Geschäft einer Mutter mit der Frucht ihres Leibes ist immer anders zu bewerten, als die Liebe einer Mutter zu irgendeinem Kind. Wenn ein erwachsener Mann seine Berufspflichten nicht ernst nimmt, und statt dessen Geschlechtsverkehr mit einem unreifen Mädchen auszuüben wünscht, so wird von diesem Mann bei guten Müttern niemals gern gehört. Umgekehrt sind Männer, die versuchen, Geld- oder Samenprostituierte oder Huren von ihrem Pfad abzubringen, bei anderen Männern selten wirklich beliebt, und Frauen fürchten sich immer sehr vor Selbstentscheidungen oder selbstauferlegter Beherrschung ohne geschäftliches Ziel.

 

Das CELOID trifft in VRLKASTERO ein

 

THREA, die Mutter der MASKA sprach zu NO’OLATS:

Verehrter, weithin bekannter Richter NO'OLATS! Meine Verteidigungsrede ist kurz. Eigentlich lässt sie sich in dem einen Satz: „Jeder Angriff hat auch Folgen“, zusammenfassen. Da mir aber nicht unbekannt geblieben ist, dass Ihr wohlgesetzten Worten gerne lauscht, und weil ich weiß, dass Ihr die Frauen, welche gut sprechen können, immer sehr gern gehabt habt, gestatte ich mir einige nähere Ausführungen:

 

Hoher Richter! Wie man weiß, achtet und fürchtet, fällt und vollstreckt Ihr Eure Urteile, so dies die entsprechenden Welten und ihre Konstellationen zum Universum zulassen, gern bei Anbruch der Nacht. Die Zeit bis dahin will ich im Allgemeinen und ganz besonders in Eurem Interesse auskürzen, indem ich – im Zusammenhang mit der Anklage gegen mich – über das Recht sprechen werde.

 

Recht, welches mit Selbstgefälligkeit vermischt, durch Personen zur Anwendung gelangt, gleicht einer fetten Dirne, die sich unangemessenerweise in eine geachtete Position geschlichen hat. Gegen ein solches Recht Verteidigung zu aktivieren, ist nur wie Selbstmord.

 

Die Vorstellungen meiner heranwachsenden Tochter von den Männern sorgten bei mir dafür, dass ich mir, wenn ich an MASKA dachte, diese ab einer bestimmten Zeit nicht mehr in umbauten Räumen vorzustellen vermochte. Nicht mehr dachte ich an sie, als wäre sie gerade in ihrem Bettchen oder als spielte sie in einem Zimmer eines wohlbehüteten Hauses. Auch in einer Ruine oder im Wartegatter einer Transportstation konnte ich mir meine Tochter blad nicht mehr vorstellen. Nein, wann immer ich in meiner Erinnerung oder während meiner Meditationsübungen ihre Gestalt sah, befand sich diese nicht mehr in irgendeiner Umgebung. Weder gab es einen Himmel über den Spitzen ihrer Haarschleife, noch vermochte ich eine Erde unter den Sohlen zu erblicken, und auch vor ihr, hinter ihr und an ihren Seiten war nichts Benennbares zu erkennen. Das war sehr erstaunlich, und nach einiger Zeit zog ich die Schlussfolgerung, dass eine Bedeutung dieses Phänomens nur darin liegen könne, dass es dem Wohle meines von mir geliebten Kindes dienen müsse, wenn dieses – vielleicht vorübergehend, vielleicht auch nicht – keine der bekannten Herbergsstätten mehr aufsuchen würde.

 

Da mir meine intensiven, raumlosen Visionen von MASKA vor dem Volk von VRLKASTERO, dessen Führung und Leitung mir anvertraut worden ist, sehr peinlich waren, wartete ich so geduldig wie möglich auf einen Anlass, einerseits völlig im Interesse der Zukunft meiner Tochter handeln zu können und andererseits meinen der Be? sehr nützlichen Ruf, eine ausgezeichnete Realistin zu sein, die sich von metaphysischen Anfechtungen nicht verwirren lässt, nicht aufgeben zu müssen. Eine Gelegenheit ergab sich während des Baus des Fluchttunnels zwischen dem Zentrum von VRLKASTERO und dem Fuß des Berges AVED. Ich sorgte durch einen sehr geheimnisvoll klingenden Vorwand dafür, dass mir meine Tochter in das abgegrenzte Bauterritorium nachfolgte. So konnte ich sie des Ungehorsams bezichtigen und sie Herrn PAYATO übergeben lassen, welcher sie auf der Zweisonnenwelt DHAMADORA aussetzte. Ohne Beachtung der Umstände, die mich zu meinem Handeln inspirierten, ist das natürlich eine grausame und verachtenswerte Straftat.

 

Hoher Herr Richter, manchmal handeln Mütter – oder Großväter – an Kindern, die von ihnen sehr geliebt werden, in einer der Gemeinschaft völlig unverständlichen Weise. Sie scheinen überhaupt nicht mehr an das Wohlergehen dieser Kinder zu denken, und ganze Völker schütteln erzürnt die Köpfe. Und dennoch sind uns auch Fälle bekannt, in denen zwar die betreffenden Kinder eine Weile sehr viel zu leiden hatten, wo sich dann aber auf bemerkenswerte Weise plötzlich Situationsveränderungen ergaben, welche den vormals gnadenlos oder heimtückisch erscheinenden Beschluss im Licht der Weisheit erstrahlen ließen. Manchmal empfängt man Visionen nicht ohne Grund. Das Risiko abzuwägen, ob man dem Spirituellen oder dem Materiellen bei seinen Urteilen den Vorzug geben sollte, ist jeden, der Verantwortung trägt, immer sehr hoch, besonders, wenn der Betreffende wissenschaftlich gebildet ist.

 

Herr NO’OLATS, verehrter Herr, Gerechtigkeit in Person! Postulate sind die Sklavinnen von Axiomen, und in der zeitgreifenden Physik existiert ein Postulat, nach dem zwei gleiche Personen – auch wenn nur eine von ihnen über die Gleichheit Wissen besitzt – nicht zur selben Zeit den selben Raum in Anspruch nehmen dürfen. An dem Abend, als Herr PAYATO meine Tochter aus VRLKASTERO entführte, traf das allerliebste, ewige Fräulein CELOID gerade in der Stadt ein. MASKA war zwei Tage vorher acht Jahre alt geworden.

 

Behandelt eine Mutter ihre Tochter schlecht, so hat sie unter allen Umständen den Tod verdient. Nach MASKAS Entführung übte ich weiterhin meine Aufgaben als Stadtbürgermeisterin von VRLKASTERO aus. Zu diesen Aufgaben gehörte damals die Leitung des großen, vielen Menschen beschäftigenden Tunnelprojekts. Auch der Empfang des kleinen Fräuleins CELOID zählte zu meinen Pflichten, und da die Weltsonne, wie wir sehen können, noch nicht den Horizont berührt, werde ich Euch, lieber Richterkönig, im Folgenden davon berichten, wie sich dieser überall lange erwartete Einzug des winzigen CELOIDS in meiner Stadt vollzogen hat. Auch wenn dieser Bericht als Bestandteil des Plädoyers außergewöhnlich anmuten mag, weiß ich mich doch vor einem so klugen wie demütigen Herrn stehen, dessen Interessen vielfältig sind, und dessen Urteilsvermögen an sehr, sehr vielen unterschiedlichen Plätzen Hege und Pflege erfährt.

 

MASKAS Mutter sprach weiter zu NO'OLATS:

Wie uns überliefert wurde, ist es in Situationen, wo sich selbst der DREUCOSID nicht mehr bereitfindet, in irgendeiner Weise helfend aktiv zu werden, immer noch möglich, sich dem CELOID zuzuwenden. Ja, bevor man sich gegen die Verwirklichung böser Vorzeichen nicht mehr zu wehren vermag sowie in völlig verzweifelter Lage oder wenn man sich dem Tod in Person gegenübersieht, kann man immer noch das CELOID rufen, und manchmal kommt das CELOID dann auch. Ein sehr großer Teil der Reisedynamik des kleinen CELOIDS wird durch solche Anrufe hervorgebraucht, und die Verkomplizierung des Verhältnisses zwischen dem CELOID und seinem DREUCOSIDEN, welche dadurch entsteht, hat nach glaubwürdigen Darstellungen ungeheuerliche Ausmaße.

 

Die Haupteigenschaft von VRLKASTERO ist Freundlichkeit. Freundlich sind die Werke der Architekten und der Landschaftsgärtner, freundlich ist das die Stadt schützend umgebende Wasser, und freundlich sind die Stadtbewohner zueinander. In VRLKASTERO gibt es lachende Bäume, die Fische, die Vögel und sogar manche Schlangenarten vermögen es zu lächeln. Wir verstehen Freundlichkeit als einen Zusammenklang von Ehrsamkeit, Nachsicht und geistvollen Humor, und bisher alle TEKLIDEN, seit sie nach VRLKASTERO wanderten, konnten ohne Spott über ihre Gedanken schmunzeln. Unsere Lebensdauer reicht uns aus, wir kennen keine unheilbaren Krankheiten und pflegen sorgfältige Kontakte mit unseren Verstorbenen.

 

Als einer meiner Berater mir die Idee überbrachte, das CELOID zu einem Besuch in unsere Stadt einzuladen, war ich zunächst sehr erstaunt. Weder drohte uns Unheil, noch waren wir nach unserem Verständnis oder dem unserer Nachbarn in Sünde gefallen. Als ich den Sinn des Gedankens darin erkannte, dass man dem Fräulein CELOID einfach eine Urlaubsüberraschung verschaffen könnte, wurde ich über die Maßen froh und fühlte mich sehr kindlich und vergnügt.

 

Die Einladungen von Königen, Präsidenten und anderen wichtigen Persönlichkeiten ist stets von ernsten Motiven bestimmt; hingegen sollte das CELOID einfach bei uns erscheinen und alles nur ausdenkbare Angenehme genießen dürfen. Weder sollte es um Hilfe, noch um eine Segnung gebeten werden, nein, es sollte sich das CELOID einfach beschenkt und hochwillkommen fühlen dürfen. In diesem Sinne trafen wir alle eine große Anzahl von Vorbereitungen. Dann sandten wir die drei weiblichen Abgeordneten DENA, DYRKA und DHIVETA in die drei Weltrichtungen geradlinig von unserem Stadtzentrum fort, um das CELOID von unserer Einladung zu unterrichten. DENA und DYRKA vermochten es nicht, das CELOID zu treffen, wohingegen DHIVETA sich aufgrund einer Segnung, die sie von … erhielt, und wegen großer Disziplinen, die sie sich auferlegt hatte, völlig überraschend des CELOIDS ansichtig zu werden vermochte. DHIVETA übergab dem CELOID ein kleines, selbstgefertigtes Geschenk und teilte ihm in sehr persönlichen Worten einen Teil von alledem mit, was sich die Einwohner von VRLKASTERO für das CELOID ausgedacht hatten, worauf sich das CELOID in einfachen Worten ohne Umlaute bedankte und sein Erscheinen für die nächste Zeit sicher zusagte. Diese Zeit war herangekommen, als meine Tochter MASKA ihr achtes Lebensjahr begann.

 

Als sich das Nahen des CELOIDS ankündigte, wurden alle TEKLIDEN von VRLKASTERO sehr aufgeregt. Sie stellten ihre Unterhaltungen mit den Toten völlig ein und widmeten sich konzentriert den vielfältigen Vorbereitungen, um dem kleinen CELOID angemessene Annehmlichkeiten und Überraschungen zur Verfügung stellen zu können. Besondere Anzeichen wie die Verfärbung von Grashalmen, das spontane Entstehen von Wasserquellen, rosafarbige Lichterscheinungen am Nachthimmel über dem Wasserspiegel (Kometen) und so fort, welche ankündigen, dass das CELOID in seiner allerfreundlichsten Form erscheinen wird, bewiesen uns allen, dass wir uns sehr gut vorbereiteten. Schließlich, als wir gerade den Eingang vom Land ins Wasser mit Garben von einer Getreidepflanze und mit schmalen blauen Stoffbändern geschmückt hatten, durften wir erfahren, dass sich das CELOID mit seinem Gefolge unserer Grenze näherte.

 

Die beiden Abgesandten DENA und DYRKA, nachdem sie darüber unterrichtet worden waren, dass DHIVETA dem CELOID bereits begegnet war, schlugen Wege ein, die sie aufeinandertreffen ließen, und gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach dem DREUCOSIDEN:

 

Wenn das CELOID an einem bestimmten politischen Ort eintrifft, kann man mehrere Erscheinungen beobachten, welche sonst nirgendwo im Universum zu sehen sind. Beispielsweise kann man am Himmel helle Sternsonnen sehen, die sich in kleinen Kreisen bewegen. Man kann den Erdboden schimmern sehen, weil unter ihm verborgene Kristalle aufzuleuchten beginnen, die Luft nimmt einen milden Duft nach einer Gewürzpflanze an, und das Wasser wird etwas milchig und hat einen Geschmack. Manche Baumarten drehen ihre Blattunterseiten nach oben und wechseln im Verlaufe von nur wenigen Minuten ihre Rinde, Kinder verlieren vorübergehend ihr Schlafbedürfnis, weise Lehrer verstehen vieles völlig falsch und so immer weiter. Leute, die sich mit der Politik großer Städte beschäftigen, dürfen sich von solcherlei Vorgängen natürlich in keiner Weise verwirren noch von ihren beruflichen Pflichten abbringen lassen. Obwohl ich mich niemals über Gebühr begeistern ließ, wurde es mir doch zu einem unvergleichlichen Vergnügen, mein Volk bei seinen Vorbereitungen auf den Besuch des CELOIDS zu unterstützen. Immer wenn meine kleine Tochter MASKA hörte, wie irgendwo das sechsbuchstabige Wort CELOID ausgesprochen wurde, schauderte sie vor Glück zusammen, und da man zu der betreffenden Zeit kein Wort so oft aussprach, wie den wirklichen Namen des CELOIDS, befand sich MASKA endlich in einer Art von seliger Trance, die mich zu ängstigen begann, weshalb ich es ihr vorübergehend untersagte, Haus und Garten zu verlassen.

 

Die Wissenschaftler von VRLKASTERO konstruierten eine Erdmühle. Diese Erdmühle erzeugte Geruch, der Geruch erzeugte Erinnerung, und aus der Erinnerung gingen innerhalb kürzester Zeit viele, neue Erfindungen hervor. Da bereits die Erdmühle im Namen des CELOIDS errichtet worden war, wandte man auch die Erinnerung dementsprechend an, so dass die hervorgebrachten Produkte endlich allesamt sehr lieblich anmuteten. Sogar hochkompliziert strukturierte, technische Gebrauchsgegenstände waren leicht wie Spielzeug handhabbar.

 

Um die Wirkungen der großen Erdmühle auf den Boden des Sees auszugleichen, hatte man in die Luft über dem Wasser ein kleines Feuerrad gehängt. Dieses am Himmel schwebende Feuerrad erfüllte seinen Zweck zwar ausgezeichnet, doch da es weithin sichtbar war, erregte seine wunderbare Herstellungsweise schon bald die Aufmerksamkeit in der Nähe beheimateter VAHITA-Dämonen. Nur um diese als diebisch bekannten VAHITAS fernzuhalten, wurden sofort erhebliche Teile der männlichen TEKLIDEN zum Dienst an der Verteidigung von VRLKASTERO einberufen. Auf amphibischen Reittieren und auf Kampfschlitten zogen sie stark bewaffnet aus, um die Stadt nötigenfalls gut zu beschützen und dem herannahenden CELOID einen sicheren Weg in die Stadt garantieren zu können. Als der Wagenzug des CELOIDS sich - von Nordwesten her - näherte, bildeten Tausende von jungen und alten Soldaten die beiden schützenden Ränder einer breiten Allee. Wie Ufer, die einen Fluss behüten, wurden die TEKLIDEN-Soldaten Zeugen des Herbeikommens des CELOIDS und ihres Gefolges.

Das CELOID war sehr lebhaft. Manchmal beantwortete es Fragen, und manchmal stellte es selbst welche. Dann wieder schwieg das CELOID, und es lächelte Wesen und Dingen zu oder nahm bestimmte Sachverhalte ernst zur Kenntnis. Des Öfteren zeigte es seinen Begleiterinnen kleine Gegenstände aus seiner Lieblingsschachtel vor, und dann freuten sich alle sehr herzlich und kommentierten die betreffenden Sachen mit fröhlichen, harmlosen Scherzen. Mehrere Male ließ das CELOID ihren Fahrwagen plötzlich anhalten, um sich mit TEKLIDEN-Soldaten, welche ihm etwas zugerufen hatten, höflich zu unterhalten. Dabei schaute es immer sehr, sehr gerade in die Augen seines jeweiligen Gesprächspartners. Obwohl die landschaftliche Beschaffenheit dafür sorgte, dass die Personen, welche das CELOID achtungsvoll ansprachen, ein Echo hervorbrachten, hatten die Antworten des CELOIDS niemals ein Echo.

 

Direkt neben und dicht hinter dem Wagen des CELOIDS liefen ihre neunundzwanzig Begleiterinnen. Von diesen redeten fünf oft mit klangvollen Stimmen in ausgesuchten Worten mit den Spaliersoldaten, sie erwiderten auf Fragen, die ihnen zugeworfen wurden, bewundernswerte Sätze und segneten ihre gesamte Umgebung mit dem reinen, Lebenszeit enthaltenden, Opfer ihrer nahrhaften, warmen Blicke. Danach folgten eine junge Kuh und ihr erstes, weibliches Kalb, geführt von einem Knaben der Rasse MANAVA, welcher teilweise wie der DREUCOSID gekleidet war.

 

Ganz am Ende des Zuges schritten zehn ältere Frauen, von denen die Vorwärtslaufenden jene führten, die rückwärtsliefen, wobei sie aus kleinen Körben eine bestimmte Art sehr weichen Saatgutes auf den Boden ausstreuten. In einigem Abstand danach sammelten sich die Soldaten beider Linien des Spaliers und marschierten dem Zug hinterher, wobei sie das Saatgut in den Erdboden festtraten. Weitere einundzwanzig Damen waren immerzu damit beschäftigt, über den abwesenden DREUCOSIDEN zu meditieren. In ihrer ernsthaften Beherrschtheit sahen sie - mit halbgeschlossenen Lidern und leicht aufwärts gekehrten Pupillen sicher ihres Weges gehend - unvergleichlich erhaben aus. Alle diese einundzwanzig Damen waren in ganz unterschiedlichen Moden und Ansprüchen bekleidet, und dennoch wies sie die besondere Verwendung der Kleidungsfarbe silbergrau den Augen der Betrachter als Angehörige einer bestimmten Gemeinschaft aus. Den Ohren wurde derselbe Eindruck zudem dadurch übermittelt, dass der vielfältige Schmuck der Damen durch deren Bewegungen Klänge hervorbrachte, die insgesamt eine Melodie ohne Dissonanz ergaben, und die Multiplikation ihrer individuellen Parfüms ergab ebenfalls ein völlig zufriedenstellendes Ergebnis.

 

In dieser Weise ihr Selbst- und Mitgefühl ständig erweiternd, ohne dabei irgendwo auch nur die geringsten Verluste oder Minderungen eintreten zu lassen, näherten sich die Angehörigen des Zuges - in ihrer Mitte das aufmerksame CELOID - immer weiter der fein geschmückten Wasserschleuse zur Stadt VRLKASTERO.

 

Damit ausnahmslos alle Bewohner der Stadt das CELOID unterbrechungslos als das CELOID wahrnehmen konnten, war es notwendig, dass sich die Erdmühle während der gesamten Besuchsdauer des CELOIDS immer weiterdrehte. Für die Funktion der Mühle war eine ganz bestimmte Position des Rades aus Feuer hoch über dem See wichtig, und um dieses stabil in seiner Lage zu halten, war es vonnöten, die räuberischen VAITA-Dämonen fernzuhalten. So blieb, um die Sicherheit des kleinen CELOIDS unbezweifelbar zu garantieren, in diesem Zusammenhang die Fertigstellung des unterseeischen Tunnelganges von hoher Bedeutung.

 

In geringer Entfernung vor dem Stadttor hatten sich mit Erlaubnis ihrer Eltern die Kinder VRLKASTEROS - begleitet von ihren festlich gekleideten und mit ihren Amtszeichen versehenen Erziehern - versammelt. An diesem Wiesenort hielt der Wagenzug des CELOIDS an, und das CELOID verließ freudig sein kleines Fahrzeug. Die Kinder lachten und riefen, und sie berührten das CELOID; sie zeigten ihm ihre Spielgeräte und ihre gezähmten Haustiere vor und zogen es bald in diese, bald in jene Richtung auf der Wiese hin und her.

Auch zeigten sie dem CELOID eine hinter Zweigen versteckte Skulptur, die sie aus den miteinander vermischten Harzen verschiedener Arten von Wasserpflanzen und Bäumen errichtet hatten, und die den DREUCOSIDEN in Gemeinschaft mit dem Ahnherrn der TEKLIDEN, HESKADON, darstellen sollte.

 

Die Skulptur zeigte den DREUCOSIDEN sehr groß und HESKADON sehr klein, ja, das Kunstwerk sah so merkwürdig aus, dass das CELOID in ein hell klingendes Gelächter ausbrach und viele der Kinder an ihren Händen und ihren Schöpfen sanft berührte. Fürwahr, sogar die einundzwanzig bis dahin sehr ernsten Damen zeigten bei der Betrachtung des Denkmals alle verschiedene, faszinierende Lächeln. Von diesem Zeitpunkt ab hatte die Stimme des CELOIDS zur Verwunderung vieler Anwesender wieder ein Echo.

 

Währenddessen war es Abend geworden, doch das Feuerrad über dem See erhellte die gesamte Szenerie wunderbar; selbst den üblen Geruch, welchen die wütenden VAHITAS erzeugten, indem sie einen Berg von Leichen errichteten und diesen dann anzündeten, hielt es ausgezeichnet fern.

 

MASKAS Mutter fuhr fort, zu dem Richter zu sprechen:

Verehrter Herr Vollstreckungsrichter, die fremde Idee, deren Manifestation wir wahrnehmen müssen, obwohl wir aus Herzensgründen oder aus schöngeistigen Motiven damit nichts zu tun haben möchten, bezeichnen wir als das falsche Ego. Verliert man die Erinnerung an den eigentlich völlig unwirklichen Charakter des falschen Egos, verändert sich unsere Meinung über die Welt und ihre Einwohner bald in sehr negativer Weise. Bei den VAHITAS war es übliche Praxis, die Leichen ihrer Familienangehörigen zu verbrennen, um durch das entstehende Aroma das Sprach- und Denkniveau der Umgebung dem ihren erpresserisch anzugleichen.

 

Ebenso, wie sich Schweine in einem duftenden Blumenbeet bald unwohl zu fühlen beginnen, verspürten die VAHITAS beim Herannahen des kleinen CELOIDS und ihrer Begleitung ein sich immer weiter verstärkendes Unwohlsein, das schließlich zu hilflosem Zorn wurde. Daher versuchten einzelne Clans der VAHITA-Dämonen, in das von den TEKLIDEN abgegrenzte Gebiet vorzudringen. Daher kam es, gar nicht weit entfernt von dem frohsinnigen und friedlichen Geschehen rings um das CELOID, zu mehreren Scharmützeln und kleineren Schlachten zwischen den Nachfahren des SERODHEM und jenen, die HESKADON ihren Ersten Vorvater nannten.

 

Verehrter Herr Richter! Dass Wissen etwas Verwendbares wäre, darin besteht der Irrtum der Dämonen. Sie versuchen, Wissen zu erlangen, um damit wie mit einer Form von Besitz umgehen und etwas erreichen zu können, das sie dann Nutzen nennen. Ebenso verfahren sie mit dem, was zu beobachten ist - was sie nicht gesehen haben, das ist nicht wahr, und so glauben sie, dass sie, wenn sie während der Ausübung von Straftaten ihre Augen schließen, dadurch unschuldig bleiben zu können. Im Grunde ist alles, was sich der Verwendbarkeit entzieht, für die Dämonen furchteinflößend, und sie wollen sich eines Motivs der betreffenden Sache versichern, indem sie sie alsbald mit ihren Händen zu ergreifen oder mit dem, was sie Geist nennen, zu begreifen versuchen.

 

PUNUGARA sprach zu den Soldaten:

 

Als das CELOID sich VRLKASTERO näherte, waren die Männer der VAHITAS folglich sehr erregt. Ihre Weiber versuchten sie zu beruhigen, indem sie fortwährend riefen: „Ach, regt Euch doch nicht sinnlos auf! Sie ziehen ein Püppchen in ihre Stadt, in dem kein einziges vernünftiges Wesen einen Funken Eigenleben erkennen würde!“

 

Die VAHITA-Männer jedoch wussten von einer Geschichte, welche sich vor längerer Zeit in einem ihrer weit entfernt liegenden Dörfer zugetragen hatte. Nahe bei diesem Dorf waren das CELOID und der DREUCOSID einst ganz zufällig in die Gefangenschaft von umherstreifenden VAHITAS geraten, und sie hatten in diesem Zusammenhang eine öffentliche Rede an die Dämonen gehalten.

 

Das CELOID und der DREUCOSID belügen die VAHITAS

 

Ihr begehrtet zu wissen, weshalb wir so klein sind. Die Antwort auf Eure Frage liegt in Eurem eigenen Wissen begründet, nach welchem man Probleme niemals wachsen lassen sollte. Weil wir wissen, wie leicht wir Eurem fast überall bei guten Wesen als sehr, sehr schändlich angesehenen Treiben ein für Euch sehr leidvolles Ende setzen können, und weil uns solch ein Ende um Euch bekümmert und besorgt machen müsste, erscheinen wir Euch so, dass Ihr sehr leicht mit uns umzugehen in der Lage bleibt, solange Eure Euch von Eurem Schicksal vorgegebene Lebenszeit in Euren gegenwärtigen Körpern dies erlaubt. Dabei vergessen wir niemals, wie wir nach Ablauf dieser Spanne sein werden, und auch nicht, wie ihr danach sein werdet - obwohl die letztere Erinnerung nicht sehr angenehme Empfindungen in uns hervorruft. Zu Eurem Wohl, und weil wir Euch leider mehr nicht gönnen dürfen, erscheinen wir Euch leicht durchschaubar, von einfachster Struktur, wie völlig benutzbar und der Gegenwehr kaum fähig, und das muss Euch in keiner Weise besorgt machen, denn so werden wir bleiben, bis Ihr sterbt. Wenn Ihr uns Euren Nachkommen in der Weise zu überliefern wünscht, wie Ihr uns jetzt und heute hier wahrnehmt, so werden wir ohne Zweifel auch Euren Nachkommen Genüge tun, und so auch den Nachkommen Eurer Nachkommen, deren Nachkommen und immer so fort, bis Eure Degeneration die Erinnerung an uns verzerrt, verblassen lässt oder auf sonstige Weise beendet. Wir haben in unseren gegenwärtig bei Euch so beliebten Gestalten große Nachsicht mit allen Euren wichtigen Plänen und Projekten, und wir werden Euren Vorhaben so wenig wie möglich Widerstand entgegensetzen. Bitte nehmt zur Kenntnis, dass wir uns nicht qualifiziert fühlen, Euch etwas zu verbieten, Euch zu maßregeln oder Euch irgendetwas zu raten. Welche Taten, Worte, Gedanken und Wünsche welche Auswirkungen haben, darüber können wir nichts Euch Nützliches aussagen, und woher Ihr kommt oder wohin Ihr geht, das sind viel zu große Fragen für so winzige Wesen wie uns, als dass wir es uns anmaßen würden, auch nur den Versuch einer Antwort darauf zu suchen. Euer Schicksal mag mit dem unsrigen auf die wundersamste Weise eng verknüpft sein, und ebenso mag es sein, dass sich unsere Wege - plötzlich oder irgendwann in später Ferne - völlig und für immer voneinander trennen. Ihr sollt wissen, dass wir Euch nicht gernhaben, und dass Ihr daher eine Wahrheit, die euch in Wahrheit helfen würde, niemals erhalten könnt, selbst dann nicht, wenn Ihr uns zu derartigen Aussagen zwingen wollt. Eure Auffassung, dass es möglich sei, jemanden durch Zwang dazu zu bewegen, Nützliches hervorzubringen, ist die Grundlage des Zustandes Eures Bewusstseins, Eurer Welt und Eurer Emotionen, und mehr, als dass wir mit solchen Auffassungen nichts zu tun haben möchten, wissen wir nicht. Wenn es Eure Schlussfolgerung sein muss, uns für unser diesbezügliches Desinteresse zu bestrafen, so werden wir jegliche Strafe, die Ihr uns zumesst, selbstverständlich annehmen. Dass Ihr in dieser Hinsicht nichts grundlegend Positives für Euch zu erreichen vermögt, wissen wir ebenso genau wie Ihr, und so mag es manchen scheinen, dass unsere Furcht Eure Freude ausmacht. Wie seltsam erscheint es uns doch, dass ausgerechnet Ihr, die Ihr für das Gesetz der zyklischen Umkehr aller Sachverhalte und Polaritäten plädiert, dies gern zu akzeptieren bereit sein.

 

Wo kein Kläger, da kein Gesetz, hört man. Ihr lieben Dämonen, wir können Euch leider nicht helfen, Euren Gesetzen zu Gültigkeit zu verhelfen, indem wir uns beschweren und Ihr uns Euer Recht nachweist. Wir haben auch in unseren winzigsten Erscheinungsformen mitten unter Euch keinen Grund zur Klage oder zu irgendwelchen Bitten an Euch. Ebenso sehen wir keinen Anlass, Euch zu danken, denn da Ihr über Euren Ursprung und über Eure Ziele so gern in Zweifel seid, wäre niemals zu klären, wer Empfänger unseres Dankes sein würde - was doch nicht in Eurem Sinne sein dürfte, oder haben wir da etwas ganz falsch verstanden? Manche von Euch sagen, dass wir ganz und gar unschuldig wären, und sie polemisieren über einen Schuldigen an dieser Unschuld. Über solche schwierigen Themen Auskunft zu erteilen, ist uns unter den gegebenen Umständen leider überhaupt nicht möglich - was sollten so leicht auszuradierende Gestalten wie wir, die sich zu Eurer Freude immerzu zanken und voneinander trennen, denn über Freude, Frieden und Gemeinsamkeit Auskunft geben können? Da Euch unsere Vergangenheit nicht sonderlich interessiert, werdet Ihr auch unserer Zukunft kein Forscherinteresse entgegenbringen müssen.

 

Da wir Euch wie ohne alle Grundsätze zu erscheinen haben, ist jeglicher direkte oder indirekte Versuch, eine Grundsatzdiskussion über persönliches Benehmen oder über soziales Verhalten zu beginnen, völlig wertlos. Wir wissen das, und wir hoffen doch sehr, zum Verstreichen Eurer Lebenszeit - vor dem ihr Euch nach Aussagen großer Persönlichkeiten niemals fürchtet - nicht allzu viel beigetragen zu haben. Was, liebe Dämonen, sollen wir Euch heute sonst noch erzählen?

 

Eure Versuche, uns zu Euren Eltern zu machen, um uns dann gegeneinander auszuspielen, nehmen wir mit großer Geduld zur Kenntnis - schließlich wollt ja auch Ihr einmal erwachsen werden, ohne vorher sehr alte und gebrechliche Körper erhalten zu haben. Deswegen würden wir uns aus Mitgefühl auch als Eure Urgroßeltern vorstellen lassen, bis Euch die tatsächlichen Sachverhalte dazu bringen, dieser Vorstellung zu entsagen, und da es Euch gemäß ist, zu glauben, was Euch Eure Augen zeigen, sind die tatsächlichen Sachverhalte für Euch ja jederzeit abhängig von Augenpflege.“

 

Weil die VAHITAS sich daran erinnerten, konnten sie sich nicht beruhigen. Sie verbrannten vor Wut immer mehr Leichen, sogar erkrankte Dorfbewohner und schwachsinnige Kinder aus der eigenen Bevölkerung töteten und verbrannten sie, nur um die Luft um VRLKASTERO zu beeinflussen. Obwohl das Feuerrad seine Funktion gut versah, waren deshalb, als das CELOID und seine Begleitung das Stadttor erreichten, alle sehr erleichtert.

 

Die TEKLIDIN THREA fuhr fort, zu NO’OLATS zu sprechen:

Gerade, als das CELOID das Tor passierte, o Höchster aller Richter, beendete ich meinen Besuch bei den Tunnelkonstrukteuren, deren Arbeiten inzwischen weit vorangeschritten waren, und ich begab mich zum Stadtzentrum, um dort auf das CELOID zu treffen und es im Namen der Bürger von VRLKASTERO willkommen zu heißen. Wie vorausgeplant, begegnete ich auf meinem Weg meiner Tochter MASKA, ich schalt sie wegen ihres Ungehorsams und übergab sie der Obhut des Ministers BRAVIDOR, welcher sie auf abgelegenen Wegen zu der Stelle führen sollte, an welcher Herr PAYATO mit einem schnellbeweglichen Wagen darauf wartete, sie fortführen zu können. MASKA schrie und weinte sehr laut, denn sie hatte mit mir gemeinsam mit dem CELOID zusammentreffen wollen, doch Minister BRAVIDOR brachte sie sehr entschlossen fort. Seither habe ich MASKA nicht wiedergesehen.

 

Die Zusammenhänge zwischen Wissen und Tat gestalten sich für denkende Wesen sehr kompliziert. Oft sieht man, wie Leute, die sich für weise halten lassen wollen, viel Wissen lauthals verströmten, und dann verzweifeln dieselben Leute immer weiter. Erst verlieren sie ihre Überzeugungskraft, dann ihr Selbstbewusstsein, später verlieren sie die, die ihnen glauben, und endlich verlieren sie auch noch ihre Gesundheit. Im Grunde findet das alles immer seine Ursache darin, dass weise geredet und unweise gelebt wird. Da die großen Worte solcher Leute – wie man an ihren Erkrankungen deutlich sehen kann – nicht einmal zur Selbstbelehrung taugen: Wie kommt es, dass sie sie überhaupt in ihren Mündern führen durften?

 

Am Morgen wissen sie angeblich ganz genau, wer wer ist, was was ist, wo wo ist und wann was warum auf welche Art geschehen wird, doch nähert sich der Tag dem Abend, zeigen sie allein durch ihr Erscheinungsbild an, dass alles Wissen, welches sie vermittelten, ganz untauglich war, auch nur ihr eigenes Leben zu erhalten, geschweige denn, es in irgendeiner Weise zu verbessern! Nein, eigentlich sind sie nur wieder einen Tag älter geworden, und sie fürchten sich vor der anbrechenden Nacht, wo der fortschreitende Prozess des Verfalls nicht mehr durch den Glanz einer äußeren Lichtquelle bemäntelt werden kann. Am nächsten Morgen dann beginnt das alles von vorne, und so geht das immer fort, bis sie endlich auf ihren Tod zu treffen meinen, obwohl die entsprechende Begegnung auch eine völlig andere Bedeutung haben kann.

 

Ja, genau so leben die VAHITAS überall, und das alles nur, weil sie ihrem Stammvater … nicht gestatten wollen, den großen Fehler zuzugestehen, welchen er am Anfang der Dämonenschöpfung einmal begangen hat. Eigentlich sind VAHITAS wie von einer Erbkrankheit Befallene – wer kann sie heilen?

 

Mein sehr verehrter Herr Richter, genau in jenem Moment, als das vorderste Fahrzeug aus dem Wagenzug des CELOIDS jenen geschmückten Ort im Stadtzentrum von VRLKASTERO erreichte, an dem das CELOID selbst festlich empfangen werden sollte, war dort die kleine Staubwolke wieder ganz zu Boden gesunken, welche das Räderwerk jenes anderen Wagens verursacht hatte, mit dem Herr PAYATO die MASKA mit sich fortnahm. Gleich darauf betrat ich den betreffenden Platz und half dem sanft lächelnden CELOID, seinen kleinen Fahrwagen zu verlassen. Zu diesem Zweck berührte ich seine Hände, mit meinen Händen.

 

Die Stadtpolitikerin THREA begrüßt das CELOID

 

Threa fuhr fort:

Daraufhin sprach ich in aufmerksamster Anwesenheit der Bürger von VRLKASTERO zu dem kleinen CELOID:

 

Sie uns herzlich gegrüßt, CELOID! Bitte verwundere Dich nicht über die Maßen, denn die Verehrer des HESCADON benehmen sich doch allesamt sehr seltsam! Sie haben eine wache Beobachtungsgabe kultiviert, sie sprechen in leisen Gedanken zu denen, die sie treffen: „Gib mir dies oder jenes Schlechte, das man noch in Dir erkennen kann! Gib es einfach mir! Du brauchst damit nicht mehr umzugehen! Ja, gib das her und plage Dich nicht weiter damit herum!“ So sammeln sie schlechte Eigenschaften ein, Zorn, Hochmut, Enttäuschung und sogar Hässlichkeit und manifeste körperliche und geistige Makel, und sie scheinen dabei so, als würden sie gute Werke tun. Wandelnden Abfallkörben scheinen sie zu gleichen, die stets zur rechten Zeit ganz von selbst ihre Deckel öffnen und Beladenen zu einer unerwarteten Erleichterung werden. Obwohl sie so viel Unrat aufnehmen, sind die TEKLIDEN doch alle von großer Schönheit, ihre Körper sind wohlproportioniert, ihr Schweiß duftet und ihr Atem kann mehrmals verwendet werden!

 

Dass sie von den überseeischen Lebewesen oft als raffiniert, verschlagen und falsch bezeichnet werden, und dass sich die Kinder der Dämonen sowie verschiedene junge Tiere und Vögel vor ihnen fürchten, stört die TEKLIDEN dabei nicht im Mindesten, und auch, das HESCADON sie auf so merkwürdige Weise plötzlich für immer verließ, verwirrt sie niemals in der Verehrung dessen, wovon sie meinen, dass es verehrt werden sollte.

 

TEKLIDEN-Männer erwerben sich immer wieder einen langewährenden und weithin reichenden, guten Ruf, wenn sie – im Tausch gegen wunderbare Dinge oder gegen intensive Erinnerung an ihre Namen – ihre Kampfkünste den berühmtesten Heerführern verschiedener Armeen zur Verfügung stellen. Ihre Wortkargheit und ihre große Tatentschlossenheit an Orten, wo gerade kein Frieden herrscht, ist seit langem bekannt.

 

Wenn wir in den entsprechenden Zeitsegmenten unserer Umweltzyklen die gesamte Stadtbeleuchtung erlöschen lassen, vermögen wir alles ganz deutlich zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken, sobald wir das Betreffende mit unserem Tastsinn in Verbindung treten lassen. Andere Leute hören zuerst von etwas, dann wollen sie es sehen, dann es berühren und so weiter. TEKLIDEN sind nicht so. Sie denken: ‚Ah! Wir hören, da und dort soll es ein CELOID geben. Na, das ist ja sehr erfreulich, wir werden ihm gute Wünsche senden.’ Dass jedoch unbedingt gesehen werden muss, was gehört wurde, dass zwingend berührt werden muss, was gesehen wurde, und dass stets auch gespürt werden muss, was Berührung erfuhr, diese Ideenfolge bleibt uns fremd. Wärst Du also unsichtbar bei uns, dürften dich unsere Kinder nicht anfassen, und wäre nicht zu fühlen, wie weich und energiereich Du bist – Du wärst uns ganz genau so lieb.

 

Jedes Kind der TEKLIDEN, liebes CELOID, darf sich seinen Namen selbst ausdenken. Auch die Waffen der TEKLIDEN-Krieger und die Haarnadeln der Frauen haben oft lange Namen, ebenso die Haushaltsgegenstände, Bauwerkzeuge, Schreibgeräte, auch die Gemüse, die Fische und so fort. Manchmal wird ein- und dieselbe Sache mit tausenden von ganz verschiedenen Klängen bezeichnet, und doch weiß immer jeder sofort, was gemeint ist.

 

In einmaligen, nicht zu wiederholenden Gesangsdarbietungen erzählen künstlerisch begabte TEKLIDEN ihre persönlichen Lebensläufe und äußern ihre Wünsche und Hoffnungen, ohne dabei auch nur im mindesten aufdringlich zu erscheinen oder etwas unrein zu wirken. Sie pflegen seit langem einen besonderen Tiefseefisch, der inzwischen sehr gut zu denken vermag, und ihr Umgang mit Rückständen und Verbrauchsresten ist für viele andere Völker beispielhaft oder neiderregend.

TEKLIDEN unterscheiden nicht mutwillig in Natur und Geist, und sie spekulieren über die möglichen Bedeutungen von Symbolen nur zum Vergnügen anderer, oder wenn sie während der Höhepunkt traditioneller Festivals berauscht sind. Eine Sage, älter als die Schriften des HESCADON, redet davon, dass allen TEKLIDEN eigentlich Paare von Rückenflügeln zuständen, dass diese aber zum Wohle der Vögel und bestimmter Land- und Wasserreptilien darauf verzichtet hätten.

 

Liebes CELOID, freundliche Besucherin, wir TEKLIDEN denken einfach: ‚Positiv ist positiv’, denken wir, und negativ ist negativ! Wir wissen, dass jegliches Greifen, das Begreifen, das Ergreifen, das Angreifen und so weiter, Folgen hat, und wir haben realisiert, dass jegliche aktive Verteidigungsmaßnahme immer bedeutet, dass man unter Erinnerungsverlusten leidet. Deshalb verteidigen wir uns so selten wie möglich – was nicht heißt, dass wir unsere Gäste nicht ausgezeichnet in Schutz zu nehmen verstehen.

 

Ebenso wie Nahrungsmittel, die man zu sich nimmt, eine nützliche Umwandlung erfahren, vermag sich alles Negative, das man aufnimmt, in Nützlichkeit zu verwandeln. Natürlich bleibt bei solchen Prozessen – genau wie bei der Umwandlung von Nahrungsmitteln – ein Reststoff übrig, den zu handhaben nicht leicht ist, wenn man Langzeitfolgen nicht ertragen möchte. Diesen Reststoff – eine besondere Art von geistigem Kot – erkennen wir TEKLIDEN in der Schrift. Schrift halten wir für die Erd-Inkarnation des Schöpfergottes. Durch ihre Vermischung mit Luft trifft diese Inkarnation ins Leben, vom Feuer wird sie bedroht und von Wasser wird sie beschützt. Auf ähnliche Weise, wie man durch die Molekülspaltung von Materialdefäkat sehr wichtige, neue Erzeugnisse hervorbringen kann, vermögen wir durch die Analyse und Neuauslegung selbst der urältesten Schriftwerke, diesen Essenzen mentaler Ausscheidungen anderen Sinn und anderes Leben zu verleihen. Durch eine besondere, sorgsame Verbindung von umgewandelten materiellen Reststoffen mit modifizierten Mentalrückständen schaffen wir Annäherungen an eine Endlösung alter Form-Gehalt-Probleme, wir erzeugen neue Ästhetiken und verändern indirekt Weltanschauungen sowie kosmologische beziehungsweise esoterische Betrachtungsweisen.

 

Insgesamt sind somit unsere Abfallprobleme gering, und wir können Dich daher in einer stofflich und geistig sehr hygienischen Stadt aufrichtig und freundschaftlich willkommen heißen. Wir betrachten dich, das CELOID, und Deinen Dir sehr, sehr lieben DREUCOSIDEN als die personifizierten Restrisiken der materiellen und der spirituellen Aspekte unserer lebenserhaltenden Philosophie, und wir wollen herzlich gern alles in unserem Können und in unserer Macht Stehende unternehmen, um Dir Deinen kleinen Urlaub bunt und lieb zu gestalten.

 

Liebes, mildblickendes CELOID! Bereits seit langem haben wir auf vielen Wegen nach Deinen Bedürfnissen geforscht, Deine Vorlieben auszuspionieren versucht und besondere Sympathien und Neigungen Deines Wesens erkundet. Entsprechend den Ergebnissen unserer bescheidenen Erkundigungen werden wir nunmehr alles tun, dass die beiden Worte ‚Gast’ und ‚Gastgeber’ sich so zueinander verhalten, wie sich ein seit Urzeiten miteinander vertrautes Liebespaar füreinander verhalten mag. Gleichzeitig werden wir durch den heldenhaften Kampf vieler unserer Männer mit den VAITAS versuchen, den Tod, den mächtigen Bezweifler aller endgültigen positiven Zustände in lebendiger Dynamik zeitweise völlig zufriedenzustellen, und wir werden auch allerlei Subphänomenen eine Anzahl von qualifizierten Opfern darbringen. So wird selbst das personifizierte ökonomische Prinzip hoffentlich gütig einsehen, dass Du das CELOID und unsere liebe Freundin bist, und Dein Besuch wird ein großer Erfolg mit sehr hohem Erinnerungswert für Dich und für uns alle werden – ganz besonders die Überraschung, welche wir alle Dir am Ende Deines Besuches zu bereiten wünschen!

 

Du liebes, liebes CELOID, wie wunderbar sind jene Siegesfeiern, auf denen die Verlierer glücklich lächeln! Einer der größten Triumphe der derzeit von mir geleiteten Stadtpolitik ist es, Dich im Zentrum von VRLKASTERO begrüßen zu dürfen! Heil Dir, ganz wie den sagenhaften Gemahlinnen des HESCADON!

 

MASKAS Mutter sprach weiter:

O geduldigster und aufmerksamster aller unbeeinflussbaren Richter! Nach diesen meinen Worten griffen sich die auf dem weiten, hell beleuchteten Platz anwesenden Bürger mit einer Hand an ihr Kinn und bewegten langsam die Köpfe hin und her. Dann gaben sie Laute des Entzückens von sich, und sie hielten eine große Anzahl verschiedener Gegenstände in die Höhe, von denen sie meinten, dass das CELOID diese unbedingt einmal gesehen haben müsse. Als eben zu dieser Zeit die Nachricht eintraf, dass in allen HESCADON-Tempeln die Opferflammen still und gerade brannten und eine grünlichweiße Farbe angenommen hatten, war die Begeisterung meines Volkes grenzenlos. Selbst die Angehörigen und engeren Freunde der vor der Stadt hart kämpfenden Soldaten verließ alle Besorgnis, und gemeinsam sangen wir alle dem erstaunt um sich blickenden CELOID ein sehr schönes Lied vor, von dem man bisher angenommen hatte, nur der DREUCOSID allein würde den Text und seine Melodie kennen. Daraufhin blinzelte das CELOID mit seinen Augenlidern, und es schien uns allen, als würden wir dieses CELOID schon sehr lange kennen, ja, als wäre es wie eines unserer Kinder wohlbehütet in VRLKASTERO ausgewachsen.

 

Das CELOID spricht zu den Bürgern von VRLKASTERO

 

PURUGANA sprach zu den Soldaten:

O Ihr hier Versammelten, die TEKLIDEN verstehen es ausgezeichnet, dem Unvergleichlichen die schwere Bürde von Ruhm, Ehre, Kult und Ritual zu nehmen. Überall dort, wo Berühmtheit und Herzlichkeit sich, beschützt von den Lebewesen des Wassers, verbünden, sind Erholung und Entspannung immer in außergewöhnlich intensiver Weise zu spüren.

 

Nachdem die Stadtbürgermeisterin von VRLKASTERO - THREA - ihre Begrüßungsworte an das CELOID zu Ende gesprochen hatte, verließ das CELOID Seinen Reisewagen und betrat freudig lächelnd den Boden der Stadt. Dann übergab es der Mutter der MASKA eine selbstgefertigte Zeichnung, die den DREUCOSIDEN zeigte, der gerade eine Hexe belehrte, und anschließend stellte es alle ihre Begleiterinnen und Begleiter persönlich und mit Nennung von deren einzelnen Namen vor.

 

Zuerst stellte das CELOID ihre einundzwanzig schweigsamen Begleiterinnen vor. Als diese Damen ihre Namen hörten, unterbrachen sie ihre Meditation, sie erwiderten die Blicke der Bürgermeisterin direkt und ihre vorher ernsten Münder lächelten sehr schön.

 

Dann stellte das CELOID die fünf anderen Damen vor, mit denen sie vor ihrem Einzug in die Stadt lebhafte Gespräche geführt hatte.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Das Celoid trifft in der Stadt Vrlkastero ein

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