Wollen Sie wissen, was Wissen ist? Dann ist es wichtig, zu wissen, dass: „Was ist Wissen, und woher wissen wir, was wir wissen?“, eine Vortragsreihe über die Philosophie der Heiligen Veden bezeichnet. In diesem Monat sollte der Vortrag eigentlich im ‚Haus der Demokratie’ stattfinden. Jedoch hatte man dem Professor, Doktor, Indienexperten, Architekten, Quantenphysiker und als was er sich sonst noch angekündigt hatte, den Saal nicht gegeben. Gar nicht schlecht. Was haben die dicken, roten Hakenkreuze auf den bunten Bildern mit dem Elefantengott schließlich mit Demokratie zu tun? Seit sich keiner mehr traut, seinen Sohn Adolf zu nennen, obwohl das ein wunderbar klangvoller Name ist, ja wohl gar nichts mehr.

 

Große, gelbe Zettel kleben am ‚Haus der Demokratie‘. „Zu: ‚Was ist Wissen, und woher wissen wir, was wir wissen?’: Da lang!“, und ein Pfeil. Ich folge dem Pfeil bis zum nächsten gelben Zettel, dem nächsten Pfeil zum übernächsten gelben Zettel, das macht ein bisschen Spaß, das habe ich früher gern gespielt. Um ein paar backsteinerne Häuserecken geht es, dann in einen verwilderten Garten, durch eine Tür, schließlich eine alte Wendeltreppe hinauf. Am Ende der ‚Da lang‘'s stehe ich auf einmal in einem kleinen, protestantischen Gemeindesaal mit Tretorgel und herrnlosem Kreuz an der Stirnwand. Ein Pult mit dem auf Seide gestickten, umgedrehten Venuszeichen davor. Ein Stapel Gesangbücher, knarrende Reihen miteinander verschraubter Kirchstühle, dieser muffige Geruch…

 

Der alten Platzanweiserin hängen lange, grausilberne Zöpfe zu beiden Seiten ihres Pausbackengesichts herab. Monströs wabert ihr Getitt unter dem preiswerten, schwarzen Kunstfaserpullover. In wenigen Minuten, erklärt sie, würde uns sie den Meister des Vedischen Wissens vorstellen, vorn auf dem Protestantenpriesterpodest. Zunächst aber empfängt sie uns Hereinströmende recht herzlich. Wir sind eine ganze Menge, hungrig nach einer befriedigenden Antwort auf die uralte Frage: Was eigentlich ist denn nun Wissen? Und woher mag der, der es uns erklären wird, wohl wissen, was er weiß? Zu jedem Neuankömmling sagt die Platzanweiserin erfreut: „Oh guten Abend, guten Abend! Und die Toletten sind da hinten. Dort vorn ist auch noch eine Tolette, aber nehmen Sie lieber die Tolette da hinten, die Tolette hier vorn ist ein bisschen na ja. Hier sind normalerweise die christlichen Protestanten, und die sind in ihren Tolettenangelegenheiten eben ein bisschen na ja, hihi. Also, wenn sie zur Tolette müssen, das ist dann da. Und rechts, bitteschön, ist dann die Tolette. O guten Abend! Sie wollen auch endlich wissen, was wirkliches Wissen ist, was? Wer von ihnen nachher die Tolette braucht, die ist gleich dort, sehen sie mal, da, wo Tolette über der Tür steht…“

 

Sie fährt dermaßen auf ihre eigenen Hände ab, dass man gar nicht mehr hinschauen mag. Gierig sieht sie sich zu, bei den komplizierten Schlangenwindungen ihrer ölig gleitenden Gesten. Der Vorgang ist so geschmacklos übererotisch, dass mich statt Erregung unbändiger Ekel durchzittert. Wie sie in gezierter Mädchenhaftigkeit ihre alten Patschpfötchen ringt und dabei die spitz gefeilten, grellrot lackierten Nägelchen leuchten lässt, das hat etwas unsäglich Fauliges, Matschiges, so, als hätte nicht nur ihre Show das Verfallsdatum lange überschritten, sondern auch alles, was sie umgibt.

 

Tatsächlich fühle ich mich bald schwer von einer durchdringend verwesungssüßlich duftenden Mann-Frau- Idee kontaminiert, die wahrscheinlich selbst in hartgesottenen Matriarchaten für extremistisch befunden und schräg angesehen worden wäre. Es ist von so absurder Verstiegenheit, dass man nur entweder wünschen kann, das da dürfe es niemals wirklich geben, oder sich selbst mitsamt all seiner Geschmacksbildung völlig in Frage zu stellen. Dass diese sich windende Groteske und man selbst gleichzeitig, am selben Ort, auftreten dürfen, scheint das Widersinnigste im gesamten Universum zu sein. Mindestens ist es der Beweis für die restlose Abwesenheit von Gerechtigkeit. Irgendeine unvermutet auftauchende, grässliche Riesenspinne hätte nicht mehr Abscheu zu erzeugen vermocht, als diese Frau, die sich im Übrigen gerade ganz harmlos mit einigen soeben eingetretenen Gästen unterhält, von denen kein Einziger etwas zu bemerken scheint - der endgültige Beweis für die tiefe Degeneration der Menschheit, einer Degeneration, deren schrecklichstes Symptom das völlige Fehlen jeglicher Krankheitseinsicht ist. Freilich, all dies mochte selbstgerecht gedacht und empfunden sein - doch was man selbst bei allerredlichster Suche sonst nirgendwo finden konnte: Wo, außer in einem Selbst sollte so etwas denn zu finden sein?

 

Ich setze mich und sehe und höre ihr immer weiter zu. Nach einer Weile komme ich zu dem einzigen noch möglichen Vernunftschluss über ihre seltsame Begrüßung der Vortragsgäste: Sie liebt es einfach, das Wort Tolette zu sagen. „Ach, da haben wir vergessen, dir ein Glas Wasser hinzustellen“, ruft sie, als endlich der junge Vortragskünstler erscheint, „Na, macht nichts, was? Da trinkst du dann eben aus der Tolette, ich meine, dann holst du dir eben einen Schluck Wasser aus der Tolette, nein, in der Tolette, ich meine natürlich nicht aus dem Tolettenbecken hahahiha, sondern - ach ja, für alle, die später gekommen sind, auch gleich noch einmal: Die Tolette ist da hinten, leider Männertolette und Frauentolette zugleich, aber das werden wir schon - oh! Das ist aber nett, Selterswasser, danke Marlies, da muss er zum Trinken doch nicht extra bis zur Tolette…“

 

Ich erhebe mich, trete auf den Flur, rauche ein paar Züge und will dann zurückkehren in den miefenden Saal. Bevor das alte Mädchen mich ansprechen kann, frage ich sie hinterhältig: „Wo sind denn hier bitte die Waschräume?“

„Aber sie kenne ich doch!“, ruft sie, „Habe ich ihnen nicht gerade erst gesagt, wo die Toletten sind?!“

„Ja. Aber ich glaube, sie sagen sehr gern ‚Toilette’.“ Ich senke meine Stimme: „Und ich, wissen sie, ich… Ich, nun ja, ich höre gern ‚Toilette’.“

„Sie hören gern ‚Tolette’? Finden sie das normal?“

„Naja, nicht einfach nur so. Ich, äh, höre es gern, wenn, nun ja --- wenn sie es sagen. So, jetzt ist es heraus.“

„Sie, Moment mal, sie hören es gern, wenn ich ‚Tolette’ sage??“

„Ja. Seltsam, was? Aber aus ihrem Mund klingt es, wie soll ich das nur ausdrücken - auf eine dunkle Weise verheißungsvoll.“

„Verheißungsvoll? Auf eine dunkle Weise? Wenn ich Tolette sage?“

„Ja doch. Ich kann es nicht gut formulieren, ich weiß. Es ist, es ist gewissermaßen, als sei es nicht mehr einfach nur dieser, na ja, dieser gewisse Ort, mit allen seinen unangenehmen Aspekten, sondern plötzlich etwas ganz Besonderes…“

„Finden sie?“

„Ja.“

„Na, also gut. Passen sie auf!“ Und sie flüstert: „Tolette!“

„Nein, bitte nicht so französisch korrekt. Bitte lieber wieder so wie vorhin, so eingedeutscht und einfach: Tollette. So ganz nebenher und selbstverständlich. Einfach Tollette.“

„Toalette? Nein, warten sie: Tollette?“

„O ja! Viel, viel besser! Himmel.“ „Und sie meinen, ich sage das Wort Tollette wirklich auf eine ganz besondere Art?“

„Würden sie es denn sonst so geheimnisvoll aussprechen, wenn sie das tief in sich drin nicht selbst wüssten?“

„Ich habe - ich habe das bisher noch nicht so gesehen. Tollette!“

„Noch einmal!“

„Also, sie sind ja … Die Leute gucken ja schon! Tollette, Tollette, Tollette. Jetzt ist es aber gut! Also gut, noch ein Mal: Tollette. Nun aber rein mit ihnen! Tolette.“

 

Gemeinsam mit mir kehrt sie zurück in den kleinen Saal, sie schließt die Tür und nickt dem Vortragenden zu. „Wussten sie eigentlich“, frage ich sie noch leise, bevor ich mich wieder auf meinen hölzernen Klappstuhl setze, „Dass 'Toiletten' umgekehrt gelesen ‚Netteloit‘ heißt? Lauter nette Leut‘, das ist auch eine dieser tieferen Bedeutungen, will ich meinen.“

„Nein, das ist ja! Tolette!“, ruft sie und sie hält sich das dicke Händchen vor den großen, müllwagenorange bemalten Mund, „Tolletten - nette Leut! Nette Leut - Tolletten! Na, das muss ich mir merken! Halt, nein, bitte! Hier entlang bitte nicht, der Gang zur Tollette muss freibleiben… So, Markus, du darfst!“

Der blasse, junge Mann vorn am Pult lächelt zärtlich. Ich kenne diese Art, zu lächeln. Was dieses Lächeln betrifft, irre ich mich nie.

 

Tatsächlich dauert es zwischen mir und dem Vortragsprofessor nur fünf Minuten. Rasch stellt sich für mich heraus, dass er ein „Geblubbter“ ist. Einen „Geblubbten“, so nennen die Hare- Krishnas jemanden, den sie aus ihren Tempeln hinausgeworfen haben, weil sie glauben, herausbekommen zu haben, dass er ein Dämon ist, und kein Geweihter Gottes. Bereits nach wenigen seiner so langen wie wirren Sätze ist es heraus: Bei dem, was dieser Professor da Wissen nennt und wortreich zu predigen versucht, handelt es sich wieder einmal nur um eine jener grässlichen Mischung aus mehrfach halbierten Halbbildungen, zusammengestümpert aus sämtlichen Religionen, gewürzt mit längst verschossenem Pulver aus den Arsenalen der Wissenschaften.

„Für jene, die ihr spirituelles Lebensziel manchmal aus den Augen verlieren“, erläutert der Professor, „und die sich durch Verwirrungen und Verlockungen immer wieder täuschen und ablenken lassen, gibt es die Sanskrit- Bezeichnung ‚Kannistha- adhikari‘…“ Schon wenig später ist er in Rage, ruft mit verzerrtem Gesicht Sätze, wie: „Die materielle Welt ist wie eine Toilette! Man sollte dort nur rasch sein Geschäft machen und dann wieder gehen! Zurück zu Gott!“, und es reicht mir.

 

„Nennen sie mir doch einmal einen einzigen einsehbaren Grund, Sie gesalbter Kanister- Adhikari“ , frage ich laut in das Gesülze des jungen, glühbackigen Schnösels hinein, „aus dem es Gott besser gehen sollte, als mir?!“

Er schweigt und schluckt. Dann zielt er mit dem Finger auf mich; er schüttelt diesen Finger wild, sagt jedoch weiterhin keinen Ton, nur sein Gesicht wird dunkelrot. Ich erhebe mich, zeige auch mit dem Finger auf ihn und gehe, wunderbar, ich kann das, gehen. Das kann ich nicht oft. Meist halte ich fassungslos erstarrt durch, bis zum Schluss.

„Das war starker Tobak, Sie!“, gellt mir der Quantenphysikprofessorsanskritgelehrte hinterdrein, „Dafür werden Sie zur Hölle fahren!“

 

Naja, erst einmal fahre ich Paternoster, das schöne, alte Ding hatte ich vorhin ganz übersehen. Ich drehe ein paar lauschig knarrende Runden, über den Dachboden, durch den Keller. Dann trete ich aus der Haustür. Im Gemeindehof stehe ich noch ein bisschen still. Es hat dort wunderbar frische Nachtluft und einen leichten Duft nach Jasmin. Wenn man sonst keine Sorgen hätte und lange diese Mischung atmen würde, einfach immer nur atmen, würde man vielleicht bald wirklich wissen, was wirkliches Wissen ist, denke ich erleichtert. Die Versammlung oben leert sich beträchtlich. Eine Menge Leute kommt aus dem Haus, und sie grüßen mich alle sehr höflich. Vielleicht wollen die auch alle zur Hölle fahren. Nichts Besonderes geschieht mehr. Über das wirkliche Wissen gibt es hier mehr nicht zu berichten.

 

Ach, doch, etwas habe ich noch vergessen: Ich habe gelogen. ‚Toiletten‘ umgekehrt heißt gar nicht ‚Nette Loit‘. Es heißt ‚Nette Liot‘ und macht also keinerlei Sinn. Aber das haben Sie ja gewiss bereits während des Lesens bemerkt, oder? Wenn nicht: Der nächste Vortrag: „Was ist Wissen, und wissen wir wirklich, was wir wissen?“ findet bereits im nächsten Monat statt. Folgen Sie einfach den Pfeilen.

 

 

 

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© Robert L. Sanatanas 2017

Nette Leut'

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